Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2032 (14.10.1924)
- Date
- 1924-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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■-•V5 . ""jr.yvi'im -, 'üi Men, Dienstag Wiener Morftenzeitunü. 14, Oktober 1924 Nr.203S An die MWe KultuswWerschast Mens gefÄhvlich. Die Kmift der großen Heerführer besteht darin, Vorurteile zu-schaffen, die ihnen günstig sein können. Nur auf der Karte hat eine Schlacht ein gere Fettes Astssehen." Unter den Augen der blutenden Menschheit wurde die höchst ehrwürdige These, die dem Götzen lebendes Fleisch liefert, entwurzelt. Aber doch nicht radikal genug. Die Besiegten wollen, sich, von der Logik des Schlachtfeldes nicht trennen. 'Sie hätten, sagen sie, den Krieg verloren, weil ihre wirtschaftliche Organisation zu schwach war, weil das Hinterland' nicht durchhielt und die Front zerstörte, tuet! der Feindbund alle Register seiner defaitistischen Propaganda spielen ließ und lveil die Juden, die Demokraten, die-Pazifisten dm Siegeswillen schwächten. Das alles hört man von den Feldherren, die geschlagen wurden und für derer! verbrecherische Unfähigkeit nicht sie, sondern die armen Soldaten büßen mußten. Diese Feldherren bleiben dabei, daß die Jugend mit Hilfe von Feldwebeln und Profoßen erzogen werden müsse. Da kommt nun die dänische Regierung mit ihrem Vorschlag, die Kasernen zuzusperren. Das bedeutet, daß auch die Jugenderziehung sich dem neuen Zustand anpassen muß. Die Bnben in Dänemark lernen wahrscheinlich auch in ihren Lesebüchern, daß es süß und chrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben. Wenn ihnen nun gesagt wird, daß an ihrem Sterben ein paar Kanonensckbrikanten, Lieferanten und sonstige Htzänen dick verdienen und daß dies der einzige Zweck'dieser Erziehung war, der nun in nichts zerfällt, dann werden auch die Lehrer der Jugend in anderen Staaten ihre Schlüsse zu ziehen haben, dann werden auch die anderen Völker das dänische Beispiel betrachten und dann werden \k auch ihre Regierungen zur, Einsicht bringen. Natürlich nicht von heute aus morgen. Gut Ding braucht Weile. Aber die dänische Abrüstung ist doch ein Anfang, der auch anderwärts zu denken gibt. Las Ableben Anatole Frances. Paris, 13. Oktober. Anatole France war während des ganzen Tages bewußtlos. Seine Kräfte «ahmen zusehends ab. Der Tod erfolgte auherordent- «ch ruhig. Ms Todesursache kann Altersschwäche angenommen werden. Der Tod trat nach Mitternacht rin. (Bereits im gestrige« Mttagsblatte gemeldet. Red.) Die Beisetzung des Dichters erfolgt auf Staatskosten. fr Dem Dichter, welcher jetzt im Patriarchenalter dahintzegangen ist, war es wie selten einem anderen gegeben, das geistige Erbe Frankreichs ganz zu durchmessen..und zu! erfassen. Sein ruhiges Lebcnsschicksal, durch sanftes Ende des Alters beschlossen, ist Symbol für die. gelassene Sicherheit, mit. welcher der Sohn des Pariser Antiquars T h ibau.lt aus dem Reichtum einer alte« durch Tradition geäderten Kultur geradezu verschwenderisch zu schöpfen, ver^ stand, Jacques Anatole France — er führte den namen, den schon der Vater angenommen hatte, weiter — wurde durch seine ersten Gedichte, die im Jahre 1373 erschienen, widerspruchslos berühmt; denn aus ihnen klang eine sprachliche Meisterschaft, die selbst im Lande der vollendeten Eotik. und der gesetzmäßigsten Mathematik höchste Bewunderung auslösen mußte; zeigte doch die Sprache des fangen France jene Patim, welche die alte Buchweisheit im Laden seines Vaters gebildet zu haben schien, durchglänzt tron dem Metall eigenen dichterischen Klanges. Eine Bi- Lliothekarstelle fm Senat - gab dem - jungen „homme des lettreä" die Möglichkeit, die geistigen Erlebnisse seiner Jugend, zu dichterischem Ausdruck bringen. Sein Roman *,&£ crime de Sylvestre.Bonnard", der im Jahre 1880 erschien, zählt bis heute zu den am meisten gelesenen! Büchern der französischen. Literatur. Von jenen Tagen der ersten Erfolge bis Zn seinem Ende verlief Anatole Frances Leben in harmonischem Gleich- - maß, sozusagen in der Distanz zu den -Ereignissen, welche die Skepsis schafft. Der Dichter, welcher in seiner „Insel! der Pinguine" den schärfsten Pfeil gegen die französische Gesellschaft und ihre Politik in den Neunzigerjahren des setzten Jahrhunderts abschoß — das Buch hat dm Dreh^ fnsards mehr genützt und ihren Gegnern mehr geschadet als alle Enthüllungen und Skandale —, hat nie zur Dreyius-Afsäre in politischem Sinne Stellurrg genommen; dev Mann, welcher in seinem Roman „Der Aufruhr der Engel" und in dem wunderbar abgeklärten Alterswerk „Die Götter dürsten" den Sozialismus in die reinste, geradezu matheniathische, dichterische Form gebracht hat/ ist nie zu einem Parteibekenntnis gekommen. Erlas gern vor Arbeitern seine geradezu meisterhaften Formulierungen gesellschaftlicher Probleme, jedoch nie in der Form, wie sie die -Agitation: verleiht (der unvergleichliche Stilist France war ein schlechter- Redner, wie alle, deren Werk Phantasie und ihren Ans^ druck in gleiche Vollendung zu gießen bestrebt ist), Die skeptische Ironie war der Äruudzug im. umfangreichen Werke Anatole Frances. Mag eS die Ironie gegen die Geschichte sein, wie in dem Skizzenband „Clio" oder der'feine'Spott über Form und Formel der Religion wie in der „Heiligen Geschichte", die den Titel „Thais" führt,, niemals durchzieht das Werk Anatole Frances der Skeptizismus jener, welche alt geboren sind. Das Schaffen dieses Dichters bejaht in dem Gewände der Ironie die Welt und führt von Voltaire über die strenge, ech t französische Formmathematik Flauberts zu jenem Pofitibismüs, der als Lebensausdmck stets das beste geistige Gut Frankreichs war und noch bis heute geblieben ist. In dem ironischen Skeptizismus feines ..Schaffens' liegt gewissermaßen die Erkenntnis von der ewigen. Erneuerung der Menschheit, gleichzeitig' die Erkenntnis der unzulänglichen Mittel, mit denen diese: Geleitet von dem Bestreben, unsere altehrtpürdige Gemeinde zu erhalten und immer weiter aitszubauen, haben sich die vrreiniglen Wischen Parteien entschlossen, gemeinsam in di« Wahlbewegung einzutreten. Diese Parteien haben in der letzten Mandatsperiode den klaren Beweis erbracht, wie viel ihnen an der Erhaltung einer einheitlichen Kultnsgemeinde gelegen ist. Aus diesem Grunde hat sich der letzte Vorstand nachdrücklich der Sanierung der durch die wirtschaftlichen Nachkriegsverhältnisse zerrütteten Finanzen unserer Gemeinde gewidmet. Die vereinigten jüdischen Parteien treten auch jetzt in die Wahl tfo unter der Devise „Erhaltung der Gemeinde" als der einzigen Stelle, die in der Lage ist» alle religiösen, kultnrellrn sowie sonstigen Ausgaben der jüdischen Bevölkerung in ihrem Bereiche zu erfüllen mH au allen Aktionen. der Gesamtjudenheit mitzuwirken, daher auch an dem Wiederaufbau Palästinas. Die vereinigten jüdischen Parieren werden sich stets bemühen, daß die Kultusgemeinde als Repräsentantin der jüdischen Bevölkerung für die Wahrung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten vollen Gleichberechti. gung eintreten soll. In religvstr Beziehung werden sich die vereinigten jüdischen Parteien im künftigen IultuSvorstände dafür einsehen, daß die Gemeinde die religiostn , Institutionen fördern und die Freiheit der in ihr vorhandenen religiösen Richtungen bei , Festhalten an der hebräischen Sprache in der Liturgie und Erhaltung der Gemeindeeinheit wahren soll. Ferner soll der zukünftige Kultusvorstand für die Förderung der Erziehung unserer Jugend sorgen und dafür eintreien, daß sie mit jüdischem Geiste und Gemeinschastsbewußtsein erfüllt werde, damit sie tatkräftig an allen Aufgaben des Judentums Mitarbeiten könne. Wir werden daher für die Reform des Religionsunterrichtes, Errichtung jüdischer Kindergärten, Talmud-Thora-Schulen und Lehrerbildungsanstalten sowie für die Heranziehung eines geeigneten jüdischen Lehrkörpers eintreten und jene Privatschulen fördern, welche der ewige Menschheit dem einzigen MhthoS dient, der ihr Dasein wahrhaftig durchzieht. In dieser Erkenntnis ist der geistig distanzierte Sozialismus des Dichters; in ihr seine Distanz zu den Ereignissen beschlossen, in ihr aber auch jene dichterische Krast„ Welche ihn befähigt,, der. Mensch» heit kleinste, unbeachtetste Individuen ,mit so viel Güte zu schildern, wie den kleinen GemüschäM-er Crainquebille, der seinen Gemüstkvrpen durch''Paris 'schiebt. .; Mehr als ein halbis Jahrhundert lang 'war der schaffende Anatole France vom unverminderten Glanze des Ruhmes umstrahlt, ja es schien, als ob der Alternde aus geheimnisvollen Quellen immer neue dichterische Kraft tränke; denn gerade seine späteren Werke haben eine merkwürdig impulsive Art, welche seinen früheren nicht in so' hohem Maße eigen ist. Das Alter hat Frances Schaffen nicht „abgeklärt", wie der Ausdruck des Tages für jene gläserne Art des Schaffens lautet, die so oft bei alternden Dichtern Zeichen abnehmender-Kraft ist. Das reife Werk des jungen Anatole -France erhielt Erhöhung durch seine Mterswerke, in denen die Fülle des Lebens stärker erkannt und bekannt ist. Die Genießer im Garten jdes Epikur, die in einer seiner Jugendskizzen meistechaft geschildert sind, sie sind in seinen späteren Werken, zu deml göttergleichen Geschlecht der Menschen geworden, die aus der Wirrnis ihres Lebens immer wieder zu seinem Urquell der ewigen Erneuerung zurückfinden. Der Akademiker Francs (feit 28 Jahren war er Mitglied der Academie Francaist), schuf, je mehr er sich den Grenzen näherte, die dem Schaffen gesetzt sind, in immer reicheren Formen das Abbild jener Lebenskraft, welche nur der in seinem Werk zu formen vermag, dem die in seinem B'lnte sichere Erkenntnis vom Ewigkeitswert der. Menschheit schwerlose göttliche Heiterkeit verleiht. Sie wahrt Distanz von Akademie, Partei, Politik und anderem Popanz der Form, macht freilich ihren Träger und Künder unsterblich. Es ist nicht akademische, aber daützrnde Unsterblichkeit, in die Anatole France, einer der größten Beherrscher der Form im heutigen Frankreich, eingeht. ’ E. G. F r i e d. Zer Wahlkamps Iw England. London, 13. Oktober. Mae Donald ist der erste unter den drei Parteiführern ans seine Wach kreise durch das Land gegangen. Er reiste von London nach Glasgow und wurde dort von einer großen Menschenmenge begrüßt. Auf feiner fünftägigen Reise wird er hundert Ansprachen halten. 'BälÄwin reist am Donnerstag, Asqrtith am Freitag ab. -In seiner dortigen Wahlrede, die durch Funbspruch verbreitet wurde,.erklärte Mac Donald, die Auflösung deSParlaments liege int nationalen Interesse. Die Arbeiterpartei habe in der Außenpolitik bedeutende Erfolge dävongetragen untv damit den Befähigungsnachweis zum Regieren erbracht. . ' > Die Frage der russischen Anleihe wich Mae Donald in seinen Reden in Clhde und Bi rmi rlgham behandeln. Dem abtretenden KultnSvorstande ist es gelungen, «ine Reihe wichtiger Institutionen zur Linderung der sozialen Not (lote Jugendsürsorgeamt, Zentralstelle für jüdische Wohlfahrtspflege) zü schaffen. Die vereinigten jüdischen Parteien werden sich bestreben, die bestehenden Tätigkeitsgebiete und Jizstitntiouen, wie Spitäler, Versorgnttgs-, Waisenhäuser usw., sorgfältig zu pflegen und die soziale HUfSarbeit werktätig zu fördern. Um dieses Programm realisiere» zu können, werden sie sich vor allem bemühen, das von ihren bisherigen Vertretern in der Kullrrsstube eingeleitete Sanierungswerk fortzusehen die finanzielle Grundlage für die Fortführung der Geschäfte unserer Gemeinde sich«rzustellen. Den Tempelvereinen, die der Änltusgemelnde einen Teil der Obsorge für die religiösen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder abnehinen, muß die tunlichste Förderung des KultuSvorstarrdes zuteil werden. Die vereinigten jüdischen Parteien werden für die größte Sparsamkeit in der Gebarung der Gemeinde eiritretcu, damit die Gemeindemitglieder nur in dem unumgänglich notwendigen Ausmaße und auf gerechter Basis zur Kultusstet,erleistung herangezogen werden. Sie werden für eine würdige Ausgestaltung des Gottes» dienstrs und des Friedhoftvescns Sorge tragen. Sie wolle«, daß die Knltusgemeind« in Fragen der Wohltätigkeit jene des jüdischen Herzens würdige Stellung wieder einnehme, die ihr als einer der ersten und ältesten jüdischen Gemeinde der Welt gebührt und die sie durch viele Jahrhunderte inne hatte. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Folget daher dem Stufe der vereinigten jüdischen Parteien, schließt euch zusammen und vereinigt eure Stimure ans ihre Liste; keine einzige jüdische Stimme darf verloren gehen; ihr kämpft für den Bestand eurer Gemeinde und für eine bessere Zukunft. Wählet daher am 9. November dis Liftr der vereinigten jüdischen Parteien. Reklame skr Wilhelm. London, 13. Oktober. (Havas.) Wie die Blätter aus Amsterdam melden, hat, die Polizei einen Deutschen namens Kaulowitz verhaftet, brrsich nach. D o o r n begeben wollte, LÜscheimnd imr den Kaiser zu e r trt o r d e n. (Die Meldung scheint nur dazu' in die AM gesetzt zu feilt, damit Wilhelm, dorr dem trotz Vollbart, Holzfällerarbeit und SVandacheirat herMch wenig Notiz genommen wird,. Reklame zu machen. Schon dev Name des „Attentäters" ist MeG erfunden; er klingt an „fauler Witz" an.) Staatrbankpräfident Lorb klagt die thüringische Regierung. Me ans Weimar berichtet wird, hat der vor kurzem zuruckgetretene Staatsbankpräsrdent Walter Loeb gegen die thüvirvgiische StaatZreyierung eine Zivilklage angestrengt. Ueber irgend welche kriminell« Entdeckurlgen bei der Durchsicht der befchlagnahmten Akten des ousgeschiedenen StaatsbarckPrästdenten ist nicht das gerilWe bekannt geworden, Die sozialdemokratische Partei hat wegen des Verhaltens der thüringischen Äaatsvegiemng im Falle Loöb den sofortigen Kufammentritb des Landtages beantragt. Im Aeltelstemat unterstützt-en die Demokraten den sozialistischen Antrag. __ , Radlr gegen die mllitSrlsch e Rebenregiernng. Graz, 18. Oktober. Die ,MrgeKpos^ meldet aus Belgrad: DK Rede, die Stephan Radie gestern ln Vrhpoljc zu einer großen Bauerumeng« gchatten hat, brachte nicht die evwark-te KLämug des Verhältnisses der kroatischen Bauernpartei M Monarchie. Radic war in stillen Ansfühmngeu sehr aggressiv. Er griff besonders scharf beit Kriegs-rninistev HadzLe an, wobei er betonte, daß es in einem Parlaurentarischen Staat nicht möglich sei, -daß ein militärisches System wie eine Art Mbenregievlmg bestehe. Die Radic-Versainmlung in Alt-Pazua ist von den Rationalisten gesprengt worden. Es kam zu Zusanlmenstößen, wobei ein tet getötet und zwei verletzt tvurden. Bon beideil Seiten Wührden Revowerschiisse abgegeben. Die römischen Blatter rmlden aus Belgrad, das; Radie nach längeren VerhaMungen sich bereit erklärt habe, unter folgenden. Grundsätzen in das Kabinett Davrdovic einzutreten: ... 1. Bolle, absolute Anerkennung des m o narchistischen Sh stems; 2. Verzicht auf die pazifistische und republikanische Propaganda im Heere; S. Anerkeirmmg des Mdovdanstatwts und der Staatsverfassung. Die neue Ministerliste sei bereits dem König, vovgelegt worden. Alis zwangssomtagsrnhegesetz ln Litauen. Ao«nv> 12.' Oktober. (I. T. A.) Der litauische Sejm hat in seiner letzten Sitzung das Z tv a n g 8 s o n n t « g S r u h eg ese tz in zweiter Lesung angenommen. Ein rechtsstehettder Deputierter sagte.'.'tat Verlauf der Diskussion, die jüdis ch e n Abgeordneten seien gegen dar Gesetz, weil sie Vertreter der'Spekulanten seien. Die jüdischen Abgeordneten protestiertei, eiftrüstet gegen diese Beleidigung. Schließlich nahm der rechtsstthenhe DMtterte seine Morte zu r ü L. jüdischen ^Erziehungdienen,