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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-13 · Heft 2031 (13.10.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2031 (13.10.1924)
Date
1924-10-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Ach fahre übermorgen auf vier Wochen mit ihr vach Tirol. Wenn er ettvas findet, wird unterdessen der NaKr AerfKdekn." Me drückte» einander die Hände. Aackoib dacht«: BrelLeicht ist eS gut so; ich muß lernen tigemt Fußen zu stehen. Ader er fühlte ein Brennen m der Brust. ,-Noch eins," Josef hatte sich schon zur Tür ge-tvendet, »aus die Pka-rianka, -möchte ich dich Arten, gib mk Obacht. Die Marm-nSa ..." Der Gm-tritt von Nvu Kauders schrütt -ihm die Rede ab. Mchau, grüß dicht" sagte er gelassen, „ich komme KMwM nochmals herein." 41. Mavimvka rannte, ohne >jk za grüßen, xm Frau Odboisk vorbei. Einem Hunde gleich, der, halb verhungert, st-iue» Ftttterncchf entdeckt, stürzte sie Lus Zimmer, riß aus siuer an die Wand geschobenen Kiste «m -buntes Bündel, wmf sich gierig darüber und Preßte es ans Herz, wobei sie Töne ausstieß wie em Drsr. Aus bunten Lappen schälte sie etwas heraus, den Körper eines etwa hMjähr-i-gen GchchSpscheq^, und bedeckte das Gesichtcheu, die abge- -chrten Gliedmaßen mit heißen Küssen. Das Kind, vom LkffchAutol befreit, derchm tief im Haff« steckte, fing, «öglich an zu groine». „Nicht weLne», Anuschka!" Auf den Boden hinge- Lmert, schaukelte sie -die Kleine hin. und her. ,Ach bin ja deine Mmmnta, du Goldene, Liebe, wem Herzblatt, meine Körne Daube. Schlecht sicht sie aus," wendet sich Marianka an die Alte. Mar sie kraute Die Gefragte Nickte böse drein. „Gsswn-d i§ f wie ein Fisch im Wasser." Kleinlaut wagte das Mädchen seine Erkundigungen jortzvst^u. «Kriegt sie denn immer ihr« Milch?" ,Mer denn sonst?" schrie erbost «das Weib; trink' bieNeicht ich sie ihr arrs^ „Warum weint sie so?" brachte die junge Mutter schüchtern hervor. Mus Unart. Das ist eine! Tag und Rächt möchte sie herwmgetvagen sein. Es wird mir schon Miel. Der Wvuzel will sie auch nicht mehr leiden." Sie wies auf einen / Mann, der mit ausgerissenrm Hemd und Stuipensil-efeln an den .Füßen im aufgewühlten Bette lag und laut schnarchte. „Am Lester« wär's," sie stemmte die Arme in die Wstrn, „ich geb' sie dir gleich mit nach Hause " Manan-kr erschrak. Ohne das kleine Mädchen los- Mlassen, stand sie auföffnete .ihr Körbchen, entnahm chm ei« Stück Butter, Kuchen, gebratenes Fleisch und einen AlveDooneuschem. > ^Jch Hab' Euch etwas mitgebracht, Frau ObMef, 'daß Ihr üeb seid zu der AM." Die Stirn -der Fmu heiterte sich etwas auf. «Besser als bei mir Hann s es nirgends haben. Ich habe die Mi-mmerl so gew. Vonr Mund spare ich mir de» Bissen ab, um ihr ihn einzustopfen. Der PvPP-ik auch. EH gestern hat er ihr von seinem Bier gegeben." Marianda hatte inzwischen das Feuer, das trotz -de-r Sommerhitze in der eisernen Maschine schwelte, angefacht. .. Mit erwärmtem Wasser-reinigte sie den schmutzstarrenden Kindeckeib, bekleidete ihn mit einem von ihr mitgebrachtrn simbeven Hündchen, strählte die schüttere» blonden Härchen aus de« übergroßen Schädel, kramte dann «ne Flasche aus «nd flößte laue -Milch der Kinderkehle ei«. Das alles int sie mit dem Rücken zu der Stulbe, über ihre Krsattrr geneigt, ängstlich nach den Setten lugend, einer Henne gleich, die sich mir gesträubten Federn vor ihr Küchlein stellt, um ez vor jedem Angriff zu bewahren. Mn gedampfter Zwiesang summte zwischen Kind und Mutter, -wie Klage und Entgegnung. ' Dur Me, <rn dem Hefenkuchen kauend, wieherte ein Sache». JSkm man dich jb sicht, möchte man meinen, du bringst dich um die AnSa MN. Dabei hast du dich sechs Wochen lang nicht uw sie umgeschaut." -Der Baissen Web ihr im Mniche stecken vor GrstMlnen über die Heftigkeit, mit der Mavianka sich zu chr umdrehte. „Das ist eine Lüge!" Die Odkokek schwankte zwischen Entvüstwntz Mar die Beleidigung und Verwunderung über de» überzeugten Ton, -mit der sie ausgestoßen wurde. ,MaS unterstehst du dich? Ans spielst du für evm Kmnedie? Hast fät dein« Ausg-nge sicher eine bessere Verwendung." Mariarckäs Knie -wankten; sie mußte niedevsitzen. War es möglich, daß die Fmu nicht log? Sechs Wochen lang? Sie meinte, es f« vorgestern gewesen. Bei dom Versuch, sich zu besinnen, war es, als öffne sich ein schwarzes Loch i-n ihrem Kopf. Em bwssec Schiannrer huschte an ihrem Sinn vorbei. Hatte nicht jemand ihr verboten - . . . .? Des Den-ens rmgewohnt, schwindelte ihr Hirn. Schweiß -brach ans ihren Poren. Sie stammelte etwas wie : „So viel Arbeit.... von sechs Ahr früh bis zehn Ahr in der Rocht. Man «eint, -ma-n P wqggegangm, derweil Mt man «wie ein Sack «ins Bett" L«iden.schrftWch preßte sie das Kind, das gesäubert und gesättigt in ihren Arme:« gleich einem Kätzchen leffe schnurrte, an den Busen. Daß sie es nie mchr herzugeben brauchte! Die Me dache: „Das Weibsbild ist verrückt". Sie wollte .beinahe Mitleiden empfinden. Die Stirnmunig schlug sofort um, als Mariauka noch «den Strümpfchen fragte, die zu kaufen sie jüngst die Pflvgefrau gebeten ch-t-de. „Ich hob' Euch glstrch das Geld gegeben, Fmu OAel-ek." ' Drrchend schlag die auf den Tisch. „WcchrscheiMch habe ich es gestohlen. Geld. An Dreck von ein paar Kreier. Zuckerln habeich dafür -gekauft. Aeberha-upt, .'was -braucht es Strümpfe, ft» ei-n Fratz? Macht sich -immerwährend naß. Soll ich vielleicht in einem Trocknen und Waschen bleiben?" Wieder erweichten sie die Tranen, »die wie ein Wolkenbruch aus Maviankas Augen sttümten. „Ich will dir ettvas sagen, Mädel. Auf die Art gcht^s »licht weiter. Wird alles teurer von Tag zu Tag. Wenn du willst deine Tochter wie eine Prinzessin halten, mußt du wasauf sie spendieren." „Wenn ich doch so wen',§ Lohn trieg", schlll-chzte Maria-nka in ihr -Taschentuch hinein. Die Ziehmutter Am lang-Mr näher. „Gibt denn 'der Bate-r nichts?" „Der Vater?" Ist sie denn heute gan^ geschlagen? Zn diesem Augjerkbticke -ermnerte sie sich nicht einmal ftines lltameirs. Ws habe ihn jemand aus ihrem Gedächtnis hinweggewischt. Nach großer Anstrenguing kam er in ihr zurück. Abend. Sie -war mit ihrer großen Schioester auf «den Tanzboden gelaufen . .. ein .schöner blonder Bursch . . . Antvn ... ja Aint-ou Hot er gewitzen ... sie schämte sich, >davm zu erzählen. Sie sagte ttauvig: „Der Ba-ter . . . o >, der -ha-t selber nichts." Lauernd gjlitt die Neugierde der Akten in den Ausschnitt von Mariankas Blmst. „R-mr, wenn er Geld gemghat, goldene Ket-i-erl-n >u,nd Kreuzerln zu schenken " Mühend flammite es über L»ie junge Ha-ui. Hast^ zog 'das Mädchen den Stoff über -dem Schmink- 'stück zu. Streng hatte es der Herr Josef -u-nArsagt, es anzulegen. Sie wußte selbst nicht, wieso sie es SjeMlte geivagt hatite. Sie sagte: ,M ist ein Andenken -von -meiner -Ptt-m." Die Odkolek schob mit einer erttschiedenLn Be-Weguing die Lebensmittel in die Tifchschublade, u-m sie!der Kenntnis dis 'Schlafburschen, dessen Schnm-cheu -nachAellasfen >hatte, falls er -erwachen sollte, zw entziehen. „Also irebtm wir dout-li ch mitetatanbei." @k bückl>e sich zu dem Gast W-unter. ,/Du Ast ein Narr, daß du dich für -ein Lu mperMld im Geisel schindest) Ich schaff' dir einen andern Platz. Feine Kundschaft habe ich in Menge. Kriegst mehr Lohn, kannst mich 'besser'zählen. Hai die?l>nLa anständiges Zeug am Leib, komm ich manchmal' -mtt ihr auf Besuch. SW, sie ist das Kind von -meiner Schwestevtochter." .Sie «vloarl-ete einen Fveuhrnarrsbruch und 'begegnete^ -Berstörung. Selbst ihrer Stumpfheit siel in Mariawkas gsatlen, vom Leben -noch nicht.gezeichneten Gesicht ein Ausdruck auf, wie tu stm.Wefen, nicht-gehörig. > „Das ist . . . aber . . . doch gor,nicht möglich . hörte sie das Mädchen stammeln. „Was sst unmöglich, dumme Gaus. Du ikü-udigsä und Machst 'deine-vierzehn Äig, oder noch besser, 'du-'begvhH aüf'ünd »Et gleich auf der -Stelke'/^- Ein schwerer innerer Mampf fchien sich in dev Beratenen zu vollziehen. Ein HM- und- Herzerren an einer Fessel. Rot und weiß lief es über st« .heim Ueberlrgen. „Die Frau und der Herr Josef, silrd Mtern ins Bad gereist" ... ' ' „Ra, was verdrehst 'denn so die-Mgen?" „Mir war, als ob wer auf strich mft." „Na weitzt..^ '' Mßiranisch -wackelte der. Kopf «der Men. „Jetzt wird es . mir -wiN-lich schost mit dir. zu blöde." Sie ahnte nichts vlM.'demMirm'vavr'wn.BochellMrgen, die durch das Gemüt -dÄ Mädchens^ triebe^ ohne daß sie ihrer habhaft werden konnte^. Da warbesonders «me . . . wem sie sie nur hatte fassen köünen . . ,/Jist dir schlecht? Du bist ja so hlaß. Geh, trink einen Dvopfen Wässer." Der Schwindel, der Mavia-nkabefallen 'hakteging vorüber, das Glasige in ihrem Blick verschwand. Sie faßte nach dem Hals, als habe «in«. Schlinge, die sie schnürte,, sich gelockert. Ueber dos Kind gebückt, verzchrtt sie es fast mi langen Küssen. Noch nie hatte sie es so -bsennieud lieb-gehabt. „Der «l-te Herr kann mich so wie -so nicht..leidsn, vielleicht wird er erlauben . . .... . > „Was hat er zuerlauben. Sr muß dich lassen, -iverm du willst." „Ich will." Sr« richtete sich auf. „Ich zerschmeiß chm ein paar Telle r, sicher ohrfeigt er-mich dann WÄ> wirft mich auf die Gasse.", Si« 'lachte auf.; . . - Die Alte dachte: „-Die ist doch noch «in Kind." Sie grinste auch, in der Hossnung, an dem Handel etwas zu verdienen. Vevirnülich sbi«ß sie WiaÄMkct m die Seite. „Jetzt siehst Lu doch wieder aus -wie andere Menschen. Wer wird denn immer g-le'rch die Convage -veMrrerr." ' Kuppterisch betastete sie des Mädchens, MM Glieder. „So ein hübsches Mädel. Di« schönen Hwa^, der rote Mund, di« festen Brüste. Zehn Liebhaber für einen kännst dp: Me Stitnde haben." - '' Maria-nkas .Zähne -blitzten. „LWhover.Willi ich Wnerv." Ihre Kreatur -im Arm tanzte sie nibevmütig Mr den Difch herum. „Wenn.ich nur meine -Anuschka behatten Emm, schaut ich -mich auf ke-inerr Maim nicht um." Fra-nziM Schlecht Edle von MoElstpo 'hob den Höver ab. „Hallo," rief sie in den Apparat hinein. Ihre rfnggeschmückten Finger mußten mehrfach das Läuitezeichen wiederholen, ihr voller, bis zum Ellbogen entblößter, von einem Goldreifen umschl-osstner Arm, lange auf dem Tuch 'dar Schrei btischplia-tte ruhen, ehe sie den gewü-nstchett Auftrag geben-konnte: ,Mtlk' schön Fräulein, siebeichuuderttreunMMw vömisch 8". -Falsche BerbinduvAen erlebt« sie: „Nein, Frättleiu, «eunuudvie^ig, vier neun, Baronin LinGofer."; ' Der Fuß im schvarzen Lackschuh Mrommette den. Boden-, die au-ferliegte Wartezeit wurde zur 9bachprÄfung-der Sta-uberttfernAing anr -der. Sessellehne angeMndüt: rmd -zur, Mustevmrg, -wie -der Pu'dvr sitze und die fvische' OndMevünjg -der etwas M schwarzen-i und zu üppigere Fvifm. Lautlsts genug, um nicht in Beamchenbeleidigu-ng ausHuarten, machte 'si« ihrem Mißbehagen L-u-ft. Bis sich das Mtgepoffterte Ge-, sicht vewklürte. - ,-EnNich, liebste Fra-lr Bar-oni-n, grüß Sie Gott. Ich ha-b schon gedacht, ich krieg Si« heute nimmer. Bildschön haben S' g-vstern ausgeschaut, beiim Abend. Und di« Frä-ulÄn Zelizi auch. Wirklich, die Wahl -wird einem -schwer, zwiWen Mutter u>nd Dochte-r . . Oh, zu gütiy. . Ein leises Kl-opfen klveß sie zuerst u,n!beochtet/ Herein," ,vi-ef sie dann n-ngediuldig, ahn« das Hörrohr abMsetzen. Frau Qd-k-olek uud Ma-rranka bllleben unterwürftg - Lei der Tür shehen, ivährend di-e Gnädige -fortftchr sich g,u unterhalten^ „Nur ein A-smer Kreis, meinen Kindern zu Ehren. D«r Oberstheu-tM-nt von Kro-usz muß ins Manöver umd laßt mir .meiue Nuschi idevweil hier. Ganz «in besch»ri«n?es Ha-chtmalhl, Sie müssen dorli-eb nehmdn. No,- sch intt lIhnen- Kcvnu ich mich nicht messen . . . Der Herr SekWnSchsf Rahe, hat ganz fest ve-rspr-öch«n, und der Gwf BogäU . . fehr^ fescher junger. Mann . '. . übrigens . . . Me Dhe^e's Perczimr. . . ist sie Jhlven unshmpaHifch? . . . Ich -weiß. ja, Sie ha'ben kein« Vovmteile .? i Sehr ein UcheS Mädel und ihr Vater ist -der Advokat von m-eiMm Mann. 'Mtd so bescheiden . ...^-upd.eS'sst 'Meine Frau Odkolek schielte unter ihrem wollönttt Kopftuch m die-Runde. G r „Da muß «in Geld sein," dachte sie, ,Mt> -Wve's -oW- . schaut, 'die Person. 'Muß doch auch'schon - etliche, Fufzig asts'm Buckvl lhaben. Was für ein Bustn. Und ich -MM', mager wie ein Sdrcken. M ja, dse-KK-iHn^ .. (Forts-etzittig folgt.) 5922012220195^9509185493495297044029981559^72449^29172625496

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