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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-07 · Heft 2026 (7.10.1924) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2026 (7.10.1924)
Date
1924-10-07
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Veik 6 Wien, DKn'Siag Wlener Morgenzeitrmg Ser internationale Kongreß der KmderwohAhrL. Die Er'öffnungssitzrmg. Gestern begannim Sitzungssaale des Rathauses die Tagung des vierten Internationalen Kongresses der Kmderwohlfahrt, der von der internationalen Genfer Vereinigung und dem österreichischen Komitee für Kinderhilfe veranstaltet wird. Anwesend waren Bundespräsrdent H a i n i s ch, Bürgermeister Seitz, die Präsidentin des österreichischen Komitees» Frau Marianne Harnisch, der Präsident der Knltusgemeinde Professor Pick und zahlreiche Teilnehmer aus allen Ländern. Als Vertreter der jüdischen WelthiMonfermz nahmen teil: Frau Anitta -Müller-Cohen, Prof. Max Eisler, M. Z. A b e r f o n (Genf), Dr. N. M. G e lber, H. Pappen heim (AgudaK Jisroel), Professor Dr. E hr mann, Irene Mahner (Kkschau), Dr. M. Peker (Warschau). Der Vizepräsident der internationalen Vereinigung, Georges Werner, erklärte den Kongreß für eröffnet, worauf Bürgermeister S e i tz namens der Stadt Wien die Begrüßungsansprache hielt. Er dankte für die internationale Hilfe, die sich der Wiener Kinder, als meist betroffene Opfer des Krieges,. in so herzlicher Weise annahmen. Die Stadt W t e n werde jederzeit dort zu finden sein, wo es M, Kinderlerd und Kindernot zu lindern. Bundesminister Schmitz begrüßte den Kongreß im Namen der Regie^mg. Die greise Vorkämpfer:» der Jugendfürsorge, Marianne Harnisch, würdigte die Bedeutung der Tagung in deutscher und französischer Sprache. Sodann sprachen die Vertreter der Religionsgemeinschaften. Professor Pick betonte, daß die Kultusgemeinde seit jeher der Kinderwohlfohrt ihre größte Aufmerksamkeit zuwende. Eine Reche von Institutionen sorgen für die verlassene Jugend, vor allem für die Stiefkinder der Natur, um sie zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Jeder, der ein warmfühlendes Herz hat, muß ohne Unterschied der Konfession und Nation das Kinderhilsswerk fördern. Für den Kulturzustand eines Volkes ist die Höhe seiner Kindererziehung maßgebend. Nach den Begrüßungsansprachen wurde in die Tagesordnung eingegangen. Der nächste Punkt der Tagesordnung war die Debatte über die Genfer Deklaration. Sie enthält fünf Punkte, die lauten: 1. Dem Kinde muß die normale und geistige Entwicklung ermöglicht werden. 2. Das Kind, das hungert, muß gespeist, das kranke . Kind muß gepflegt, das zurückgebliebene gefördert, das ver- ««■■■■■■■■«■■■■»«■■■■mamjaBmnmaaBniaMBHansranaB Familienbad Im Beatrixbad, III. Unke Bahnsasse 9 Ganz renoviert! s Ganzjährig ofSenl^ Dampf-, Wannenbäder und Kuranstalt Für Dampfbadtiesucher Famiiienbad Frei I j | Badezeit: die ganze Woche mit Ausnahme des Montag I verlief völlig monoton und unjüdisch. Am Jomkippur zum Beispiel saßen der Obmann, dessen Frau eine Christin war, am Toreingang und notierten jeden, ohne Rücksicht auf den Festtag. Die Besucher gaben sich zu „Kol Nidre" alle als Franzosen, Engländer, Spanier aus, aber zu „Nile" sprachen sie alle ihre Muttersprache, den östlichen Jargon. An den übrigen Feiertagen besuchte ich die gallischen und russischen Bethäuser, die aber auch nur vereinzelte fromme Juden bargen. (Hier war östliche Heuchelei Mich. Dafür ließ man sich für die spanischen Zeitungen fleißig photographieren.) Das argeMinische Judentum zerfällt in drei Teile. In die sMtischen Juden, die sich den spanischen, respektive argentinischen Bewohnern assimiliert haben oder noch assimilieren wollen. Sie sind nur an den hohen Feiertagen für einige Stunden Juden. Ferner jene städtischen Juden, die national bewußt sind: das sind zumeist die russischen und galiziischen Juden, die erst in den letzten 10 bis 15 Jahren, also nach dem Entstehen des modernen national-bewußten Judentums, herüberkamen. Sie sind zumeist Kausleute und Handwerker. Sie echalten eigene Schulen und Zeitungen, sind aber auch gute Argentinier. Endlich die sogenannten Landjuden, die die schlechten Eigenschaften des östlichen Leidens von einst mit den abstoßenden Eigenschaften des argentinischen Bauers zu einer erschreckenden Shnthöse vereinigt haben. Ihr jüdisches Bewußtsein und jüdisches Wissen ist gleich Null. Sie diskreditieren das Ideal, das seinerzeit Hirsch hatte, als er mit ungeheuren Mitteln die Kolonisation ins Leiben ries. * Di« südamerikanischen Juden haben für das ganze Judentum nicht jene Bedeutung erlangt wie die Nordamerika urschen. Das kommt daher,, daß die Auswanderung in jene Länder wegen des ungewohnten Klimas nicht den Umfang einnchm wie nach dem Norden; ferner daß — im Zusammen« hanig damit — die nach dem Süden ausgvwandevten Elemente in der Mchiyahl Abenteurer waren, Menschen, die hinauszogen» weil sie sich geordneten Verhältnissen in Europa nicht fügen wollten. Seit meinem Besuche sind stoben Jahre vergangen. Nach meinen Informationen sind die dortigen Juden, vor allem die Argentiniens, wirtschaftlich und auch national erstarkt und sie werden vielleicht in abschbarer Zeit auch in die Geschichte der übrigen Judenheit einigreifen. irrte auf dorr rechten Weg geführt, das verwaiste und verlassene ausgenommen und versorgt werden. 3. Dem Kinde muß in Zeiten der Not zunächst geholfen werden. 4; Das Kind muß zur Selbsterhaltung -befähigt und vor jeder Ausbeutung geschützt werden. <6. Das Kind muß in dem Bewußtsein erzogen werden, daß es seinen Mitmenschen nach bestem Wissen und Können zu dieiren habe. An der darauf folgenden Diskussion beteiligten sich Delegierte der meisten europäischen Staaten,, der Türkei und Uruguay, weiters Delegierte von verschiedenen internationalen Organisationen. Alle Delegierten, die zum Worte gelangt waren, gaben eingehende Schilderungen der Maßnahmen ihrer Heimatländer bezüglich der Kinderfürsorge und' sprachen sich in herzlicher Weise für die Genfer Deklaration aus. Inssondere wurde in allen Reden auf die bereits durchgeführte Gesetzgebung zum Schutze der arbeitenden Jugend Hingeiwiesen. Die Rede des Delegierten der jüdischen , Welthilfskonferenz. Im Namen der jüdischen Welchilfskonferenz hielt Herr M. Z. Aberson aus Genf eine Rede in sranzösifcher Sprache. Er erklärte, daß die Welthilfskoiiferenz, obwohl sie eine allgemeine Organisation für soziale Fürsorge sei, 75 Prozent ihrer Ausgaben der Kinderhilfe zuwend-e. Die jüdische Welthrlfskonfereuz hat als erste große internationale Organisation die Genfer Deklaration auf ihrer vor einigen Wochen in Karlsbad abgehaltenen Tagung, an der 125 Delegierte von 87 Hilfsorganisationen aus 22 Staaten vertreten waren, in feierlicher Weise angenommen und unterschrieben. Die jüdischs Welt hat stets ein großes Verständnis für die Zwecke der Kinderhilfe an den Tag gelegt. Die Genfer Deklaration wurde von uns in der Voraussicht Unter dem Schlagwort der Befreiung des christlichen Kapitals von der jüdischen Hegemonie sind nach dem Kriege eine Reihe arischer Bankinstitute ins Leben gerufen worden. Mit welcher Sorglosigkeit, Unkenntnis und geradezu verbrecherischer Nachlässigkeit bei der Gründung und Führung dieser Institute vorgoga-ugen wurde, hat erst vor kurzem der Zusammenbruch der hcckenkvenzler-ischen Deutschen. Boden'bank und der chvistlichsozialen Kaufmännischen Bank bewiesen. Heute wird wieder der Zusammenbruch eines antisemitisch-arischen Instituts, der - Nordisch-Oester reicht scheu Bank unter noch we.it schlimmeren Umständen gemeldet. Der Skandal scheint so groß zu sein, daß sich sofort, als die Schwierigkeiten bekannt wurden, sich auch schon die Wirtschafts- Polizei der Sache sehr energisch angenommen und einzelne Funktionäre Vovgeladen hat. Wir haben bereits am Sonntag von den Schwierigkeiten, in ivelche die Nordlsch-österr-siHische Bank geraten ist, gemeldet. Nunmehr sah sich gestern die Bank gezwungen, formell die Schalter zu schließen und ihre Insolvenz z n d e k l a r i e r e n. Dabei haben die Gründer und Funktionäre dieser Bank nicht einmal so. viel Mut an den Tag gelegt, sich vor den Einlegern und Gläubigern zu zeigen oder sich mit ihnen irgendwie in Verbindung zu setzen. Sie haben sich alle verkrochen und ließen den Beamten das ganze Institut und die Auseinandersetzung mit den Gläubigern. Allerdings hat die Wirtschaftspolizei einzelne aus den Betten herausgeholt. So ist der „Generaldirektor" der Bank, Otto W a l d e g g, der früher evn kleiner Beamter der Verkehrsbank war und sich in kurzer Zeit die Allüren eines Generaldirektors anzueignen wußte, gestern früh aus dem Bett geholt und von der Wirtfchaftspolizei einen: gründlichen Verhör unterzogen worden. Es ist noch sehr fraglich, ob nicht in dieser Hinisicht 'bald einige Verhaftungen vorgenommen werden. Der Herr ,/Äeneraldirektor" Waldegg, der eigentlich früher Prosaischer auf den Mrnen Ottoka Welkoparskh gehört hatte und sich nur in Konsequenz der -deutsch-arischen Bankpolitik den streng' christlichdeutschen Namen Waldegg beigelegt -'hat, suchte die Anwürfe zu entkräften. Doch sprechen die Tatsachen als solche und die ganze Bankf-ührung gegen ihn. Ein. gewesener Kriegsberichterstatter, der Schwede Niels Lu-go Lenquist, hat diese Bank vor mehr als zwei Jahren ins Leben gerufen und verstand es, einen Verwaltun'gsrat aus klerikal-antisemitischen österreichischen und nordischen Würdenträgern zu bilden. Durch große Reklame, die in die Milliarden "ging, hat es die Nordischöfterreichifche Bank versucht, sich einen großen Einlegerkreis zu verschaffen und eventuell ihre Bankgeschäfte durchzufühve-n. Tatsächlich sind ihr aber im Verhältnis zu ihren Ausgaben nicht allzu große Einlagen zug-eflossen. Nach dem letzten Status hat die Bank im ganzen etwa 98(M) Millionen Aktiven, denen Passiven in der Höhe von 25 Milliarden gegenüberstehen, so daß fie eigentlich mit 15 Milliarden -passiv ist. Die antifenütifchon Leiter der Bank, die unbedingt Mit prunkvollen Gemächern Protzen wollten, 'hatten ein altes Haus von der Regierung gemietet und in diesem gwße Reparaturen gemacht, welche noch «tickt ferM ge- 7. Oktober 1924 NW _ - '_-r- —. - ..... unterzeichnet, die Hilfe für das Kind als nniversellej Werk der Humanität und Fürsorge zu betrachten. Nur unter der Voraussetzung kann das KinderMfAverk {f-Ihf gen, wenn ■man das Kind als Glied der universalen Menschheit ohne Rücksicht auf irgend -welche Zugehörigkeit betrachtet. Die Fürsorge und das H i lfswerk füi das Kind sollen Gemeingut dev gesamten Menschheit werden. In diesem Sinne begrüßte Herr Abevs-ohn als Vertreter der jüdischen WelchilfSzentrale die von der Union für internationale Kinder,hilft eingeleitete Arbeit entsprechend der Genfer Deklaration. Herr Aberson teilteuns, daß der Bericht der jüdischen Welchilfskonferenz über die von ihr geleistete Kinderhilfe sämtlichere Delegierten schriftlich übermittelt werde. Bezüglich der einzelnen Forderungen und Aufgaben über das Kinderhilsswerk wird Herr Aberson in der heutigen Sitzung sprechen. Verhaftung eines betrügerische» Vertreters. In München wurde vor einigen Tagen der 28jä>hrige Reffende Hugo Korn sestgenommen. Er gab an, der Sblm eines Wiener N-niversitätsprofessors zu sein. Es wurde festgestellt, daß Korn von hier aus wegen Veruntreuung verfolgt wird. Er war als Reisender der Wirkwarenfirma W i d r i ch. Nußdorferstraßc, tätig, in bereu Auftrag er eine Geschäftsreise nach Deutschland unternommen hat. Bon Berlin aus ist er nach Unterschlagung einkassierter Beträge von 10 0 Mil Noneu vor kurzem geflüchtet. Jüdische Studentenversammluug. Herr Kurt Blumenfeld, der vor einigen Tagen mit Herrn Professor Albert Einstein aus Berlin nach Wien kam, spricht Donnerstag den 9. d. um halb 8 Uhr abends im Hotel Post, 1. Bez., Fleschmarkt 24, über das Thema: „Geistige und wirffchaftliche Entwicklung der jüdischen Jugend". wordensind, aber Milliarden verschlangen. Außerdem hat die Bank in völliger Unkenntnis der Wirtschaftsverhältnisfe eine Filmgesellschaft und eine Holzperwertungsaltie-ngeftllschaft finanziert und sich dabei gewaltige Schlappen geholt. Als die Bank vor einiger Zeit schon merkte, daß ihr große Schwierigkeiten bevorstehen, wurde versucht, das ganze Jnftituit in Bausch und Bogen an die -englische „Oveusta- Wanchruppe" zu verschachern. Interessant ist und verdient besondere Hervorhebung, daß auch die christlichsoziale Regierung sich hier in nicht ganz. einwandfreier Weise benommen herben dürfte. Es wird nämlich erzählt, daß .die Engländer, bevor sie noch den Status der Bairk bannten, sich Zuerst an das Finanzministerium wandten und dort beim Stellvertreter des Firnanzministers, dem gewestneu Minister Dr. Grimm, eine Auskunft über diese Bank erbeten haben. Dr. Grimm, eh: christlichfozial« Parteiirnann hat die England selbst auf, die Novdffch-öfterr-e-ich-ifche Baut aufmerksam gemacht. In: Vertrauen auf die gute Auskunft d-es Finanzminist eriums hat der Vizepräsident der Bartl, ein gewesener hollältdischer Generalkonsul, der englischen Gruppe die Mv-jorität der Mierr der Nordischen Bank verkauft. Dabei übernahm der ehrliche arische Verwaltuugsrat der Nordisch-Oesterreichischen Bank auch die.Haftung dafür, daß die Bank über KMtoaDiven int der Mindesthöhe des Stanunkapitals verfügt. Als aber nachher die Engländerden Sta-bns der Bank zu prüfen begonnen, stellte sich heraus, ,daß diese stark Passiv war. Natürlich sahen sofort.die Engläitdcr von ihren weiteren .Kaufabsichten ab, und verlangten die Angabe von 300 Millionen, die sie entvichwt -hatten, zurück. Als sie sich nun in dieser Hinsicht an den Beriwaltungsvat wendeten, stellte sich heraus, daß dieser, der in feiner Gänze aus den Spitzer: der arischen Gesellschaft, wie dem General Czapp, General Julius van R o ye n, Grafen S Pan o c ch i, Dr. Pawlitza «sw. bestand, sich einfach aus dem Staube gemacht hat, nachdem sie vorher die Mitglieder des -englischen Konfovtmims in den Vevwaltnngsrat hineingesetzt hatten. Se'lbsüverständlich konnten sich die Engländer diesen arischen „Dreh" nicht gefallen lassen und erstatteten die Strafanzeige. Mittlerweile aber können die Ginlöger nicht zu ihreu: Gelbe gelangen. Heute staute sich eine größere Anzahl von Einlegern vor dem Bankpailais, doch konnten sie vor: niemandeim empfangen werden, -da die Angestellten erst aus sich heraus eine Direktion wählten, die Pen Status auf stellen «nd die JnfolvAlz -dekla-vieren soll. Schon jetzt bei einer vorläufigen Uebersicht hat sich gezeigt, daß eine Reihe vor: fingierten Kontis in den Büchern geführt wurde. Zu denjerügen, welche große Verluste evlöiben, gehören vornehnrlich Mitglieder 'der östevveichischen Hocharistokvatie und Angehörige des ganzen monarchistisch ges-innten KMngels. Auch eine Reihe von klerM-antisemibischen Wörtftihrern ist durch den Znsamwenbmch geschädigt. Ausfälle Fälle zeigt sich, daß hier sich ein Bo nke n- Panama entwickelt, wie es selben in der an Sensationen reichen Bankengeschichte des Wiener Platzes bisher vorgekommen ist. Generaldirektor Waldegg verhaftet. Dsr Güneraildivektor Wäldegg »vurde gestern abends wegen Flucht- und Kollusionsgefahr in pvli« MMe Nprwabru-'NgKibaf-t aengimnNlk. Der arische Nanleaschwindel. Zusammenbruch der Nordisch-Sefierreichischen Bank.-Sine merlwürdige Bankgründung. — Sie Lüpierrmg eines englischen Finavrkonsortinms. * ',i m ir ->--

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