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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-07 · Heft 2026 (7.10.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2026 (7.10.1924)
Date
1924-10-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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7. Üftotet 1924 Nr. 2026_Wien, Dienstag_ Wiener Morgenzertung. Seite Ä Der Bürgerkrieg in China. ' London, 5i Oktober. Das Reutersche Bureau meldet aus MiEden: Das Hauptquartier des Generals Ehang- Dfo-lin veröffenÄrcht die Mitteilung, das; die Truppen des Generals Dschantsmrgtschang den Tschili--Tvu>ppen den Rückzug auf Tfchapeng ckbgeschnittcn haben. Eine vollständig ausgerüstete gemischte Brigade wurde gegangen genomnten. Das Hauptquartier der Provinz Tsche-Kiaug meldet die Einnahme von Lin-Nan und Thu-San, die auf dem Wege nach Li-Weng-Ku liegen, wo der Festungsgürtel der Provinz Petschili innerhalb der großen Mauer beginnt. Das allgemeine Interesse richtet sich gegenwärtig aus die Siidfront, wo Cinkreisungsoperationen gegen Schanghai im Gange sind. Die Ue-evrrahme der ostchinesischen Bahn durch Rußland. Moskau, 6. Oktober. (Ruß. Tel.-Ag.) Durch das mit Chang-Tso-Lin am 20. September znftamdegekontntene U e b e r e i n k o m m e n tvird die Durchführung der mit der chinesischen Regiercurg betreffend die v st ch i n e s r s ch e E i s e n b.a h n getroffenen Vereinbarungen ermöglicht. Am 3. Oktober fand die erste Sitzung des neuen Vevivaltungsrates der ostchinesischeu EiseiHahnen statt, der aus Vertretern der S o tvjet u n i.v n und C h i n a s besteht. Unruhen auf Aba. Havanna» 6. August. (Havas.) Im Saufe der W a h lkampague ist cs in Camajusai zwischen der Polizei und den Anhängern des früheren Präsidenten von <i u b«, Menoeal z u Z n s a m m e n st ö ß e n g e k o m m c u, wobei sieben Personen getötet und 53 verletzt wurden, darunter 18 schwer. Kabinettswechsel in Griechenland. London, 6. Oktober. (Reu-rer.) Rach einer Meldung der „Times" aus Athen ist M i ch a l o k o p u l o s mit der Bildung des n e n e n Kabinetts betraut worden. JemWon des ungarischen Nußenminifterr. Budapest, . 6. Oktober. (Ungar. Tel.-Korr.-Bur.) Minister des Aeußeru Dr. Tarn v a r y hat aus Gesundheitsrücksichten seine D e nr i s s i o n gegeben. Die Enthebung von seinem Posten ist innerhalb kürzester Zeit zu erwarten. Der Rücktritt Daruvarys luar schon vor ctlua drei Wochen, kurz nachdem der Abschluß des r u s s i s chungarischen Vertrages bekanntgegeben wurde, mit aller Bestimmtheit vorauszuseheu. Es wurde damals behauptet, daß er mit dem Text des durch den ungarischen Gesandten K a it i a gezeichneten Vertrages sich nicht identifiziere und nicht geneigt sei, für diese Konvention die Verantwortung vor der Nationalversammlung zn übernehmen. Das halbamtliche Dementi war seinerzeit auch nicht so energisch, wie mall cvluavtcu konnte, wenn es den Tatsachen entsprochen hätte. Der gegenwärtigen Behauptung, daß der Minister aus Gesundheitsrücksichten zurücktrete, schenkt man daher keinen Glaube u und w$mnßei%per Favoritenstr&sse Sch5nbrunnerstras.se Wallensteinstrasse Hauptstrass 3ieiliünst!mMß 3'cilig . . . . 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Die Konferenz wird sich mit der Lösung der Frage der A n s i r i i nng d e s rollend e n M a t e ri a l s d er S ü d b a h n und utu anderen wichtigen Eisenbahnfragen beschäftigen. EKÜWM LisbeshLrhAtKis. Von S. Meiseis. Dreifach har Berthold Auerbach seinen Namen an den Na-mcn Benedictns de Spinoza geknüpft: erstens mit der Verdeutschung der säintttchen Werke Spinozas, zweitens •mit der biographisch-tritischeu Lebensgeschichte, die er der Ucbersetznng voran stellte, und schließlich mit dem „Spinoza, ein D^ukerlebcri" betitelten Roman, der'in einer losen Verknüpfung von Poesie und Geschichte., von Dichtung und Wahrheit, die Lrbensschicksalc des A-mstevdamer Philosophen ' schildert. Freilich war Spinoza lange vor dem Erscheinen der Aucvbachschen Uebersitzung den Männern der Weluyeisheit und den Deukern und Dichtern in Deutschland wohlbekannt und von ihnen hochgeschätzt. Schon der älteste deutsche Philosoph. L-eibuiz, hält es der Mühe wert, ans seiner Reise nach England 1070 Spinoza im Haag zu besuchen und eine genaue Schilderung von. dem „fameux Iuis Spinoza" zu geben. Ka-nt studi-ert ihn, Ficht.', Scheliing lehnen an ihn au, Hegel nennt ihn den Heros der Philosophie der Neuzeit, Lessing, Herder, Iacobi bewundern und verehren ihn und Goethe sucht seine Weltanschaltung ans ihren starwn mathematischen Formeln zu befreien und in einen Mord hcwmonffcher Töne anMingen zn lassen. Aber das große' denkonde Publikum Deutschlands mit den Lebensschicksalen Spinozas vertraut und ihm seine Weltanschauung in deutscher Sprache zugänglich gemacht zu haben, ist Auerbachs Verdienst. Das; er bei der Abfassung der UebersetzU'irg. weniger an Berufsgelehrte als au das große Publikum in den deutschen Landen dachte, geht aus der Vorrede zu der deutschen Ausgabe der Werke Spinozas deutlich hervor. „Die Philosophie", schreibt er, „tritt aus der Schule heraus 'in das boivegte Leben als bewegender Geist, die Weltweishe-it wind zur Lebensweisheit-, nur Finsterlinge,- feige - oder selbstische Fe u da listen könu-en nach wollen, daß der höchste Lebensgeist die tote Sprache der Gelehrten spreche." Die tragischen Lcbensschicksale Spinozas hat Berthold Auerbach in seiner erwähnten biographischen Skizze wie in seinem Roman „Spinoza" ausführlich geschildert. In beiden Werken spielt sin angeblich bestandenes Liebesverhältuis Spinozas KU der Tochter-des gelehrten holländischen Arztes v a n E n d e eine überaus wichtige Rolle. In der biographischen Skizze wird dieses Liebesverhältnis als eine ans die philosophische Weltanschauung Spinozas eiuslnßübende historische Tatsache hingestellt; in dein Roman wird es als Hauptmotiv verwendet, um zu zeigen, wie der Jude, „in jugendlicher Liebe zu einer Christin hingezogen, an den Sche'd.'wänden rütteln mußte, die theologische 'Sitzungen und herkömmliche Sitten von beiden Seiten ausgestellt" haben. Der erste» der die Legende von der Liebesaffäre Spino-as in die Welt setzte, war der älteste Spinoza--Biograph Jean C o! e r, der in seiner „La die de Benoit de Spinosa" in folgender recht naiver Weise erzählt: Ban den Ende hatte eine einzige Tochter, die in der Musik wie irr der KenMnis der lateinischen Sprache gleich fertig war. so daß sie in Abwesenheit ihres Vaters seine Schüler unterrichten und ihnen Ausgaben geben konnte. Da mm Spinoza hiedurch sie oft zu sehen und zu sprechen Gelegenheit hatte, verliel'w er sich in sie, und er hat oft bekannt, daß es sein Vorsatz war. sie zn heiraten, nicht weil sie zn den schönsten mrd wohlgestaltetsten gehörte, sondern weil sie reich an Geist. Einsicht und Lebendigkeit lvar. Sie hatte aber auch das Hcrz eines anderen Schülers van den Endes, namens Kerlering, ebenso eingenommen. (Theodor Kcrkering, der einem Lübeckschen 'Patriziergeschlecht entsta-mmte, war in Anrsterdam geboren. In seiner Geburtsstadt praktizierte cr längere Jeit als Arzt;'durch anatomische und phhsiologische Schriften machte er seinen Namen in der Geschichte der Rt'edizm bokannt. Er war Mitglied der Royal Society in London. Später wählte er Hamburg zu seinem Wohnort, wo er als Resident des Großher.zogs von Toskana im Jahre 1093 starb.) Als Keriermg bemerkte, daß er in Spinoza einen Nebenbuhler habe, regte sich in ihm die Eifersucht Niud 'bestimmte ihn, seine Liebeswerbuugen zu verdoppelt. Er tat dies mit Erfolg. Das Geschenk, das er zuvörderst der Dame machte, eö bestand in einem Perlenschmuck im Werte von zwei oder dvoihunvert Pistolen, trug ohne Jweist'l dazu bei. ihm ihre Gunst zu erwerben. Sie schenkte ihm diese auch, gab ihm das Versprechen, ihn zn heiraten, und hielt es irenl'.ch, nachdem Kerkering dem evangelischen Glauben, zu dein er sich bekannte, entsagt und den katholischen augenommeu hatte. So nx'it Colerns. Neuere Forschungen, die sich mit den Lebousu'.nständen Spinozas und van den Endes eingeheud beschästigteu, ergaben jedoch, das; die ganze Ge- Ser ungarischr llnterrichtrminister über di antisemWchen UniverWtsexzesle. Budapest, 6. Oktober. Heute erschien der Senat b ei B u d a p e st e r Universität beim Unterrichtsniiniste Grafen Kl ebelsberg und erstattete einen Bericht übe die vor einigen Tagen an der Univevsität Vorgefallenei antist'M'itischen R u h e st o r n n g e n. Der Minister nah« den Bericht zur Kenntnis und ersuchte, wie der „Prsta Lloyd" meldet, den Rektor, der Jugend zur Kenntnis zi bringen, daß die sogenannten L c g i t i m i e r u n g e i eine gesetzwidrige A n ma ß u ng behördlicher Recht involvieren, wozu die Studenten überhaupt nicht berusei seien, und daß der Minister, wenn auch fernerhin Legiti mieruugen oder andere Ruhestörungen begangen roerdei .sollten, die stLeugsten Maßnahmen ergreifet lvürde und even>tuell gezwungen wäre, die Nn i v e r si t ä> Zn schließen, was den Verlust des Schuljahres nach sic! ziehen würde. Eine Anklage gegen HortW-Nngarn. Rew-Vork, 5. Oktober. (I. T. A.) Der Verband dungarischen Juden in Amerika hat an den republikanischer Kandidaten Präsidenten Coolidge, den demokratischer Kandidaten John W. Davis und an den unabhängiger 'Kandidaten Senator Robert La F o l le t te ein Schreiber gerichtet, in welchem gegen die Behandlung de^ Juden in Ungarn unter dem Regime des Admirals Horche protestiert wird. Der Präsident des Verbandes, stellvertretender Oberstaatsainoalt Tr. B ü ch l e r, richtet an bi« Präsidentschaftskandidaten die Frage, ob sie sich nach ihrer Wähl bemühen werden, für eine radikale Aendevung der in Ungarn herrschenden Verhältnisse zu wirken. Dr. Büchler stellt in dem Schreiben fest, daß der Verband der ungarischen' Juden in Amerika sich aus Hunderten von Zweigvereiuen sozialen, gesellschaftlichen und erzieherischen Charakters zusammensetzt und 250.000 Inden umfaßt. Dann heißt es: Hunderttansende ungarischer Juden sind dem finsteren, barbarischen Regime des Admirals Horthy unterworfen. Die ungarische Regierung untergräbt die Existenz der jüdischen Kreditgenossenschaften, obwohl sie selbst ans die Völkerbnndanleihe angewiesen ist. Das Joint Distribution Committee hat bis zum 1. April 1923 den jüdischen Kalisleuten und Handwerkern in Ungarn nur gegen einen starken Widerstand des reaktionären Regimes mit 25,000.000 ungarischen Kronen beisteherr können. Ungar« hat keine freien Wahlen. Liberale wie Demokraten werden unterdrückt. Armeeoffiziere bilden öffentliche Verbände mit dem Ziel, die Freiheit der jüdischelr Wählerschaft zn unterdrücken. Jüdische Studenten sind des Privi-' legilims beraubt, Hochschulen und Universitäten zu besuchen, 'da nur fünf Prozent der Studierenden Juden sein dürfen. Da nun dies» Ausschreitungen eine klare Berle tzu ng der im Trian onbertrag verzeichneteu Garantien zum Schutze der Mi-nderheiten bedeute«, fragen dH. ungarischen Juden in den Bereinigten Staaten den Kandidaten für das höchste Amt -der großen Republik all, schichte von der Liebesaffäre Spinozas nichts mehr als „poetische Erfindung" sei, um -dem nüchternen Denker ^das romantische Motiv einer durch Konfessionsurlterschied unglücklich gewordenen Liebe" untergulegen. Klara Maria van den Ende — in Auerbachs Roman „Olympia" genannt — lvar im Jahre 1644 geboren und vermählte sich 1670 mit ihrem Bräutigam Theodor Kerkering. Baruch Spinoza erblickte am 24. November 1682 das Licht der Welt, er war also um volle -zwölf Jahre älter als die Tochter van den Eudes. Jirc August 1650, also im 24. Lebensjahre. wurde Spinoza alls der jüdischen Gemeinde ausgestoßen, worauf er Amsterdam verließ und in dem einige Stunden, von der Hauptstadt entfernten Dorfe Onwerkerk znmckgezogeu lebte. Er kann demnach nicht um diese Zeit die elf- bis zwölfjährige Kleine zur (Miebieu gehabt, geschweige noch von ihr die lateinische Sprache erlernt haben. N lln ist aber dieses roman tische Ällotiv, das besvllde rs in deul Roman Auerbachs in bau Vordergrund gerückt wird, il'icht allein historisch ltttbegründet, sondern auch Vom ki'ulsts-erischell Standpunkt aus verfehlt, da es sich hier im letzten Grunde weniger »>m die Gemiitsvorgäuge des Menschen Spinoza als um die Denkprozcsse des Philofopheu ^handelt. Auerbach hat durch die Bcrwondnu-g der uuhist-.'r!- scheu Liebesgeschichte als Hauptmotiv dem Spinoza, um ein treffliches Wort von David Friedrich Strauß zu gebrauchen, „den Kopf des Philosophen genommen^. Nach Auerbach habe die Liebe zu Olympia auf die Philosophie Spinozas ihren Einfluß geübt. Mit Nichten. Philosophische Systeme sind Offenbanlnge»c des Menscheugeistes: es ist ebenso rmzulässig wie gewagt,. sie auf reme Gomütsstirmmmgen zurückzuführen. Die Liebe kann zu göttlichen Komödien, zu gluterfüllten Sonetten, zu herrlicbeu Liedern, ja zu großen ritterlichen Taben inspirieren, aber sie vermag keinen Aufschluß zu geben über die Gesetze der Logik, über beu Substanzlvgriff und ähnliche philosophische Probleme. Seelenstimnmicgeu sind etmas sür den Dichter, aber nicht für den Deuker. Dieser Hbet zumeist feilten Kopf ans Kosten seines Herzens. Die stete Angewöhnung, alles und jedes in einer oft an Affekt!osigkeit grenzenden Ruhe z>c betrachten, macht ihn schließlich für jede Leidenschaft uuempfäntglich. Cr denkt über die Liebe, rvie er über den freien Willen, über den Begriff von Gut und Böse denkt. Plato

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