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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-06 · Heft 2025 (6.10.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2025 (6.10.1924)
Date
1924-10-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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SB- 2 Werr, MoMg Wiener Morgenzeilung. 6. Oktober ISA Nr. ALL "W.MU DIE STADT AN DER ««taoh”CÄV™ifssta.ts.r<. Roman I Von Auguste Hauschner. "? Irdische^ Gliantz trat in des Auslöschende-n Blicke, die tvHstrL Var sich schaut«: wve in om weites Tand. Aakoib dachte erschauernd. Sieht er die Wahrheit? hörte er den Wen sagen. Ans dem ftommen Wort Dang es wie FvöhlichLoit. Gin Flüstern folgte. „Er spricht wie Vater Mg, Alles wiederholt sich in der WÄt." lNaLK «schvÄk. Girre 'Veränderung trat in des Liegenden Gesicht. ^rossi!" rief er und breitete dir Arme, wie um -Sntschtvmdondes zn fangen. „Eines mußt du -mir noch jsagen: Wie war das mit dem Schwert der S-äbbatianer?" Die Worte verhallten in der Stille. Jakob -fragte sich: Art das Ohr des Sterbenden sie noch gehört? Gkw Lcvwt tote aus Träumen erreichte ihn. »Wagst du mich schon wieder, Schlome?" ^Jakob Lachte: Er verwechselt mich mit meinen: Vater. »Ich habe dir ja schon oft erzählt. Wie sie damals Wer uns gekommen sind, die Misrachi, Hab' ich es iur Wald unter einer Eiche oingegraben. Aber nimm' es nicht heraus. Die Juden werden dir's nicht danken. Und Gott Lewmnt man nicht mit Waffen." Ties über den Redenden gebeugt, lauschte Jakob, in Erwartung von Botschaft aus der EtoigEeit. Urgroßvater, es soll mir ja nur ein Gleichnis sein. Daß wir nicht den Mut verlieren, die Hoffnung, daß wir Mcht vergebens auf den Messias warten." Bon einer letzten Welle angetrieben, trat etwas Blut unter des Abscheidenden lvelke Haut. Mein Lieber Junge. Auf diesem Wege tarnt der Erlöser nicht. Solange wie von den Menschen ein jeder seinen eigenen Messias haben will und durch -ihn eigene Vorteil und Rechte, können sie nicht glücklich werden. Da war ein Jude, der Spinoza, der hat, erkannt, daß alles Gott ist. Was wir Lenken, was um uns tvächst und kriecht und fliegt, was wir essen, .was wir trinken. Und schlecht ist nur der Trübsinn, und was uns freut, das ist das Gute. Sie haben ihn auch gesteinigt, die Räbonim." Wie von Anstrengung gebrochen, sank die schmale Gestalt guvnck. Auf dem Bett sitzend, hielt Jakob des Eben kalt werdende Hand. Die Schwingung eines Hauches traf fein Gehör: „Gsthevleben, bitt' dich, spiel' mir nochmal das Stückei von dem Mozart . . . du wirft schon wissen . . >" -Jakolb wußte. „Reich' mir die Hand, mein Leben, komm' auf mein Schloß mit nur." Die Lebenslockung grüßte den herasischleichenden Tod. Hatte sie ihn überwunden? Der letzte Faden Grdgebundenheit war noch nickt abgerissen. ,/Jm Schreibtisch in der rechten Lade 'die Bücher und Papiere sollst du..." Cr vollendete den San nicht, legte sich zur Seite... Aus kurzem Schlummer stchr Jakob ans. Der Urgroßvater war für immer eiri-geschlasin. 5. Jakob kniete vor den: wettbauchigen Schreibtisch. Scheu war in ihm, die Heiligkeit des SterbeFimmers mit weltlichen Geschäften zu enttoeilhen. Zwang trieb ihn, des Sofett Weisung zu erfüllen, als sei ihm eine Ssrrdung aufevlegt. Eine große Anzahl BLicher waren in -das ^lch gestopft, regellos geschichtet. Wertloses zunächst. Reklame-. bände, alte Kalender, ein Jahrgang Gartenlaube. Zer- - knittert aus den Einbänden gerissen. Zwischen zwei Gebetbüchern klemmte sich eine vergilbte Ausgabe von Goeches „Tagebuch". Die ersten Seiten fehlten. Auf dem Titelblatt stand in hebräischen Lettern: Sa'tomon Adutti hat diesen Schatz in Hamburg mn eine -halbe Mark -erständen. Ein Bündel Briefe fiel deni Suchenden entgegen. Keiner war eröffnet. Als Jakob einen der Umschläge aufriß, fand er die Mitteilung: von London _. der Name des Bankhauses war selbst den: Weltifrem-den bekannt — sei die Ouartalsza'hluug eingetroffen und dem Konto des .Herrn Abraham Adutti gutgebracht. Jakob war verwundert: Me hat mir der Urgroßvater von diesem regelmäßigen pgt* weuchvten Geschenk, um etwas anderes kmw es sich doch nicht handeln, etwas «mitg teilt. Er dachte: von der Richtigkeit der Summe hat er sich offenbar niemals überzeugt. Er mußte, trotz der Trcvwer, die ihn beschwerte, unwillkürlich lächeln, da ihm der Einfall kam: mtt seinen letzten Worten'hat der Urgroßvater beabsichtigt, mich zum GÄm feiner UntechÄtzung eichufetzen. In der SchreibtiWade, wie nur sie pve-izutellen, war in halber Tiefe ein gefalteter Gebetmantel gespannt. Jakob löste die Nadeln, mit denen er befestigt war und enthüllte eine Weine Bücherei. Zum größten M Papierrollen, die er, so unzulänglich seine KsnnhnjA der ammäischen Sprache waren, äls DÄmudbmchstücke etckannte. In ein seidenes Tüchilein Ivar ein Buch gewickelt, dessen Oberfläche durchhrochenes Silber, unterlegt mit grüner Seide, zeigte. Seme Inschrift sagte: Sabbatai Zewi hat diese Liebeslieder \r< spanisch gedichtet," Sälomon Adutti hat sie ins Deutsche iibertmgen. „Wenn sich Weih' und Mann vereinigen, steht der Ruhm Gottes zwischen ihnen," stand als Motto auf der ersten Seite. ' Von derselben Hand, so schien es, war auf pergcrment- .u-em Deckel Lrnstvoll der Name Sabbatai Zewi in hebräischen Lettern hingsmalt. Darunter die Erklärung: Chronika, SanvuMng von Berichten Wer die mafflianifche Betoegung, von AugeuMgen dargestellt. Zum Schlüsse ein Spruch: „Freut euch mit Gesang und Liebem und verwandelt Len Tag der Betrübnis und Trauer in einen Tag der Freude. Weil ich erschienen bin." Em leises Pochen. Josef Zahradil fragte von außen: „Ist dem Urgroßvater etwas Angestoßen? Ich habe so einen sonderbaren Traum von ihm gehabt." „Er ist gestorben." Der Riegel flog zurück. ,Zch will cs auch dem Leschner sagen." Große Tranen rollten unter den stets etwas entzündeten Lidern des Musikers hervor. Er hielt sich abseits, äls ob der Leichnam ihn erschrecke. Joses hatte ein Kreuz geschlagen, ein Gebet gesprochen. Seine Austn-erksamckött bohrte sich in den von der Seele verlassenen Leib. Jakob dachte: Es reizt ihn, das Rätsel Tot zu losem Er fragte sich: bin ich lieblos? M-ir sagt hie Hülle, die dort ausgostreckt liegt, nichts. Aber das ganze Zimmer, jedes Ding, auf dam Jahre hindurch sein Auge, feilte Hand geruht hat, ist mir erfüllt von ss'mern Wesen. Befremdet betrachteten die Freunde den auf dem Fußboden gehausten Stapel. „Der Urgroßvater hat mir aufgctragen, gleich nach seinem Tod nach entern Buch zu suchen." . „Das >warst du imstande?" Eduard verhehlte seine Mißbilligung nicht. Jakob beobachtete das Verlangen, mit dem Joses am fremdartigen Aussehen eines Bündels von an den Rändern ausgefransten Blättern hing. Er reichte es zu, ihm hinüber. „Das ist den Schar, der Teil des Talmuds, der von der Kabbala handelt. „Oh." Gleich -einer Zange schlossen sich die zugreiMden Fingor. Eduard fvagte harmlos: „Ein verbotenes Buch?" „Damals vielleicht, jetzt nicht mehr. Wenn es auch von den StrenWläubvAen noch immer als Gefahr für die echte Religion betrachtet wird. Ich kenne es mt-r bruchstückweise. Ich weiß nur, «daß es sich gegen die von Menschen aufgestellten Gesetze wendet und die Lchre sein will, die Jehova dem Moses mündlich anvertraute." Josefs Nüstern atmeten den Moderduft der Seite» gierig ein. „Eine Geheimühre also?" Respektvoll betrachtete Leschner den vermorschten Einband. „Für so eine Rarität kann man doch sicher schrecklich viel Ge>ld'bekommen." Uebrr diese-Wertnng mußte Jakob lächeln: ,-Wenn es «das Original wäre, wahrscheinlich. Aber es ist nur eine Abschrift. Sie ist, wie der Urtext, aramäisch." Nachdenklich setzte er hinzu: „Ich muß lernen, sie zu verstehen." GesjxvMt las ihm Josef die Worte von den Lippen. „Du mutzt versprechen, mir daraus vorzulesen." Sicher sind O ffen barun gen von U-chersinnlichkeit darin enthalten, Anliveifungen zu kabbalistischer Magie." Jakob kannte Josefs fieberhaften Durst nach dunKen Quellen 'der Erkenntnis. Er faglte: „Soviel ich .davon weiß, enthält der Sohar die Anweisung für die Frommen, sich mit Gott zu verschmelzen, unmittelbar, ohne Umweg über Buchstaben mü> Berstaivd. j&t zeigt das Judentunr im Licht der Liebe, «des Sin'nlich-Uebersvnnlicheu, dos größten aller Wunder. Irr Gott, sagt der Sohar, fliehen Mann und Weib ineinander. Er lebt in jedem Zeugungsakt." „Daß bit dich nicht schämst, von fo Ivos jetzt zu sprechen " ilutterbrach, ihn Leschner vorwurfsvoll, auf -das weiße Lager deutend. Jakob hob den Kopf. „Ich fühle ihn nn^r uns, als ob er noch lebte. Bor einer Stunde hat er mein Bekenntnis zur Liebesseligkeit bekräftigt mit einem fröhlich-fvomme« „Amen!" Bon den FinstovuWn der Vergänglichkeit m der Nachbarschaft, von Verfall und Ende, weudetM 'sich die drei jungen Menschen zur Helligkelit des Ursprungs und zu frischer Blüte. Sie redeten vom Weib, von ihren Reizen und Gefahren. Eduard, durch die Settsarukeit dieses Gesprächs aus dem Gleichgeillicht gerissen, gestand von Reue übergossen: „Ich kann kein Mädchen sehen, ohne es zu begehren. Mer wer bin ich, um ihnen zu gefaAen? Nur an di« Niedrigsten traue ich mich heran." Jakob sagte: „Auch das Begehren ist ein Kind der Liebe. Und selten ist ein Geschöpf so niedrig, daß sich sein Wesen in Augenblicken des Genießens nicht erhöht. Wer zu.n Verbrecher wird aus Leidenschaft, steht mir höher, als der abgekühlte Bürger, der pflichtgemäß allwöchentlich seine Ehefrau beschläft." . . , „Das Weib wird unser Schicksal, wenn wir es nicht zu unserem Opfer machen," entschied Josef. Hektisch ümrandetetl sich seine etwas vorstehenden Backenknochen. ,,Allan muß sie sich zu eigen machen, daß man seine Macht durch sie verdoppelt." „Jakob wollte widersprechen. Als Eduard, der die Verse Sabbatai Zewis überflogen hätte, ausrief: „Me wundervoll. Wer daS in Töne, setzen, könnte." ' „Ja die Welt.ist voll von Liebe," schwärmte Jakob. „Sie strahlt noch durch überschäümende Ausgelassenhert.' Alle Unterschiede überbrückt sie." Er reichte Josef Goethes Tagebuch hinüber..„Was für ein seltsame« Zusammenklang. Da ist eine Schöpftlng des größten deutschen Dichters, der Ehrist war und ein Heide. Und ein Jude hat Hm . äuf ' hebräisch seine Huldigung gebracht." > „Du verwechselst Kunst mit Liebe", bemerkte Josef. ,-Die Kunst kennt keine Grenzen von Rasse und Natton. Auf die Kunst baue ich meine Hoffnung für die Zukunft." Begeisterung veredelte , die Unregelmäßigkeit seiner Züge." „Mit der 5lraft deutscher Dichtung möchte ich die vernachlässigte slawische Kunst beleben." Er schwenkte das Goethe- Werk wie eine Fahne. „Du, Jakob, sollst deutsche Dramen schreiben, ich will sie auf tschechischen Bühnen iytzenieren, der Leschner macht internationale Musik dazu." . Zischend verlosch die Lampe. Sie schwelte dünstend. Jakob riß das Fenster auf. Ein'erster Sonnenstrahl fiel aus das verhüllte Lager. Zum erste« Male biß .Verlassenheit in die Seele des. Beraubten. Frau Kauders kam mit Tuch und Besen. Sie schlug ein Heulen und ein Klagen auf. Spähend irrten ihre Blicke in die Runde, nahmen jedes Stück der Habe auf. Sie erwog, was sie etwa davon in der voraussichtlich eintretenden Verwirrung beiseite bringen Knue. Ein stattliches Gefolge umstand die Grabstelle 8*8 Urgroßvaters. Seine guten Taten verkörpert«« sich in Bedürftigen beider Konfessionen. Auch der Glanz fehlte der Feier nicht. Bier Kaleschen hielten ander Kirchhossmauer. Frau Zahradil hatte sich nicht nehme»: lassen, ihrem Hausgenossen die letzte Ehre zu erweisen. Die Kultusrepräsentanz belohnte die Langlebigkeit des Gemeindemitgliedes mit der Entsendung eines Vertreters. Z»ir allgemeinen Ueberraschung entstieg ein Bankdirrkwr seiner Equipage. Der Advokat Percziner hatte verschmäht, durch eine Straßenbahnfahrt seine gesellschaftliche Vorurteilslosigkeit zu erhärten, und die großzügige Art, mit der er den Fleiß seiner Beamten anerkannte. Alle Liest Ehren bewogen den Rabbiner zu einer Rede über den nach Ansehen und Wesen ihm unbekannten Mann', die den Preis, den man für sie zahlte, überstieg. „Er war eine Zierde der Gemeinde, ein Mann nach Gottes Herzen, von vorbildlicher Frömmigkeit..." „Bon wem spricht er", dachte Jakob und beschloß, nicht zuzuhvren. Da schlug Josefs Stimme an sein Ohr. Sie hob sich hart ab von des Vorredners singendem, salbungsvollem Organ. Josef sagte: „Ich habe einen guten Freund verloren.'Emen, der Gott nicht im Munde führt, aber ihn'im Herzen trug. Einen Gütigen, einen Weisen, einen Philosophen. Für ihn war zwischen arm und reich, Jude oder Christ, Tscheche oder Deuischer, kein Unterschied. Jkn Namen aller, die ihn liebten, sage ich ihm Lebewohl. . Wenn eS viele Seinesgleichen gäbe, wäre kein Parteikampf und .kein Streiten in der Prager Stadt." ' Er warf drei Schollen Erde in das Grab und ging. Vorbei an seiner in Tränen aufgelösten Mutter, fiir die jedes Begräbnis ein Anlaß war, allen Enttäuschungen des eigenen Lebens nachzuweinen. (Fortsetzung foSyt.> ^999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999999920

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