Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2025 (6.10.1924)
- Date
- 1924-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wien, Montülg Wiener Morrgenzettuns. 6. Oktober 1924 Sekte t L G w ♦ ♦ Nebelschleier still sich breiten Und schon frieren Mensch und Vieh» Stets betrüblich sind dir Zeiten» Doch so arg war es noch nie. Unter trauernden Gemütern - Vrritnrr stngk mit frohem Sinn, »Mag' nicht viel nach Geld und Gütern, Wenn ich nur xufrieben bin". Jedem andern geht es bitter, Ruf Sanierung er nicht hoff'» Und dir KonjunKturrnrittrr Rehmen einen miesen Soff In das Tand der Makkaroni Herbst die Wandervogel trieb; Weg war auch Castigliont N Rur der Pleitrgrirr blieb. Und es sandte schnell rin Vrieferl Uns're Polixei; oho. Zu erschrecken pflegt ein Schliefer!, Über sonst meint srr's nicht so. Wenn der Mut und Zorn orrrauchrn» Hritzt es dann mit edlem Schwung: .»Komm» wir wrr'n kan Richter brauchen» Ritte um Entschuldigung!^ "% Redet man von einer Butze» Z Halt's C. C. für einen Witz. - | Und es bleibt auf freiem Äutzr | Der Vertreter, der Justiz! r * Ali. Die feineren Gäste. Frau P. ist in einem vornehmen Hotel abaestiegen. Der Diener erkundigt sich bei der Dame, wann sie zu speisen wünscht. Frau P.: ,Mann speisen.denn hier die feineren Gäste?" ,,Oh, ganz zu verschiedenen Zeiten!" Frau P.: „Ausaezeichnet! Dann will ich auch zu ver« schiedenen Zeiten speisen!" Ein Weiser. Ein Mann tritt in einen Friseurladen. Er ist schon etwas angeheitert, setzt sich und läßt den Kopf sinken. „Heh", rüttelt ihn der Gehilfe auf. ' - „Rasieren", lallt der Mann. „Ja, da müssen Sie den Kopf höher halten!" „Also — dann — schneiden — Sie — mir - Haare", murmelt der Mann und schläft ein. Die Unschuld vom Lande. die Hausfrau: ^Na, Marie, was täten Sie, wenn Klavie^^telen könnten wie ich?" Sie so würde Unterricht nehmen!" Geschäftsverhandlung e n. Kaufmann: „ ., . Wie gesagt, Ihre Sachen gehen hier überhaupt nicht!" Vertreter: „Sie können versichert sein, alles, was ich empfehle, da8 geht!^ Kaufmann: „Dann wäre es mir am liebsten, wenn Sie sich selbst empfehlen wollten!"- BLfiLBS 5 ■PW B ■ 1 LchMvsstabilifierung und Preisabbau. (Von bchondever Seite.) In seiner letzten Rede im Nationalrat erwähnte Bundeskanzler Dr. Seipel auch die Verpflichtung der Negierung, für eine Senkung des Niveaus der Warenpreise zu sorgen. Er meinte, daß diese Aufgalbe geradezu eine Verpflichtung der Regierung gegenüber der Bevölkerung darstelle, die bis jetzt ohne Murren die schweren Lasten der Sanierung getragen halbe. Es sei ausgeschlossen, daß Gehälter und Löhne den steigenden Warenpreisen Nachfolgen. Diese Erkenntnis ist ohneweiters zu unterschreiben, würde doch trotz einem weiteren Ansteigen der Geldlöhne der Reallohn der Dienstnehmer! sinken, da er, wie die Erfahrungen der Inflationszeit be-! wiesen haben, der Teuerung immer nur nachhinken 1 kann. Gleichzeitig würde aber, bei steigenden Warenpreisen und.steigenden Löhnen der Geldumlauf.vermehrt werden müssen und eine neue Inflation eintreten, gegen die auch MHVHungen des Zinsfußes chr GMohaWüm keinen wirksamen Damm aufzurichten vermöchte. Die Stabilisierung der Krone wäre^ dann eigentlich nur eine Stabilisierung des MMiDtzWM'hrend ihre Kaufkraft in -Oesterreich seMtbM Äjg zu' Tag sinken würde. Anfänge dieses Prozesses wärest in der letzten Zeit allenthalben zu bemerken^ Seme Ursachen liegen nicht allein in. dem Steigen, des Welvstapktpreises gewisser Waren, sostdern auch ist fiskalischen Maßnahmen des österreichischen Bundes. und seiner Gebietskörperschafst'n, in der Möstiptepolitik der NatiopMank und nicht zuletzt in der' im Kriege erworbenen Gewohnheit des Kommerzes, einen unverhältnismäßig höhen Gewinn lukrieren und. itt dett Wareupkeis einen nach der Stabilisierung des Geldwertes nichtmehr berechtigten Riskenkoeffizienten einkalkulieren -zu wollen. In den letzten Wochen sind abermals die Getreidepreise sehr erheblich gestiegen. Die Jlmschpreise haben beispielsweise in der Großmartthalle gefährlich angez-vgen, Obst wird in Wien weitaus teurer verkauft als selbst in der Tschecho-Slowakei, wo gewiß nicht minder hohe Steuern eingehoben werden' als in Oesterreich. In der allernächsten Zeit soll der Schilling die neue Währungseinheit, seine Relation zum Goldgewicht fixiert, die kleinste Münzeinheit der Stüber, also 160 K., werden. Hierin könnte für die weitere Entwicklung der Warenpreise nach aufwärts ein neuer Ansporn gefunden werden. Die Versuchung liegt nämlich nahe, die Preise auf die neue Währungseinheit aufzuvundest, zumal ja Beträge unter hundert Kronen überhaupt nicht mehr verrechnet werden können. Hier hätten vernünftigerweise die Behörden einzügreifen und im Sinne einer A br u n d u n g der Bruchteile aus die neue Währungseinheit Einfluß zu nehmen. Bund und Gebietskövperschaften müßten hier mit dem guten Beispiel vorangchen, Zwangsmaßnahmen hätten wohl nicht den gewünschten Erfolg, wie denn überhaupt das vom Bundeskanzler gegebene Versprechen behördlicher Maßnahmen zur Erzielung des Preisabbaues sehr gemischte Gefühle auslöst; erinnert man sich doch noch mit Schaudern der diversen Preistreibereiverordnungen, des Preistreibereigesetzes, der Preisprüfungskommissionen, der wirtschaftspollizeilichen Revisionen, kurz und gut des vom Polizeigeist im Kreise herumgeführten Amtsschimmels. Der Preisabbau muß, auf andere Weise in die Wege geleitet werden: Gewiß kann die österreichische Regierung auf die Entwicklung der Weltmarktpreise keinen Einfluß nehmen, aber sie kann bei den im Zuge befindlichen Handelsvertragsverhandlungen ihr Augenmerk darauf richten, daß jene Lebensmittel, von denen ein erheblicher Teil im. Inland produziert wird, namentlich Getreide, Mehl, Fett, Bich und Fleisch, billig ins Land kommt. Es ist durchaus nicht notwendig, daß die österreichischen HorM^nndKörndMuern einen Superprosit über dem Weltmarktpreis, plus Zoll und Fracht erzielen. Der Bund wird auch mit der Herabsetzung von Steuern den Anfang machen müssen. Die vom Bölkerbundrat angeregte Ermäßigung der Körperschastssteuer käme wohl für eine Herabsetzung der Erzeugnisse von Aktiengesellschaften in Betracht. Es wird ihr unbedingt auch eine Ermäßigung der Erwerbsteuer folgen müssen. Auf die Gebietskörperschasten, die Länder und Gemeinden, hätte die Regierung einen sehr energischen Druck auszuüben, damit diese ihren Steuerfanatismus zügeln. Weit mehr als eine halbe Billion beträgt der von der Gemeinde Wien erzielte Steuerüberschuß. Die. Unternehmungen der Gemeinde haben weniger gut abgeschnitten und werden ihre Milliardenüberschüsse wohl als Betriebskapitalien für sich behalten, nur das Brauhaus der Stadt Wien führte über 7 Milliarden an die Gememdekasfe ab. Jedenfalls zeigt diese halbe Billion überschüssigen Steuergeldes, die gut ein Viertel »beS gesamten Gemeindebudgeis ausmacht, daß der Gomeiüdesiskus die Produktion in Wien um diesen Betrag unnötig verteuert hat, wodurch auch der Konsum indirekt 'belastet wurde. Auf den Verbrauch wurden überhaupt von Staat und Gemeinde zu viel Steuern und Gebühren überwälzt. Mit jedem Stück Fleisch, das der Wiener ißt, bezahlt er die Berkehrs'steuer, die mit der Eisenbahn- . stacht eingehoben wird, an den Bund, dazu kommen noch die Markt- und Schlachthausgebühren der Gemeinde und die Süuern des Viehkommisiionärs, des Fleischers und des Fleischhändlers, die diese pm Preise ihrer Ware dazuschlagen. Nun. soll noch der Zoll emrichtet werden; auch er wird gewiß nicht preisdrückend wirken. Die Erkenntnis, daß die Zeit der Gehalts- und Lohnsteigerungen vorüber ist, ist nunmehr auch schon bei den Arbeitnehmern nicht selten geworden. Gerade die Technische Union, deren Mitglieder sonst bei allen Gehalts'beweguugen der Bundesangestellten die lautesten Rufer im Streite waren, hat bezeichnenderweise nun die Parole ausgegeben: Herunter m i t d e n Preisen! Das Rezept hierzu hat.sie allerdings nicht mitgeteilt. Der Regierung könnte es übrigens nicht schwer fallen, sich , nach einem Boratt für den Preisabbau umzuse-hen, natürlich.darf sie den nicht aus der Zeit der Kriegswirtschaft und aus der. muffigen Atmosphäre des Polizeiarchivs hervorholen. Was die Tschecho- Slowakei zuwege gebracht, wird man wohl auch in Oesterreich können. Bund, Länder und Gemeinden werden zunächst die Steuerschraube lockern, die Handelsverträge im Sinne der möglichen Verkehrssteiheit gestaltet und Handel und Verkehr überhaupt von allen hemmenden Ftzsseln befreit werden müssen, dann wird auch. , die neue Währung ins. richtige - Verhältnis. - zu den Warenpreisen'kormnen. ■> ■■ ■ .. £ -V-:' STlWMti?D ES LE SERS Noch einmal die ..Staatspflicht MV Kinderhilfe." Geehrte Redaktion! •* Berzvihvn Sie, daß ich abermals zu/dem Thema das Wort ergreife, zu welchem ich bereits in einer. Zuschrift (siehe ,Miener Morgmzsitu-ug" vom 22. September IM) einige Anregungen gab. Es handelt sich, wie Sie wissen, darum, daß in einer hiezu zuftäMgsn internationalen Tagung in unzwel-. deutiger Weife ausgesprochen werde, daß all die großen Hihsorganisationen zur Rettung des verlassenen. mtd hrlissbeduvstigen Krudes sozusagen aus einem mternationalen RechtsempfmdeN heraus die Forderung aurfftellen, daß in allen Fallen -in denen durch Massendem>onstratione>n, Pogrome und __ Ausschreitungen gegen eine der Minderheit im,,Lande angehor-e-nhe Bevölkerungsschichte die Kinder dieser B-evölfferii-ngsgruiPpe. der allgemeinen Hilfe bedürftig werden, vor allem der betreffende Staat, der es unterlassen hat, diese Ausschreitungen zu verhindern, zumindest zur Leistung des Schadenersatzes und. der Kosten für die Erziehung der Kinder anstukomm-en habe. Ich habe in meinem vorigen Artikel den Wunsch ,und die Hoffnung ausgesprochen, daß dre letzte Tagung 'der Mischen WellhilsskonfevLnz sich mit dieser Anregung befasse und ihre Delegierten für den am 6. d. in Wien tagenden Kongreß für internationale Kinderhilfe beauftrage, eine Resolution in diesem Sinne zu unterbreiten und zu begründen. Das richtigste allerdings wäre gewesen, wenn die jüdische Welthklsskonferen-z zu dieser Frage in fotsnuer Weise Stellung genommen, die Resolution textiert und dm Mitgliedern des Kongresses für internationale Kmderhilfe rechtzeitig oingeise-ndet hätte, damit diese Zeit und Muße finden, sich mit der Frage zu befassen, ehe sie zum Kongreß nach Wien fahren. Es ist nicht ausgeschlossen, daß, tvenn dieser Vorgang eing-chaltev^ wor-err wäre, ein-zolne Kinderhilfsorganisa-tloen in den verschiedenen Ländern eine solche Resolnvion in Beratung gezogen und über dieselbe Beschlüsse gefaßt hätten, die, der ganzen Mgelegenheit bedeutendes Gewicht verliehen hätten. Mir ist nicht bekannt, ob und in welcher Form die 'jüdische Welthilfskvnfe.enz dieses Problem in «Erwägung gegegen ha:. Ich fürchte, daß . sie meine Anregung völlig mißachtet und dadurch eine iGvlegrnheit versäumt hat, die Frage des jüdischen Kinderhilfswerkes auf ein Gebiet zu leiteli und ihr eine internationale Behandlung zu sichern, die allein dem schon so oft 'gekränkten SoWbewußtsein des Mischen Volkes am ^"ten entsprechen und wodurch auch dem Gerechtigleits empfindeir Rechnung getragen würde. Nun tagt der Kongreß für. internationale KinderhHe in Men. Die jüdische Wclthllfskonserenz wird ourch.ihre Delegievten an diesem Kongreß vertreten sein. Ich erkläre hier ganz offen, daß es ein U-nverze-ihliches Beri'äümnis der jüdischen. Delegierten wäre, wenn sie, ob mit oder ohne Auftrag, nicht initiativ dm Kongreß' durch Vorlage einer enHprechenldeir Resolution in die Lage herfetzen, sozusagen die Schnldstage für das Entstehen der Noüwendigküit / einer Massenkmdechilfsaktion zn. ■. präzisieren. Ich habe schon 'im ersten Artikel auseincmidergesetzt und wiederhole es auch jetzt, daß diese Staatspflicht von uns nicht nur >für jüdische Pogromweisen gefordert wird. Wir verlangen dasselbe auch in idem Falle, wenn durch die Schuld einer Staatsredlierung Kinder anderer Nationen Hves ^Echalters und Ernährers lberaulbt und daher zu Objekten, der öfsenMchen Hilfe gemacht werden. Aber ich muß abermals ^darauf Hinweisen', daß sich die Schuld an dem Elend von Kindern en Masse nirgends so klar und in die Augen springend Nachweisen läßt wie bei den Mischen Pogromkindern. Heute kann kein rechtlich denkender Mensch mehr daran zweifeln, daß in 'den meisten, wenn nicht gar im allen Fällen die Staatsgewalt Pogrome rechtizvitig hätte verhindern können, wenn sie sie hätte verhindern wollen. Jeider moderne Politiker nnid Staatsrechtler weiß -es bereits, daß gar manche Staatsreg-ver-ung bei einer Vechütung von Pogromen und Massenmorden nicht so saumsselig gewesen wäre, wenn sie nicht gewissermaßen als finanstelle Rückendeckung der stets bewährten MldtätiMiü des jüdischen Herzens von vornherein sicher gewesen wäre. Die Dahache, daß die Juden der Welt bei PlündeWngen und Massakers gegen Juden gewissermaßen' di-e Ersvtzpfllcht des Staates Ms sich nehmen, die zerstörten Jndonhauser wieder ausbauen, die Pogromwoisen zu ihren eigenen Lasten im Pogromlanid selbst oder im Ausland erzichm lassen, hat schon manchen obersten Hüter der Ordnung in einem Staate in seinem Dilemma zwischen Pflichtgestchl, und Hinneigung zu einer judenfeindlichen PoMk, sich für die letztere entscheiden lassen. Es müßte doch endlich einmal der äffentli-chen Meinung auch die Möglichövit vor Augen geführt werden, daß das Verbrechen gegen eine ganze Volksgruppe von der einen Seite nicht drrrch die-Philanthropie der überlebenden Mitglieder dieser Truppe aus der Welt geschafft oder geMnt werden könne. Es müßte auch einmal aus die Möglichkeit hingelwi-ösen werden, daß auch bei den Juden in umgekehrter Richtung die MilldtätigkÄt, wenn auch mit großer Ueberwindung verisagen könnt«, nur um die Rechtsfrage in ihrer krassen Näckthelit zur Diskussion zu stellen. Opportunisten tverden mir ondgegenhaltvn, daß diese Frage bezüglich des Vergangenen nicht aktuell sei-. Ich bestreite das. Es wü-rde mich bloß zu weit führen, wollte ich meinen Standpunkt auch in dieser Beziehung hier begründen. Aber angenommm, -doch nicht gugegeben, daß für die Vergangenheit nichts mehr nachzuholen sei, so dürfen gerade wir Jude,: Nicht daraus vergessen, daß n-iema-ud dessen sicher ist, wann ein ner:es Unglück, durch welches Kinder unserer Hilfe bedürfen könnten, wiederaktuell werden kann. Aber gerade fiir dw'e Zeit müssen wir vorsorgrrr Es :nuß die allgemeine Rechtsauffasfung über Schuld- und Sühne -in diesen Dingen eine aru-nÄ-e^on-de Aenderung erfahren. In der allgemeinen soziolen Für>orge hak sich der Grun-dgedanke, daß Vorbeugen besser, gesünder und billiger sei als Äre Nochilse, bereits durchgevungen. In unserer Frage hat die Prophylaxis eine' noch erhöhtere Bedeutung. Denn es geht hierbeinicht nur um materielle Hilfe der verwaisten Kinder, sondern, wenn, das von mir propagrert-e Rechtsprinzip von allen Völkern anerkannt wird, um «sine Varömgung, die unzähligen DLenfchen das Leben, retten, vor einem vorzeitigen gewalbsamm: -Tod beschützen und Tausende von Kindern vor der Verwaisung bewahren würde. .Ich glaube nämlich, daß es wichtiger und hvilsamer wäre,- vorbeugenden K-inderischu tz als nachträgliche, wenn. auch noch so.ergiebige Krwderhilse zu leisten. -' Dr. PH.