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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-05 · Heft 2024 (5.10.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2024 (5.10.1924)
Date
1924-10-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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3h. 8084 Men, Sonnktg Wiener Moraenzeitung. 5. Oktober 1924 Gelte 5 RAGLAN K 63Q.OOO Helnrisb Wainberger, I. Singeretm E ErstkOassige Massabteliung WWW, GRÖSSTE AUSWAHL - BELUCSTA PRESSE Bet Ätitifer md die ArchMOmKe. Bon Arkadij Awextschenlo. Ich traf unlängst bei. einer Premiere während des ersten Zwischenaktes am Büffet den Rezensenten der Zeitung „Borstad tstimme". „Nun, wie geht es Ihnen?" erkundigte ich mich vorsichtig. „Danke, ganz gut." Er zuckte die Achseln. „Und Ihnen?" „Nun ja, wie es einem schon gehen kann", bemerkte 8H unbestimmt. „Ja, ja, das ist schon das Los des Dramatikers." Er schüttelte zerstreut den Kopf und fuhr nach einer Weile fort: „Wie auch das Sprichwort sagt: Du bist unschuldig und man schlägt dich, du bist schuldig und mar: schlägt dich erst recht." „Wie meinen Sie das?" J3x> im allgemeinen." ,Hrnl „Jawohl, das ist das Richtige, dieses Hm!" Wir schielten auseinander und blickten uns dann wieder voll in die Augen. „Wie gefällt Ihnen mein Stück?" „Das Stück!? Wie soll ich Ihnen bloß sagen. . . Ich habe keine Anhaltspunkte zu behaupten, daß das Stück gut wäre." „Das heißt mit anderen Worten, es ist nichts wert?" seufzte ich betrübt. „Das habe ich nicht gesagt, aber ich habe keine Anhaltspunkte, um zu behaupten, daß das Stück gut ist." „Ich verstehe Sie! Sie finden das Stück einfach inittel- Lnäßig?" Er blickte mich durchdringend an. Ich habe aber auch keine Anhaltspunkte, es für mittelmäßig zu finden. So verstehen Sie doch! Ich habe keine An< haltspunkte, nichts Gegebenes!" „Und wenn Sie Anhaltspunkte hätten?" „Dann ist das eine ganz andere Sache. Sie begrchen doch: habe ich einmal einen Anhaltspunkt, Ihr Stück für gut zu finden, so wäre es meinerseits eine Gewissenlosigkeit^ wenn ich es herunterreißen würde." „Es wäre mir sehr daran gelegen, wenn Sie diese Anhaltspunkte besäßen." „Glauben Sie mir, mir nicht minder." Wir schwiegen. ,Hm, nur auf Tschechow zurückznkommen," erinnerte! ich mich plötzlich, „Sie habe» doch den Verstorbenen gekannt?" -„Ob ich ihn gekannt Habel?" „Stellen Sie sich nur meinen Verdruß vor: Ich habe Mir bei ihm vor einigen Jahren fünfzig Rubel ausgeliehen und bin nie dazugekommen, sie chm zurückzuerstatten. Heute habe ich zufälligerweise Geld bei mir und ich möchte es chm zurückgeben ..." „Schon. gut," entgegnete der Rezensent, darauf mit Mlgekünstelter Natürlichkeit eingchend, „ich kam ihm das Meld übergeben." '.aiiüa.aani'i'u; ■ »b , ,■. . ,w» , an.gaaagg ävollte er überhaupt nichts haben. . Ex warf den Hundekuchen auf den Böden.-Sm'vth sah ihn und stufte sich darauf. Nun ißt aber Smith niemals Hundekuchen. Gebe ich ihm «inen, so versteckt er ihn. Er ist überhaupt ein sparsamer Hund, der an die Zukunst denkt. „Man 'weiß ja nie, was geschehen Baun," sagt er bei sich. Mein Mensch kann sterben oder verrückt werden oder Bankrott machen. Es können Zeiten kommen, da ich sogar über einen Hundekuchen froh sein werde. Ich will ihn unter der Nlatta verstecken, nun, lieber wicht, jemand könnte ihn dort finden. Es wird bester sein, ich grat^ auf dem Tennisplatz ein Loch, das ist eine gute Idee, vielleicht wächst der Hundekuchen." Einmal erwischte ich Smith in der Bibliothek, wie er seinen Kuchen hinter den von mir geschviebenen Büchern versteckte; dies kränkte mich, weil ich sein« Gedanken erraten konnte: diese Bücher liest ja ohnehin niemand! Sonst aber hat er Pech, wir finden seine Hundekuchen überall unter Kopfkissen, m Stiefeln; ,«$ gibt anscheinend keinen wirklich sicheren Ort. Nun aber, da es sich um O'Shannons Kirchen ha-ndüte, lag die Sache anders; ehrlich währt am längsten, aber Unehrlicheit ist. unterhaltender. Smith begann den 'Hundekuchen gierig zu benagen, als habe er feit einer Woche nichts gegessen. O'Shannons Empörung war ein Anblick Gr Götter. Er ist gutmütig, wie seine ganze Raffe; hätte Smith ihn um ldeu Kuchen gebeten, er würde ihn wahrscheinlich hevgegeben haben. Aber das SchimMche, das Amoralische an Smiths Vorgehen brachte O'Shannon Mm Rasen. Einen Augenblick lang war er wie gelähmt. „Sahst du das?", fragten mich seine Augen. Dann stürzte er vor und riß Smith den Kuchen aus denr Maul. „Du ^verruchter angelsächsischer Dieb! Wie wagst dues, meinen Kuchen zu stehlen?" „Wie kann ich wissen, daß es dein Kuchen ist, du elender irischer Köter? Gehört denn alles, was auf dem Boden liegt, dir? Du glaubst vielleicht, daß auch ich dir gehöre, weil ich aus .-dem Boden liege? Ich glaube gar nicht, daß es dein Kuchen war, du latigohriger, stumpfnasiger Sumpfhund. Gib ihn wieder her!" „Deine Ansichten interessieren mich nicht, du hängeohrigier, beschnittener Landsireicherfohn! Hol dir den Kuchen, wenn du dazu Hunds genug bist!" Smith fühlte, er sei dazu Hunds genug. Er fft um die Hälfte Seiner als O'Shannon, aber „Das ist mir wirklich' sehr angenehm. Sie nehmen mir einen . Stein vom Herzen. Bitte also . . . rund fünfzig Rubel!" , „Sie erlauben, einen Augenblick," er setzte eine nachdenkliche Miene aus. „Wenn ich mich gut erinnere, hat nur der Verstorbene Anton Pawlitsch (Vorname Tschechows), oes pftern erzählt, daß Sie ihm hundert Rubel schuldig wären." „Stimmt, stimmt", rief ich sehr erfreut aus, „also sehen Sie... ich habe mir von ihm tatsächlich hundert Rubel ausgeliehen, doch habe ich ihm dann einmal fünfundzwanzig zurtickgegebm. Daran hat er gewiß vergessen." „Soll .mir auch recht sein." Der Rezensent fuhr mit tder Hand durch die Luft, als würde er den Takt angeben. „So werde ich ihm denn fünsundsiebzig übergeben." „Ich bin Ihnen sehr verbunden!" Er nahm gelassen am Diwan Platz, schlenkerte mit heil Füßen und sagte, aufmerksam die Decke betrachtend: „Und dann hatten wir auch noch die „Abendzeitung". Auch eiu gutes Blatt!" „Die liest ja fast niemand," meinte ich und schmunzelte. „Wer sich für sie interessiert, der wird sie auch lesen!" „Ich hoffe, daß dieses Blatt mein Stück annehmbar finden wird." „Das Blatt hat einstweilen noch keine Anhaltspunkte dafür!" „Braucht denn dieses Blatt viel „Anhaltspunkte"?" „Nun, sagen wir," nicht viel. Die Zeitung' ist ja' klein, — kleiner als ein Spatzenschnabel. Und die Anhaltspunkte, um das Stück für gut zu finden, sind dementsprechend." „Ach, die Presse, die Presse," seufzte ich tie,. Er stimmte mir bei. „Jawohl, die achte Großmacht, die Presse!" „Ja, ja, die Presse/ Er wendete sich ab und schwieg. Ich ließ meine Hand in die Rocktasche versinken, fischte eine Zehnrubelnote heraus und legte sie auf den Boden. Er beugte sich darüber. „Was ist denn das?" „Ein Hündchen. Nicht wahr, sehr herzig?" „O ja. Nur etwas zu klein geraten. Was ist das für eine Rasse?" „Ein junger Windhund. Wenn Sie wollen, schonte ich ihn Ihnen." „Ich bin kein besonderer Freund kleiner Hunde. Meiner Allsicht nach soll ein Hund — wenn mau ihn schon' hält, «in Freund des Menschen sein. Groß, kräftig."; „Ja, wissen Sie . . . Heutzutage stehen aber auch kleine Hunde hoch im Werte. In England zum Beispiel." „Ach was, England . . . Übersetzen Sie Ihr .Stück ins Englische, vielleicht werden die dort ausreichende Anhaltspunkte finden, um aus dem Entzücken gar .nicht heraus-, zukommen." Ich zuckte die Achseln. „Es ist ja aber doch ein Pfund." „Wo ist ein Pfund?" „In meinem Hündchen steckt ein ganzes Pfund." „Aber bloß ein englisches. Es soll doch lieber noch ein wenig wachsen." „Bis?" „Bis zweieinhalb Pfund." „Dann ist es zu schwer! Wer liest denn eure „Abendzeitung"?" PELZWAAEN JEDER ART IN FEINSTER AUSFÜHRUNG BILLIGST BE! GEBRÜDER BRAININ WIEN, II. GLOCKENGASSE 8 / TEL. 45-4-33 „Wer sich für sie interessiert, wird sie auch lesen!" „Hm! Wie wärs, wenn mein Hündchen zwei' Pfund wiegen miUv./ " „Meinetwegen, abgemacht." Das Hündchen stellte sich aufdie Hinterbeine und war mit einem Satz in der Westentasche des Rezensenten. „Leg' dich!" sagte der Rezensent und schlug mit der Hand aus die Tasche. Ich atmete auf. Er aber sagte in friedlichem Tone: „Wissen Sie, daß ich auch für ausländische Zeitungen berichte?" „Nun?" „Ich wollte Ihnen bloß sagen: von unserem russischen Standpunkt aus besitze ich genügend ausreichende Anhaltspunkte, um mit Ihrem Schauspiel .ganz, zufrieden zu sein. Im Auslande aber... Sie wissen ja selbst. . . gibt es andere Bedingungen . . . eine andere Lebensweise.'"' „Andere Bedingungen? Ich verstehe. Nun ja! Und im Jenseits gibt es wieder andere Bedingungen." „Was wollen Sie damit sagen?" „Daß ich jetzt, nicht wahr, dramatischer Schriftsteller bin, im Jenseits aber möglicherweise mit Kohle handeln werde." „So, so! Mit anderen Worten, Sie werden im Jenseits an Kohle Ihren Gefallen finden?" „Wahrscheinlich." „Nun gut! So geben Sie mir denn hundert Rubel mrd ich werde Sic Ihnen dort mit der allerfetnsten Kohl« zurückzahlen." „Was fällt Ihnen ein! Was mache ich mit soviel Kohle? Ich werde bloß einen Kleinhandel betreiben. Wenn Sie mir für 25 Rubel liefern wollen —• ob nicht auch das zuvieil sein wird? Umso eher, da ich ja außer Ihnen noch andere Lieferanten haben werde." Er lächelte gutmütig. „Was soll ich mit Ihnen machen! Wir Lieferanten werden ja immer gedrückt. — Einverstanden!" Er verließ mich zufrieden. Wie man daraus ersehen kann, hängt der Erfolg eines Theaterstückes außer den Kritikern noch ab von: 1. Persönlichen Freunden Tschechows. 2. Hundeliebhabern. 3. Kohlenlieferanten. Und ich will als Schlußwort noch, hinzirsügen: „Amen." Was in der Uebersetzung soviel heißen soll, wie: ,M ist wirklich so!" (Aus dem Rilssischen übertragen von Grete Neilselk)' Höchst aktuelle Sorgen. Bon Samuelh. 1. derlei Rücksichten hindern ihn nicht; er steht aus dem Standpunkt, >wenrr der andere Hund zu groß ist,, um als Ganzes 'bekämpft zu werden, so muß man ein Äück cmslvählen und dieses bekämpfen. Meist untevlregt er, aber das, lva's von ihm nach der Rauferei übrig bleibt, stolziert prahlerisch herum und hält sich für den Sieger. In diesem Fall mischte ich -mich in die Angel-egenheit. Bisweilen wird es notwendig, Herrn Smith daran zu erinnern, daß auch der Mensch, dieser gute und nützliche Freund des Hundes, gewisse Rechts ^a^>c. Ein derartiger Augenblick schien gekommen ... Smith warf sich aus das Sofa und brummte: ,Mir« ich doch heute früh nicht aufgestanden. Niemand versteht mich!" Doch vermag rhu nichts für lange Zeit einzuschüchtern. Eine halbe Stunde später versuchte er bereits die Nachbarkatze zu ermorden. Er wird nie Vernunft annehmen; seit drei Monaten will ex diest Katze umbringen. Wenn am nächsten Morgen seine Nase zu ihrer doppelten Größe angefchwollen ist und er nur mit einem Auge' zn sehen vermag, so scheint er den Zusammenhang nicht zu begreifen; hält sein Leiden für eine Folge des Wetters. Am Nachmittag leistete er sein größtes Heldenstück. Meine Tochter Dorothea hatte eine Freundin zum Tee geladen. Ich vernahm aus dem Kinderzimmer tolles Gelächter und öffnete die Dür, um zu sehen, wa's geschehen sei. Smith zerrtz. an einer Puppe. Ich sah noch me eine kläglicher aussehende Puppe; ihr Kopf war abgebiffen und aus zahllosen Wunden flössen Gägespane. Beide Kinder jauchzten vor Entzücken. Besonders Dorothea war - begeistert. ,Messen Puppe ist es?" erkundigte ich mich. „Evas," erwiderte Dorothea. lachend. „O nein!" rief Eva freudig. ,-Hier ist meine Puppe." Sie hatte auf ihrer Puppe gesessen, zog sie nun hervor, warm, aber unversehrt. „Das ist Dorys Puppe." Dorotheas plötzlicher Umschwung von Freude zu Kummer war entschieden dramatisch. Sogar Smith, der an Stürnre gewöhnt ist, duldete verblüfft den auf ihn erfolgenden Angriff und ließ sich derart einschüchtern, daß er an diesem Tage nichts mehr unternahm. (Autorisierte Uebertragung aus dem Englische» von Hermynia Zur Mühlen.) Was war doch der Christian Morgenstern für ein genialer Statt!. Er horchte ganz .genau, weshalb das Wiese! «ms eitlem Siesel saß. Das Akondkakb verriet es ihm int stillen. Das arme Tier tat es um des. Reimes willen. Nun wußte er es, der Christian Morgenstern, iwtfb zerbrach sich nicht weiter den Kops darüber. Ich kenne jedoch sehr viel Leute, die sich wirklich und wahrhaftig den Kopf darüber zerbrechen, warum das Wiesel — ausgerechnet — auf einem Kiesel sich. 2. Sie erhoben letzthin ein groß Geschrei: Ein WÄträtsel ist noch ungelöst, wie soll da die Welt noch ruhig schlafen Birnen! Bis zur Stunde Wiste es kern Sterblicher, ckb Kaspar Hauser, der unglückselige Findling, ein bayrischer Prinz gewesen sei oder mt der blöde Sohn ganz gewöhnlicher evnsältiger Leute. Bis zur Stunde wisse dies kein Mensch, Mtd vS sei höchst an der Zeit, daß man es «Mich wüßte. So schrieben letzthin die Kiesel-Mesel-Gvu-r mit großen Buchstaben in der großen Presse und taten so, Äs wären Me Malen Probleme ein Schmarren.gegen das Kaspar-Hauser- Problem. * . Sie plädierten dafür, daß man die Archive rät Wien und rät München öffne, um endlich Licht zu bringen in das mysteriöse Dunkel dieser Flnidlrätgsaffäre. ' Und jeder Verständige muß ihnen recht geben. Denn wie sicht «S bloß aus, wenn Menschen -es zwanzigsten Jahrhunderts nicht wisst», ob Kaspar Hawstr ei« bayrischer Prily war oder nicht. Andererseits muß man sich fragen: Gefetzt, es wäre mnr arnwandsvei festgestellt, Kaspar Hauser fei ein bayrischer Prinz gewesen — was dann? Würden dann die WittelSbache-r wieder aus «den Thron gekmgen? & And dann w::;, eines: De Martina Fusco erwachte eines schönen Tages und ivoVte die Handschrift des Titus Livius gefunden''hoben.

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