Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2022 (3.10.1924)
- Date
- 1924-10-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1 ,r 1 fr tV : 1!» 1 I z :i I:; i i ■ Sekd r Wien. Freitag A - ---1-;- ihr Leben, ihre Miuucik und nationale Entwicklung nach thron: eigenen Ermessen einzurichten, unter die Garantie des Völkerbundes und unter den Schutz des ständigen Gerichtshofes gestellt wird, der sich durch legitimierte Vertreter der Minderheiten zu ergänzen hat. Das ist.die Revision der Friedensverträge und daran sind alle Minoritäten, also alle Volker, ausnahmslos mit ihrer Existenz interessiert. Insbesondere aber die jüdische Minorität, die zum Hohn auf ihre doch im Völkerbund verkörperte Ethik die schwächste aller Minderheiteu. ist mld in dieser Machtlosigkeit sestgchckten wird. Der Generalsekretär der japanischen Delegation hat die Stellung seiner Regierung in folgende!: Worten expliziert: „Wenn die Angehörigen eines Staates zu Tausenden vertrieben oder getötet oder in ihren vitalen Interessen verletzt werden, so habe doch der Heimatsstaat das Recht, mit aller Entschiedenheit, wenn nötig mit Ausbietung seiner Armee, ihnen zu Hilfe zu kommen, ohne daß man den Staat, der die Interessen seiner Staatsangehörigen in einem fremden Staate wahre, als Angreifer bezeichnen könne. Die' internationale Justiz dürfe vor der scheinbaren ^Souveränität der Staaten nicht Halt urachen." Ist der Inhalt dieser Erklärung nicht dem jüdischen Volk aus den Leib geschnitten? Es gibt keine jüdische Staatsnation, und so kann auch nieman in so klarer Weise die innere Schwäche der Mindecheitsgesetzgebnng in bezug auf das Judentum aussprechen. Man muß nur statt Staat „Volk" setzen und man ernennt, tveshalb das Judentum, unbedingt süc die Friedensidee kämpft. Es leidet unter dein Friedenskrieg und muß in der Zuerkennung des Selbstbestimmmigsrechtes an alle Völler das Ziel aller Demokratie schen. Die deutsch-sranMAn Berbmdlungen. Paris, 2. Oktober. Die erste Arbeitssitzung der französischen und der deutschen Delegation über den Abschluß eines Handelsvertrages hak heute nachmittags in: Handelsministerium stattgefunden. Handelsminister Raynaldh, der den Vorsitz führte, hielt eine Rede, in der er auf die Schwierigkeit und Dringlichkeit der Verhandlungen hiuwies und eMärte, Frankreichs wirtschaftliche Kräfte seien durch die Besetzung französischen Bodens immobilisiert und vernichtet worden. Um sie wieder aufzurichten, habe es eine große Anstrengung unternommen. Handelsminister Raynaldy sprach sodann von der Lage in Elsaß-Lothringen. Der Friedensvertrag an.dessen Stelle zum Teile das neue Statut t/reteu.muß,: hat MN Schutze Elsäß-Löthringens ein Sonderregime für den deutschen Marktgeschaffen. Me. französische Regievirng muß Äso in.Hrer Gorge imt Gerechtigkeit und als Garantie für den Frieder: und die Entspannung die Aufrechterhaltung. des SoNderregimes noch für einige Zeit zum Schutze Elsaß-Lothringens fordern, und zwar unter noch zu bestimmenden Modalitäten. Es gibt auch noch andere Fragen, die aufgeworfen werden müssen und ohne deren Lösung die wirtschaftlichen Beziehungen Zwischen den beiden Ländern prekär bleiben würden. Schließlich erklärt der Handelsmimster, man muffe wiffen, welche Garantien die deutsche Regierung zu geben bereit sei, um das Abkommen gegen alle Taxen und Abgaben/ Zölle, Luxussteuern, Unrsatzsteuern zu sichern, die die Länder etwa zur Anwendung bringen könnten. Dr. Trendelenburg antwortete: Die deutsche Regierung tritt an die Verhandlungen unter folgenden wesentlichen Gesichtspunkten heran: Die nationale Wirtschaft Europas in der Vorkriegszeit war durch einen von Jahr zu Jahr mehr zunehmenden Warenaustausch zwischen den einzelnen Staaten bedingt. Dieser Warenaustausch führte die Wirtschaft zur.Weltwirtschaft. Die Basis dieser gesunden freien Wirtschaft war das allgemein anerkannte Shstern des gemäßigten Zollschutzes in Verbindung Mit dem Meiftbegünstigungsre cht. Dieses System enger Verflechtung der nationalen Wirtschaften hat der Krieg zerstört. Gerade der deutsch-französische Warenverkehr, der sich vordem Kriege auf ungefähr 1,5 Milliarden GoldmaÄ belief, steht jetzt in schreiendem Gegensatz zu den Bedürfnissen der beiden großen Wirtschaften. Die Verhältnisse erfordern ein Aufräumen mit den Zuständen gegenseitiger Abschließung. _ Verbreiterung der Rekchrregiemug. Berlin, 2. Oktober. In der Reichskanzlei fand heute nachmittags eine Aussprache zwischen dem Reichskanzler und den Führern der Regierungsparteien statt. Die Absicht des'Reichsbanners 'zun: Zwecke der Be rbrei1-e.ru ng der ‘ Reichsregierung Verhandlungen mit der deutsch nationalen Volkspariei und der sozial-« demokratischen Partei auPmchmen, wurde gebilligt. Verleumder Sinter. -Arnberg, 2. Oktober. (Tel. der ,Wiener Movgenzeitung") Die Behauptung des berüchtigten deutschvölkischen Schriftstellers Dr. Dinier, es fei auf ihn von jüdischer Seite ein Vergiftungsanschlag verübt worden, hat sich als Schwinde'l herausgestellt. Die staatliche Untersuchungsanstalt in Erlangen teilt mit, daß bei der vorgenommenen Untersuchung iweder irgend welche pflanzliche noch metallische Gifte gefunden werden konnten. Herabsetzung -er belgische« MiMrdieilstzeit. Paris, 2. Oktober. Wie der „Temps" aus Brüssel meldet, hat der Ministerrat beschlossen, sofort nach B eendigung der. Ruhrbesetzung die Militärdienstzeit auf 12 Monate hevabzUssttzen. Wiener MorgenzeituttA. 3. Oktober 1924 Ar. 20W . Ner Iezemberpogrom in Salgo-rarjan. Beginn de« Prozeises. Budapest', 2. Oktober. Heute begann vor dem Militärgerichte ii: Salg.o - Tarja-u die Verhandlung gegen die des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit beschuldigten a ch t S o l d a t e n der dortigen -Garnison. / Laut der von: Hauptnrannauditor Dr. Zölta Ehr iaste lly vertretenen Anklage haben sich der.Wachtmeister Kamillo Teller, die Zug'sführer Josef Vattray und Alexander Gergely, der Gefreite,Stephan Szabo, die Honveds Johann Juhas und Martin Binder sowie Josef G1) itxc|o und Johann Polla k an: 8. Dezember 1923 schwere Ausschreitungen gegen die Person und das Eigentum der - . Salgo-Tovjaner Juden zuschulden kommen lassen. Sie verhafteten den Kaufmann Moritz Groß und schleppten ihn unter' tätlichen Insulten und vorgehaltenem Revolver in den Kompagnierahon, wo sie ihn weiter mißhandelten. Am 11, Dezember schlug Kamillo Teller eine Anzahl von Fensterscheiben ein, die zu den Wohnungen von Salgo- Tarjaner Inden gehörten. Als der Polizeiinspektor Valentin Sehök in Begleitung eines Wachmannes Teller auf frischer Tat ertappte, widcrsetzte sich dieser dem Befehl des Polizoiinspektors und begab sich u:tt ihm in die Kanzlei des Bataillons. Hier angelangt, forderte er. die Mannschaft zu einem Angriff gegen die Polizisten ans, welchen! Befehle die Mannschaft.Folge leistete, indem sie die Polizisten mit Gewehren und Handgranaten mißhandelte. Zu Beginn her heutigen ^Verhandlung ergänzte der öffentliche Ankläger seine- Anklage gegen Kamillo Teller dahin, -daß dieser am 9. Mgust d. I. eine goldene Damennhr, Am die Souveränität Aber dm Sudan. Die Verhandlungen Zaghlul Paschas mit Mac Donald. (Eig-enldiciist der „Wiener Morgen,zeitrurg".) London, 2; Oktober. Seit einigen Tagen hat die Londoner Polizei-eine stremgere Bewachung der Person des ägyptischen Prerniermmister's Zaghlul Pascha «mgeführt, weil Zaghlul Pascha zahlreiche Drohbriefe erhalten hat. Die Beratungen des ägyptischen Premierministers . mit Ramsay M.a c Dona ld liier die Frage der Unab- - hängLgteil des.WPAys mchUKÜ-.fHyep'Wtga'ng, doch gestalten fiie sich fe.hr ch iv'Wr'tg, ^chMsowohl England wie Aegypten die S.ouveränität über den Sudan Kr'ffchib««spMcht/ 80to«' beÄ-fttzt eine Ko mpromißlösung, nach welcher die Frage der Souveränität auf 10 Jahre vertagt werden-soll. Ser Kamps UN, Shanghai. ' London, 1. Oktober. Das Reutersche Bureau.meldet aus Schanghai: Die Stadt Lotten st e h t i n Flammen. Agenten <mS der Provinz Kiangsu sollen den Brand gelegt haben. Der Gouverneur von Tschekiang hat die fremden Behörden und Niederlassungen auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, Vorsichtsmaßnahmen zu treffett. .. . . .. . : .. . - Dar Ergebnis der schwedische« Reichrtagswahlen. Stockholvr, 2. Oktober. Das Ergebnis .der ReiDtagstvahlen liegt jetzt vor. Die Sozialdemokraten 'haben fünf neue Mandate gewonnen, davon drei von den Kommunisten. Die Konservativen gewinnen z -w e i. Mchydaie,. die L i he r alen und F r e ifinni-gen per-lieren sechs Mandate. Der rechtsstchende Bauernbuud gewinnt, zwei Mandate. Links und Rechts haben also je vier Mandate gewonnen. Man rechnet damit, daß die gegenwärtige.konservative Regierung zurücktritt, und es ist nicht ausgeschlossen, daß-sie von einem, sozialdemokratischen Ministerium «gelöst werden wird, Internationaler Kongreßsär soziale Poüt». Aus Prag wird uns gemeldet: Der internationale Kongreß für soziale Politik >wurde heute unter ungewöhnlicher Beteiligung eröffnet. Der Obmann des vorbereitenden Kongreßausschuffes. Professor der Pariser Universität ' Boissrrd begrüßte die Anwesenden und erklärte den Kongreß für eröffnet, worauf er das Wort dem Mnister für soziale FürsoM-H a b er mam n erteilte. Ueber den ersten Punkt der TageAordnüng '„Dle Weltlage der sozialen Politik sprachen di« österreichischen Delegierten Dr. Palla und V. S t e i n. In der Nachnrittagssitzungwurde der Achtstundentag eröriertt Die bemerkenswerteste Rede zu diesem Punkt der Tagesordliung stamnlt vom Geheimrai Lujo Br enta no. -Die Ausführungen Brentanos veranlassen den Vorsitzenden Direktor Thomas zu erklären, daß die Debatte nicht vom politischen Standpunkt ausgeführt werden darf. Mertens (Belgien) sagt, daß ihn die Ausführungen Professor Brentanos v er letzt daben. Der Vizepräsident der Amsterdamer Internationale JoUhaux erklärt, auch er müsse intervenieren, um den Insinuationen, ja den direkten Anklagen des Professors Brentano zu entgegnen. Der Vorsitzende Thomas unterbricht hierauf die PeHanÄungen, M. morgen fortgesetzt werden. eine goldene Kette, Schuhe und ein Ridikül sowie anders Gegenstände gestohlen habe. Die Angeklagten gaben zu ihrer Verantwortting an, sie hätten sich wegen Evmordnlig des Matthias F'r e mm e I rächen wollen. Sie lasen an jenem Tage den mit ’ „Das Schächtcrmesser" überschriebenen tzlrtikel des „A Nep", der bekanntlich den Gegenstand eines Strafprozesses bildet. In diesem Artikel wird den >Jnden die Schu.ld an dem- Tode F re mm els z ngcschrieben. Hiedurch anfgcreizt hatten sie sich zu den De-monstrationen hinreißen lassen. Die Verhandlung wird niehr-eve Tage dauern. Stromwächter als Raubmörder. Budapest, 2. Oktober.. (U. T. Ä. B.) Das Willtär.» gericht hat heute in den: Prozeß gegen mehrere Ätitgliedcr der Stromwache, bic in: Frühjahr einen Raubmord- Versuch all einem I u w e l i e r in der Königsgasse besangen hatten, das Urteil gefällt. Der Angeklagte D ä m ötör wurde wogen Raubes, Diebstahls und schwerer Körperverletzung zu s ü n f I a h r e n, K ö v e s i weger? Raubes und Diebstahles zu dreielnhalb Jahren schweren Kerkers -und Papp wegen Fluchtversuches zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Marffys Bombenwerfer gestorben. Budapest, 2. Oktober. (U. T. K. B.) Eine der Per» foneu, die tvegeu des B o m b e n a t t e n t a t e s . g e g e u das Eltsabethstädter Kasi n o angeklagt sind. Stephan Chria^zti ist heute früh gestorben. Chnaszti, 'der an Lungenschwindsucht litt, war gestern früh aus dem Jnquisitenspitäl entlassen und in die Wohnung seines Vaters gebracht worden, da die Aerzte konstatiert hatten, daß sein Leben nur mehr nach Stunden zähle. Fnlaud. Der Handelsvertrag mit der Lschecho-Slowakei. Gestern ist die tschecho-flowakische Delegation M Führung der H a n d e l s v e r t r a g s v e r h a n d l u n g c n zwischen der &s che cho-S lowakei und'. O eft c rrei ch nach Wie.n abgeveist; Führer der Delegation ist der bevollnlächtigt« Minister Ing. D v o r a c e k. Die Verhandlungen beginnen heute.; > Me öt»de«ten«atio»e» an der Technik. Eine Eingabe der jüdischen Studentenschaft. Eine Abordnung des jüdischen H o ch s ch u l a u sschufses -sprach geistern im Rektorat der technischen Hochschule vor und überreichte dort eine Eingabe, ' in der der Ausschuß namens der jüdischen Studentenschaft zu der bekannten Kundmachnug betreffs Ein führ :mg der Studentennationen Stellung nimmt. Die jüdische Studentenschafft, die entgegen einer im Sommer gemachten ZnfaHe zu keinerlei Vorbesprechungen über die projektierte Reform zugezogen wurde, macht in ihrer Eingabe den Positiven Börsetag, die Vertretung der Studentenschaft auf der Basis der vollen Gleichberechtignug aller Hörer zu bilden. In der Eingabe heißt es unter anderem: Das Prinzip, auf Gvnud dessen der akadeinischL Senat die Vertretung der Studentenschaft den Ho chschulbehörden gegenüber regeln will, wahrt nicht die Rechte aller akademischen Bürger. Der Jüdische Hochschulausschuß glaubt nicht, daß eine -derartige Regelung die im Punkt 6 der Bestimmungen angedeuteten Zwecke. erfüllen kann. Eine Trennung der Bertvetungskörperschast der gesamten Stüdenienschast nach Nationen, von denen einer ganz e xz e p't i o» nerle Rechte zugebriligt werden, könnte lediglich zur Vergrößerung der Meinungsverschiedenheiten beitragen. Wer nicht nur akademische Bürger, sondlern ganz speziell ajuch österreichische Staatsbürger würden durch diesen Erliß in ihren staatsgrundgesetzlich festgelegten Rechten verkürzt wedren. Der Jüdische Hochschulausschuß steht nach wie vor ans dem Standpunkte, daß eine Vertretung der Studentenschaft nur nach dem Prinzipe der vollste-n Gleichberechtigung sämtlicher akädemischen Bürger gewählt werden soll, und daß nur eine solche Vertretung wirklich gedeihliche . Arbeit leisten kann. Der Jüdische Hochschulausschuß strebt die Bildung gern ei nsamer S tudeut e nvertretungen an allen Hochschulen Oesterreichs an, die auf Grundlage des gleichen und allgemeinen- Wahlrechtes aller akademischen Bürger gebildet, die Rechte aller Studierenden gleichermaßen wahren sollen. Die Bildung der Studentenbertretungen im Sinne des Senatsbeschlusses würde die Entstehn ng einer allgemeinen Studentenvertretung erheblich erschweren. Einmal ins Leben gerufene Studentenorganisatio-nen, die mit Sonderrechten ausgestattet sind, werden der Bildung einer allgemeinen, gleichen Studentenvertretittlg heftigen Widerstand leisten und so die Erreichung eines von der gesamten Gtiudentenschaft seit Jahren angestrebten Zieles für lange Zeit vereiteln. -««»'■.