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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-01 · Heft 2020 (1.10.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2020 (1.10.1924)
Date
1924-10-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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r'; •, LITERATUR BEI LAGE DER. .WIENER MORGENZEITUNG" N intimer 29 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 1. Oktober 1924 ^ADMINISTRATION: „WIENER MOEGE^ZEITülSrG“, II., TABORSTR£65E 1-3 Büchersammeln. Mit dem Besitze an Büchenv den sich einer anhäuft : nicht in der Form des bloß Lektüre-mäßigen Ansichräffens, welches im Kopfe zur Bildung eines niehr oder minder gespenstischen Sammelsuriums führt, sondern mit Jenem tatsächlichen Besitze an Büchern, der sich auf Tischen, auf Waudborten und in Schranken anwachsend ausbreitet —, wird die Gewähr und das Hilfsmittel eines, weit bis ins Alter vorgetriebenen Jung-, Biegsam- und Spannkräftig- Bleibens geschaffen. Eine Bibliothek besitzen, gleichgültig, ob diese klein oder groß ist, , heißt die Erlaubnis haben, sein Inneres unbeschwert von hemmender Gedädhtniskst zu erhalten. Und hier ist nicht so sehr jene Gedächtndslast des Wissens und der Bildung gemeint,, obwohl gerade sie nicht wenig zur Abnutzung und Entjugendhöhung des Menschen beiträgt, sondern jene schwerere, jene episch-seelische Gedächtnislast, die den Menschen an seine früheren Ichzustände kettet und ihm aufzwingt, diese gewesenen,. diese durchlaufenden Ichzustände fortwährend als gegenwärtig, bei sich zu tragen, Wer als Leser Bücher kauft, sammelt upd bewahrt, der kann diesen Augenumd Ohrenzeugen seiner Erglühung^n, seiner Hänge, seiner Niederlagen ruhig die Aufgabe Überlassen, den Zusammenhang seiner geistigen Lebensentwicklung in pbhut'zu nehmen und zu veranschaulichen. In diesen Rücken an Rücken gereihten Gedichtbüchern, diesen Romanen, diesen Nachschlagewerken, diesen Einzeluntersuchungen, da steht in Fächer geordnet und fest geprägt, was ihr Leser angesichts des Mitgeteilten de-reins-t nicht nur dachte, wollte und empfand', sondern was er in aller Wirklichkeit war. Lockt es ihn nun zu erfahren, wer er war, zehn und zwanzig Jahre zurück, so braucht er nicht in seinem Gedächtnisse zu wühlen und sich mühsam die Beschaffenheit ' einer überwundenen Seelenhaltung ' zusammenzustückeln: Er geht am seinen Bücherschrank, und wenn er^hiei* den einen, dort den anderen Band 'herauszieht, da wird es ihn wie aus Tagebuchaufzeichnungen ähströmen von der Gewalt jener Stunde und jener Geschenke, die er dem Buche einstmals machte und die er von ihm einstmals empfing. GeKI einem Bücherfreunde, der seine Büch’ersammhing mit der Aufgabe betraut hat, für ihn die Arbeit der Gedächtnisaufspeicherung zu übernehmen, und der dadiurä die Möglichkeit gewonnen hat, sich für seine Person von der Last des Gewesenen frei zu halten, geht einem solchen gewissermaßen zeit* los bleibendem Bücherfreunde sein Besitz an Büchern durch; Diebstahl, Brand, Plünderung, Verkaufs zwang oder sonst ein Verhängnis verloren, so ist dieser freilich genau so schlimm, ja schlimmer daran als irgendein anderer vom Unglück heimgesuchter Sterblicher. Wo Andere sich ihrer Sachgüter beraubt sehen, oder wo einer; um teure Angehörige, um sein Vaterland, um seine. Ehre kommt, da geht es noch immer um den Verlust von Werten, weldhe zwar in die geistige Wachstumslinie des Menschen mit hlneintgeliören, aber nicht eigentlich die hütenden Behälter, die zurückwerf enden Spiegel dieser ,Wachstumslinie sind- Bei dem Verluste von Büchern, namentlich wenn sie unersetzbar sind oder wenn es die Geldmittel ihres Besitzers nicht gestatten, den Schaden wieder gutzumachen, kann es hingegen geschehen, daß der Betroffene mit diesem Verluste sich um den Besitz des eigenen Selbstes gebracht sieht, sofern fortab die Spiegel vernichtet sind, in denen er sich, wenn er .sich vor diese hinstellte, als eine mit sich selbst übereinstimmende, so und so gewordene und bestimmte Persönlichkeit erkannte. Der Verlust eines Buches kann also — worauf die Entleiher von Büchern viel zu wenig ihr Augenmerk richten, da sie meinen, es drehe sich lediglich um kostenmäßig feststellbaren Schaden, — für den Besitzer bedeuten, daß fortab eine ganze Strecke seines gelebten Lebens dunkel, eine ganze Strecke der zukünftigen Lebensreise unbegebbar wird. Das Unglück großer Bibliotheksverheerungen wie die Einäscherungen der Bibliotheken von Alexandrien, von Löwen hat nicht darin allein seine Schändlichkeit, daß große gegenständliche Werte der Vernichtung anheimfielen: Theaterstücke, Ingenieurberechnungen, Aufzeichnungen über Naturwunder. Zuletzt weiß der Menscherigeist aus der Fülle seiner Schöpferkraft der- I WilheSm Srausnälier & Sohn I Abteilung: Antiquariat | -------- Wien, I. Bftz.| Bauernmarkt Nr. L a -------- lei Leistungen wohl wettzumachen: er setzt neue Aesthetiken, neue Erfindungen, neue' Naturbeobachtungen an die Stelle der verlorenen. Aber unersetzlich ist das in Schrift und Buch festgehaltene, In Schrift und Buch verbrannte Zusammenhangsgefühl mit dem eigenen Werden, jene Summe seelengeschichiHcher Anknüpfurigspunktei von wo aus der menschliche Geist, Vergleiche ziehend zu einstmaliger Schwäche, Unbehölfehheit/oder schon eroberter Lebensübersicht, gewissermaßen im Wetteifer, mit sich Seiher, empor* zuschnellen vermag in; neue, noch kühnere öipfelimgen. ■ (Friedrich Markus Hühner: „Das Buch und der Mensch.“ Karl Rauch Verlag. Dessau.) verlangen Sie von HELLER (BURUMI I? Bauernmarkt kostenlos! LEBEN IM BÜCH Anthologia Helvetica (Deutsche, französische, italienische, rätoromanische und lateinische Gedicht e und Volkslieder; herausgegeben von Robert Faesi, Ins e I -Verlag, Leipzig. — Bibliotheca mundi.) Die Schweizer sprechen ihr Schwyzerdütsch nicht nur dort, wo es gilt, sich dem Volkstümlichen aus momentaner Stimmung oder anderen Gründen anzubiedern; das ganze physische und geistige Leben ist mit ihrer Volkssprache weit unauflöslicher verbunden als bei irgend einem anderen deutschen Volksstamm. Daß diese Volkssprache sich nicht auch im Schrifttum selbständig machtg, liegt gewiß nicht an der mangelhaften Ausbildung und Ausdrucksfähigkeit. Und so macht die Umbiegung des inneren Lebens ins Schriftdeütsche kaum einen folgenschwereren uiid verhängnisvolleren Ueberbruch durch als etwa bei Juden, die ihr Jiddisch ins Deutsche durchzwängen und umfälschen'. Das will sagen, daß der Schweizer, so lange er nicht Schwyzerdütsch schreibt, keine unmittelbare Äusdrucksmöglichkeit hat; er ist so lange, ohne eigene Muttersprache, stumm. Er übersetzt sein inneres Leben, Dies allein schon schlösse eine wirkliche lyrische Entfaltung aus, die doch nichts anderes ist als der unmittelbare, nächste, geradlinigste Ausdruck. Kommt aber noch hinzu, daß das schweizerische Wesen hauptsächlich episch veranlagt ist. Die drei: Jeremias Gotthelf, Gottfried Keifer und Conrad Ferdinand Mey er (ja, und Conrad Ferdinand Meyer, trotzdem dies, vielleicht mit einigem Uebermaß in den schweizerischen Schulen eingeschärft wird!) überwiegen allein zweifellos, alles, was sonst in allen übrigen deutschen Ländern an Epik geschaffen wurde, mit Leichtigkeit, Abgesehen von einer Ausnahme (Stifter) haben sie ganz allein der deutschen Literatur eine für das gesamte Volkswesen symbolische epische Prosa-Gestaltung gegeben. Aber; im Lyrischen sind sie hilflos. Dies wurde schon vor mehr als einem Jahrhundert ähnlich festgestellt und seit damals haben die ehrwürdigen lyrischen Versuche des bedeutenden J. G. von Salis-Seewis, Gottfried Kellers, Meyers und Leuthoids dieses Urteil nicht abzuänderh vermocht. (Die maßlos überschätzte Wertung Spittelers in Seihet Heimat ist in der Leistung; dieses Schriftstellers erstaunlich wenig begründet). / . Aber auch, die Heraüsgebertätigkeit Faesis Befriedigt hier wenig. Auf das Patriotische, zuweilen sogar Lokalpatriotische, wurde gar zu viel Gewicht gelegt. Bei vielen Stücken reichen die angegebenen zwei Auswahlprinzipien: „der ästhetische Wert nach unserer moderhen EmpHrtdüng4* öder „geschichtliche Bedeutsamkeit“ zur Begründungihrer Aufnahme in die Sammlung nicht aus. Unter anderen, sämtliche Gedichte Adolf Preis (mehr als 8 Seiten — hingegen Leuthold 11, Meyer 16 usw.O, der zwar ein fleißiger Literaturhistoriker, aber durchaus kein Dichter war. Ebenso ist die Aufnahme der Lieder und Gedichte von Zwingli, Lavater und jakob Burkhardt durch das Prinzip der „geschichtlichen Bedeutsamkeit“ kaum zureichend begründet. Deren geschichtliche Bedeutsamkeit lag wohl auf einem ganz anderen Gebiet, ihren dichterischen Produktionen kann keine zugesprochen werden. Von den bedeutenderen Dichtern wurde zu viel Patriotisches, auch wenn es dichterisch belanglos war, aufgenommen. Die „heuere Lyrik in Mundart44 (S. 39—75) macht durchwegs einen dilettantischen Eindruck. Hingegen wurde das Volkslied (auch in „Mundart“; so bezeichnet der Schweizer, Faesi, seine Volkssprache!) viel zu wenig und mit'zu wenig Liebe berücksichtigt. Und doch sind drei von ihnen: Lueget vo berge und tal, von Josef Anton Henne (1798—1870); Uff em bergeli (wahrscheinlich von Alois Glutz 1789—1827) und das köstliche, anonyme „0 du liebes ängeli“, nicht nur di« schönsten Lieder des Buches, sondern sie weisen aueft kräftige Ansätze zu einer wirklich wertvollen nationalen Lyrik auf. (Die prächtigen Kuhreigen und Küherlieder sind für einen solchen Ausgangspunkt zu sehr in ihrem Charakter als „Zunftlieder“ befangen.) •, Gut ist die Zusammenstellung der lateinischen und mittelhochdeutschen (höfischen und geistlichen) Lieder. Sie weisen aber wenig spezifisch Schweizerisches auf. DiA lateinischen heben sich aus der geistlichen Lyrik der katholischen Kirche, in der ihnen eine wichtige Bedeutung zukommt, durchaus nicht in. einem nationalen Charakter ab. Ebenso wenig wie die mittelhochdeutschen aus der Umgebung der zeitgenössischen deutschen Dichtung. . > Zu loben ist die Auswahl der Gedichte Albrecht von Hallers, ebenso die des bedeutenden Dichters Job. G. von Salis-Seewis. Leuthold, Keller und Meyer wurden offenbar mehr nach literarischen oder biographischen Gesichtspunkten als nach ästhetischen zusammengestellt. Insbesondere ist. die dichterisch-lyrische Physiognomie Kellers durch die getroffene Auswahl arg entstellt. Von den modernen Schriftstellern, wie Max GeiHnger, Max Pulver, 8. D. Steinberg (dieser Ostjude verbirgt seine ehrlichen zwei biblischen Vornamen hartnäckig hinter den diskreten Initialen) und Robert Faesi (dem Herausgeber der Anthologie; mit zwei schwachen Gedichten vertreten) ra^' als einzige wirklich bedeutende Begabung, trotz sichtlich' starker Beeinflussung von Rilke, der wenig bekannte Dichter Karl Stamm hervor. Er hat, was die Erwähnten nicht haben, Sprache, Unmittelbarkeit uiid ein Antlitz, Trotz der'. Fehler'beansprucht eine solche Anthologie mit Recht eift über die durch die Aufgabe gesteckten Landesgrenzen hinausreichendes Interesse. Einem Leser, der zu lesen versteht, enthüllt sie weit mehr über das Wesen eines Volkes als es dicke theoretische oder ethnographische Bücher vermochten. Sie gibt über den innersten Kern des Volksgeistes Aufschluß, also über das innerste Wesen des Menschlicheil, mit dem er Irgendwie .merkwürdig Identisch ist. ‘; HMHy A. E. . Die besten Bücher der Welt , Der Bibliothekar 4er Londoner Staatsbücherei, Doktor Hagberg Wright, bat dem Völkerbunda-usschuß fürgeistige Zusammenarbeit einen Vorschlag vorgelegt, unter dem Protektorate des Völkerbundes jedes Jahr eine Liste der sechshundert besten Bücher, die in den vorhergehenden zwölf Monaten erschienen sind, zu veröffentlichen. Da diese Anregung einstimmig angenommen wurde, hat Wrightden Plan ausgearbeitet. Sein Gedanke ist, daß die jährliche Liste 600 Bücher nicht übersteige und daß die Bücher überaus billig sein sollen. Er wll nicht alle Gebiete einsohließen, sondern die Auswahl auf Geschichte, Volkswirtschaft, Politik, Kunst, Wissenschaft, Topographie und Reisen, Literatur, Theologie, Philosophie und'Nachschlagewerke beschränken. Noch in dieser Beschränkung ist das eine sehr umfassende Liste. Sport und Musik sind die wichtigsten Gebiete, die ausgeschlossen sind, wenn man annimm’t, daß „Literatur" Poesie, Roman und Drama umfaßt. Jedes Land, das Im Völkerbund vertreten ist, ward eingeladen werden, einen für-die Auswahl verantwortlichen Vertreter zu ernennen, hauptsächlich Leiter staatlicher Bibliotheken, die mit Fachleuten oder einer gewählten Körperschaft sich über die Aufstellung der Listen beraten können. Länder; die 50.000 Bücher und mehr im Jahre veröffentlichen, haben daS Vorrecht, 40 Bücher zu nennen, und der Anteil nimmt verhältnismäßig ab, so daß diejenigen, die jährlich 5000 ■ veröffentlichen, 10 Bücher benennen können. Das literarische Dreieck. Drei Doktoren: Walter C;; ke 1 ch, Jo Lherman.und Boris Wassermann, geben eine .Monatsschrift für Wissenschaft,. Kunst -und Kr.dtz“ heraus, die sich „Das Dreieck“ betitelt und im Dreieck- Verlag (Gerhard Fuchs), Berlin W. 50, erscheinen wird. Die Herausgeber werden im ersten Heft mit folgenden Beiträgen vertreten sein: „Onan“ (Gutkelch), „Liebn^nfahlie" (Lherman), „Nation, Staat, Horde“ (Wassermann), ferner Beiträge von Paquet, Döblin, Messe, E. E. Kisch und andere. Ued«s Wäbpc Müi) BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN, l. ROTfcNTURMSTRASSE 22 wiagn-.—intini» . imjtfiiitmTinrr

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