Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2019 (28.9.1924)
- Date
- 1924-09-28
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2019 Wien, Sonntag .>——. .- -» Wiener Morgenzeitnng. - -■ — - --rv-r-1—-- . . 28. September 1924 Seite A Masken. Bvn Anton Tschechow. Hnter düm DiltÄ ^Vnn -t t Ge § ch >i 6) t-e n" «Lchvmen ldomwächst ttr dem-tischer Stzvache z-unn ' eysten Make -übersetzte EHäHlwvaM und GZWen Srs-^votzen ivuMchen Dichters Anton. Tis-che- Hü'do. Die U>&0Efcm®iii% 'hesorigten Dr. Haus 'Halm und dov Proisissor cm der .Irk-ulLker UnisiersM De. Wcha.vd &off*n<s<iut. Der Rh u<ni*' üus-De rla^ in Wien W uns die Aushmg^ogen dieses neuen interessanten Buches Mr BevsÄHu>n>A gestellt, dem wir die Mchstchenden - chavamerMschen- Sktzzen eabnÄimen. WerÄt. Ainf der Straße 'bewegt sich eine ,bunte Menge dM betrunkenen Schaspetzen und Pchjjacken. Gelächter, Gchprache, MuM und Tanz. Der Menge down 'springt ein Nv'vnvr Soldat M einem ulten Mäntelchen mit einer -schief auWsetzten Mütze. Ein Unievoffitzier kommt dom Zug entgegen. „Warum leistest du mir keine Ehrenbezeugung?" — Der „Unter" stürmt sich auf den kleinen Soldaten. „He? Wamm? Halt! Wer bist du? Warum?" ,Mor Bester, wir sind doch Masken!" sagt der Wi-n-e Soldat mit einer Weiborstimme, und die Pienge bricht mit dem ,hinter" zusammen in La-utes Getächter ans . . . „■>. . 4: ' ... In einer Doge sitzt eine schone, volle Dame; -ihr, Eder Zn bestimmen, ist schwer, doch sie ist -n-och jung and Mrd noch lange' fu'ng bleiben... Sie ist luxuriös ge- Koidet. Mn ihren weihen Armen tragt sie massive Armbänder, an der GrUst -eine Brillantenbrofche. Reden ihr Liegt vin Pelz, -der tausend Rubel wert ist. Aus dem Gang erwartet sie ein galomert-sr Lakai -und auf der Straße ein Mvppengespa-mrnnd ein Schlitten mit einer Bärendecke... Ihr sattes, schönes Gesicht -und 'das Dru-m und Dran schien AU sagen: ,^Ich bin Mcklich n-nd reich." Glauben Sic es aber nicht, lieber Leser! „Ich bin eine WLaske," denkt sie. „Morgen oder über- IMorgen wird Radüle dem Baron gehören rlnd wird mir all dies wieder wegnchmen. . ." V . . . Am Kartentisch sitzt ein dicker Herr im Frack mit einem dreistöckigen Kinn und weißen Händen. Roben seinen Händen liegt ein .Haufen Geld. Er verliert, aber läßt den Mut nicht sinken. Im Gegenteil, er kachelt. Ihm liegt nichts daran, tausend, zweitausend zu vertieren. Im Spersetz'tmmer servieren einige Diener für ihn Austern, Champagner und Fasanen. Er liebt cs, gut zu Abend zu psien. Rach dem, Essen wird er in seiner Eguvpage zu ihr fahren. Sie erlwartet ihn. Lebt er nicht wirklich gut? Er ist glücklich! Doch/ seht nur, was für ein siaistnn durch sein verfettetes Gehirn kriecht: ,^Ich bin eine Maske. Wenn die Revision kommt,... werden alle erfahr-en, idaß ich nur eine Maste dm! . . . . . Bor Gericht verteidigt ein Advokat eine Angeklagte ... Cs ist eine hübsche Frau mit unsäglich traurigem Gesicht, sie ist amschiMg. Gott weiß es, daß sie unschuldig ist! DieWugen des Advokaten flammen, seine ltzangen glühen, in seiner Stimme kann man verhaltene ränen hören . . . Er Leidet für -die Angeklagte und wenn uit sie schuldig spricht, wird er vor Schmerz sterben! . . . as PUbWum hört -ihn, iist vor Entzückert starr und irchte-L nur, daß er bald mit seiner Rede fertig wird. „Erst ein Dichter,", flüstern die Zuhörer, doch er hat sich nur;ie dRasike des Dichters geborgt. ,Mirde mir.der Kläger um einen Hunderter mehr -Mn, so würde lich sie h'mviUlegen!" denkt er. „Als An- Mger wäre ich öffektvoller!" 4lIm Dovfe' gcht cm 'betrunLenes Bäuerlein herum, singt imd winselt auf der Harmonika. Auf seinem Gesichte liegt Rührseligkeit des Betrunkenen. Er kichert und tanzt. Er lebt fröhlich, nicht wahr? Rein, er ist eine Maske. „Ich möchte so gerne «was fr-essen," denkt er. ... Der funge Acht, der Professor geworden ist, hält seine Antrittsvorlesung. Er versichert, daß es kein größeres Glück gebe als das, der Wissenschaft zu dienen. „Die Wissenschast ist alles!" sagt er. „Sie ist das Leben!" Und man gjlaubt'Hm. . . Doch würde mm ihn eine Maske heißen, wenn man, hätte hören fü.mcn. was n feiner Frau nach der Vorlesung sagte. Er sagte ihr: ,^Ietzt, mein.'Kind, bin ich Professor. Gin Professor hat eine gchmnal.größere Praxis als ein gawöhMcher Arzt. Jetzt .rechne.ich aus ffmsUiNdAtvaMgtausend im Jahr." . - ■ ■ _ 4c- - ■... ... ^>echs Wulffahrten, tausend Lichter, eine M6nscheninenge, Gendarmen, Wucherer. Das ist das Theater, lieber seinen..Pforten stehtwie ans Bentvwsikijs Eremitage: „Satire und Moral". Hier zahlt manschweres scheibt man. lange' Aezeusioneü, appmudiert.man hWg und zischt selten . . . Ein Tempel. Doch 'dieser Tempel ist eine WLaske. -Nehuit die ,Ausschvrft „Satire und Moral" herunter und ihr-könnt unschwer lesen: . . .. - - - , > . „Eine Fälle mch eine^ Grimasse.* -. eirr Roman von Slngnfte Häuschner, beginnt Mittwoch den 1.'Oktober in der „Wiener; Morgenzeitmtg" zu evschei-nen. Wir erachten es M unsere Pflicht, den Lesern der ' „Wiener MorgeWitung" die Bekanntschaft mit einem Werke der xüdifchen Schviiststellerin zu veriuitteln, welche 'einen unermeßlichen Reich tuijr an starker dichterischer Empsindtmg und an fühlender, edelster Menschlichkeit besaß, deren Werk doch/ weil Auguste. Haufchners beschei-deii-zl'liiges Wesen so wenig ans sich zu machen verftand, ganz uh gar nicht in die „Nomaumode" kam. Vor ■ v- - MMdM ^.7"^> \''+ WWA-'t&A^ Auguste Häuschner. Moj.aim ist Auguste Häuschner. still und ruhig, wie sie gelebt, verstorben, und es waren nur wenige, die ihrer gedachten. Die es taten, zählen freilich zu den Bosten. In Berlin, wo Auguste Häuschner lange Jahre lebte und ihre Werke schuf, von demn eigenitlich nur ihr Roman „Die Familie Lowvfitz" in weiterem Kreise bekannt wurde, hatte diese gütige Frau die edelsten Geister der letzten Generation deutscher Juden an sich gezogen. Fritz Mautner, der nicht lange vor ihr verstarb, Gustav Landauer, der von Mörderhand fiel, Hedwig Weiß und viele andere üvaren der nmttevlichen Auguste Häuschner „Sorgenkinder". Aiit ihnen lebte sie bescheiden und still, halb vergessen in der deutschen Hauptstadt. Aber ihre Heimat war Prag und ihr Blut jüdisch. Und beides, Heimatstadt und Blut, klingt aus ihren Werkenin kchtbare Form gefaßt, inaner tvieder. Am stärksten in ihrem Roman „Ae Stadt an der Moldau". Aus diestni Roman sollen unsere Leser das dichterische Wesen Auguste Haufchners kennen lernen. Prag spricht zu ihnen, das Prag jener Zeit, da die Glut des Weltbrandes am Hirmnetl stand, das t s ch -e ch i s ch e P r a g, das Deutschüim in Prag und das jüdische Prag, Prag von jener Sonue nmgoldet, die auch aus den. schwersten Sdurmivolken leuchtet -auf jene Menschenstätten, welche durch die Tradition geheiligt sind.' So sah Auguste Häuschner ihre Heimatstadt mit jenem Sinn für die Tradition, den jüdisches Empfinden vevleiht. Aus diesem Umstand null und wird auch sicher Auguste Hanschners Roman boi unseren Lesern Anwert finden. (Gespräch mit einem weltberühmten Arzt.) . . Bon Bela Szenes. Ort der Handlung: Der gewohnte Ecktisch in meinem gewohnten Klub. Zeit: Zwei Wochen vor der Premiere lueiues neuen Theaterstückes. Ich faß an dem Tisch und trauerie. — Aus meinen qälendeu Gedanken wurde ich durch , meine Wahrnehmung ausgeschreckt,' daß ein Herr am Nachbartische mich beobachtet und zeichnet! Oh! Wieder der Zeichner einer Dheater-Wo-chenzeitung, schrecklich! Me ich das verabscheue", dachte ich und wandte meinen Kopf so um, daß der betreffende Herr mein schöneres Profil sehen konnte. ' „Auch das ist nicht schöner," sprach er -lächelnd, nachdem er wahrscheinlich meine Gedanken erraten hatte. Er stand ans, trat an meinen Tisch und stellte.sich bescheiden -ltzir: „Dr. Weltberühmt."- . ,, . „Oh, es freut mich, und ich gratuliere Ihnen zu Ihren Beöfl!chen," sprach -ich degeistert. > , .. u „Herr Redakteur kenneri also weinen-Namen?" . '. „pti; sollte Sie nicht kennen. Ms gibt 'keine, häßlichen Naseu mehr-. Fünfzig Besprechungen und zwei Dutzend wissenschaftliche Abhandlungen habe ich ich über Ihre weiltberühmte^ Operationen, gelesen." - -! „Wenn Sie. mich, kennen,. Herr-Redakteur, und von meinen Operationen gehört haben, -staune ich wirklich -):.arubrr,.dast,Slss..sichnoch. immer an Ihre Nase klammern." H .„Daß ich mich daran .klammere?" ,/Bitte nicht -böst zu sein, aber eine solche Nase trägt heute niemand mehr. Wenn Sie.mich morgen mit Ihrem Besuch beehren wollten, könnten Sie nach einer 15 M-ü nuten dauernden, schmerzlosen Operation, -mit einer kurzen Nase meinen Operationssaal verlassen. Ich habe Sie vorhin vom Nachbartisch aus beobachtet und einige schnelle Umrisse gemacht. Das sind Sie mit Ihrer heutigen und - ineiner Ansicht nach absolut unverwendbaren Nase. Mer diese Nase deckt vielleickst Ihre Jndividüalltät. Jedoch hier, diese englische Nase — zu solch blauen Augen können Sie auch keine andere tragen. Ich würde an Ihrer Stelle diese wählen." „Also... es wäre ja ganz hübsch. . . ich sage ja nichts . . . aber wissen Sie, -ich habe mich an meine Nase schon einigerniaßen gewöhnt . . . und' auch die Menschen sind.. „Bitte, ich gebe zu, daß man sie hier in Budapest gewohnt ist; Sie sind jedoch Journalist, müssen oft ins Ausland reisen, eventuell zu einer ausländischen Premiere — verzeihen Sie, es -ist doch ganz etwas anderes, wenn Sie bei einer solchen Gelegenheit mit einer entsprechenden Nase vor dem ausländischen Publikum erscheinen."^ „UA Sie glauben, -daß man aus nceine^ dtase eine schöne Nase -machen könnte?" „Auch zwei, bitte — Herr Iour-nalist dürfen überzeugt sein, daß ich, da es sich ja sozusagen um eine Reklamenase handelt, alle meine Kräfte anspannen und das Beste bieten werde, -was in Nasen überhaupt denkbar ist." „Und sagen Sie, bitte, ist eine solche Nase dauerhaft?" „Aber ich bitte ..." „Denn ich vermute, -daß meine Kollegen, -wenn ich miit meiner neuen Nase zum ersten Male hier sin Kllrb erscheine, -rnich überfallen, und ans purem siebernr-ut -beschädigen werden." „Erstens ist -die neue dias-e nach kurzer Behandlung im 'Sanatorium ebenso stark als die alte war, zweitens werden auch Ihre besten Freunde nicht merken, was mit Ihnen vorgegangen, ist. Sie -werden nur sagen: „Oh, der Mann ist gar nicht so schrecklich häßlich, wie ich bisher glaubte." Uebrigens, machen Sie, bitte, -einen Versuch, die Sache ist gar nichts so Großartiges; wenn Sie sich einen neuen 'Frühjährsanzug nrach-en lassen, so kostet er Sie — glauben Sie mir — wenigstens genau so viel Geld. -Zeit und Mühe. Darf ich Sie also morgen erwarten?" „Unbedingt." vormittags u-m 10 Uhr?" „Ich werde dort sein." Ich versprach es, aber ich war woch nicht dort, weil! ich in derselben Nacht träumte, daß die Operation vorbei war, daß ich -meine moderne neue Nase jedoch bloß zwei 2x1-8 stolz getragen habe; denn schon am dritten Tage überfiel mich eine furchtbare quälende Sehnsucht ' nach meiner alten, gewohnten Nase. ' Und als ich erwachte, griff ich beglückt -nach meiner - Nase. (Autorisierte Uebersetzung aus dem U-ngarischm von Maurus M ez e-i.) Bon Walter Finkler. „Was geht das mich an, was Zoesis heißt, wozu öralichich das wissen? Ich habe schon so lang gelebt, ohne voueiner Zoesis zu wissen, ich werde noch weiter leben, ohne es zu wissen!" Alle Achtung vor deiner Indolenz, du Leser, den es augeht, aber glaube mir, wenn du so dachtest oder sprachst, dachte nnd sprach die Zoesis in dir. Eben jene Zoesis, um die es hier geht. In einer süßen Dämmerstunde schaust du in das reizende, niedlentzückende, seelenvolle, berückende, göttliche, kurz, in das .".ilstig-bombastische Antlitz deines Liebst in die dunkeln, iefen Augen, .du siihlst den seidenweichen, warmen Körper, der Duft des Fleisches umnebelt deine Sinne . .. Eine Stunde später. Getreu dem aus Zensnrgründen unübersetzbaren lateinischen Sprichwort: primum cohabitare, deinde philosophari,'sagt sich der Denker in dir. Ättßmutig philosophierst du: Das was du vor kurzem als seelentiefe Augen bewundert hast, ist eigentlich nur dunkler Farbstoff der Regenbogenhaut, und in Wirklichkeit ist die Regenbogenhaut nicht einmal schwarz, es kommt dir nur so vor. I n Wirklichkeit w ar d a s n u r A et!) ersH Win gun g. Je nach der Wellenlänge der Schwingung siehst du schwarz. Oder wir Oder gelb. Draußen inderwirklichenWeltgib es keine Farben, gibt es nur Schwingungen i n f i n st e r e r Nacht. Selbst bei hellste m S o n n e n s ch e i n. Die verführerische, wohlige Wärme ihres Körpers — du erschauderst sind Molekularbewegungen. Sind die Moleküle des geliebten Körpers in lebhafter Schwingung, dann Mlst du warm, die langsame Molekülbewegung ist dir k a l t. Die gelehrten Physiker haben es nachgewiesen. Draußen in der Außenwelt, zu der auch dein leibeigener Körper gehört, gibt es kein Warne und Kalt. Nur Molekülschwingungen. Bittere Kälte, besser TemperaMrlosigkeit in g l ü h e n d e r S o n n e n h i tz e. Du schmiegst dich an den Körper deines Liebs. Ein rmsciübarrs Wonnegefühl durchrieselt dich. Wonnegefühl L Aber mir, in Wirklichkeit berührte ein M o l e k ü l k l u m p e n den anderen und in der einen Molekülgrnppe, die wir Nerven heißen, ging irgend ein chemischer oder elektrischer Pr'ozeß 'vor. Als Wonnegefühl empfandest du es. Was? Du antwortest mir; dir ist die Illusion lieber, du willst die Illusion beibe- 'halten. Du w i ll st?! O nein, du m » ß t! Du mußt diese Schwingungen als Licht, jene als Wärme, andere tvieder als Schall empfinden. So will s i e es, die du dein Lebtag nicht los werben kannst : d e i n e Z o e s i 8. Zoesis ist kein Ding, es ist ein Wort, bas deinen Eindruck von den Dingen der Welt im Gegensatz zu deiner reineren Erkenntnis bezeichnet. Deine Zoesis sagt: der Ofen ist w a r m. Deine Vernunft sagt, so bu überhaupt physikalische Kenntnisse hast: die M o l e k n l e des Ofens sind'in b es ch le nn i g t e r Bewegung. Das Wort Zoesis erinnert mit Recht an Z o o n (das T i e r). D a 8 T i e r h a t nur Z o e k i s. Er Ja™ sich vSi :.n .d:m -.v.,"» s*&