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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-28 · Heft 2019 (28.9.1924) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2019 (28.9.1924)
Date
1924-09-28
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2019 Mm, Sonn'W Wkenee Movgerrzeitung. 26. Schtomber IM Seile 7 AMr Ha-Kalir. Bon S. Meisets. - Unter den in die Gebetordnung für das Neujahrsfest und den Versöhnungstag aufgenommenen Gebetstücken, die zur Belebung und Verschönerung des öffentlichen Gottesdienstes an den hohen Feiertagen Leitragen sollen, nehmen die religiösen Dichtungen, „Pijutim" genannt, eine hervorragende Stelle ein. In der hebräischen Poesie, die jahrhundertelang fast ausschließlich religiöse Poesie war, bilden die Pijutim eine ganz eigenartige Kunstdichtung. Wann die ersten Pijutim entstanden sind, kann man mit Gewißheit nicht angeben. Eine Stelle im Midrasch Wajikra läßt indes die Annahme berechtigt erscheinen, daß schon im siebenten Jahrhundert einige liturgische Dichtwerke an die Gebetordnung angeschlossen worden seien. Leopold Zunz, der über diesen Gegenstand das Tresflichste geschrieben, weist nach, daß mehrere dieser allmählich in die Gebetordnung aufgenommenen Arbeiten nicht gerade von einer Behörde ausgegangen oder von Anfang an für die öffentlichen Gottesdienste bestimmt waren. Die Sentenzen und Gebete einzelner verehrter Männer würden vielmehr durch deren Schüler verbreitet und im Laufe der Zeit eingeführt. Die Verfasser der Pijutim wurden Pajtaninr (Poeten) genannt. Selten hat sich das Werk von seinem Schöpfer, selten die Dichtung von ihrem Dichter dermaßen losgelöst wie der Pijut von dem Pajtan. Die Werke der Pajtanim, der religiösen Dichter, sinh unter den Juden unsterblich geworden, der Klang dieser Dichtungen, ist heute noch an Fest- und Feiertagen in Synagogen und Bethäusern lebendig; aber die Dichter selbst deckt der Schleier der Vergessenheit. Sie gleichen hierin den Volkssängern, deren Lieder lebendig durch die Jahrhunderte wandern, deren Namen aber mit ihrem Tode erlischt. Es nützte den Pajtaninr nicht, daß sie in ihre poetischen Gebetstücke durch Akrostichen und allerhand künstliche Versformen ihre Namen einfügten; Frömmigkeit, Andacht und Pietät begnügten sich mit dem Hersagen der mit schwerfälligem Rhythmus und merkwürdigem Klangreim ausgestatteten Dichtungen, ohne sich um die angefügten Namenszeichen zu kümmern. So lebt der Gesang der religiösen Dichter im Munde des Volkes, ihr Name aber ruht still und verschwiegen in jenen Literaturwerken, die heute kaum noch gelesen werden. Und doch, welche bedeutenden Männer waren unter den Pajtanim! Wenige nur wissen, daß auch Raschi, der berühmte Rabbi Schlomo Jizchaki, sich unter den Pajtanim befindet. Und nicht vielen wird es bekannt fein, daß die Hymne Nischmath kal chaj und eine „Opferordnung" Ethen tehilla dem Apostel Petrus zugeschrieben wurden. (Siehe Winter und .Wunsche: Jüdische Literatur, Bd. 3, Seite 6.) Wohl, der älteste und zugleich der bedeutendste Pajtan war Eleasar Ha-Kalir. Er ist auch der bekannteste geblieben, obwohl nichts von seinen näheren Lebensumständen bekannt ist. Bei Kalir bedient sich die Geschichte der Sage, um über sein Leben, sein Geburtsjahr und seine Heimat einigen Aufschluß zu geben. Einige Gelehrte sind der Ansicht, er sei ein bedeutender Rabbi oder gar ein Mischnaylehrer gewesen, andere dagegen meinen, er habe als Vorbeier in einer Synagoge gewirkt. Sein Geburtsort wurde vieljach in Palästina gesucht, weil der Name Kalir angeblich auf einen Ort in Palästina hindeuten sollte. Der Dichter selbst nennt seinen Geburtsort Kirjath Sepher, worunter manche Liberias verstanden wissen wollen. Nach der Feststellung einiger Literaturhistoriker soll er in einer Stadt des südlichen Italien, Cagliari oder Bari, im neunten Jahrhundert gelebt haben. ZuNz gibt Sardinien als Geburtsort Kalirs an. . Eleasar Ha-Kalir scheint ein außerordentlicher Mann' gewesen zu sein, denu die Sage hat sich noch nie unbedeutender Männer bemächtigt. Den Namen Kalir uMgibt ein schöner Sagenkranz, der den Ausdruck bildet für die Verehrung, die die Nachwelt diesem gotterfüllten Dichter entgegengebracht hat. Mehr als zweihundert Gebetstücke hat Kalir gedichtet; die herrlichsten darunter sind die Gebete für das Neujahrsfest und den Versöhnungstag. In seinem Pijutim hat er „die alten Ueberliefemngen und die . Glaubensmeinungen seines Volkes zu künstlich. geformten Hymnen umgeschaffen. Hiezu nahm er das Material aus der Hagada. Was in dieser zur heiligen Sage geworden war, was sie zur Verschönerung des Kultus, zur Bereicherung des sittlichen Lebens, was sie an trostreichen Hoffnungen, an GlcmLenskräftigung darbot — verarbeitete Kalir zu einen: Kunstwerk, das Vortrag und Gebet, Hymnus und Auslegung zugleich war. So ward die Hagada zum poetischen Festgebet. Kalir tyrannisiert die hebräische Sprache, zwingt ihr willkürliche Bildungen auf, aber mit einer Uebermacht und . mit so hinströmender Fülle, daß man bei der Hoheit des Gedankens die Unebenheiten des Vortrages übersieht. Kalirs harte, an Unverständlichkeit grenzende Sprache ist kein Periklcisches Kunstwerk; sie istein zyklopischer Bau, der an göttergleiche Menschen und an ein heiliges Altertum erinnert". (Zunz.) Als ein Probestück Kalirscher Poesie möge hier die Schilderung des Weltgerichtes am Neujahrstage folgen: Einstein über Ko -, und die Kantianer. PELZWAREtf JEDER ART IN FEINSTER AUSFÜHRUNG BILLIGST BEI . GEBRÜDER BRAINi^ä Wien, ». glockengasse 8 / tel. 45.4-33 l ..yässati 1 ' / y Anläßlich des Naturforschertages Innsbruck hat die von Prof. H in neb erg heran gegebene „Deutsche Literaturzeiiung" eine Festnummer erscheinen lassen; diese gewinnt dadurch erhöhte Bedeutung, daß/sich darin Zftbert E in st ein zum er st enmal in.eingehender Weise mit der Lehre. Kantsund der Kant ianer auseinandersetzt. - Anknüpsend an ein kürzlich erschienenes Buch des Utrechter Dozenten Elsbach, welches unter dem Titel „K a n t u n dEinstei n" das Verhältnis der Erkenntnistheorie^ der n e u k a n ti a n i s ch e n Schule zur R e l at i v r t ä't s t h e 0 r i e beleuchtet und zu dem Schlüsse lammt, daß die einzelnen Thesen der kritischen Erkenntnistheorie überhaupt nicht darauf Anspruch erheben können, unabhängig vom jeweiligen Stande der' Naturwissenschaften zu gelten, führt Einstein unter anderem aus: „Ich glaube,' daß der Verfasser sich weder mit Mohammed noch mit dem Propheten in Uebereinstimmung befinden dürfte. Nach meiner Ueberzeugung war es Kants und aller Kantianer Ziel, diejenigen apriorischen (d. h. nicht aus der Erfahrung redüzierbaren) Begriffe und Relationen aufzufinden, welche jeder Naturwissenschaft zugrunde liegen müssen, weil ohne sie Naturwissenschaft überhaupt nicht denkbar ist. Angenommen, dies Ziel wäre wirklich erreichbar und erreicht, so könnten jene apriorischen Elemente mit keiner znkünstigen vernünftigen physikalischen Theorie in Widerspruch geraten. Kant hielt das Ziel erreichbar und glaubte es erreicht zu haben. Hält man aber dieses Ziel nicht für erreichbar, so sollte man sich wohl nicht „Kantianer" nennen. Einstein führt dann weiter aus, daß Kants System der apriorischen Begriffe und Normen nur so lange zu verteidigen war, als die spätere Naturwissenschaft in ihrem für erwiesen gehaltenen Bestände nicht gegen jene Normen verstieß. Dieser Fall ist aber jetzt mit der Relativ it ä t s t h e 0 r i e unbestreitbar eingetreten. Wenn man nicht behaupten will, daß die Relativitätstheorie der Vernunft widerstreitet, kann man an Kants System der Dein Ruhm, deiner Allmacht Preis erfüllet die Weiten der Erde, Es erschallt vom Himmel Gericht, da banget und schweiget die Erde. Es stürmt heran der Tag des Zorns, es dröhnen die Tiefen . der Erde. , Der Posaunen gewaltiger Hall ergehet und mahnet die Erde. „Heil den Frommen!" ertöut's im Jubel vom Ende der Erde. Schauer und Schrecken und Grauen und Angst verwirren die Erde, * Stehest du auf zum Gericht, zu strafen die Grenzen der Erde. „Bahnet, ebnet den Weg!" ruft's zitternd empor von der zitternden Erde. Herrlicher, Mächtiger, du antwortest mit mildem Tolle der - Erde: „Warum banget das Land? Oh, jauchzet, Tiefen der Erde!" Mögen sie's sehen, erkennen, daß e r tft König der Erde. - : Wie sie im Himmel ihn preisen, so loben ihn feilte Gegrüßten - der Erde. - apriorischen Begriffe und Normen nicht sesthälten. Ein« stein ist der. Ansicht, daß Kant die.Entwicklung ungünstig beeinflußt'Habe,' indem er den räuniüch-zeitlichen,Begriffen und ihren Relatroneir gegenüber änderen Begtlffeu eine Sonderstellung einräumt. 7 V. In der weiteren Folge des Aufsatzes beschäftigt - sich Einstein mit' Len./Ansichten der' Kantianer.'. Hermann Cohen und Paul Nat 0 rp über. Zeit und Räum/ Mit Cohens Ausführungen erklärt er'nicht viel anfcmgen zu können, und glaubt, daß auch Natorp am Wesentlichen vorbeigegangen sei. Die Stellungnahme gegenüber den Natorpschen Thesen hängt davon ab, ob-man dem praktisch starren Körper Realität zuerkenut. Wenn ja, dann entspricht dem Begriff der Strecke etwas E r l e b b a r e s. Von diesem Standpunkt' aus gesehen, sind sämtliche Behauptungen Natorps über die Natur des Raumes, die nicht euklidische Geometrie usw., unrichtig. Stellt man sich aber auf .den Standpunkt, daß dem praktisch starren Meßkörper keine Realität zuerkannt wird, dann enthält die Geometrie allein , noch keine Aussagen über Erleb n i s s e, sondern, nur die Geometrie mit physikalischen Wissenschaften zusammengenommen. Von diesein Standpunkt aus ist. die Wahl der geometrischen Begriffe und Relationen nur durch Gründe der Einfachheit und Zweckmäßigkeit bestimmt. Keinesfalls setzt die Wahl einer nichteuklidischen Geometrie die euklidische Geometrie als Basis voraus, lieber , die Maßbestimmung des Raumes kann dann allerdings empirisch nichts ausgemacht werden, aber nicht deshalb, „weil der Raum nicht wirklich ist", sondern weil die G e 0 m e t r i e bei dieser Wahl des Standpunktes k e i n v 0 l l st-a n d i g e s Physikalisches B e g r i s f 's s Y st e m ist, sondern nur ein Teil eines solchen." Die Darlegungen des .Schöpfers der Relativitätstheorie dürften wohl angesichts der jetztso stark verbreiteten neukantianischen Modephilosophien starken Zugstosf in die philosophische Diskussion des Tages tragen. Es gehört neben der Kenntnis:der Bibel auch.mit innige Vertrautheit mit der gesamten.-Hagada dazu, um Kalirs rätselhafte Dichtungen zu verstehen. Mancher Vers enthält eine Anspielung auf irgend eine' heilige Legende, manches Wort deutet auf eine biblische Erzählung hin und unter manchem substantivierten Adjektivum soll dieser oder jener jüdische Heros verstanden sein. Eleasar ha-Kalir, der sich in seinen Dichtungen der heiligen Sagen bediente, ist selbst eine Art von heiliger Sage geworden. Sagenumwoben wie seine Geburt und sein ganzes Leben ist auch sein' Tod. Die Sage erzählt, sein Lehrer Janai, der ihn: wegen seines Dichterrnhmes beneidete, in seinen Schuh eine giftige Eidechse legte, die ihm den Tod brachte. Das soll das Ende dieses hervorragenden Mannes gewesen sein, von dem es hieß, er' sei in den Himmel gestiegen und habe den Engeln den alphabetischen Pijut abgelauscht

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