Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2019 (28.9.1924)
- Date
- 1924-09-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr.LV1S | VÄe Wien, Sonntag :ff- . / Mbeschreiblkche Angst vor dem Ende drohte die Nerven ‘ der Menschen zu zerreißen. Aber men suhlte bereits, daß das Ende nahe sei. ,M geht zu Ne-ikch", sagten die Men und dachten beklommenen Herzens, angst- und liebevoll an die jungen Burschen von 16 und 17 Jahren, die, svi'chreis und früh gealtert, draußen im Bochof den letzten GenevÄstabs- ^bericht kommentierten. Sollen auch diese noch dem iKviegsteuftl gebpfert werden, wie ihre Brüder und Väter, noch . ehe das Ende kommt...? Die Mädchen und jungen I Frauen, Kriegerwiiiwen oder Agunoch, Frauen vernrißter, verschollener Männer, durften nicht das Haus verlassen Die Kriegsmoval lauert an allen Ecken und in allen! Winkeln auf FveiwAd.... In den Funktionen beim Gottesdienst gab es Überall j nur Surrogate. Der knapp vor Kriegsausbruch installierte Rabbiner hatte sich, als die Treibjagd begann, an ^die Spitze der Flüchtenden gestellt und lebt jetzt irgendwo ' als Emigrant. Der alte Dajan, lang und hager, ein wandelnder Geist, war damals zu schwach, um mit den Züchtenden mithafterr zu können. Heute ist er der Hort sozial verengt zu werden, Las -heißt aus dem Besch der Allgemeinheit, Ln den weniger, nämlich derer, welche das, hebräische Wissen hatten, uberzugchen. Es, ist ja begannt, daß gerade die Zeit in der Mitte des 17. Jahrhunderts die kulturell unfruchtbarste des jüdischen Geilstes in Mitteleuropa -war. Die Reaktion gegen diese drohende Erstarrung in der Eng« waren die eben erwähnten Versuche, welche mit Lex sprachlichen Popularisierung die drohende Beschränkung zu verhindern suchten. Diese Religionssprachbewegung blieb unterirdisch, einerseits Weil es der Autorität des RaLbimsmuS verhältnismäßig leicht war, sie niederzuhalten, andererseits Werl der Angriff von der sprachlichen Serie -her, wo es sich um einen so festgefügten 5kut handelt, selbst ätt den Zeiten stark gelockerter Tradition keinen Erfolg haben kann und immer irgendwie einen lächerlichen Beigeschmack erhalt. Dies zeigt sich auch heute bei den albernen Bemühungen der jüdischen Kommunisten in Rußland, den Kampf gegen die religiöse Tradition aufs .sprachliche Gebiet zu verlegen. - Erfolg hatte der Kampf um die soziale Erneuerung des Religionsinhaltes erst, als der Inhalt des Traditionsgeistes für das Denken und Empfinden der Gesamtheit im Chassidismus geformt Wurde, der in seinen Anfängen auf die dem Voltsempfinden erfaßbare, aus ihm kommende und zu -ihm sprechende Form für die religiösen rJnhalte viel Gewicht legte. Damals wurde auch die jüdische Umgangssprache den Bestrebungen des Chassidismus auf religiöse Erneuerung dienstbar gemacht. So wird von Rabbin Rachman von Brazlaw einem der bekanntesten Heroen aus b:Y Kampfzeit des Ghassid-ismus berichtet, daß er seine Anhänger aufsorderte, täglich eine Stunde der Sammlung zu finden und -da nur in jidd isch er Sprache zu beten, weil Msich in ihrer Umgangssprache am besten ausdrücken köWn, was sie sagen wollen. Aus dieser Zeit gibt es auch sonst, wenn in beschränktem Umfange, liturgische Literatur in jüdischer Sprache. Die im 19. Jahrhundert zusammen mit der wirtschaftlichen und sozialen Umschichtung einsetzende Lockerung der Tradition hat selbstverständlich keine literarische Auswertung des Traditionsmhaltes hervorgebraD, welche ihn sozusagen konstitutiv in die Umgangssprachen der Judenhett übertragen hätte. Was aus diesem Gebiete in der neueren Zeit geleistet wurde, gehört entwederzur seelenlosen Reform oder aber in die neue verheißungsvolle 'Spoche der Verbreiterung des jüdischen KulturmhaltöS, ivelche wir miterleben und die noch Nicht abgeschlossen ist. Wiener ÄorgenzeUunS.'M AMERICAN TAILORS Brüder Koch Gef m b. H. ITnWli 6. Bez.. Mariahilferftraße 17 RLifÄ Erstklassige Maß - Schneiderei für Herren / Reiche Auswahl in feinen englischen Stoffen / Elegante Ausführung 1 Billige Preise und die Zuversicht seiner dezimierten Gemeinde. Mendele Chasen, der Abgott der Judenstadt vor dem Kriege, war nach Rußland zuständig, wurde daher interniert und in eines der mörderischen GefanL.enenlager tranSpirrtiert. Jetzt betet Chaim Melamed mit seinen 70'Jahren vor dem Amud mit einer Inbrunst, die alle mitreißt. W ist, als ob plötzlich die herrliche Stimme Mendeles in seine Kehle gefahren wäre. Herschel Eisenhammer, der angesehenste Mann der Gemeinde, dessen Ehrenamt es seit zwanzig Jahren war, am Rosch Haschanah den Schofar ertönen zu lassen, wurde beim ersten Einbruch der.Russen als Geisel nach Rußland verschleppt und war seither verschollen. Jetzt steht Feiwel, der Schneider und Hornist der Feuerwehr, deren Begründer er auch war, mit dem Tüllis über den Kopf auf dem Almemor, neben ihm liegt, in weißes Linnen gehüllt, der Schofar, Cr ist die Sensation und die Sorge der Betgemeinde. Wird ihm Gott-die'Kraft leihen, seines wichtigen Amtes fehlerlos zu walten? Er selbst kaWte und empfand die hohe Verantwortung, die ihm zufiel.'. ' > Die Verlesung des ThoraabschttitteS war vollendet. Aus dem Vorhof strömten die Männer und die Kinder in das. BethauS, Um bei dem Akte deS Schosarblasens - anwesend zu sein. Feiwel weinte förmlich den Segensspruch über die Pflicht des Schofarblafens. Der alte . Dajan diktierte mit gebrochener Stimme die vorschriftsmäßigen S^pfartöne. Feiwel brillierte. ED ging alles herrlich von statten. Mit jedem Ton merkte man > ein Steigen der Hoffnung und der Zuversicht in eine bessere Zukunft, die sich in den Gesichtern abspiegelte. .Jetzt diktierte der Dajan endlich den Schlußakkord: „Tekijah Gedolah". Feiwel setzte an und der Schofarton kam lang, machtvoll uch W.Versammlung hörte mit zurückgehaltLnem WM ... V NUlten drin, noch ehe der Ton vMlungen war, stürzt ein junges Mädchen atemlos in das BethauS Und stößt einen markerschütternden Schrei aus: „Juden, es brennt!" Es war ein furchtbarer Augenblick. Die Jüngeren unter den Alten, allen voran die Mitglieder der Feuer- und Schutzwehr, rannten, fluchtartig aus dem BethauS. Der alte Dajan ergriff die Hand Feiwels, um ihn zurückzuhalten. Er selbst stand hochaufgerichtet da, blickte um sich und ließ die Menschen laufen, um an der Rettung mitzuarbeiten. Dann klopfte er auf den.Almemor zum Zeichen, daß er sprechen wolle, und rief: „Juden, tuet eure Pflicht gegen euer Leben und euer Vermögen! Aber vergesset auch nicht an eure Pflicht gegen euren Gott und eure Religion! Ich enthebe euch von der Pflicht der Feiertagsruhe! Rettet euer Vermögen! Aber so, wie ihr die Feuerwache haltet in euren Häusern, so haltet auch hier Wache im Gotteshause! Wir bleiben zehn erwachsene Menschen hier und vollenden den Gottesdienst!" Feiwel stand noch immer da mit dem Schofar an den Lippen. Er war wie gelähmt. Jetzt blies,er wieder in das Horn, um noch einmal die „Tekijäh Gedolah" herauszubringen und regelrecht zu beenden. Aber sie kam nicht mehr heraus; anstatt dessen bließ Feiwel unausgesetzt das Feuersignal, und als er merkte, daß ihm kein anderer Ton aus dem Horn kommen wollte, sprang er, so wie er war, in den Sterbegewändern mit der Tallis auf dem Kops und der Schofar von der Estrahe, rannte schnurstracks zur Tür hinaus zur Brandstätte, wahrend er unausgesetzt mit dem Schofar das Feuersignal bließ . . . Bei diesem Brande wurde das Jüdenstädtchen bis aus einige wenige Häuser eingeäschert. Feiwel wurde in seinem Hause später als verkohlte Leiche aufgefunden. Am zweiten 7 fr'- i m K. SeMWer IW Tage Rosch Haschanah.zog die ganze Gemeinde mit dem Dajan an der Spitze zu dem an her Stadt vorbeifließenden Bach, um „Taschlich zu machen". Es ist das eine Sitte, durch welche die Juden am. ersten der zehn Bußtage symbolisch um die Vergebung der Sünden beten. Man sprach kaum von dem großen Unglück, daß diese letzten Reste einer einst blühenden Judenstadt am Tage vorher getroffen hat. Man sprach von der Mitschuld an der großen Sünde, die der Krieg für die Menschheit sei. Der alte Dajan sagte: „Als Israel sündhaft wurde, ereilte es bw größte Strafe, S? wurde aus seinen Lande vertrau. Das ist eine Strafe, die jedes Volk ereilen muß, wenn es sich gegen sich selbst und gegen die Menschheit versündigt. Die Zerreißung deS Landes, die Vertreibung der Volksgenossen droht jeder Nation,, die ihre Macht zur Unterdrückung anderer mißbraucht. Was sind wir in diesem unendlichen Meer des Jammers, das sich über die Welt ergossen hat? Sollen wir darob jammern, daß uns das Dach über unseren Häuptern in Schutt und Asche aufging? Fast möchte ich mich sreuen darüber, daß es bloß ein unglücklicher Zufall und nicht die Brandfackel deS Feindes war, die uns obdachlos gemacht hat . . ." Stumm zog die Gemeinde hinter dem Dajan her und wartete auf den Sonnenuntergang. Kein Mensch wußte, was er morgen beginnen soll. Nur Chajem Melamed ging einsam abseits und lamentierte vor sich hin: „Wann wird es ein Ende nehmen? Jetzt hat uns auch Gott evakuiert..." „Wohin sie alle geraten sind, weiß ich nicht", schloß der Flüchtling seine Erzählung. „Ich weiß nur, daß meine Heimatstadt vom Erdboden verschwunden ist. . Re Wormser Machsorhandschrist. Unter Iden «eichen Schätzen handschriftlicher Art, welche fifte jüdische Gemeinde in WormS bejsitzt, fit! einer der wertvollsten, die Machso rhandsch rift, welche in der Ras chikapelle, jenem sagenumwobenen kleinen Gebäude, das den Lehrstuhl Raschis birgt, aufbewahrt ist. Dieser handschriftliche Machsor ist die älteste Handschrift im Manuslkriptbestand der Wormser Gemeinde. Er besteht au-S zwei Bänden w Großsolio; der erste enthält die Gebete filr das Pesfach-, Schewuoth- und Sukkoths e st, der andere die für Rosch-Hasch an ah und Jöm Kippur nebst einigen Teilen der Bibel (Buch Hiob, Prophetmbuch Jeremtjahu und Buch Kche- Ileth). Am Schluß des letzten Abschnittes ist in hebräischer Sprache folgendes zu lesen: „Ich, Simcha, .der Sohn des Jehuda, btt Schreiber, habe diesen Machsor für meinen Oheim Gavuch, den Sohn des Isaak, geschrieben im Verlauf von 44 Wochen und habe von Anfang bis zu Ende M Gehet« genau so angeovdnet, wie es die Liturgie verlangt; und so habe ich das Buch mit Gottes Hilfe im Jahr^ 5032 vollendet." Die Handschrift ist also iudasKchrlM der' heute Michen Mtrechnung zu datieren. Diese» Machsor, anscheinend ein FamilienerbsMck, hat die Judengemeinde zu Worms ün. Jahre 1578 käuflich erworben. Die beiden Bünde sind ausgezeichnet echalten, nur der Einband müßte' erneuert werben, was stilgerecht vor mehreren Jahren geschehen irst. Me Handschrift ist besonders durch die iMiniatnrmalereiien bemerkenswert, die in prächtigen Farben und Mt hoher KÜnstlievsch«ft hevgesiellt sind. Sowohl Initialen als auch Brldminiaturen sind in reichem Maße vor- Handen. Die in den/Jnikialon als Schmuck verwendeten Tiere sind Ln der Art gleichzeiitiger Wappentiere gebildet und lassen so erkennen-, baß diese Machsorhandschrift ein mitten Ln der damaligen iKunstentwicklinng stehendes und aus dem 'Zeitgeschmack heraus entstandenes Werk ist. Bei den BiMerzievungen -ist besonders bemevkenswert, daß auf einer Anzahl von Bildern, darunter auch ans einem, welches dois Mazzothbackeni votstellt, sämtliche menschttchm Figuren Bogelköpse tragen. Dies scheint Wsicht des Schreibers, beziehungsweise Zeichners (die wohl beide ein und dieselbe Person sind) > zu sein, damit er bei der Menschendavstellung nicht durch MNrissene Gelsichtchüge das Verbot der AMchen DavsteMng übertrete. Manche wollen in diese DogeWpfe allegorische Symbole hineindeuten, für . welche die Enkstehungszett der Handschrift ijedoH zu sEh Ist. Die Wormser Machsvchandschrrft ist eines der wertvollsten künstlerischen kWuM-nte des inittelalterlick'p.l! MidentUW. K Stunde« ln der Ast. Die Danerfahtt her groüen Zeppelin. WgeMenst der Miener Ädorgenzertung".) ^^Berlin, S7. Septsmbsr. Wie dis Blätter aus F r ie d- Lrk 'ch s Hasen .itteifoett, wird der Dermin der . ^>.erikafahrt dies „Z. R. 3" bereits Ln den nächsten Tagen besprochen werden. Mani hoifft, noch', in der ersten Oktoberiwoche aHahven zu könuem Das Schiff ist jedenfalls klar zur! Fahrt-über dm Atlantischen -Ozea.n. ^: Bei dp: gr oßest Prvb esahrit Der Deuischlanb W das Schiff etwa 8600 Kilometer in 33 Stunden zurückgelegt, was einer durchschnittlichen StM-entzeschwkndig' keiit von 110 ^KilomeöLv Mjipricht. Alle Tellnchmer an der Fahrt, tnsbeisondeve die amevikanltsche UchwnÄhmsWckis« sian, sttid einstimmig dw AcherMgung, daß ies dem Lufb schiff möglich ssA wird, ohytzDoKeve Schwieri-gkeitcu de« Ozean zu überqu-ereH.^