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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-28 · Heft 2019 (28.9.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2019 (28.9.1924)
Date
1924-09-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kr. LAS - WMM' Wien, S-nnIas Ülttltt »ilwgnts«*»“# *d Bfk ■ «wiiiAflCf nsx^ 704 Schuhe! mit eingebautem >lBepg5©nM-Gummi-A bsatz Ser Stahlhelm. Altona, 26. September. (Wolfs.) Im Zusammenhänge Mit einer Fahnenweihe des „Stahlhelm" ist es in der Bahrenfelderstraße zu Zusammenstößen von „Stahlhelm"-- Mitgliedern mit den Angehörigen des Reichsbanners „Schwarzrotgold" gekommen. Im Verlaufe der Schießerei sind ein Kriminalpolizeibeamter, die Frau eines Polizeibeamten, ein Arbeiter und zwei Passanten schwer verletzt worden.. .__ SstgaWen. L Moskau, 27.' September. (Russische Telegraphenagentur.) Der Protest Polens gegen die Londoner Erklärung Rakowskis hinsichtlich Ostgaliziens hat zu einem zweiten Notenwechsel geführt. In Beantwortung der Note der Svwjetregierung beruft sich die polnische Negierung auf jenen Artikel des Rigaer Vertrages, in welchem der Verzicht der Sowjetregierung aus ihre Rechte bezüglich der Gebiete an der russischen Westgrenze enthalten ist, uWerklärt, daß die Sowjetregierung k e i n e Berechtigung besitze, in Fragen aufzutreten, welche einen Teil des polnischen Territoriums betreffen. Rakowskis Londoner Erklärung sei eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens. In/seiner Antwortnote führt das russische Volkskommissariat des Auswärtigen aus, die Svwjetregieruüg bestreite nicht die bindende Rechtskraft des R i g a er B e r t ra g e s. Sie könne jedoch den in Ostgalizien hergestellten internationalen Status nicht anerkennen, soferne dieser von dritten Mächten ohne Beteiligung der Sowjetunion bestimmt wurde, glaube vielmehr, daß das: Schicksal eines Landes nicht' ohne freie Willensäußerung, seiner Bevölkerung endgültig entschieden werden könne. - „ Schanghak in der Feuerzone. London, 27. September. „Daily Mail" berichtet aus Schanghai, daß in den Kämpfen zwischen den Truppen von Kiangsnund jenen von Tschekiang, welche nach bcm Scheitern der Wasfenstillst.andsverchandl u n g e n erneut eingesetzt haben, Schanghai sich, i n der Feuerzone befinde. Ein Angriff von Süden her stehe unmittelbar bevor. Me WrW im MoffuldWitt. London,. 27. September. (Wolfs.) Die „Times" berichten, daß die Grenzftreitigkeiten zwischen^ Mesopotamien und der Türkei:in London als sehr ernste angesehen, werden. Die Bedingungen des Lausanner Vertrages betreffend die Mossul - Gre n z e seien. von der Türkei offen v e r l.e tz t. worden. Die letzten Kurse. .London, 27.September. D e v i s e n s ch l u ß k u r Iti Wien 317.500. Prag 149»/„ Rew-York 4,47 Paris 84,77 /,, Brüssel 91,75, Rom'101,82, Zürich 29,45Vs, Mabr d 33,22 ,,, Amsterdam lim, Kopenhagen 25 88 /,. ChriMnia M5. Stockholm 10,80, HelsingforS 178,60, Berlin 18,75, Athen 2527s, Bukarest 865. Aew-Bork, 27. September. (Radio.) D e v ise ns ch l u st- Curie: Taggeld 2 bis WU, Wechsel auf London 4.46^, 60-Tage-Wechsel 4,44-/., Paris 6,26, Amsterdam 38y2, Prag 2,99V-, Berlin 23V«, Silber 69V,. ' --, Me Rede Mae Ionalds. (Siehe Seite 1.) London, 27. September. (Tel. der „Wr. 5.-ujet* jung".) Mac Donald erklärte, die Arbeiterregierung habe eine ganze Reihe von Aufgaben gelöst, an denen die früheren Regierungen gescheitert seien. Der Premierminister appellierte an alle politischen Parteien, 'bei der Bestimmung der Grenzen zwischen Ulster und dem irischen Freistaat mitzuwer^en, um wenigstens in dieser Frage die Einheit der.Nation zu bekunden. Bezüglich des Volkerbundes erklärte Mac Donald, daß die Methoden der Gewalt und.des Militarismus sich unfähig erwiesen hätten, Europa den. Frieden wiedcrzngeben. Die größten Schwierigkeiterc in Gens habe dementsprechend die Frage der Sicherheiten bereitet. Der Völkerbund fei einig in dem Bestreben, dep. Krieg zu verbannen, doch sei dies erst möglich, wenn die Frage der Sicherheiten der Staaten in befriedigender Weise gelöst sei. Die englische Regierung ist nach Kräften bestrebt, zum Genfer Werk der Friedenssicherung beizutragen. Auf den russisch-englischen Vertrag übergehend, erklärte der Premierminister, daß dieser Vertrag eine geeignete Grundlage darstelle, mit Rußland zu einem BilüSITE EiNKAUFSftUEllEi Teppich haus Möbelhaus l. % AAMNSMMkk ffe 12-14., Echte Perserti. Smyrnateppiche, Zimmeru.Laufteppiche aller Arten in allen Farben u. Breiten. Spitzenvorhänge u. -doppeldecken, Bett- «.Tischdecken. Ottomane-Überwürfe. Möbelstoffe, > Flanell- und Steppdecken. ^eBicbtisen Sie die 32 Schaufenster! mmmmrnsmzssi. dauerhaften, friedlichen Verhältnis zu komme«. Die länder sind sich wohl nicht bewußt, daß wir durch diesen Vertrag Rußland gegenüber in das ' 'Verhältnis deü M e ist heg ü n st i g u n g treten, sehr vorteilhafte Konzessionen erreichen und endlich die russische Regierung dazu bringen, von der kommunistischen Propaganda in. England abzulassen. Im Prinzip wurden auch die E n i**’ schädig u nge n der eng bis che n Gläubiger! anerkannt urcd bestimmt, daß unverzüglich die Höhe der privaten Schulden an englische Staatsbürger vor: eigenen, Kommissionen sestgestellt wird. Wie dem auch sei, den Frieden in Kuropa können wir nicht erlangen, wenn Rußland abseits gehalten wird. Das war der entscheidende Grund zur Unterzeichnung des Vertrages, den zu ratifizieren das Parlament berufen ist. Stresenm««» Wlomatie. 'Berlin, 27. September. Reichsaußenm-inister DoktoS. Stresewann erÄärte heute in einer Parte Versammlung unter anderem, anläßlich seines, „Mißverständnisses" über seine Unterhaltung mit Lord Par m vor habe ein. Teil der deutschen Presse die deutschen Delegierten der Unwahrhastigkeit geziehen. JnOvischen habe Lord Parmoor selbst in chevaleresker Weise Mitteilen lassen, daß die Darlegungen ides deutschen Außenministers durchaus den Tatsachen entsprechen. (Irr WiMichkeit hat Lord Parmoor erklärt, daß seine eigenen! Darlegungen den Tatsachen entsprechen. D. Red.) Die Frage des Beitrittes Deutschlands zum Völkerbund könne nur nach Vornahme einer gründlichen Untersuchung der europäischen. Lage erfolgen. Für die Erwägungen der deutschen Reichsregierung käme der Schutz der deutschem Minderheiten im Auslände in Betracht, darüber hinaus aber die großen Fragen der Militärkontrolle, der allgemeinen Abr ü st u n g, die schiedsgerichtlichen Fragen. - Wenn Deutschland die Möglichkeit gegeben sei, ohne Aufgabe seiner grundsätzlichen außenpolitischen Einstellung im Völkerbund mitzuwirken, so sei die Frage des Beitrittes Deutschlands nicht eine Parteifrage, sondern ei.m^ Frage, die kühl und nüchtern vom deutschen Standpunkt aus a-öge-- iwvgen werden müsse. - Große BetriebsMegimsen bei der Alpine. Der Grazer „ArbeiterWille" meldet, die Alpine M o n t a n g e f e l l s ch a f t habe ln der vergaugerwn Woche den W a l z w e r k b e t r i e b sowie / das' S t a hl-' Werk und in den letzten Tagen auch einen großen Teil der Werkstätten sowie der übrigen Hilf Zbetriebe e i n g e st e l l t. Gleichzeitig leien etwa- 500 Arbeiter benachrichtigt worden, daß ste auf unbestimmte Zeit zu feiern haben. Fortdauer des Metallarberterstreiks. Wie die „Tagespost" meldet, haben die zwischen dem Verband der Metallindustriellen und dem Oesterreichiischen Metallarbeiterverband geführten Verhandlnugeu zu keinem Ergebnis geführt, .da die Vertrauensmänner eine Entschließung angenommen haben, in der die volle Erfüllung der gestellten Forderungen verlangt wird. Molsburg. Bon Otto Abeles. 'Viele, viele sind hastig hiugestchren, als die Schreckens-' Nachricht vom Brand .in der Judenstadt kam. Und weit größer ist die Zahl derer, die bekümmert auf. Nachrichten harrten. Das Feuer wirkte weit .hinaus über de'n Bezirk der Judengasseu, die seit Jahrhunderten nüt 'zäher Kraft an den Abhängen ' des Nikolsburger Schloßberges festgeklammert sind. Die Flammen haben ans viele Punkte dieses Erdballs übergegriffe'n, von Wien bis Ncw-Mrk, überallhin, wo'Sohice dieser Judenstadt wohnen, und hat /die Herzen getroffen. Ich meine -nicht die selbstverständliche Sorge um -An-, gehörige, den natürlichen Drang, rasch und ausgiebig zu helfen. Ich meine die Bangigkeit irm das Antlitz des Städtchens, das einem längst nicht mehr bedeutete als besten- »falls ein Paradestück iw Antiquitätenschrank der Erinnerungen. Jetzt aber, in der Gefahr des Verlustes sieht inan im geschärften Sinnen in dieses Antlitz, hängt seinen Blick an diese Augen, neigt sein Ohr dieser Stimme, legt bewegt seine Hände'in-die alten, guten, bebenden Hände und flüstert: Vater. '' * * Ich habe Hu allen Stunden, die es t>evjt::i:j:'..ch in geliebte Vergangenheit zu flüchten, von Nikolsburg erzählt. Unsere Leser haben mir's nicht übel genommen. Mancher Brief, tnanches freundliche Wort erwies es mir. Das Poftregäl veMrzend, habe ich auf dem Umweg über die Rotationsmafchine der „Wiener Morgenzeitu-ng" an Tante Sali geschrieben. Im Großvaterhaus beging ich Feste, die längste gefeiert wurden. Den P-uvim-Maskenzug, wie ich ihn vor fast vierzig Jahren fah, habe ich neuevdings durch sämtliche Häuser der Hauptgasse geleitet, die .damals noch richtig „Judengasse" hieß -und in dieser Nacht eine einzige fröhliche Familienstube -war. Eine Vollmondnacht Frühling blieb haften — Heinrweg vom Seder beinr -Wvßvater -in die Brünnerstraße seit den Kinderj-cchren unvergeßlich.geblieben. Durch das zauberhafte Bild des Schlosses, durch den Gegen^satz zwischen dem -magischen .W.:5 dr.r>DöLw. bmd "StraLeL_üwe-lLe m Aikolsbura..stets Von seinem Kalkstanb bedeckt sind) und den warmen, r-ölen Lichtquellen, die aus hundert Fenstern her Judenhäuser strömten, durch' die nritwandernden, sich wie ein Kanon fort pflanzenden Sederlioder und nicht zuletzt durch das bedenkliche Torkeln des Nachtwächters, dem mancher Hausvater einen Trunk Osterbrann-tweirrs kredenzt hatte und der mu-nter Mazzes knabbernd, an seinen Stundenruf vergaß. Und manche Nikolsburger Gestalt fand der Selchende unter dem Schutt der Jahrzehnte und hat sie, sehr beglückt durch die Wicderbegegnüng mit Menschen seiner Kindhr.:tstage, hier abgezeichnet, soweit ihm diese KnnsMung gegeben ist. * Zu dem guten Ende, alle Freunde in der Lie!be und Treue zu der schwer heim-gesuchten Judenstadt zu vereinen, -ivill ich, als wäre nichts geschehen, und in jenem abgekürzten Verfahren, das der Schreibtisch erlaubt, Hinreisen, durch. Nikolsburg wandern und noch vor RedMionsschlnß zurückkehren? Ans der Hinfahrt, beim Unrsteigcu in Lilnden'burg, denke ich daran, daß meine gottselige Diutt-er noch mit der „Gelegenheit" in -der rühullicheu Stadt einführ. Sie kam als bl-lltjunges Mädchen aus Vielitz, um in Nikolsburg das Amt einer Mautnerin zu versehen. Jü Branowitz erwartete sie der alte Reiß mit seinem Rumpelkasten, nahm ivährend des 'R-ossclenkens -denl fremden Judenmädcheu die Generalien ab und die Siebzehnjährige sofort auch unter seinen Schutz. „Nimm dich an acht, Rost", warnte er. „Schlechte Jüngls, die Mkolsburger." Wer kaum hatte sie don Posten J beinr Schlag'baum in der Brünnerstraße bezogen, mar schon von der -Gemeinde, ein -Turnus.eingerichtet. Allsabbatlich wurde sie in ein anderes Haus geladen und siir ihren Dienst stellte inan Ersatz. So war das alte Nikolsbürg. Der Bahnhof liegt weitab von der Judenstadt. Aber ein .wichtiger Sendbote ist zur Stelle, .haschet, Roth, der Dienftmann. Er wird mich ni'it Kopfnicken grüßen, wird fragen: „Was macht Adolf?" (so heißt moin älterer. Bruder, den er ins Herz geschlossen hat) wird meinen Koffer uchmerc und Bescheid emholen: „Zur Großmutter, zu Tante Pepi oder ins -Hotel?"■— Nein. Er kann unmöglich arn Bahnhof sein und. karur mich unmöglich anssraa-eu der Roth, wie damals, als ich zur Assentierung kam. Er ist -längst gestorben. So -wandere ich allein durch die Allee der Stadt zu. Ländliche Geschäfte, Weingärten, der Platz nur heur Uebungstuvm für die Feuerwehr, noch eine ettoas langwierige Gaste, .dann links abbi-e-gend in. die kührc gewrcndene und steil ansteigende „Hauptgasse". Ich kenne jedes Tor, jeden Flur, jedes Muster der Fenst-ergitter, jede Form und Farbe der krcrz-eu, dicken Säulen, die hier und dort den Vorbau über denc Hau stör .tragen. Was man in Kinderjahren sah, vergißt man nicht.! Hier, zur Linken, durch dicsen Hausflur, -der mit kleinen! runden Steinen kunstlos gepflastert ist,-gingen wir oft z>e einem Manne, der über denn sorglich gepflegten Bratenrock amen feinenjüdischen Gelo'hrtenkopf trug. Ich sehe Doktor Moritz Eisler, vor einem Pütt sitzend, auf dem ein Foliant aufgeschlagen ist, er mustert mich durch scharfe Brillen, int Nebenzimmer wird, lvas ihn durchaus nicht stört,, sonder'.: anregr, Klavier gespielt und gesungen —. und am deutlichsten erinnere ich mich an einen Stttselz-ieher, der sein Studierzimmer schmückte -und mit einem, rie-sigen, purpurroten Schuh bestickt war. . E'iui-ge Häuser weiter die jüdische Normalschnle. Or'.-ket gDEch seligen Angedenkens lehrte uiit Eifer und half -mit einem Siegelring nach, dessen Vorhandensein die Buben schmerzlich entpsauderc. Nicht minder streng, als er seine Schüler hielt, wrcrde -der gute Ou'ück -mit denc grauen Vollbart und -der ewig heiseren Sti-rmue daheim von Tante Pepi gehalten. Da steht es, dos graue Schulhaus, soeben 'läute' t, die Kinder schießen aus dem Tor, eilen hinunter ins Judeuaärtl, hinauf in die Brünnerstraße, hinüber in den Schttßpart. Die Haichtgaffe'- Überquillt von Kinderstim-ruen und' der Brunnen ist verstummt. Das schriob ich natürlich nur, u-m Anlaß zu haben, au den uralten merkwürdigen Röhrbrnnn-ou -zü. erinnern, dort neben der Synagoge, der im Winter zur Plage der Mägde und zur-Augenweide der Kinder über und über mit mächtigen Eiszapfen behängt 4var. - Hier in der Nähe des T-nnPels, Haus für Haus der Stammlsitz weit verKvoigter jüdischer Familien. Bei einen., do§ rcb oft bescbri-eb b'.tltbe ich über..di.?! :u?..die

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