Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2019 (28.9.1924)
- Date
- 1924-09-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile L Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitrmg. zö; Deplenwe« uw* t'u . .arr» der zurückgibt. Dieser Gedanke ist seit je, seit dein ersten Tage der Verbannung, fester Besitz des Volksempfindens gewesen/ Er ist der Mttelipunlt, um den sich alle Hoffnungen ranken, er steht in allen Gebeten, in denen sich die jüdische Seele doll, schmerzlichsten Leides an ihr Schicksal wendet, er ist der Kristall > aller Feste, die das Volk an seine Vergangenheit erinnern, und die Berbindung zwischen ihr und der Zukunft stets lebendig erhalten. Er tritt auch bei dem Beginn des neuen Jahres in den Vordergrund und drückt sich in der Frage aus, was in den abgelaufenen Monaten von dem Einzelnen und von der Gesamtheit getan worden ist, - um dem Endziel näher zu kommen. Die Antwort kann nur die Gesamtheit in halbwegs befriedigender Weife geben. Es ist auf diesem Gebiet etwlas bester geworden. Der jüdische Besitz indem Lande Israels hatsich vermehrt, die Faden zwischen Land und Voll sind stärker geworden. - Aber die Frage, die Einstein, der große Denker, stellt: „Was geht es dich an?", ist nicht besntwortet. Es ist noch immer nicht in . das Pflichtgefühl des Einzelnen iibevgegangen, daß er in Erez Israel fein eigenes Heim baut, daß die Sache des Volles in erster und in letzter Lime seine eigene ist. Noch immer sind diejenigen, die das Bekenntnis durch die opferbereite und steuerfreudige Tat bekräftigen, in der Minderheit. Noch immer führen die Ehaluzim, unser ver facrum, ihr entsagungsvolles Leben, das einen Mann ' wie Einstein zu der bittersten Anklage berechtigt, die sich gegen jeden einzelnen von uns wendet. Erez Israel zu errichten, es zum jüdischen Land zu machen, ist jedermanns persönliche Angelegenheit, keine Sache einer ideellen Gemeinschaft, sondern der Volksgemeinschaft, die in der Geschichte, in dem Schicksal eines jeden M>t. Hoffentlich wird unser neues Jahr beweisen, daß diese Erkenntnis bei uns vorwärts) chrertet. ___ Lösung die Aus einem Gespräch mit dem Minoritätensekretrr des Völkerbundes, Colban. In einem Interview, bas der Chef der Abteilung für nationale Minderheiten im Sekretariat des Böllerbundes Colban einem Journalisten gewährte, äußerte sich Cölban über Len derzeitigen Stand'der MNderheitsfragen: Als Direktor eines vom Böllerbund errichteten Amtes könne er Wohl, sagte Colban, über das Meritum der Frage nur Mt Zustimmung des VAkerbundrates eine Aeußerung abgeben. „Wünschen Sie jedoch meine persönliche Ansicht kennen zu lernen, so muß ich Ihnen vorerst etwas erzählen. Bevor mein.Vaterland Norwegen in den Völlerbund eintrat, .war ich in London und Paris in guten diplomatischen Stellen tätig, lieber Wunsch meiner Regierung nahm ich die Berufung des Völkerbundrates zur Uebernähme der Leitung des Bureaus .für. nationale Minderheiten an, obgleich Norwegen noch nicht Mitglied des Völkerbundes war. Ich habe seither dies? Frage Tag und Nacht studiert, Studienreisen gemacht, Vorträge über dieses Problem gehalten und Artikel zu dieser Frage veröffentlicht. Es ist .mein innerster Glaube, daß der W e l t f -r i e d e in Zukunft von der Lösung der Minderheitsfrage abhängt. Es ist mit Hilft des.Völkerbundes gelungen, O e st e rreich und Ungarn finanziell auszurichten, nun folgt der zweite Schritt: die Lösung der noch immer in Schwebe befindlichen .Probleme der natio nalen Minderheit e n. .In dieser Beziehung hat wohl der Völkerbund bereits große Arb eil geleistet, aber diese befindet sich trotzdem noch' immer viel näher dem Ausgangspunkt als dem Vorgesetzten Ziel. Wir sind schließlich auch nur Menschen und keine Götter, und dennoch verlangt man von uns viel mehr, als von Menschen gefordert wecken kann. Ich bin von der Ueberzeugung durchdrungen, daß einetz der sch w ie rigsten politischen Probleme der gegenwärtigen Zeit die Frage der nationalen Minderheiten ist. Wir tun alles mögliche, um die Lösung zu beschleunigen, und ich hofft, daß es uns gelingen wick, int Verlauft einiger Jahre die noch ungelösten. Probleme ihrer endgültigen befriedigenden'Lösung zuzuführen., Französisch-deutsche Wirtschaft«- \ Verhandlungen. Paris, 27. September. (Habas.) Die Delegation, die mit der Führung der f r a n z L s i s chdeutschen wirtschaftlichenVerhandlitngen betraut ist, besteht aus dem Handelsminister Ray naldh als Vorsitzenden, den Sektionschefs S e r r u h s vom Handelsministerium, S e h d o u x vom Auswärtigen Amt, Buisson vom Finanzministerium, Guillaume vom Ministerium für öffentliche Arbeiten, Le sag e vom Ackerbauministerium sowie aus mehreren Sachverständigen. * - " ■ ' :M Herriot rust die deutsche Jemokratie an. Berlin, 27. September. Im -^Vorwärts" erklärt Herriot: Ich habe den tiefsten Wunsch, zn der Organisation des Friedens in der Welt und insbesondere in Unserem. Europa beizutragen. Wer dieses Befriedungswerk wird utopisch bleiben, solange, Deutschland,und Frankreich nicht gemeinsam an den Aufgaben der Kultur sowie an der Besserung des Loses der Menschen wirken. Infolgedessen wird die deutsch-fra-NKo fische Annäherung nicht zu erreichen sein, so lange die französisch^Demofxgfte nicht als Gegenpartner in Deutschland eins" r e päbl t! a n i s ch e Mehrhei t haben wird, die entschlossen ist. rücksichtslos mit der BeMNSenhoit zu brechex. 9* --E Segen die Herrschaft des Hakenfteurrr. Me mittelenropäisch'e Zollunion,. die Minister jüdische Dämon Bcnesch Plant,'soll sich nach den vorliegenden Wftldungen auch aus Oe st erreich und U nga ru eristrecken.' Dies wäre nur die wirtschaftliche Ergänzung eines geistigen Zusammenhanges, der sich in den letzten Tagen, wie schon so oft vorher, diesmal aber in grellstem Licht manifestiert. Es sind die gleichen Erscheinungen einer politischen Blindheit, die diesmal durch ihr zeitliches Zusammentreffen die gleiche Quelle verraten und nur durch die gleiche Methode, durch ein. internationales exekutives Z u s a m m e u w irte u beseitigt wecken. Es ist unsinniges Geschwätz, von innere n A n g e l e g e nh e i t e n zu reden, wenn da an den beiden Brennpunkten der innereuropäischen Kulturellipse Pestherde fortbeftchen, die eine unerträgliche Ansteckungsgefahr bilden. Es ist 'keine innere Angelegenheit' Oesterreichs imehr, daß hier die Autonomie der Hochschule n zu , täglichen antijüdischen Exzessen mißbraucht wird und daß in Ungarn auf frischer Tat erwischte Bombenwerftv unter dem Terror des erwachenden Gesindels sreigesprochen werden. In einer Woche stempelt de r Se nat der W iener Technik die jüdischen Hörer, die er ohnehin mit der Prozentnorm schikamert, zu zahlungspflichtigen Heloten, ekeln Hakenkreuz-Professoren den Anatomen Tandler hinaus und erlärt ein Horthh-Geri cht den mörderischen Ueberfall auf eine Tanzveranstaltung jüdischer Frauen als einwandfreie Uebung natio nal-rasii scher Beide Völker, die Deutschen wie die Magyaren, Minoritäten, mit deren Klagen sie unaufhörlich gegen die FriedenÄvertrüge anrennen und -deren Beschwerden sie als Angelegenheit des internationalen Rechtes hinstellen. Daß sie mit den Gemeinheiten ihrer Intelligenz .gegen die jüdische Minorität den berechtigten Kampf ihrer eigenen Volksgenossen unter fremdem Regime beschmutzen, und illusorisch machen, ist schließlich eine Angelegenheit, die nur ihre verantwortlichen Führer zst rechtfertigen haben. Uns hat die jüdische Angelegenheit zu kümmern und es ist nicht mehr an der Zeit zu protestieren^ sondern die , Frage muß an den zuständigen Ort getragen werden, vorden Völkerbund, dem zum Leidwesen aller reinlichen Menschen Oesterreich und Ungarn'als-vollwertige'Mitglieder angehören. Daß beide Staaten ihre Finanz ge b 01 r u -n g von - Genf vorgeschrickben evhal-' ten, war eine im Interesse der von Unfähigkeit und Wucher gequälten Bewohner.'notwendige Maßregel. Weshalb sollte diese sanierende Kontrolle nicht auch noch auf die Uebe't-, stände, auff' geistigem. .und int^illektuellem Gebiet ausgedehnt wecken? Beiden Staaten ist zum Glück, für iPe Böller die autonome Ordnung des.Haus- 'Haltes emg^chränkt worden. Weshalb denn-die Autonomie des Hakenkreuzes in den Hochschulen und Gepichtsfäleri fortbestchen lassen, die einen Skandal nach demanderen heraufbeschwört? - Es ist unwahr, daß sich die öfftMiche Meinung diesseits öder jenseits Lex Leitha gegen diese Vorkommnisse aüflchnt. Die öffentliche Meinung ' ist durch die vielen Rechtsbeugungen die sich in-der Hauptsache doch nur gegen die Juden richten — stumpf und teilnahmslos geworden. Die Krawallstudenten und ihr professoraler Wurmfortsatz beherrschen das Terrain und es fällt keinem Sozialdemokraten, geschweige denn einem Angehörigen unserer rühm- und ersolgbedeckten Regierungskoalition ein, sich ernst für das frech verhöhnte Rechtsempfinden einzusetzen. Die Hakenkreuzler Hecken ernetatsächliche Macht, mit der die Staatsgewalt auf Du und Du verkehrt. Die ungarischen Banditen tragen Offiziersuniform und verfügen außer ihren Boncken auch noch Übden christlichen Kurs. Die öffentliche Meinung ballt höchstens die .Faust im Sacke, und wo kein Kläger, ist auch kein Richter. Hier in Oesterreich mb dort in Ungarn. Wer in Gens ist einer und der -muß angemfen werden, so laut, als wären etz Griechen oder Mazedonier oder Grusinier, die zu ihm roden. DerBälkerbund ist, wenn er zu Liesen Dingen schweigt,- mitverantwortlich^ Ev muß Stellung nehmen und gegen die RotzbubenMoMk mit jedem verfügbaren Mittel einschreiten. Mue hakenkreuzLerrsche Skandale rn Vorbereitung. - / Vor. dem Eingang zur. Universität vevteillen gestern vormittags einige junge Burschen, ohne daß sie von den Organen der Universität, oder der öffentlichen Sicherheit gehindert worden wären, Nugze'itel des folgenden Jnlältes: ’ . /Mieder iverden unsere deutschen Hochschulen der Dninmelplatz ausländischer Juden. Mit dem größten Aufwand an Geld und' Werbeniateriät sucht der Versuchen Sie unseren * u nur L Trattnerhof 2 (Graben) feine deu'tschen 'Opser»' Studenten! 'Aus diesem ulturamt der deutscheu Deutschö fterreichs' ■ ge-, mit Rat und diesmal ahnungslose 'Grunde sieht sich das Stu dentens chast zwangen, Len deutschen Studenten T a t zur Seite zu stehen." An dieses geradezu blödsinnige Geschwätz schließt sich die Ausfockevung an die deutschen Studenten, sich Sonntag ^vormittags um halb 9 Uhr vor dex Unwevsität zahlre 'l ch zu VersammeIn. Auch in der Aula der Universität wurden diese Flngzettel verteilt, sonst herrschte im Gebäude Ruhe. Bezeichnend für das Umsichgreifen der. hakenkreuzlerischen Agitation ist der Umstand, daß nunmehr in der Aula zweischwarze Bretter der nationalsozialistischen S t u d e n t e n s ch oft zu r Verfügung stehen, an denen sie ihre Kundmachungen affichieren. JJm vorigen Jahr chatten sie nur ein solches Brett. Obwohl eine Bevocknung des Rektorats solche Publikationen einzelner StlckenttznEorPorationen aus dein schwarten Brett verbietet, die vorher dem Reltorat nicht vorgelegt werden und mit dessen Stampiglie verseheir sind, -wurden die erwähnten Flugzestel aus beiden schwarzen Tafeln, ohn e daß sie vorher dem Rektorat vo-rgelegt Word e n w ä r e n, befestigt. Ist die Staatsanwaltschaft bereits eingeschritten? Hat sie dieses Kulturamt gefragt, worin Rat und Tat besteht? Weiß die Regierung des SanierunHsftaat.es, »was M unter ihren Mgen absMt?. : ' „Der Lieg des christlichen Gedankens." Der Freispruch der Csongrader Frauenmörder,'— Szolnok beflaggt. - 5 Budapest, 27. September. Zu dem gestrigen Urteils-, spru'ch in dem Monströprozeß gegen die Csongrader Bombenattentäter teilen die Morgvnblätter ergänzend mit, daß dev Staatsanwalt gegen das ■ f re U‘ sprechend^ Urteil des Gerichtshofs Berufung ein-, legte und einen Antrag aus Ausrechterhaltung der Hast a>er. sieben Angeklagten stellte. Der Gerichtshof wies diesen iAn-/ trag de's Staatsanwalts als unbegwündat zurück uttfcj nahm nur die Berufung mit dem Beschluß entgegen, samt-' liche Akten an die Königliche Tafel zw leiten. . .Unmittelbar nach dem- Bekanntwerden des Freispruchs versammelte sich eine unabsehbare Menge vor dem Gerichtsgebäude und dem Komitatshaus, um die Helden des.-Tages, nämlich die sieben Freigefprochenen und deren Freunde, und Berteiidlger, festlich zu/begrußm. Biele Häuser legten sofort F l a g g e n s ch m u ck an. Alle Fene' ster waren dicht: mit Neugierigen besetzt.^ - i; Als die sieben Fvergesprochenen auf die Gasse träten,' empfing sie ein Sturm der Begeisterung.. Es formierte sich ein Festzug, an dessen Spitze die Abgeordneten Franz Ulain, . Stephan Lendvai-Lehn e r, Johann Zsirkay und die Führer der SKolnoker Et- 'wachenden Ungarn schritten. Alle Teilnehmer 'des Zugs trugen die Weiße Nelke im Knopfloch. Die Gesellschaft begab sich in den Speiftsaal des Christlichen Kasinotz, daß in der Nähe des Gerichtsgebäudes liegt. Vor dem Eingang zum Restaurant streute das Publikunr, unter unausgesetzten Eljenvuftn weiße Nelken aus Piros ta, Sink.o und Bölöni, sowie aus den alten Landwirt Johann Kokai, der seinerzeit eine hohe Kaufton «für die . Haftentlassung der Brüder Piroska erlegte., o. Bei dem Festdiner feierten die rechtsradikalen. Ahgeockneten den Sieg des ch r i st l r ch e u G e d a.!N k e n s,! der sich, in dem Urteil des Sz-olnoker Gevichtshofts kund-' gebe. In der Stadt herrschte bis in dft stzaftu Menb-' freudige Aufregung^ „Uz Wag" zufolge rechnet man in ' 'HpDdÄelleÜ! Mt dem sicheren Rücktritt des Ministers ' des! Innern Ivan Ra-kov szky als einer Folge des noiker Urteils im BombenattLntatsprozeß. Miwistev . des! Jm:evn. >Rakovszhy. hat sich während der ganzen -Dauer' der durch den -Ministerialrat Dioszeghy sin Auftrag des Ministeriums des Innern geleiteten Untersuchung des ^ongvader Bombenattentats Mt diesem Staatsfunktionär solidarisch erNärt. Da' - nUnmehv der k^olnokev 'Richtechpmch die Ergobn>isft dev lUntersü'chung als MM^ünglich und nicht 'beweiskräftig Ve-Vwovfen hat, trifft diese Msderlage «des . Mnistevialrates' Dioszeghh nicht nur diesen, sondern auchdessen ünmittelbaron Vorgesetzten, den Minister des Innern.- Nach oppositioneller Aufftssung bleibe dem.Mnister an-' geisichts dieses schweren Echecs kei-n weg nbüig altz Per Rücktritt. J :vi' Hitlers Bewährung. München, 27. Septernber. In d'er Frchfe'Dkv Bewäh> rüNgsfrift für Hitler erinnert die Korrespondenz der bä y-j rischen Bolkspärtei daran, daß. das Nichterkollegium bei seiner Beschlußfassung eigentlich aUH'eine früherL Bemrteilung Hitlers hätte heranziehen müssen. Hitler habq vor zweieinhalb Jahren/also in den ersten Anfängen feiucxj' Kampfbewegung, eine Versammlung des ' „bajlldarischen Preußenfresfers" Ballerstedt und seines Bmckes gestört u^d gewaltsam gesprengt, «wofür er regen Landstiedensbruches. zu drei M o n a t.e n G e sä n g n x s, jedoch mit B ti w äh r u n g s f r.i ft, verurteilt wurde. Diese BewährungsA frist sei jedoch noch nicht abgolauftn gewesert, als Hitler