Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2016 (25.9.1924)
- Date
- 1924-09-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 301.6 Wien, Donnerstag Wiener Morgerrzetturig. 25. September M'4,._Stäk 1 .2Eüomst£ssch©s Iandeskomitee iü v 42 est erreich. Kurt Blumenfeld 8£HE UTE TZ 8 Uhr abends VORTRAG des Herrn Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees über: „Zioni tische Organisation und Jewish Agency“ aus B e r1in iFesisoßieiMs ContinentflülJaiioistii Petersburg unter Wasser. Professor Tr. Kalischer gestorben. Aus Berlin berichtet I. T. A.: Eine b-ekculirte Persönlichkeit ans dem gegenwartsten jüdischen Leben Deutschlands, Prof. Dr. Salomon Kalischer, ist am 22. d. inn 79. Lebensjahr verstorben. Prof. K'alischer war ein Verlvandter des berühmten Rabbi Hirsch Kaiifcher; des geistigen Bertrcterrs d«er Palästinakolonisation. Geboren 1854 in Thor:::, studierte er zuerst am jüdisch-theologischen Seminar in Breslau und promovierte 1868 mit einer preisgekrönten. Arbeit über Aristoteles zum Doktor der Philosophie. Nach kurzem Aufenthalt in A m st e r d a m wandte er sich tit Berlin physikalische!: und chemischen Studien zu, wurde Privatdozent an der Baiwkabie.nic in iBerlin und 1896 Professor an der tech n i sch en Hochschule in Ch arlot t e n b u rg. Er publizierte.eine Reihe von wertvollen Arbeiten auf dem Gebiete der Physik, Chemie und der Elektrizitätslehre. Darüber hinaus war er auch auf allgenteinem Gebiet wissenschaftlich tätig. So schrieb er über „Teleologie und Darwinismus", über „Farbenbbindheit" sowie für Btelschowskys Goe he-Biographie das schöne Kapitel „Goethe als Naturjorschef". Im jüdischen Leben war Prof. Kalischer au allen geistigen Bestrebungen beteiligt. Jahrelang leitete er den deutsch-israelitischen Gemeindebund, war Repräsentant der Berliner jüdischen Gemeinde und bis zuletzt als Mitglied des Schulvorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde aktiv tätig. Obwohl seiner Grundeinstellung nach liberal, war er doch ein warmer Befürworter auch rebigiös-kouserpativer Tendenzen, namentlich dann, wenn es sich um Schulinstitntioneu handelte, die eine vertiefte hebräische Ausbildung bezwecktet:. Auch dem P a l ä st i n a a u f b a uwe r k wandte er ein warmes Interesse zu; er war Mitglied des deutschen Keren Hajessod. Wolfsohn-Vedenkfeier im Leopoldstädter Tempel. Gestern abends fand im Deopoldstädter Tempel eine hon der Zionistischen BezirkssMon Leopoldstadt veranstaltete Wo lssohn-Gedenkfeier ftotf, an welcher ein überaus zahlreiches Publikum teilnahm. In: Mittelpuickte der schlichten und eindrucksvollen Feier stand die Gedenkrede des Rabbiners Dr. Feuchtwang, «welche durch ihren warmer: Schwung und den ztr Herzen gehenden Inhalt eine tiefe Wirkung auf alle Anwesenden Wie. Zehn Jahre seien eine genügende Zeit — so ungefähr führte Dr. Feuchtwang aus — um die Distanz zu bieten, die nötig ist, zur objektiven Abschätzung einer Persönlichkeit, und David Wo'lfsohn war eine Persönlichkeit. Man würde gegen die geschichtliche Wahrheit verstoßen, wenn mau sagen wollte, er sei ein Genie gewesen, aber es genügt, wenn ei;: «Mann groß ist, eine wirklich festgefügte und bedeutende Persönlichkeit im allgemeinen und insbesondere in der großen Weltbewegung, in der er stand und in deren Dienst sich nur allzu wenig große Männer gestellt haben. In dieser Weltbewegung war David Wolssohn groß und bedeutend. Mit treffender: Worten zeichnete der geschätzte Kanizelreduer Wolfsohns Entwicklungsgang, der einem echt jüdischen Milieu entstammte, die Einflüsse der ostjüdischen Aufklärer, der Maskllim auf ihn, welche eine Bereinigung der alten Traditionen mit dem Blick in die Welt anstrebten. So wuchs Wolstohi: aus in jener Wischen Sehnsucht nach innerer und äußerer Erlösung, und es war naturgemäß, daß er sich 'Mb den Cho >wewrZion anschloß. Er ivar Zionist, bevor es einen Zionismus gegeben hat. Als Herzls „Judenstaat" erschien, der auf hie ganze jüdische Welt wirkte, auf die einen hinreißend, auf die anderen erschreckend, da ging David Wolssohn eine Sonrte auf. lind wem: Herzl ihm die Sonne ivar, so blieb er dessen Mond durch sein ganzes Leben. Ans dieser Bewegung, welche heute schon das ganze Judentum erfaßt, kam er keinen Schritt mehr hinaus und er sah in: Zionistnus nicht allein 'das Politische, sondern aitch die Erfüllung der Ideale, die unseren Vätern teuer waren. Gestützt auf verschiedene Zitate aus Bibel und Talmud würdigte Dr. Feuchtwang knapp, aber treffend den jüdischen Ewigkeitswert der zionistischen Idee uu'b schilderte hierauf David Wolfsohns persönliche Eigenschafielt. Unter allgemeiner Ergriffenheit schloß Dr. Feuchtwang: Er hat Herzls Größe nicht erreicht, aber er hatte feinet: inneren Wert, den Adel der Persönlichkeit, während er die tiefere Kenntnis des Judenttuns vor Herzl voraus haile. .An: besten feiern wir das Attdenkct: eines großen Mannes nicht durch Seelenseiern; Kaddisch sagt man Toten ach', Lebendige nimmt man sich zun: Beispiel. Davids Wolfsohns Andenken möge richtung- und.'beispielgebend sein! Hierauf sprach Dr. Fe u ch t w a n g ein Totengebet und rezitierte das Kaddisch. Mit der Absinguug des El mole rachmim durch O b e r k a n t o r Fische r, welcher, fiine Sturmflut. - Ser Newski-Prospett SbeMwemmt. lEigendienst der „Wiener Morgenzettung") Moskau, 24. September.. Durch eine Sturmflut wurden riesige Waffertnengen vor: der See her in die Newa gedrückt, die seit einigen Tagen rapid steigt und nunmehr aus den Usern getreten ist und zum Telle die Dämme durchbrochen ha-t. Die Wassermaffen sind bis t :t das Ze n tr um de r Stadt gedrungen. Die den Ufern nahegelegenen Stadtteile stehen zehn Fuß tief unter Wasser. Die Fluten haben die Häuser an dm Werften und die Fabriken aus der WaMij-JnsÄ zerstört, vielfach das Pflaster a u s g e r i s s e n und sich reißend in die inneren Bezirke ergossen. Der Straßenverkehr ist unterbunden, der elektrische S t r o m, T e l e p h o n und Telegraph sind unterbrochen. Der Platz vor dem Winter Palais ist überschwemmt. Der N ew s k i-P r o sp ek t ist in einen reißenden S t r o nt verwandelt, in dessen schmutzig trüben Fluten entwurzelte Bäume, Pserdekadaver und uingestürzte Wagen treiben. von: Chore begleitet, die kantoralen Funktionen in. ausgezeichneter Weise versah, endete die stimmungsvolle Gedenkfeier. _ Sie Brandkatafirophe iti Moisburg. , ,3u der von uns gemeldeten Braudkatastryphe, von der die uralte Jndenstadt N i k o l s b u r g vorgestern heimgesucht wurde, wird uns noch berichtet: Ter Brand entstand ii: der Emik-Schweinburg-Gasse, die ihrer: Namen i:ach dem jüdische:: Wohltäter Sch wein bürg trägt, der vor mehreren Jahren große Stiftungen für jüdische und christliche Institutionen in Nikolsburg errichtete. Ir: dieser Straße, die eigentlich nicht zu dem ältesten Ghetto gehört, sind a ch t Häufe r, zum größten' Teilt Geschäftshäuser, ' dem Brande zun: Opfer gefallen. Diese Häuser sind bis auf den Grund medergebrannt. Angrenzend an diese Straße, in dem alten Ghetto, das auch von Christen bewohnt ist, hat das Feuer gleichfalls verheerend gewütet.. Der Sachschade konnte bisher noch nicht genau ^estgestellt werden, beläuft sich jedoch auf mehrere Milliar den Kronen. O e f f e t: t l i ch e Gebäude, sowohl jüdische als auch nichtjüdische, Meben vom Feuer verschont. Auch Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu beklagen. In der: Kreisen der in Wien lebenden Nikolsburger, bereit Zahl eine ziemlich große ist, hat die Nachricht von der Brandkatastrophe begreiflicherweise große Bestürzung hervorgerilfen. Eine große Zahl, ist 'gleich nach Erhalt der Nachricht in die Heimat gefahren und heute fährt auch'der Wiener Gemeind-erabbiner Dr. David Feuchtwang, der ein Nikolsburger ist und« catch lange Jahre in Nikolsburg älss Rabbiner tätig war, in seine Heimatstadt, um aU.Orh und Stetste festzustellen, ob und in welchem Ausmaße eine - Hilfsaktion für d>ie durch deir Brand obdach- , und, und existenzljos Gewordenen einzuleiten wäre. Die meisM d-er in Wien lebenden Nikolsbürger Juden sind in guter sozialer :tnbtvirtschaftlicher Stellung und es ist kein Zweifel; daß sie, falls es nötig sein sollte, ihnen Landsleuten hilfreich beispringen werden. Eine furchtbare Bluttat in Bettin. . Ans Berlin wird uns gemeldet: In der MeM« straße spielte sich gestern Nacht ein blutiges Dratna ab. Während der Abwesenheit seiner Frau hat der 27 Jahve alte Schlächtermeister Bo rusche in in seiner Wohnung seine Geliebte erwürgt und ihr dm Kopf abgeschnitt e n. Darauf öffnete er die Gashähne unid legte sich neben die Leiche, wo er morgens tot aufgefunden wurde. Best ln Zndirn. Rach cincr Meildung aus Kalkutta nimmt dr« P e st ikl der Provinz H aid a r a b a d an Aitsdehnuug zu. Letzte Woche wurden 40 0 n e u e K r a n k h e r t s f ä l l e verzeichttet, von. denen 250 tödlich verliefen. Zer Erdbebenherd in Kleinafle«. Ans K o n st a n tinope l wird gemeldet, daß in der Gegend von Sivan mehrere Dörfer durch Erdbeb e n z e r st ö r t worden sind. Durch zusaitnmenftürzend« Häuser sind zahlreiche. Personen getötet worden. Eine Abteilung der roten Armee, unterstützt von Gruppen Freiwilliger, hat einen Hilfsdienst organisiert, dem es gel-nngen ist, die oft s ch wie ritz c n R e ttu ngsar he i te n durchzusühren. Bisher sind Opfer an Menschenleben nicht zu beklagen; dagegen ist der Sachschade sehr groß. Aus M o s k a n si'nd Leibensmittel und Hilfskräfte nach Petersburg dirigiert worden. Die Ordnung wird überall aufrechterhalten. Die Uoberschwemmung ist die größte, welche Petersburg seit fast hundert Jahren verzeichnen hat. Ein Unv» etter in Avignon. Paris, 24. September. (Havas.) Im Gebiete von Avignon ist ein sehr heftiges Gewitter niedergegangen, das an den Eise nbah niin:e n beträchtliche Schäden anrichtete. Tclegraphenntaste wttrden niedergelegt und Züge zur Entgleisung gebracht. Der Bahnhof von Orange ist überschwemmt. Telegram.me von Paris nach Marseille werdet: mittels Flugzeuges befördert. Andenkensammler. Lor eitnger Zeit wurde im Pariser. Elyseepalast zck Ehren der amerikanischen Delegierten für den Reklamekongreß in London (über deffen Verlaus die „Wiener Morgenzeitung"' seinerzeit ausführlich berichtete), ein Fest- . baitifeit veranstaltet. Das Bankett verlief sehr animiert. Man ging in gehobener Stimmung atrseinander, aber zum Schlüsse wurde mit Befremden konstatiert, daß 2 4 g o ld e n e K affe e l ö s f e l v e r s ch w u nd e n waren. Die Entdeckung war sehr peinlich und konnte auch nicht ganz .geheimgehalten werden, so daß die franMsche und englische Bonlevardpresse sich dieses Sensationsstoffes bemächtigte,, wobei teils offen, teils verhüllt die amerikanischen Gäste veMchtigt wurden, daß sie diese zierlichen goldenen Lösselchen als „Souvenir" IMen mitgehen, lassen. Die amerikanische Presse wies diese Verdächtigungen mit Entrüstung zurück und, weiß Gott, wohin diese Auseinandersetzung noch geführt hätte, wenn nicht von französischer amtlicher Seite die Erklärung abgegeben worden wäre, daß die amerikanischen Gäste über allen diesen unwürdigen J-n.sint:atio::en stündet,. Damit war die Affäre in ritterlicher Weise beigelegt und die verschwundenen goldenen Kaffeelöffel blieben, nach wie vor vevschwunden. Das New-Dorker „Morni:^ Journal" macht ans diesem Anlaß die interessante Bemerkung, daß die Amerikaner dafür im eigenen Lande bekannt sind, daß sie die Neigung haben, in den Hotels, in denen sie absteigen, „Andenken" mitzunehmen. Es gibt in Amerika nach dem genannten Blatt kaum ein besseres Hotel, in dem nicht jähr- ' lich wertvolle Gegenstände im Werte von durchschnittlich tausend Dollar verschwinden würden, die aber, Gott bewahre, nicht gestohlen, sondern als ,-Souvet:irs" mitgenommen werden. Die omeriVanischen Hoteliers sind schon auf diese Erscheinung so eingerichtet, daß sie, -wenn eine i SiWertvffe oder ein seines Glas oder sonst ein wertvolles Stück fehlt, gleichMtig darüber hinlweggehen, weil sie diesen sonderbaren Schwund" schon in die Preise einValkulieren. Es hat sich hierfür bereits ein ganz eigenartiges KalkulatronssystÄm herauSgebiTdet. Der Manager eines der größten Hotels in New-Nvrk hat zuw Beispiel errechnet, daß durchschnittlich jeder Gast Gegenstände im Werte von einem Dollar aus dam Hotvl'besch nimmt. Das heißt, daß bei tausend Gasten im Jahre der Verlust 1000 Dollar jährlich beträgt. Je größer das Hotel, .desto "’et der Schaden, so daß, wem dieser Berlüst nicht stillscht.. igetrd wettgeMacht würde, manches große Hotel schon ihätte zttgriutde gehen muffen. Die Anstellung eigener Detektivs üvüvde natürlich dem Renommee eines erstklaissigen Hotels schadet:. So kamen denn die Besitzer der größeren Hotels von Amerika darin übereijt, eine sogenannte Andenkensteuer von ein bis zwei Dollar pro Gast eirtzuM-ren, und nun mag er seiner Leidenschaft, Andenketr zu sammeln, ruhig fröhnen. In manchen Hotels wird überdies noch die Vorsicht geübt, bei der Abreise ei ms Gastes rasch fe ststellen zu lassen, ob auf seinem Zimmer nichts fehle, und ivenn der Abgang eines „AndeirkenS" festgestellt wird, wird der Gast in ' schMNngsvvllster Weise vom Hotelsekretär gsbeten, das Andenken Kurückzustellen oder zu bezahlen. Wird der Abgang erst nach der Abreise des Gastes entdeckt, so echalt dieser einen formvollendeten, höflichen Brief, und W'den meisten Fällen zieht es der Adveffcvt vor, den geforderten Betrag zu überweisen, als das Andenken hnrilchnisen'den