Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2015 (24.9.1924)
- Date
- 1924-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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der. »wiener: morgenzeitüno ummer 28 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH M. September 1924 ADMINISTRATION^ JiftglfXR l^R^NZEntTNC* WIEN, H-, TABQRjST&Am 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE ' . Zui\ Literaturgeschichte > Literattirgeschidh-te — das war einmal eine endlose Aneinandürr^ibung von Namen und Jahreszahlen, nüt guten und minder guten Zensuren unterspickt; der schlechte alte K l u ge war solch ein Buch und unsere Schulen beginnen erst seit wenig mehr als einem Jahrzehnt sich der Herrschaft .dieses Ty>pus zu entwinden. Dann kam allmählich die Darstellung geistesgeschichtlicher Zusammenhänge auf, die das Tatsachenmaterial teils als bekannt voraussetzte: (Scherer), teils, soweit es biographischer Natur war; als unerheblich ablehnte «rund 6 Bf). Erst voriges Jahr versuchte W e i g a n d statt des herkömmlichen zeitlich orientierten Längsschnittes Querschnitte durch die deutsche Literatur zu geben; die Stoffgebiete absonderteii. Als Unterbau zu diesen größeren Darstellungen gab es bisher fast nur Einzeluntersudhungen persönlicher oder stofflicher Natur zu einzelnen. Dichtern oder ganzen Gruppen, daneben Erörterungen über die Wandlungen eines bestimmten poetischen Motives bei verschiedenen Völkern und in verschiedenen Zeiten. Nim versuchen Karl Victor, Hans Naumann und Franz Schul tz im Münchener Dreimasken-Verlag eine „Geschichte de r ide u t s c h e n Literatur nach Gat tun ge n“ zu geben, als deren erster Band seit 1923 die „G eschichte der deutschen Ode“, von Karl Victor vorliegt. Daß es so etwas bisher in zusaimmehfessender Gestalt — von populären Kompendien abgesehen — nicht gab, ist in der deutschen Art begründet, die, darin romanischem Wesen entgegengesetzt, für die' Form -nie allzuviel übrig hatte. Victors Buch, (189 Seiten.Großoktav) ist eine apf umfassendster Arbeit beruhende, gründliche und kluge Untiersuohung, die dartut, wie die deutsche Ode auf zwei' grundverschiedene antike Vorbilder zurückgeht, auf den kühlen Foranfeimstier Horaz und den Jahrhunderte lang falsch verstandenen P i n d a r, den man für den formlosen Meister kühner Ueberschwengüchkeit gehalten hatte, weil seine strenge Gesetzmäßigkeit mangelhaften philologischen Kenntnissen nicht klar zutage lag. Sehr glücklich «gibt er dann Gruppen von Oden, an ihren Hauptvertretern dargestellt, wie die humanistische Ode an den Neutateiner Balde, die Baroäode an Werfherlin und Gryphius, weich* letzteren er gegen die herkömmliche Meinung als wahrhaft: schöpferischen' Kopf dartut, <35e enthusiastische Ode an Klopstock, die elegische an Hölty-und Matthisson. Der Höhepunkt der Ode ist ihm Hölderlin, aber sogleich auch ihr vorläufiges Ende, wie der Obstbaum sich nach Ablieferung seiner Fruchte zum Winterschlafe entblättert. Schon Hölderlin führt nur mehr alle vorhandenen Typen, der Ode zum Gipfel, «her er schafft keine neue mehr und Flaten, Geibel, Leuthold sind unserem Autor nur mehr Epigonen; von den Neuesten-will er vollends gar nichts mehr wisse», wie denn etwa die formschönen Oden Hartlebens 'bei Vietor seht,schlecht wegkommen. Bedeutet das ein*' Schwäche des schönen Buches, so halte ich es für. einen Vorzug, daß es eine Definition der Ode bewußt unterläßt, «um. picht das lebendige Werden in eine Formel zu pressen und sich «selbst künstlich das Sehfeld au verengen. Die Ode wird einfach in die Mitte zwischen Lied und Hymne gestellt und Grenztiberschreituiigeri: nach der einen wie nach der «andei^h Seite werden gleichmäßig gebucht. Man darf auf die folgenden Bände der Sammlung gespannt sein. i: r-; . . Sty. : I:’ i neuer Vornan von Gerhart Hauptmann. In den t"fil2i! "j des ^Oktober enscüei'rit efin neuer Roman’’von Gerluirt Hauptmann; er «heißt „Die Insel der «roßen Mütter oder das. Warnder von feie des Dames“ «und führt den Untertitel ,JBine "Geschichte ans «dem utopischen pHaft'us“. Die Scene der Ereignisse «ist eine unbewohnte^ Südseeinsel,' auf der eine Anzahl schiffbrüchiger"Frauep, «begleitet von', Miern« ef«nzi«gen Knaihen, l«anidet. Dfe Erräb- ] urig; die so als .Rpbln^pnaide etosetizt, «entwickelt sich — dßr heranwa^isenöe Knabe wird Vater eines Geschlechts vipn Inselbewöhtiernzur Geselchte ettnes Staates, von sljnen hötvoifeh' Anfängen bis zu revotkrtionäreir Uefoerreffe. In ihr . Hanptoiiajin ein Doppeltes «eben:J einest Wman der Menvsohhchkeit - und v zugleich -> «Ln Epos der MeswchtichkeSt,, ,Ds den ganzen Kreis «unserer ewiger Fraä geh und Antworten absohneitet.. . I DAS MODEBUCH Ein Roman aus dem Irrenhaus *) D4e Bühire.der (Gesöheh'nfese Isf ein Irrenhaus. Lange, weiße Gänge «mit unzähligen Türen, hinter «denen das gefangene Ghaos heult, brüllt, weint undgeifert. Das Zimmer. des Arztes, kühl, still, niit funkelnden Instrumenten und mät Mappen, m denen die. Krankheitsgesohiohten, diese tragischen, verzerrten. Romane ausgezeichnet «sind. Die Symphonie der Töne: das dumpfe Murmeln, die extatisefte Beschwörung, die schrillen Schreie. Als Oberstimmen die kalten,: ruhigen Worte . der .Aerzte, die gleich Sonden in die rauchenden Krater der Gehirne dringen. In dem furchtbaren Gefängnis, In dem alles Gitter und Riegel, «ist,, erscheint eine sonnige, freundliche Oase: der Garten T'hib a«ut«s. In der Welt dieses Irren, der klarer, kühner und lebendiger ist als alle, die ihn bewachen, gibt es den starken, göttlichen' Geruch regennasser Erde und den zärtlichen Duft der Rosen, die er liebt uiid betreut. - Dieser Bleck Erde gleicht einer überirdischen Festung: an ihren Mauern verebbt aller. Wahnsinn, vor ihrem Schweigen sinken die Wo^f'^usammen, und Th'iibaüt wandert an manchen Abenden gleich einem himmlischen Gärtner durch sein Reich. ' Der Gegenspieler dieses Entrückten, von. einer Idee Besessenen, ist B o «ur, der Arzt. De beiden stehen einander in erbittertem Kampfe gegenüber,, m stummem töd- Mchem Ringen, sn dem das glühende Ghaos über die Vernunft siegt. Bour, der kühle Bour, «der die Tränen, die Flüche,, die Schreie der Kranken gewissenhaft: aufeeiohnet isn«d emordnet, der die Ideen der Mensclüiertsbefrelutig, «der Liebe, der Gerechtigkeit als Anomalien registriert,. Bo«ur wird zum Besiegten, über dessen unglückliches «und bestürztes Knabenantütiz Le,Unnahbarkeit, Thibaufe triuim^ phiert. ■ ■ ..., Eine Frau geht durch dieses Buch, Le aus den «Armen Boots, dessen zärtliche «und einfache Geliebte, sie war, zu Füßen Thibauts, des Märtyrers .hingleitet. Das wäre die Geschichte des Romans. Wer1 aber mag ftdtie Fülle, seine Prägnanz, seine Kühnheit, seht Leben zu schftdem, die de« Vaterlandes des großen Romanes, dem Lande Balzacs und Ftauberts, m voöstem Maße würdig sind? % N. geht sollst LÄe .Phantasie aus“ —, stets wendet skfi Wagner an Bans Richter, wie wir aus den voiftegenden Briefen erfahren. Gelegentlich faucht der Master auch ganz wild auf seinen Todfeind Hans «lick los, daun überrasrfu er wieder seinen Freund Richter dar^t artige KnMtetverse ziu seiner VermäMung: ..und 'kommt auch, die Walküre nicht In Person, zu richten den Richters die Eh’staadsufar; so kommt säe doch wenigstens in Partitur: Sie ist nicht von Gluck, doch wünscht sie euch' <MLk. daß kein böser Spuk eure Seele berück’!...**; Oder zur Geburt seines ersten Sotetesc \ . >.,^u dem gut gebrüteten Ei, Gratuliert: die ganze Wognereß; Bayreuth, dritter August — Hätten wfir’s nur eher gewußt?“... So bieten diese Briefe in Ihrer bunten Abwechslung /dem Wagner-Freunde Einblicke in die großen imA kleinen Freuden und Leiden1 des Meisters von Baywraät. 8b. *) Ffem Dominique: „Untere Bebe Frau von der Weisheit." Pan! Zoioay Verlag, Wien. verlangen Sie von (ALLER (BUKUM) I. Bauernmarkt kos Irrlos! VON BÜCHERN, DICHTERN ü VERLEGERN Neue Wagner-Briefe Unter den vielen «Wagner-Briefen, die Heute, mein als 40 Jahre nach dem Tode des Meisters, nooh immer neu erscheinen, verdienen dis Briefe an Hans Richter ganz besonder« Beachtung. Ehr. ganzes Hundert Briefe hat Lffdwig Karpatft, der bekannte Wlehea: Mnsikschriftsteiier und Freund des bfeuuse«. Wahnfried: in»,^sorgfä«H^er kritischer Ausgabe kn Wiener Zso 1 n ay-Verlag ...erscheinen lassen. Sie sind nicht nur «durch ■ die große Persönlichkeit Wagners interessant, sondern auch um Hans Richtens willen, der gewissermaßen Wagners: Famiulws war —. Wagner, «selbst nennt ihn m einem Brief« * „seine; rechte Hand“ — und es .'bis zum Tode des Meisters blieb. Die Fneaods'chafl begann damit, daß Wagner -den Jungen Hornisten der,Wiener Hofoper au sich nach TriebschjBn berief, d«a«mit er dfe «Partitur der .„Meistersinger" kopiere.' BM würde der Jung« Dirigent Openckayellmelster in: Budapest und?n Wien, er leitete die erste' Aufführung" der“ „Nlbejuhgen“'. '91 Bayreuth, war später der bedeutendste t WagnerrDirigent . Englands und verbrachte seinen Lebensabend «in Bayreuth,;wö''«*' «Wn Jahre 1916 «starb.. ' - V-'/ Die vorifegeuden Briefe zeigen,; in 'welcher Abhängigkeit sidi Wagner von Richter befand. Ob er .nun einen . Sänger behÖÖgte oder die Kopie einer Partötur,’ die Besdr. I fittttg'^on ' Noten (*. B. hn Jahre 1868 sämtliche .Opern- Dartituren. von Weber, Gheruibini, Mozart und0Spoii£ini), ob «s;'<sicti:;t?m das, Artanigement von Konzerten handelte «oder auch gelegentlich um die Besciha'ffung eines Fäßcfiens echt russischen Kaviars oder Münchner .Bieres —„nüV „Stürmer des Ghetto.“ Unter diesem Titel «ersdWnt demnächst1 im Vertage „Safrut“ (Dr. Präger-Rath) eStt Werk vo n Z. F. Fink e Ist ein. Das vornehm ansgestattete Buch, das Me Reibe, Silhouetten jüdssdier fadtvlduialitäten enthält,, dürfte Interesse weiter Kreise erwecken. Eine neue Geschichte der Juden. Der jetzt ffa Rußtand lebende bekannte jüdische Historiker Israeli Zrnberg hat eine «neue Geschichte der Juden geschrieben. Anberg nahm bekanntlich hervorragenden Anteil an der Abfassung der in russischer Sprache erschienenen jüdischen Enzyklopädie. Hebräische Dichtung in Italien.. DSe Universität von Cambridge .veröffentlicht «Ln Anschluß an che voriähr^peh Dante-Feiern eine Reihe von Publikationen über das italienische’ Schrifttum im Mittelalter «und Neozdt. ' tzn Rahmen dieser Publikation erscheint Leser Tage ein Buch von Nina Säiaman , über .die «hebräische Dichtung im 18? Jahrhundert mit' besonderer BerüÄcsiÄMimg RahÄ Morpurgos. Das Werk enthält Äne knappe BesohreNrunL Älter hervorragenden hebräischen Dichter in Italien Ln 18. Jahrhundert sowie Proben aus ihren Werken. Eine besonders eingehende Studie ist der Dichterin Rubel M«or* purgo ‘ gewidmet. Das Buch ist mit «einem Vorwort; des Londoner Gberrabbiners und einem Nachwort von H. M. Loewe versehen. Adolfö de Bosis. ' bn seinem Geburtsorte Ancon a starb küraiieh.sechzigjährig Adolfo de Bosis, efne staake K'ünstlerpersön'licihkeit, aber mer jener merkwürdigen «Menschen, die es weniger drängt, ihr Werte nach außen Lii gestalten als es m sich selber zu verwirM&chen. Man ätöert vorn ihm den Aius&pruch, daß es ihm dar«a«uf ankomme, Kunst zu leben, in dieser Eigenschaft ist «r Zentrum und Inspirator des ganzen Dichterkredses gewesen, von detm nach außen D’ Annunzio am bekantttesten geworden ist; dieser «hat ihn als seinen Meister angeredet. Seine Freunde rühmen de Bosis reine Ethik, seine Güte, seine sozial-freiheitliche Gesinnung. Dem Politischen hielt er sich fern. De Mischung von ungarischem und italienischem Blut trug in sein Wesen jenen Zug schwüler Römamffik, der dem politischen Italien der jüngsten Vergangenheit eigen« ist. Shelley ist Mer «da« Objekt der Verehrung und der Held der Nachfolge; unter seiner Büste finden dfie Zusammenkünfte statt. Shelleys Werke zu übersetzen war de Borts hauptsächlichste und viel gerühmte literarische Betätigung. Von ' seinen eigenen Werken ist mirider Gotfiohtbaad „V0nX«iebe 11 nd Sc«hweigen" in weiteren Kreisen bekannt geworden. Leins Zurückhaltung ließ ihn den größten Teil seiner Dichtungen gar nicht veröffentlichen. An der Kunst Adoho de Bosis ist vor allem die hohe Musüfeahtät, dee Reinheit «und Süße dev Sprache sn rühmen. . Ein Lehrbuch der modernen Medizi« ln hebräischer Sprache. Wie uns aus New-Yoric berichtet wind, hat eäne «Gruppe amerfikanisoh-ijü<Ssciier Aerzte es sich zur Aufgabe gestalt’ sin umfassendes Lehrbuch der Medizin in hietoräi'scher Sprache, zum Gebrauche an der hebräischen Universität in Jeirusaieim. henarasougeiben. Das Werk wird 60 -Bände umfassen. Der «erste Baad ist vor kurzem unter dem TOd .yRolhoah“ erschienen. De Redaktion legt in. den Händen von Dr. A. A. Golden, L; Herbert und A. Goldsteln. Zur SiahersteMwig «des Wierkes trat söoh dfe Geseflfefcfiaft »jR öh'ealt“ «ebSdet. Eine neue Dante-Ausgabe. Die Klasrtkeraussabeo des Tempeivertages bi Xe^adg * haben sieb rasch einen guten Namen gemacht; hier . werden dem Literaturfreund und speziell, dem . Liebhaber, schöne Bücherausgaben geboten. «welche vermöge ihrer, geschmackvoHen Ausstattung und des guten ansprechenden Druckes gediegene Literatur hi vornehmer äußerer Fassung darsteSen. Es war ein besonders McMcder Gedanke,. Werte« der Weltliteratur in zwei s p r a c h i g e m Text herauszugeben. Von solchen liegen, schon etlitalre Bände vor, die nüninehr «m einen neü^n Dante bereichert sind. Die soeben erschienene „Gö’tila ch e-Komödie“ ' hat Konrad v, P«ut!fitz «unter Mitwirkung von.Emtny. S c h w e i t z e*vi. Tjfdeutsdrt. «Eine Dante-Uebersetzung ist an sich ein schweres Unter* jn-Ämten, und" es' ist fraglich, ob ’c&es restlos gelingen-kann.; Diese neue Ueberteteung' läßt zwar manche Wüniche offen, doch kann man sich hier leichter: damit ahnden, l w«eÄ Äe genAmte Ausgabe ja für Kenner des Iitaienäschea berechnet ist. >, ... xd. D E R WOCH E STETS B EI Wilhelm Braumüller & Sohn Wien, I. O r a b e n 21 D«4es ÄMxeWim bat WtolaMäM^ BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN, I. ROTENTURMSTRASSE 22