Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2012 (21.9.1924)
- Date
- 1924-09-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 2012 Men, Sonnkag Der Niedergang der Wiener Kafseehaurlnitvr. Bon Egon Dietrichstein. - Kann man von einem Ende des Wiener Kaffeehauses sprechen? Nein. Wohl aber von einem Ende, znmMdest über von einem Niedergang der Wiener : Ka-fifechcluskuiltur. Und bezeichnend für den 'U-mschwung Wiens, Kr das Mb- Men Wiener Eigenart vor allem: daß dieser Niedergang sich ohne Widerstand, ohne Protest, -ohne Dsmonstvcvtion, ohne Opposition vollzieht; daß das Wiener Kaffeehaus ganz sachte in die neue Zeit entfchlu-mrmrt >ist, sich kamnpflos sMst aufgegeben hat. Was ist das-Wesentliche, Ursprung Md-Ende dieses Niederganges? Daß sich das Wiener Cafe heute kaum von vvmm Lokal gleicher Gattung in Berlin, Posen, Magdeburg, Stockholm, Kairo unterscheidet. Die Kaffeehäuser amderer Großstädte, anderer Provinzen «wurden immer wiene- Äscher, das Wiener Cafe immer 'wienfremder. Bis beide in einem Typus zusammentrasen, sich eine m Typus assi-. milierten: dem internationalen Cafe. Das Wiener Cafe unterscheidet sich von dem allgeimeinen Typus nur, mchr durch Nuancen, durch zarte Differenzen, durch einen geistigen Duft... mehr oder weniger nur für einen unverbesserlichen, unassimilievbaven Wiener bemerkbar. Das Wiener Cafe ist vor allem daran verendet, daß es immer mchr in den Luxusbetrieb ülbevgmg. Deine Bilanz ist feit dem Kriegsende, weiß Gott, immer düsterergeworden, über sein Lokal Heller. Man beschäftigt sich nämlich jetzt immer intensiver damit, das Wiener Kasseehausleiben zu Loipen", Attraktionen ausßustellen, stärkere Effekte ern!;uschalten. Das Wiener Cafe schämt sich, „nur" ein Wiener Cafe/zu sein. Es strM zrmr Etablissement. Schon ist die Grenze zwischen. Kaffeehaus und BarmufiKolkal abgeräumt, schon lockt ein neuer Rekord: Variete! Das Kaffeehauspodium, aus dem sich die Musikanten, WoWssänger zu PaUse- und ruhelosen Produktionen, niederließen, wird bereits Nackttänzerinnen, Exzentriks, Jongleuren, Akrobaten eMgeräumt. Damit sind wir beim. Tingl-Tangl-Kaffeehaus angelaugt. Während des letzten Winters haben gelanglweiilte Kaffeehouslbesucher zwischen den Tischen, über die Stühle hinweg, Shimmy und Foxtrott.gehopst. Hier und dort in vorschriftsmäßiger Bällkleidung. Damit sind Wir beim Kaffeehaus-Tanzlokalt. Das Wiener Gase, das sich durch 'Jahrzehnte konservattv verschloß, keinen Luftzug -der Noiderung durch die Ventilation einließ, nicht aufhörte, sich für eine lokalhistorifche oder -literarische, jedenfalls über unantastbare Spezialität M erklären, ist nun von einem Reformation^ Wirbel erfaßt' und duvchemandergerüttellt worden. Es ist vor allem vom AÄaptievumWwalhnsimr besessen Die soge- NWtte stille Saison wurde dazu verwendet, um die „Gäste" hmch Hammerschläge, durch Mörtelkvatzen, durch schmutzige Bauarbeiien zu vertreliben. Heber den Sommer ist im Wiener Kaffeehausgeiwerbe der Typ ,-NobeWa>ffechaus"! ausgebvochen. Das geflickte Sofa, aus 'dem die Eingeweide! hervorquvllon, trögt einen pompösen Samtmantel, die Dür, j durch die man früher ungefährdet emtreten konnte, ist durch den Marlevapparat eimr Dvchtürvorvichtung kompliziert, vier schwere Kronleuchter baumeln von einer zinnoberroten, außewrdentlich reich verzierten Decke mit Arabeskenwtndungsw dtr offenbar die Dekoration für'dm Mkünstigen Bauchtanz illustvieven sollen, aus die gilattipolierten glänzenden Marmortische wirst eine rotgedämpste Dischlamipe einen Schimmer schwüler Pikantevie, kitschige Reproduktionen hat intern an die Wände geklebt, darüber schlangeln sich violett getupfte Goldmäander. Damastvochäng-e und Spiegelscheiben wurden zugeführt. Der Cafetier hat.die Spendierhose an,gezogen, wie man .in Wien sagt. Auf einem überlebensgroßen Büfett liegen Torten, Orangen, anilinvevsärbte, sehr, vorteilhaft geschminkte Bäckereien geschlichtet, man hat längst einen eigenen Ressortkellner für diese Branche bestellt. In einem Nebenraum, der immer mehr Hauptwum wird, ist die Bar pttt ChaMpaWevloge-n, Klavierspieler, SekMheln untergebvacht. Gin Barieteprogramm wird über den Kopf des Gastes hinweg angeniagelt. Die Kellner habe-n ihren berühmten Frack für die Faschingsuuchevhaltungon aufgehoben und tragen weiße, mit großen! MetalKnvPfen besetzte Leinenanzüge, eine Kreuzung von Portier, Listboy, Groom. Herrschastslakei. „Der Cafetier muß etwas bieten" — dies die Devise. Während er früher nur Getränke und kalte Speisen servierte und etwa die Eierfpeis', die den streng respektierten Grenzstein zwischen Kaffeehaus und -Restaurant bedeutete, legt er heute eine vollständige Speisekarte aus. Wom Frankfurter Würstchen bis zum Poulavd, vom primitivsten Er bis zur Omelette. Das Gase ist gleichzeitig ein Restanvant geworden. Dazu der Ausblick aus Bauchtanz... Bartete. In diesem neuen Wiener Cafe ist der einst so begönnerte Stammgast überflüssig, heimatlos und lästig. Man reservierte chm sinst den Pvotektionssensteriplatz, eine Protektionsmelanige, ein GustoPovtioMrl, ein Bovzugsstückevl. Der ^iber schlichtete' für ihn „seine" Zeitungen aus einen Sessel, erkannte die von ihm gewünschte Sl^ttiermtgSnuanoe des „mehr Braunen", „mchr Weißen", Kapuziner, ,Mt Milch gespritzt", er bot jene Bivginievfa'Äe an, die der Stammgast nvch alltäglicher Erfahrung zur Verdauung brauchte. Ein Stammgast war nie ,-sekkant", er hatte das Recht, je9M zu sein» Vom Wiener Moraenzeltung. 21 Sepkinbtt im Sekte 7 Ae tzrez - Israel -" ' " _ in Wembley. Zrim Schlüsse bet britischen MeichsausstellungNn Woknbley gibt der.Lester des. Paläst inaPavWnsin' dieser'AussMung, Major:R.'T.: Little, einige interessante' Aufschlüsseüber die moralischen und . finanziellen Ergebnisse dieser- PalLstinaüusstellung. Der moMische.Erfolg,sagte Ma-jor Little, ist1 ein Wr alle-Ettvattung großer gewesen. Man hat erstin dieser Ausstellung sehen können, wst uüwissend das große Publikum bezüglich ^der.geographischen Lage.' PMstmas Md i seiner-'BeziehüyM 'zu.'den Nächbavgebieten^ rm nähen 1 Orieitt ift. Die von uns' irr der- Ausstellung zur? Schau gestellte ' Landkarte wirkte wie die Offenbarung einer neuen Lehre. Auch hinsichtlich der Erzeugnisse Palästinas herrscht eine heillose Unwissenheit, die man bei den vielen Tausenden Besuchern zerstreuen konnte. Es war daher eine ganz besonders dankenswerte Tat des Oberstleutnants Harold S a l o m o n, als er in seiner Eigenschaft als Direktor für Handel und Industrie seinen ganzen Einfluß einsetzte, um die verantwortlichen Persönlichkeiten der Ausstellungskommission zu bewegen, Palästina durch eine eigene Abteilung in den Nahmen der Ausstellung einzubeziehen. Dir Aussteller sind mit den Ergebnissen außerordentlich zufrieden. Mährend anfangs die Schwierigkeit darin bestand, daß uns ein zu ge-ringer Raum überlassen wurde, bildete sich alsbald das Problem heraus, wie der überaus großen drängenden Nachfrage nach .Palästinaprodu-ktion rasch este ns entsprochen werden soll. Die P alä st in a w e i n e fanden reißenden Absatz. Die feinen Perlmutterariikel aus^ Palästina begegneten so leb- Las finanzielle Ergebnis. Hafter Nachfrage, daß die Produzenten und Zwischenhändler alle anderen Bestellungen unerledigt ließen, um den Anforderungen der Verkaufsstelle in Wembley Nachkommen zu können. Dasselbe kann von' der'Palästinaseife, der Töpferware und den anderen Produkten gesagt werden Die Durchlschnittseinnahmen des Pavillons seit seiner Eröffnung betru.gen wöchentlich 1260 Pfund Sterling. Ganz heworvagend über ging das Geschäft mit den Jaffa orangen, die hier eine große Popularität erlangten, 'was ganz besonders den nach neuesten technischen Errungenschaften errichteten Kühlanlagen zu. danken ist. Diese Kühlanlagen konservieren die sonst leicht der Fäulnis ausgesetzten Orangen in so hewörragender Weise, daß die Orangen noch lange nach der normalen - Saison frisch erhalten bleiben. Die Jassaorangen sind jetzt in London so.beliebt, daß die Hökerweiber aus ihren Standplätzen die von ihnen fellgebotenen Lrangen dem Publikum fälschlich als Jassaorangen ausbieten. Haben mun auch die Aussteller ein gutes Geschäft gemacht, so muß doch sestgestellt werden, daß die Organisationen, die den Pas' -iinapavillon schufen, dennoch ein wenn auch nicht ansehnliches Defizit zu decken haben werden. Die Baukosten der Palästinaabtellung waren zu groß, als daß sie schon in diesem Jahr hätten hereingebrachl werden können. Wird, aber, wie allgemein angenommen wird, die Ausstellung im nächsten Jahre wiederholt werdendst dürfte sich am Schlüsse der nächsten Ausstellung»- saison bereits'ein sehr namhaften Reingewinn ergebem TU*fon3l3Öi .•--*?** HERBST- UNO WINTERNEUHEITEN VeTourmintel ... . . . .1450 «150. 870 SSO Velour de Laln-Mäntel, pelzverbr. 1450, 1450, HMQO Velour-Kostüme . . ..23 0 1650, lieo Sport-Kostfime.. 1000. 800, OOO StoffripS'Kieider . ..960, 700, 490 CrSpe de Chine-Kleldcr...» .1250, 1000, 890 Preise in Tausendern Ausserordentlich günstige Kaufgelegenheit! Hofrat aufwärts durfte er eine vierfache Portion Protektion ^bestellen!. Gm nach dieser alten Einrichtung organisierter Stammgast hat heute nur vrehr das Recht, seine StaumWastlivürde schleunigst anszuH^ben. Dieser Stammga>st-Hoifrat, der heute vier Stunden bei einem Schwarzen dreißig Zeitungen liest, fft zum KaAehausschreck geworden, selbst der Da>rockslpieler, einst der beliebteste Konsument des Calfetilers, gehört — da er sich bekcvuMch nie entschließen kann, ausizuistchen — zu den Einrichtungen,. die sich nicht mchr verzinsen. Das Straßenpublikum, das Durchgangs- PwMum, die Augenblicks- oder die Stundengäste, die Leute, die das Cafe alls Restauration benützen, sich nach einer ^möglichst kurzen Konsumation" entfernen, sind das Publikum, welches das Wiener Calfe durchsetzt. Damit, daß das Wiener Cafe den Stammgast verlor, verlieren mußte — was in der BuchsÄhrin-ng nicht als Verlust, sondern als Gewinn ausgezeichnet wird —, hat es seine urspvünglichste, charakkteri'stischÄste, evbgesessenste, nirgends mtt gleichem Erfolg kolonisierte Eigonzucht und sein gewissermaßen angeborenes Kolorit verloren. In jeder größeren Staadt der Welt hatten sich Wiener Cafes etabliert — aber ohne den Wiener Stammgast. Nun aber scheint es, daß das Wiener Cafe, so schr es sich bemüht oder so sehr es dazu gedrängt wird, sich selbst aufzivgoben, sich nicht selibst aufgelben kann. Besser gesagt: daß es diese Umwandlung nicht gesund überftehen wird. Die Kaffechauspaläste wurden zu Bankpalästen oder zumindestons zu Wechselstuben (Iwobei dev Zweck des „Spielsallous" gewahrt blieb), die kleinen und kleinsten- VolkSkaffechäuser, in denen treu bis züm seligen Ende die im. Jahre-1848 lbeliebten Borstadtyeitüngen und die Witzblätter mit dem Humor gleichen Jahrganges hängen, gehen hevdenweise ein, wie von einer bösen Seuche befallen. Die Zahl der Cafes sinkt. Neügründungen fehlen fast gänzlich. Ter Zufluß der Gäste vevsickert —"trotz Bar- und Tanzmusik und Dollavfremdon. Die Casetiers. ziehen die Steuerbehörde dafür zur Verantwortung, die Teuerung, die Kvise. Dies mögen sekundäre Erscheinungen, sekundäre Folgen ^des Niederganges -der Wiener Krtttur überhaupt sein. Denn das Wiener Cafe war ja stets bloß ein Parasit der Wiener Kultur. Ich höre einen Ober, der, nnbeiwußt Nestroh -parodierend, seinen PMolo schilt: „Räum' die Zeitunigen weg, ich kann die Schlamperei nicht leiden." Man braucht Raum für das -warme Nachtmahl, für BaupMiknm, für Musik. Das Massengrab -der Wiener Spezialitäten und Historien, der Wiener Launen und tradittonellen Genre-/ e-inrichtungen wich dieses Erbstück einer.oJCtett Kultur apsnchmen. x Der christliche AMar, welcher füt jüdische Kinder konzertiert. Ein Gespräch mit Professor Sostarie. Wie wir bereits berichteten, wird in der ersten Halst Oktober Professor K. Sostarie ein Mügelhornkanzert unter freiean Himmel geben, dessen Ertrag jiidischen Wchlsahvtszwecken, m der Ha.uptsache Zwecken der jüdischen Kinder- und Waisenfürsorge zusließt. Professor Sostarie ist überall dort, wo eS gilt, Not zu lindern, seit Jahren hilfreich tätig. Wie er selbst einem unserer Mitarbeiter erzählte, hat er Wohltätigkeit üben in seimr Studentenzeit bei den Barmherzigen Brüdern' gelernt. die Armen, Kranken und Hungrigen, welcher Religion und Nation sie auch angchörten, stets in fürsorglichster Weise halsen. Schon vor dem Kriege hatte Professor Sostarie Gelegenheit sich ans dem Gebiete der Waiseusürsorge zu betätigen. Während des Krieges war er in Ostgalizien und hat dort — insbesonders in S t r h j, wo er stationiert war — eine reiche Hllsstättgkeit Kr die notleidende Zivilbevölkerung entfaltet. - Nach dem Kriege, als . Not und Elend, sich immer mchr ausbreiteten, kam der stets hilfsbereite Mann aus den Gedanken, seine musikal^che Künstlerschaft in den Dienst der WohvtätiMt zu stellen. Er veranstaltete Flügelhornkonzerte zugunsten der DubeMilosenheimstätte in Krems, Kr den erblindetm Pvofesior Udel, Kr eine Reihe von Wohlfahrtsmstitutionen aller Richtungen. Besonders bekWut wuvden seine Konzerte Kr die Barnnherxigen Brüder, welche große Summen ergaben. Pos der alles, was er -im Dienste der Wohltätigkeit leistet, stets unentgeltlsch tut, hat an den Sammelakttonen der Barmherzigen Brüder im Frühjahr 1924 hervorragenden Anteil genommen. Er hat seither durch seine populär gewordenen Konzerte einer Reihe von -philanthropischen Organisattomn, ahne Unterschied der Parteirichiung, reiche Einnahmen verschafft, die es ihnen ermöglichen, ihre Wohlfahrtszwecke zu erfüllen. Nun will Professor Sostarie ein großes . Konzert gaben, dessen voller Ertrag armen jüdischen KWern zugute kommt; er erwartet von diesem Konzert nicht nur einen großen materiellen Erfolg Kr den Zweck, dam es dient, .fondem auch — nach seinen eigenen Worten — „einen ethischen Erfolg. Denn" — so schloß Professor Sostarie seine Unterredung mit unserain Berichterstatter — „ich sehe im Menschen nur den Menschen. - Und wenn ich toitä) diese Beraatstältünig nicht nur die jüdische Not lindern helfen kann, von der ich weiß, daß sie ebenso groß ist wie jede ändere, sondern wenn ich auch ein wenig Wn ,Abbau des Hasses' beitrage, dann werde ich schr zrrsrieden sein. Denn in der Hilfe von Wen sch zu Mensch sche ich als Christ — die wahre Nächstenliebe." 497549