Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2012 (21.9.1924)
- Date
- 1924-09-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Men, Sonntag " Wiener Morgenzeitung. 21. September 19' Nr. M« bahn bauen kann, so wäre es auch in dieser Frage angezeigt, die Mittel zu benützen, die das alte System in so reicher Fülle an die Hand gibt. Wer sich der Mordtheorie wrdevsetzte, galt als Verbrecher; wer den Haß nicht mitpredigen wollte, flog ins Loch, beladen mit dem Abscheu! und der tiefsten Verachtung aller „Es-war-immer-so"-! Nachbeter. Es war Hochverrat, sich dem Verbrechen, der .Hetze sernzuhalten. Weshalb sollte es nicht Hochverrat : sein, das Verbrechen und die Hetze mitzumachen? Die j Kriegsschreier und Brandstifter hatten bisher gute Zeiten. Ihr Handwerk hat goldenen Boden und sie bewegen sich so unbefangen, als wäre nichts geschehen. Niemand hat bisher daran gedacht, die Strafgesetze gegen die gar 'noblen und aus allen Lumpenkassen sich versorgenden Maulhelden anzuwenden. Die'Demokratie kapitulierte aus der ganzen Linie und so war es dem von der Revolution im ersten Augenblick zurückgescheuchten Gesindel sehr bald ein Leichtes, sich zu erholen urch aus dem Haßgeschrei ein gutes Geschäft zu machen. Sie leben sehr gut, die Hetzer und Eisenfresser, die Ludendorfs und Horthy und Haller und Cusa und wie immer sie heißen, sonnen sich in Würde und Besitz und haben die Hände überall dort, wo man die junge demokratische Entwicklung abwütgt. In ihren Ländern wagt man nichts gegen sie. ' ,; . . Der Beneschsche Entwurf spricht nun davon, daß der internationale ständige Gerichtshof auch gegen inter? nationale Verbrecher einzuschreiten hätte. Es ist klar, daß . der Demokrat Benesch nicht an internationale Taschendiebe oder Scheckfälscher denkt. Er meint schon das richtige, die Verschwörer gegen den Frieden, die Führer der internationalen Reaktion, die miteinander in Verbindung stehen, einander Geld und Ratschläge.geben, die in Putschen und Pogromen ihr armseliges politisches Programm erschöpfen und sich ihr Treiben von den Hyänen der Wirtschaft sehr gut bezahlen lassen. Benesch als Minister der tschecho-slowakischen Republik kennt diese Machenschaften nur zu.gut und sein Staat muß viel Kraft der Abwehr dieser Bestrebungen Widmen, die jedem republikanischen Fühlen den Todesstoß androhen. Er weiß, daß der Pogromantisemitismus der Hakenkreuzler und der Erwachenden nur eine andere Seite derselben Tendenz ist, die den Frieden und die Freiheit erwürgen will. Sein Vorschlag ist das Signal, daß sich die Demokratie anschickt, aus der Passivität herauszntreten. Der Völkerbund hat den Typhus bekämpft, er wird auch die Hetze bekämpfen und ihr einige Bestimmungen des neiren Rechtes widmen müssen. Das wäre erst ein guter Beginn der Wrüftung. . ' . Das krez-UrM-Maqdat vor Äem Bölkerbundsrat. London, 20. September. (Tel. der „Wiener Mörgenzckrtung".) Neider den Zweck der nächsten Reis« Sir He rber t Samuels nach London erhält „Jewish Ghro-- niÄ^ die folig^nde 'Infovmation': Es steht nunmHr feist,- daß der ObeMmimisiär von Palästina Mitte Oktober abermals nach London kommt, doch uichywie behauptet wurde, um die Palästmaanleihe in Fluß zu. bringen. Der wahre Zweck seines Londoner Besuches ist, an den Beratungen der- Mandatskommission des Völker-- b und es, die Mitte Oktoiber in. Loüdon zusalmmerrireten' wird, tortzmvchmen. Der MMevbnudrat-hat nämlich den Wunisch geäußert, daß die OiberkchnimMne der Mandatsgeibiete von Zckit zu iZeirt perßönilich an den Sitzungen' der MandatenkomiMlssion teAnehimen und Mac Dvnaild legt großes Gewicht darauf, die Macht und -das Ansehen des.Völkerbundes durch die weitestgehende ^rMung seiner' Wunsche zu.stärken. Abgesehen hievon, bildet einen der wichtigsten Pumkte der Tagesordnung der nächsten Sitzung der. Ma'ndatskomMssiion die Entgegennahme eines au t oritativen Jnsormatßonslberichtes Wer die. gesamte Lage kn Palästina, aus welchem Grunde diie Anwesenheit-Sir Herbert Samuels an dieser Sitzung äußerst erwünscht erscheint. ' A;:Wt^-^\ Kolonialminister Amar über Des MUsche (CiMdkW der „Wiener MorgenWu»^".) London, '20. Schtember. . Der südafrikanische zionistische Föderation hat dem-Koloniailimimister Thomas, der sich' gegenwärtig in SüldafMa beendet, eine Adresse überreicht,' in der der Dank an die gegenwärtige RegiLMng für ihre Zustimmung zur BaffMrDMrraÄm ausgesprochen wird. ' .. Bei Ueberreichung dieser Adresse . erlklä-vte. -Minister ThrMas.in einer Ansprache, er sei. ftötz damus, daß er der erste AMÄevmirnister gewesen sei, der dem Parlament Mitteilen konnte, daß die Regierung die Balsour- D ekklaratLau! vollinhaltlich bestätige. In seiner.Ansprache, lobte er.auch die TotWvt.des High CommissioMrs Svr Herbert Samuel und Dr. W.eijzmanns. Fermr erklärte er, daß die Judenheit sich, auf )das Ehrenwort und den guten. Willen^ Groß-, britannieus hinsichtlich der Wiedererrichtung der jüdilschnationalen Heimstätte verlassen könne. Sie.könne dessen sicher.sein,, daß ihre Hoffnungen für, die ZrM-nft des jüdischen Volles in Erez Israel zur Gänze verwirklichtwekd.'n'. Me Zukunft Kuropas. Bon Professor Guglielmo FevLero. In einem GHräch mit einem Jonrnalist-en äußerte sich Italiens größter Historiker, GUglielmo Ferre.ro,' über den Völkerbund uns die Zukunft Euwpas und sagte unter anderem: In Mitteleuropa stchengegenwärti-g der Nationalismus und der wirtschaftliche Rationalismus in starkem Kauvpfe einander gegenüber. Dieser Kampf vergiftet naturgemäß die Böl-' ker und das Leben der alten nutz neuen nationalen Staaten. Was soll mall aber tun, da nun einmal in -die Frie-erlsverträge lauter Dinge ansg-enommen wurden, die schlecht, böswillig, und unvernünftig sind, während man die Existenzmöglichkeit der Nationen völlig außer acht gelassen hat. Das Schmerzlichste an der ganzen Geschichte ist, daß momentan eine Hilfe unmöglich ist. Im übrigen bin ich der -Meinung, daß der Nationalismus infolge der geographischen Lage Mitteleuropas bloß eine vorübergehende Sache ist und daß die volkswirtschaftliche Notwendigkeit manche auseinandergesprengte, jedoch zusammengehörige Einheit wieder zusammen sichren wird, wobei allerdings die Frage off-cu bleibt, wie sich Rußland zu allen diesen Dingen stellen wird. Denn Rußland ist heute in der Tat vorläufig noch ein Rätsel, ein Fragezeichen, der große Unbekannte, und mau könnte vielleicht sagen, daß es heute Teilt Mitteleuropa,' sondern ein Grenzlaud, ein Randgebiet, eine lange Mauer gibt, die das große Europa vom Bolschewismus trennt. Ich hoffe, daß es kein Unglück geben wird, über ich kann es nicht sicher sagen. Widersteht die. große Mauer, dann kann Mitteleuropa noch einst wieder in seinem alten Glänze erstrahlen. Auf die Frage des Journalisten, ob der Gelehrte hierbei etwa an die Restauration der ehemaligen Herrscherfamilien denke antwortete Ferrero entschieden: O, durchaus nicht! Versuche mögen vielleicht unternommen werden und Übergangs-Weise mag eine solche Unternehmung da -oder, dort auch gelingen. Meine lieber,zeugung jedoch ist, baß die Zeit des dynastischen Herrschertums endgültig vorüber ist. Ich kann mir in Europa nur entloeder ein liberales Regime oder eine MiIitärdiktatur denken. Die Volksmassen streben .im Anschluß an den -Krieg mit elementarer Gewalt dem System der Vollscogierung zu. Das ist natürlich keine einfache Sache. Bisher wurden wir geführt und nun sollen wir uns mit einem.Male selbst führen. Uäbrigens steht Europa siir die Uebergan-gszeit der Völkerbund; zur Verfügung, der vorläufig als kluger Wegweiser dienen kann. halte; im Gegensätze«zu vielen, -den - Völkerbund für;-ein 'eMktives ,Forum, oder richtiger, ich bin überzeugt,- daß /wepn ex guch heute noch'nicht in der Lage ist, durchaus sachlich zu feirt, er sich unbedingt zur absoluten Objektivität. durchringen wird. Ich habe die Schaffung dieses zur. Ueberuahme -des Erbes der Dynastien.gestimmten Organs in der. Weltpresse am nachdrücklichsten betrieben. Allerdings, habe ich mir seine Struktur ganz anders gedacht als sie heute besteht. Was sucht Mm Bei«' spiel Südamerika im Völkerbund? Ich hätte außer der Union bloß die europäischen Staaten in den Völkerbund berufen, allerdings unter ihnen auch Deutschland. Daß der Völkerbund bisher keinerlei konkreten Erfolg aufzuweifen vermag, liegt eben an feiner Schwerfälligkeit. Diese Krankheiten werden jedoch in nicht allzu langer Zeit überwunden werden und so«, bald Deutschland in den Völkerbund ausgenommen ist, werden sich überraschende Ereignisse abspielen. Die Friodensverträge werden liquidiert werden. Die Erhaltung der Hegemonie Englands und Frankreichs über Europa ist für diese Großmächte schwierig, mühselig und furchtbar-kostspielig geworden. Mae Donald und Herriot haben bereits erkannt, daß England mva Frankreich im Jahrs' 1914 größer, stärker und mächtiger waren als sie heute sind, und daß sie im Endergebnis im Krieg gleichfalls nichts gewonnen und nichts ersiegt herben. Es ist in der Tat ein großer Nachteil für ein Land in Europa, die erste Stellung aufrecht zu erhalten, und in dieser Erkenntnis liegt eigentlich das Geheimnis des Regierungsantritts Mac Donalds. Die Engländer sind der Erhaltung der durch die gewaltsamen Friedens- Verträge geschaffenen Vormachtstellung müde geworden und diejenigen, di« diese Lage durch sträflichen Leichtsinn verursacht halben, mußten gehen. Auch H e r r i o t ist aus demselben Grund zur Herrschaft gelangt. Was nun Italien betrifft, so hat es -seine sehr ernsten inneren Schwierigkeiten. Die Lage ist eine äußerst schwierige und unsichere. Diese Halbdiktatur, unter welcher Italien gegenwärtig l-6bt, ist stark erschüttert und die Katastrophe liegt hauptsächlich darin, daß es nicht leicht ist, an ihre Stelle etwas anderes zu setzen. Auch hier Eracht und knistert es im monarchischen Gebäude. Denn die Lage des Hauses Savoyen ist nach der Verj-agung des Monarchenblocks inmitten der vielen Republiken durchaus keine glänzende. Die Grundfesten sind schwach geworden, es ist jedoch möglich, daß sich unsere Dynastie dennoch wird halten können. Seit deprs Jahre 1848 regierte in Europa, mit Ausnahme Rußlands, die. Monarchie und das Parlament, was dem Volke schließlich ange-, nchnr und bequem erschien. Aber jetzt? Europa fühlt sich wie einer, der eilte Krankheit überwunden hat und sich seiner Gesundheit nicht freuen kann, weil er Mausgesetzt mit kleinlichen. Unannehmlichkeiten zu kämpfen hat. .Die Völker müssen vorerst lernen, wie man in demokratischen Staaten, leben k a n ir u n d l e b en mu ß, und erst wenn sie das r* lernt haben, werden sie sich auch wohl Wien'. Auch .. ,t. , , der FaszisrnttS . ist nur eine vergängliche Erscheinung,- eine. Episode,: die noch längere Zeit dauern kann, die aber ganz sicher mit ihren .Man-- nern, Führer>c uud ihrer Regierung verschtvinden wird. Bis zur endMtigm. Demokratie ist xlben noch ein langer Weg. y Versuchen Sie unseren .5 Seidenstrumpf * .Zdeslstrumpk" , nur 1. Trattnerhof 2 (Graben) Mische Wühler! Bis zum 28. b. müßt ihr euer Wahlrecht für die jüdische Gemeinde reklamieren! Das Wahlrecht haben alle großjährigen Steuerträger, welche mindestens in den dem Jahre der Wahl vorausgegtmgenen zwei Verwaltungsjahren in Kultüsstmervorschreibung gestanden sind und die ihnen für das Jahr der Wahl oder das Vovangegangene Verwaltungsjahr statutengemäß vorgeschriebene Kultussteuer bis zum Ablaufe der Reklamationsfrist entrichtet haben. . i rtf? Nehmet Ei y s i ch t i n die Wählerlisten (täglich außer Samstag von 9 bis 12 und von 2 bis 6 yhr) an einer der folgenden Stellen:. > Bezirk: Seitenstettengasse 4, 2. Bezirk: (rechts von der. Taborstraße) Tempelgasse 3, , 2. Bezirk: (links von der , Taborstratze) Nkalzgasse 16, 3. u. 11. Bezirk: 3. Bez., Untere Viadüktggsse 13, . 4.,5. «.10. Bezirk: 5. Bez., Siebenbrunneugasse. 1, i 6. u. 7. Bezirk: 6. Bez^ Schmalzhofgasse 3, 4 8. u. 9. Bezirk: 9. Bez., Seegaffe 9, 'k 12. bis 15. Bezirk: 15. Bez., Turnergaffe 22, 16. it. 17. Bezirk: 16. Bez., Hnbergaffe 8, * 18. ir. 19. Bezirk: 18. Bez., Schoprnhauerstraße 39, i 20. Bezirk: Kluckygasse 11, 21. Bezirk: Holzmeistergaffe 12. Vor allem aber: zahlt die rückständigen Kultus steuern! Reklamationen sind bis spätestens Sonntag den 28. -.schriftlich in her Kanzlei der Kultusgemeinde, , Wien, X Bez., Seitenstettengasse 4, einzubringen. Die irische Krisis. (Von unserem Londoner J-Korvespondenten.) Das englische Parlament wirb,' wenn es m kurzer Zeit zirsammentvrtt, zwei Fragen gegenÄbevstchen, von ' deren Lösung nicht nur seine und der Regierung Ex-iistengabhängen kann, sondern die auch eine weitgehende Wirkung für die Zulkunft' haben können. Eine dieser Fragen ist: Der russisch-englische Vertrag, gegen den von den Konservativen und einem Teil der Liberalen unter Führung Lloyd Georges Sturm gelaufen wird. Die andere Frage aber ist aufwühlender, da sie mit dem schwierigsten Problenr zuftmmenhängt, in deul- Großbritannien seit Jahrzehnten lebt, mit der irischen Frage. Durch die erbitterten Kampfe der Vergangenheit ist die Atmosphäre so geladen, daß die kleinste Erschütterung zu unabsehbaren Konsequenzen fuhren kann. . ’ i Der Streitpunkt, um den es sich handelt, scheint äußerlich geringfügig und ist doch von der entscheidendsten Bedeutung. In dem Vertrag vom 6. Dezember 1921, mit dem der irische Freistaat gelschaiffeu wurde, war im Artikel 12 das Weiterbestehen des direlkt unter Großbritannien veMeibenden autonomen Novdirlavds, da's sechs Grafschaften umfaßt, anerkannt mit der Beftirmnung, daß.eine Kommission, bestchend aus je einem Vertreter des irischen Freistaats, Nordirlands und Großbritanniens, in Nebereinst'mrmung nrit den Wünschen der Bevölkerung, soweit dies mit -den wirtschaftlichen- und geographischen Bedingungen vereinbar ist, die Grenlz-e zwischen dem Freistaat und N-ovdirland festsetzen solle. Der irische Freistaat drängt'Mn auf -die Bestimmung dieser Kommission und die Festlegung der Grenzen. . Hinter all -dem steht das PvMem der irischen Einheit. In der Vergangenheit schon hat es das ZustandÄonrmen einer glücklichen Lösungder irischen Frage verhindert. Als in den Jahren nach 1910 die damals Großbritannien beherrschende liberale Regierung die Homerule für Jrtan-d einführen wollte, und War «für ganz Irland als einer Einheit, scheiterte dies an dem Mderstrude -er Vertreetr der nordöstlichen PrMnz Ulster. Die. Mehrzahl der Bewohner - von Ulster sind Protestanten und zunrgroßen Teil Nachkommen vM' englischen und schottischen Koloniisten, die unter Cromwell und später nach Irland ge-, schickt wurden, um die UnterjochUM der großen Mchbarinsel zu bchogeln. Jeder Versuch Mglands während oder! nach den: Kriege, zu einem Mkommen mit dem natiö- . na-üstischen Irland zu gelangen, sche-iterte <,n den: Widev- , stand der Mwböstlichen Grafschaften, die von einen: Eintritt