Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2008 (17.9.1924)
- Date
- 1924-09-17
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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UTERATURBEILAGE DEnSfffiKER MÖRGEHZEirUKG N ummer 27 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH!7. September 1924 ADMINISTRATION! „WIENER MORGENZEITUNG", WIEN, II., TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Die Kunst der Renaissance In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts setzt — kulturhistorisch gesprochen — die Auflösung des Mittelalters ein. Man hat das sichere Bewußtsein, daß von diesem Zeitpunkt angefangen, grundsätzliche Neuerungen in der Kunst vor sich gegangen sind — Wiederbelebung der Antike im Gegensatz zur Gotik oder Loslösung von den Lehren der Byzantiner. Etwas Neues macht sich geltend, eine Verselbständigung des Individuums in seinen kunstschöpferischen Taten: damit zugleich erscheinen auch die neuen Begriffe rinascita und risorgimento, bis endlich am Ende des 18. Jahrhunderts, allerdings bloß auf die italienische Baukunst des 16. Jahrhunderts angewendet, die Bezeichnung „Renaissance“ zur Geltung kommt, die erst um die Mitte .des 19. Jahrhunderts allgemein Boden gefaßt hat. In der deutschen Kunstgeschiohtssohreibung gebührt Jakob Burckfiardt das Verdienst, den systematischen Aufbau der ganzen italienischen Renaissancekunst vorgenommen zu haben. Burckhardts Resultate werden Allgemeingut Man begreift, daß die italienische Renaissance mit Raffaels Tod endete, während die nordische bis gegen 1600 lebendig blieb, soweit der Reoaissanoebegriff auf die nordische Kunst des 15. Jahrhunderts ausgedehnt werden darf. Man darf aber nicht (Vergessen, daß die uns heute noch bewegenden Probleme, wie die des Lichts, des Raumes, der Naturwahrheit und des menschlichen Bildnisses schon im ausgehenden Altertum vorhanden waren und sich allmählich aus der abstrakten Kunst des Mittelalters herausschälten, daß aber auch gemeinsame Elemente der europäischen Entwicklung ans Licht traten. Oie italienische Renaissance war auch zur Blüteseit des Barocks mächtig. Zurzeit des Klassizismus in Deutschland behauptete sie Ihre Steilung, Romantiker und Nazarener sahen in Sir das Ideal Im 19. Jahrhundert übte sie den stärksten Einfluß aus, da ihre Formen die denkbar größte Verwendbarkeit gestatteten und in der europäischen Geistesbildung war sie eine zentrale Macht Als um die Jahrhundertwende ein Umschwung eintrat trat sie ein wenig zugunsten des Mittelalters und des alten Orients zurück und gegenwärtig bemüht ach eine Reihe hervorragender Kenner, sie objektiv zu würdigen und die psychologischen Grundlagen antwicklungsgeschichtlich zu analysieren. Soeben ist als 4. Buch der Sechs Bücher der Kirnst in der Akademischen Verlagsgesellschaft Äthenakm m. b. H. m Wildpark-Potsdam, herausgegeben von Prof. Dr. A. E. Brinckmann, Köln, „Die Kunst der Renaissance" von Prof. Konrad Es eher, Zürich, erschienen. Dieser kunstgeschichtliche Zyklus bedeutet nichts Geringeres als den Anfang einer völlig neuen Kunstgesohiohtsschreibung: Die kulturwissenschaftlidh eingestellte vergleichende Kunstlehre, die einen klaren Ueberblick und die Erkenntnis des Wesentlichen gewährleisten soll. Eine der gewaltigsten geistigen Epochen der Menschheit wird in einem Gesamtbild zusammengefaßt: die Kraft und phantasieredche Fülle der Phantasie und Empfindung des Nordens (Dürer, Holbein, van Dyck, Grünewald), und die sinnlicfydurch glühte Leidenschaft des Südens (Michelangelo, üonardo da Vinci, /Raffael, Tizian). Dadurch, daß der Verfasser einen Ueberblick über das ganze europäische Schaffen gibt und den Gegensatz zwischen Norden und Süden hervorhebt, wird uns ein Bild von der unerhörten Vielseitigkeit dieser Epoche zu teil. Was uns die Renaissance so einzig macht,- ist nicht die Wiedergeburt der Antike, die zu einem schwächlichen' Klassizismus führen würde, auch nicht die Ueberwindung. der mittelalterlichen Kollek tivität, sondern die selbständige Schaffuifg des modernen Weltbildes,. in dessen Mittelpunkt der Mensch steht. -War bis zum 14. Jahrhundert das Irdische ins Ueberirdische projiziert, so steigt in der Renäissanceepoche das - Jenseitige immer mehr ins Diesseitige hinab., I-ndem das Individuum auf sich selbst beruhte und in der Bejahung des Diesseits das bestmöglichste Ausleben im Guten wie im Bösen sah, ermöglichte es auch die religiös-sittliche Emanzipation. •Was an und für sich schon-;das: Werk’ Eschers wertvoll macht; sind die zahlreichen Abbildungen, die dem Texte'eine geschickt?' ausgewählte bildliche Erläuterung zur Seite stellen. Die Bilder sind nicht mehr Illustrationen, sondern Anschauungsmaterial von selbständigem Weit und einzelne unbekannte Stücke, neuartig gegenübergestellt, gestatten eine neue Erkenntnis auch bekannter Kunstwerke. Die Bilderbeigabe hat sich also endlich vom veralteten Oskar Rosenfeld. WUtt verlangen Sie von HELLER (BURUMI I. Bauernmarkt kostenlos! DAS MODEBUCH „Hawdoloh und Zapfenstreich“ Verehrter, 1 leber Sammy Gronemann! Als einer derjenigen, die sich an Ihre Sohlen geleitet hatten und zudringlich forderten, Sie müßten ihre «Erinnerungen aus der ostjüdischen Etappe“ zu apier bringen und möglichst rasch veröffentlichen, iahe ich nun die Freude, daß Ihr Opus, .247 Seiten stark, vorliegt. Sie wissen, wie sehr ich Ihren herzhaften Humor sohätze, Ihre gütige, von Sentimentalität nicht angekränkelte Feder. Und Berufenere haben ernannt, daß der Schriftsteller Sammy Granemann, der. beständig vor der Lektüre seiner Schriften warnt, nicht nur mit scharfem, geistigem Auge sieht, sondern auch mit frischen, uiwerbogenen Worten und jener Schlichtheit abschildert, die den -echten Künstler ausmacht. Einer der wenigen Westjuden sind Sie, denen gegeben ist, das Ostjudeirtum auch wirklich zu sehen, und wenn es eine der wichtigsten Aufgaben dieser jüdischen Gegenwart wurde, die Brücke zwischen Ost und West zu schlagen, dann ist Sammy Gronemann einer der führenden Baumeister an diesem leider noch immer nicht in seiner vollen Bedeutung erkannten Werke. ‘ Empören Sie sich nicht, daß sich trotz der geharnischten „Warnung“, die Sie Ihrem Buche vorsetzten (an diesen fröhlichen und kräftigen paar Seiten erkennt man ihn auch, wenn man vorher noch, keine Silbe von ihm las, den jüdischen Ludwig Thoma), solche Erwägungen emsteilen, und verzeihen Sie, wenn Ihr Buch weit wertvoller ist, als Sie es haben möchten. Wer weiß, ob in einem dickleibigen,; mit hundert Fußnoten, und wissenschaftlichen Zitaten beschwerten Wälzer sich so viel Klares und Sinnfälliges über den Gegensatz: Westliche Zivilisation und östliche Kultur sagen ließe als in Ihren aus dem-Handgelenk hingeworfenen Kapiteln, in diesen von Sammy Gronemanns Gemüt durchsonnten, losen Blättern enthalten ist. Ich weiß, Sie werden mich verstehen, und!die reifen Leser dieses offenen Briefes an Sammy Gronemann werden wissen, warum ich Ihr „Ha'wdodojh und Zapfenstreich“ so hoch einschätze, wenn ich feststelle: es ist ein. Tagebuch. Tagebücher sind >'a die wertvollsten Erscheinungen des Büchermarktes und die teuersten — wenn nämlich der rechte Mann sie schrieb. ' 1 Darf ich. Ihnen gestehen, daß ich mich an Ihre Warnung nicht halte und manches Kapitel,, aus dem mir/Menschen enfcgegegentreten und, verzeihen Sie, eine ganze Fülle von Problemen, wiederholt genieße um zu lernen? Das ostjüdische Kind und die ostjüdische Schule, die Not des ostjüdischen Menschen tumsr und sein heimliches Glück in dieser, schweren Not, 'westjüdischer Unverstand und ostjüdische. Wesenheit sind die Hauptmotive Ihrer , Studie, und Sie zeigen auch immer, wo die jüdische Tatkraft ersetzen müßte, um zu erhalten, was unser köstlichster Besitz ist, und auszumerzen» was uns entwürdigt. Ganz, außerordentlich gelang Ihnen zum Exempel das Kapitel „Leben und Sterben in Bdalystok“, das. mit den anklagenden, Lächerlichkeit und fluchwürdige Kälte brandmarkenden und — man muß mir zu lesen verstehen — auch entscheidenden Gegensatz erfassenden Worten beginnt: „In Bialystok herrscht Ordnung und Elend.“ Gestatten Sie, daß ich, bestimmt zu solchem Beginnen weit weniger berufen als Sie, auch eine Anekdote einflechte. Vor einigen Tagen machte ich einen Krankenbesuch bei einer alten Dame aus Kowno. Sie beschäftigte sich, soweit es ihr augenblicklich leidender Zustand erlaubt, ausschließlich mit ihren Kindern und Enkelkindern und war in ihrem arbeitsreichen Leben gewiß niemals eine eifrige Romanleserin. Aber sie bekam eine Fortsetzung Ihrer Schilderungen aus Kowno, Wilna und Bialystok in die Hand (als wir Ihr „Hawdoloh und Zapfenstreich“ in der „Wiener Morgenzeitumg“ veröffentlichten), ließ sich von ihrem Sohne alle vorhergehenden Kapitel bringen, verfolgte mit Eifer die nachfolgenden, und ich mußte ihr versprechen, mein Rezensionsexemplar des Buches schleunigst ‘in ihre Krankenstube zu tragen. Sie fand nämlich, diese Großmama, daß sie eine erkleckliche Anzaihl von Menschen aus ihrer Stadt erkannt habe,' daß ihr Städtel, die Gass\ die Kinder, die Greise, die Feierstunden und der Alltag auf das glücklichste von Sammy Gronemann porträtiert wurden. Sie sänftigte ihre Heimatssehnsucht durch diese lebensvollen Begegnungen und ihre' Genesung wird sich gewiß beschleunigen, wenn Sammy Gronemanns „Hawdoloh und Zapfenstreich“ stets greifbar neben ihrem . Lehnstuhl auf dem Tischchen liegt. Ich weiß, daß Ihnen die Botschaft, von diesem Schicksal meines Rezensionsexemplares eine Freude sein wird, und Sie können einfach nichts dagegen tun, wenn durch solchen schlagenden Beweis Ihre ^Warnung“, entkräftet ist. ■ Da Sie für Dankesbezeigungen wahrscheinlich nicht zu haben sind, so bitte ich Sie, wenigstens dem Zeichner Magnus Ze 11er, der Ihr Buch so ausgezeichnet geschmückt hat, im Namen aller zu danken, welche Ihre Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916—1918 lesen. Mit der Bitte, nadhzuforscheh, ob Sie nicht recht viel m berichten vergessen haben, das Sie nachträglich Ihrer Stenotypistin „esndiktieren“ könnten (ein Buchtitel wird sich zur rechten Stund® einstellen) begrüßt Sie Otto Abeies. VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Das jüdische Element in der Weltliteratur*) In sieben Vorträgen unternimmt Artur Sakheim einen Rundgang durch die jüdische Literatur. Der Rundgang ist durchaus nicht ermüdend, sondern anregend, kurzweilig, lehrreich und obendrein von allerhand GeistesKchtern erhellt. Der Titel ist ein wenig irreführend, denn man erwartet efne —. nach bekannten Mustern —! mit ’ apologetischem Nebenzweck abgefaßte Studie über die geistigen Einflüsse des Judentums auf die verschiedensten Kulturen und Literaturen. Von alldem ist natürlich in dem lesenswerten Buche Sakheims wohl die Rede, in der Hauptsache aber faßt der Verfasser den Begriff des jüdischen Elements in der Weltliteratur viel enger oder auch viel weiter, je nachdem man die Weltliteratur kn Sinne Goethes,. oder nur die jüdische Literatur meint, die doch, eigentlich eine Weltliteratur en miniature .ist. ' Die jüdische Literatur basiert ihre Einheitlichkeit 4uf die Uebereinstimimung in den Gedankeiisphären und in den. Gefühlsstimmungen; die äußere Gewandung, die Sprache, ist hier ‘nebensächlich. Smolenski schreibt hebräisch, Mend.ele jüdisch, Kompert deutsch, Z.angwill englisoh — sie sind alle Einheimische im. jüdischen Schrifttum. Die Jüdische Literatur besteht aus Bruchteilen, aller Literaturen; sie nimmt alles auf, was aus jüdischem Geist geboren und jüdischem Geist verwandt ist. Allerdings betrifft dies nur die jüdische GesaintHteratur. Bei dem wichtigsten Tefl. der jüdischen Literatur,. der hehr ä i s che >n, die wegen ihrer Kontinuität und. Spracheinheit als , selbständige Literatur gewürdigt zu werden verdient, *) Von Artur 8-kketm. Hamburg. 1924, . Verlag Hazonef, Wilhelm Braumüller & Sohn Abteilung: Antiquariat ------- Wien, I. Bei., Bauernmarkt Nr. 2 a Ijedes ^abr« fleiro bat Ril<ola.ßäcb«p BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT -Wlf Nj jv.5^rENTy^MSTRASSE 22.