Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2006 (15.9.1924)
- Date
- 1924-09-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- Men. Monlag Wiener Moraen^stung/ 18. SepWeMr 1924 U 1;.*Ä '■ _«Bw jitst****** •"*’ sK ^.L «äS: . «j-ettfi-Ä?-*•-.. --.r 3 O J *?_ G.<*i.LÖM% -- \.':&iwSr* »M»ö^xne»r JüJWt > .>m»inir Copyright veß<H»ld ft E«. Sttloj, BttNn. 27, yvrtsetzurg. „Aber «ich 'werde es nicht können!" „Du bist sehr voreilig,", sagteer beklommen. Sann raffte er sich zusammen. ^Me du, habe auch ich meine Mutter verloren, als ich noch Kern war. Auch ich war noch ans der Universität, <M sich aonfere Väter gemeinsam um die Radiumsovschung bemühterr. Im Sormner arbeitete ich bei einem Ingenieur. Kurz vor dem Examen wurde mir eine Stellung Lei eüner QelgcheLfchcft in Mefiopotamien angeboten. .Ich «ahm sie an und besuchte vorher meinen Vater:, um ihm adieu zu sagem Ich habe feBne ideale Gesinnung immer «bewundert. Er'arbeitete Ms für die Wiiffenscha-st, zum Besten der Menschheit. Als ich nach zwei Jahren zurLMam, war ich erschrocken über die Veränderung, die mit Hm vorgegangen war. Ich wußte, daß er mit deinem Vater nach Mexiko gegangen war, und daß die beiden in einen furchtbaren Streit, über die Verteilung des Reingewinnes geraten waren, hatten sich sogar geschlagen; diese beiden Männer der WisieNjichaft lhätien mit ihren Fausten gekämpft, gerauft wie Matrosen. Der Streit «führte zum Prozeß «und mein Vater verlor. Erleen, an Stelle des Gelehrten fand ich weinen Vater als einen fieberhaften, habgierigen Spieler «wieder, wahnsinnig über den Verlust und dürstend nach Rache. Ec war.so voll Haß gegen Doktor Goodrich, «der Verlust des Prozesses hatte chn so verbittert w& d» ganze GeMchte ihn so furchtbar verändert, daß' ich anfing, seinen Haß gegen deinen Vater zu teilen. Auch ich glaUbte, daß Doktor Goodrich weniger als mein Vater -geleistet habe; «wer nahmen «an, daß er einen größeren Anteil eingesteckt habe, als ihm zukam. mrd daß es nur Glück uÄ> gemeine Geschicklichkeit war, die ihn den Prozeß gewinnen ließen, genau so wie er nur durch seine physische Kraft «überlegen wir. Ich sah in Gedanken -meinen Vater Wutend am Boden liegen und Doktor Goodrich höhnisch Lrmmphieven. Eines Morgens kam mein Vater nicht zum Frühstück. Ich ging hinauf und fand ihn tot in seinem Zimmer! er hatte sich vergiftet. — Auf seinem Tisch lag , ein Zettel — mein Vater — er.. ' ,Hugo, warum erzählst du mir das alles?" sagte Erleen LrllerÄ. „Denkst du, «daß sich dadurch mein Gefühle für dich «ändern könnten?" „Ich muß es sagen . . . mein Vater hatte -das Vermögen anderer Leute ohne ihr Wissen. . . in diesem Kampf verloren . .. Ich habe Doktor Goodrich nur einvder zweimal im Leben geschen, a^r ich sing an, ihn fo wütend zu hassen, daß ich keine Ruhe mehr fand. Ich konnte rächt mehr arbeiten, verlor drei Stellungen hmtereinand-er. Ich dachte an «nichts anderes, als deinen Vater KU vernichten, so «wie er den meinen vernichtet hatte — an iLeib und Seele. Da «weißt, daß dein Vater uns nach dem «gewonnenen Prozeß die Hälfte -seines Gewinnes an-bot. Wir sähen darin nur Gewisstnsgeld und nahmen es nicht an. „Ich «WA «mir «Mmpftn, «was mir gehört," sagte -mein V«ater, --aber keine Wohltätigkeit." Ich vermied, Doktor Goodrich zu begegnen, da ich mich wahrscheinlich -nicht in der Gewalt gehabt hatte. Eines Tages las ich, daß er nach England wollte, um — meiner Meinung nach — den Triumph zu feiern, 'den er meinem Vater zu verdanken «hatte. Ich beschloß, Hm zu folgen. Unter dem Namen meinerr Mutter bestieg ich dcösMe Schiff. Ich wußte eigentlich nicht genau, ' was ich tun würde. So beobachtete ich ihn, «wie er glücklich, strahlend mit dir an Deck spazieren ging, unbesorgt dar- / über, wie teuer dieK Glück erkauft war. Iu dir erblickte ich nur die Erbindessen, «was «Min Eigentum hatte sein Müssen. Als ich bei dem großen Sturm an Deck «war und sah, wie dich die Welle hinwegfchwemmte — freute ich mich —, aber, ohne es zu wollen, rettete ich dich. Später sagte ich mir, ich. hatte dich nur gerettet, um dich meine Rache besser fühlen zu lassen. Alles, was dich treffen würde, mußte deinoA Vater doppelt weh tun. Aber spater, in meiner 'Kä'bine, dachte «ich nur noch an dich. Ich sah ein, daß du nicht schuld «hattest an. dem Unglück meiM Paters,. Ich:stMte dich UeWcjchM,.M'dk. sprechen, aber ' eines 'wußte ich, ich mußte vermeiden, deinem Vater zu begegnen, denn ich fürchtete, ex würde mich «wiedcrevkennen. Deshalb wollte ich dich in London nicht besuchen und bat dich in den Picadillh-Palast, denn dorthin, «hoffte ich, würde dein Vater nicht kommLn. Ich «war in einer furchtbaren Lage. Ich wollte zurück nach Amerika und euch beide vergessen. Nun wirst du verstehen, - daß ich nicht mit dir «tanzen «wollte. Dann sagtest du mir, daß du deinen Vater evtvavtetest. Ich sah voraus, «daß ich «mich nicht zu-Mckhalten könnte, und so hatte ich auch dich verloren." „Jetzt verstehe ich," sagte Erleen leise, „das war also der Grund, «warum du -wegliesst, als ich ans Telephon gerufen «wurde." ,Ich rannte hinaus in den Nebel und irrte fast die ganze Nacht «umher. Gegen Morgen kam ich nach Hause und sah in der Zeitung nach, «warm ein Dampfer gehen würde. Da las ich -von dem Unglück, das deinem Vater zngestoßen -lvar . . . und dir ..; Hör', Eileen, ich schwöre dir, daß ich nichts von dem Mord . . Ihre Hand legte sich ans seine Lippen und verhinderte ihn sortzu fahren. Die Berührung erschütterte ihn mehr, als wenn sie Hm nicht geglaubt hätte. ,Ich las, daß du -schwer verletzt zu Hause lagst und daß an deinem Aufkommen gezweis-elt wurde — und all dies wegen meiner Feigheit! Mire ich geblieben -und «hätte alles ausgefochten! . . . Liebste, ich wurde bestraft in den darauffolgenden Tagen! Ich schlich in den Straßen in der Nähe deines Hauses 'herum — ich weiß nicht, wie ich es sertigbrachte, nicht zu dir zu gehen, aber ich glaubte, kein Recht-dazu zu «haben." ,^ugo, ich fömit es -nicht mehr ertragen!" Sie lohnte sich schluchzend an die Tür. „Noch ein Wort, Eileen. Als «du mich riefst, kam ich zu dir. Den Tag vorher geschah etwas Seltjärn-es. Ein Fremder -bat mich ans Telephon; er verweigerte jode Allskunst über sich selbst. ,Mber wenn Sie etwas über die Mörder Doktor Goodvlchs erfahren wollen, dann nehmen Sie den Omnibus, der 9.45 vo«n Golders Green nach Sankt Albans fährt. Ich werde Sie dort treffen." Ich hielt es für -wichtig, dorthin zu gehen. Als ich hinkcmr, fand ich niemand. Ich wartete eine Stunde und fuhr «daun nach London zurück. Ins Hotel zurück-gekehrt, vermißte ich meinen Rock, in dem sich verschiedene Papiere «befanden. Ta's Zimmermädchen behauptete, ich hätte ihn zum Ausbügeln fortgeschickt, das -war aber gar nicht der Fall. Daun kam die Polizei. Ich glaubte, inan wolle einen schlechten Witz mit mir machen — aber jetzt sehe ich, daß es kein Witz war. Eileen — sprich — kannst du mir glauben?" Er versuchte ihr Gesicht zu sehen; sie konnte ihr« Qual «nicht verbergen. ,-Hugo!" schrie sie. „Ich glaube dir — und ich werde dir glauben, «wenn es selbst gegen die Vernunft meiner eigenen Sinne sein sollte. Ich muß! . . . Wie irrsinnig tanzt alles um uns! Hingerichtete hintevlassen Fingerspuren — mein Vater spricht durch steinerne Mauern — sein Gelsicht erscheint — du und Naida werdet an Orten gesehen, «wo ihr nicht wart! . . . Wem soll «ich glauben, wenn nicht dir, Hugo?" In diese Worte kegle sie ihre äußerste Kraft. Sie mußte ihm verbergen, wie nähe sie -daran war, ihren Verstand zu verlieren. „Hör' zu, Hugo," flüsterte sie verstört, „ich kann diesen Tanz auch mittanzen. Wenn die-Menschen versuchen, mich Alt -behexen, will ich ebenso verrückt werden, «wie sie es sind. Von jetzt an will ich zu allem, -was man mir antut, lachen; ich will allen etwas vormachen . . . allen, bloß dir nicht!" Ihre Hysterie «hatte den höchsten Grad erreicht. Garra sah sie ängstlich an. Ihr Gesicht war ganz eingefallen, tiefe Schatten -lagere -unter den Augen. ,Mleen, «bist du krank?" Sie spürte einen namenlosen, grausamen Schrecken, «der. sich eisern um sie schloß. Sie wollte vor Angst und Schmerz auffchreien, -Schutz in soi-nen Armen, au ' sein«er Brust suchen. ' Schwankend sah sie ihn an. „Du sichst —.ich -bin stark — Hugo .. . äber ichnmß -jetzt nach Haufe! ..." Der Wächter «hatte sich umgedreht, Kü«m Zeichen,'.daß der Besucher gehen müsse. . .V Obgleich es am hellen Vormittag war, tastete sich Eileen wie eine M-inde durch die Korridore. Im Wagen drückte sie sich - in eine Ecke und 'weinte. De-nMis,-der CHauffeur, .führte sie ins Haus. Im Flur «traf sie Naida. „Eileen, du hättest nicht ausgehen sollen!" Eileen sah sie an -mit q-uälverzcrrie;» Gesicht. . < . „Geh' mir aus -dem Weg, Naida oder ich weiß nicht, 'was ich tue!" Naida war starr über diese Anrede; Eileen stürzte die Treppen hinaus und eilte in ihr Zimmer. Der Meine Hut schien ihr den Schädel einzudrücken, ihr «Gehirn aüszusaugen. Mit ei nein-Schrei riß sie ihn herunter u«nd warf ihn ins Zimmer. Als Doktor Nam-ey, von Naida gerufen, etwas später ankam. fand er Eileen i-m Bett, das Gesicht in die Kissen vergraben. Als sie ihn und Naida ein-treten hörte, sprang sie aus und lächelte -die -beiden an. „Wie lieb von Ihnen, daß Sie kommen, gerade re'cht zum Tee. Naida, w-illst du -läuten?" Naida rührte sich nicht. Doktor Rameh fetzte. sich neben Eileen. ' , „Was fehlt Ihnendenn, Eileen?" fragte er. ' „Da — ist etioas s«o Komisches in meinem Kops — daß ich beinahe lachen — lachen — muß! ..." Sie umklammerte ihre Knie, -warf den. Kopf zurück und lachte. Dokto-r Ra-mey blickt« sie betroffen an. Naida verhielt sich kühl, unberührt. „Was ist lös, Li-ebe?" sagte Eileen. „Du «siehst unzu- «frirderi aus und -hast nicht nach Toe geläutet. Gestillt dir deine — Stellung nicht?" An dem Znsamndeuzttckeu dieser kühlen Gestalt erkannte Eileen. wie gut der Pfeil geirvMn hatte. „Nein!" Naida dvchte sich unr und ging hinaus. Doktor Ramey näherte sich mit einem Glas Wasser. 5h' „Trinken Sie das Eileen." T Sie trank mechanisch. Dann hielt sie plötzlich inne. „Was haben Sie mir gegeben?" schrie sie mißtrauisch. Dottor Ramey stand auf. „Ein Bemhigungsmittel; Sie werden ein bißchen schlafen und sich wohler «fühlen. Wenn Sie mir mißtra-uen u«nd mich «fürchten, dann müfftn- Sie sich' einen anderen Arzt «suchen. Ich wünsche Ihnen baldige Besserung, Eileein." Mit einer kleinen steifen Verbeugung ging er hinaus.. Die Schtnerzen liieß-en -nach, und sie wurde schläfrig. Ihr Gehirn verweigerte zu denken, langsim Men die Augenlider zu. j Etwas später öffnete sich die Tür zu Eileens Ziinmet, aber uur ein ganz klein wenig. Niemand kam herein, noch wurde die Tür gefch«lossen. Sc«lbst wenn Eileen wach gewesen wäre, hätte sie «nicht gemerkt, daßsie nur ange* 'le'hnt war. ' ' ' . , Sechzehntes Kapitel. Naida spielt. Cti-jic ferne leise Klage -drang in« Eileens schweren Schlaf. Zuerst war es wie ein Traumgewebe; als es klang, merkte sie, daß es WiMchkoit war, etwas Fremdes und doch Vertrautes. Langsam itzam ihr zü«m 'Bewußtsein,- ' daß es die gaghaif-ten Töne einer B-ioli«ne se-m mußten. Die heftigen Kopfschmerzen ha-tten nachgelassen, uur ein dumpfes GMHll war geblieben. Eileen lag zufrieden - -da und hörte auf das Spiel; sie sing an sich zu wundern. Seit mehr als zwei Jahrerc Wie Mida «ihre «Geitze - nicht mehr berü'hrk. Nur -einmal nach dem Brand' iw Laboratormm hatte sie es versucht, aber als «ihre vev- , wuudeten Finger die Saiten berührten, hätte sie Mit Schrecken entdeckt, daß sie nicht mehr die «nötige. Geschuwidigkeit besaßen. Eileen Evnnte den Ton dev wundervollen Ersuroya. Niemand durste die Geige berühren; vielleicht, wsil-/-es/ für Naida zu, qualvoll war, nicht ^darau-f spielenzsi kimnerr?. ' (Fortsetzung folgt.) .