Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2005 (14.9.1924)
- Date
- 1924-09-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Seiko S " Men, 1 W--. .— 1 11 '■"' "T— " " ' '""" ' — ■" Ile Sabreslvende. Von Franz Dirter. Der Parker Detektiv Leduc wurde von einem Herrn, der sich Hm als Fernand de Lafayette vorstellte, mit einer heMen Angelegenheit betraut. „Hören Sie mich an, mein Herr. Es ist das eiere dovart eigentümliche Sache," sagte Herr Lafayette, „daß mein Erstaunen an Verblüffung grenzt. Irgend jemand mengt sich aus rätselhafte Art in mein Familienleben und stört meine Arche." . , , „Erzählen Sie!" „Ich werde nichts verschweigen... Es ist von meiner Frau die Rede, das heißt, von Vorfällen in Verbindung mit ihr. M eine Frau, Adolph ine de Piemoni-Lussac, stammt aus einer der vornehmsten Familien und hat eine ausgezeichnete Erziehmig genossen; sie kennt das Leber: nur so, wie sie es während der zweijährigen Che an meiner Seite kennen zu lernen vermochte." „Sie halben also Fräulein Piemont-Lussac vor zwei Fahren geheiratet?" „So ist es. Unsere Familien haben uns schon lange vorher miteinander verlobt, damit sich die beiden Vermögen in den Kindern vereinigen." „Weiter." „Denken Sie sich nun, mein Herr, meine Ueberraschung, als nach kaum halbjähriger Che, an einem Augusttage, meine Frau mit der Post einen Boies erhielt, in welchem ihr ein Herr, der sich einfach: ,ßXx alte Toto" unterschrieb, dreitausend Franken sandte." „Was stand in dem Brief?" „Bloß fünf Worte: ,Zur Erinnerung an meinen Dank." Sie können sich meinen Schrecken vorstellen.Meine Frau war gerade von Paris abwesend, und so öffnete ich den Brief. Ich fuhr damit sofort zu ihr. Doch Marie schwur, daß sie vom alten Toto noch nie etwas gehört und auch gar keine Ahnung habe, von welchem Dank hier die Rede sein kann. Langsam -beruhigte ich mich wieder, aber der Zweifel blieb in mir zurück und. verursachte mir manchmal schmerzliche Qualen, denn er hatte meine Eifersucht geweckt. Ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich durch diesen verdächtigen Geldbrief gelitten habe. . ." ,Mmn kam der Brief? Erinnern Sie sich genau an das Datum?" „Jo, es war am 10. August." „Also vor ungefähr einem Jahre, denn heute haben wir den 11.. August." „So ist es." -Herr Lafayette trocknete sich die Stirn, auf der kleine Perlen glänzten. Dann schrie er plötzlich auf: „Und wissen Sie, mein Herr, was gestern geschehen ist? . . . Die Bost hat mir genau denselben Brief gebracht, wie vergangenes Jahr." „Wieder von Toto unterschrieben?" „Der Brief war von Toto, er schickte wieder dreitausend Fvarcken mit einem Schreiben, das die fünf ominösen Worte enthielt: „Zur Erinnerung an meinen Dank." Leduc überlegte einige Augenblicke, daun fragte er von neuem: „Ihre Hochzeit hat vor zwei Jahren statdgesundeu? An welchem Tage?" „Es sind keine vollen zwei Jahre her; wir heirateten am 30. Oktober." - „Und wann hat Ihre Verlobung statbgesuuden?" : V „Mitte September." 7 „Halben Sie Ihrer Frau Gemahlin vor der Verlobung lange Zeit den Hof gemacht?" „Nein... das heißt, ich kannte sie noch als Kind nnd war auch oft im Schlosse ihrer Eltern; aber unser eigentliches, häufigeres Beisammensein begann erst nach unserer Verlobung." „Gut. Ich glaube, ich werde den Schlüssel zu der Sache finden. Ich werde Sie in einigen Tagen verständigen, oder vielleicht kann ich Ihnen sogar bereits ein vollständiges Ergebnis melden. Einstweilen empfehle ich Ihnen aber, die ganze Sache vor Madame gcheimznh alten, da ich glaube, daß sie mit der Angelegenheit nichts zu tun Hai." Detektiv Leduc ließ eine Woche später Herrn Lafayette zu sich rufen. „Nun? Halben Sie etwas erfahren?. ... Ich bitte Sie um Himmels willen, erzählen Sie rasch!" Leduc legte seine Hand lächelnd auf die Schulter seines Klienten. ,-Tagen Sie, Herr Lafayette, wie hieß doch nur gleich jenes schöne Fräulein, mit dem Sie vor zwei Jahren im August in, einem eleganten Schweizer Badeorte die Kühle der Alpen genossen halben? Wenn ich nicht irre, hatte die Dame blonde Haare und blaue Augen . . Herr Lafayette riß vor Erstaunen den Mund auf und wurde rot bis über beide Ohren. „Jetzt verstehe ich schon alles!" sagte er dann mit dumpfer, zorniger Stimme. „Desto besser. Ich werde die Geschichte mit einigen Worten vervollständigen." ' „And Leduc begann, fortwährend lächelnd, zu erzählen: „Jenes Fräulein, Ihre damalige Reisegefährtin, hat sehr wohl gewußt, daß der Sommer nicht ewig dauert, sie wär demnach bestrebt, auch für ihre Zukunft zu sorgen. Me gewöhnlich in solchen Fällen,'stellten auch Sie bei der Table dchote Ihre Geliebte den übrigen Gästen Äs Ihre Gemahlin vor. Das Fräulein spielte ihre Rolle ausgezeichnet, sie wies jeden Hofmacher alb, bis sie jenen braven Mann entdeckte, der sie aus der Ferne a-nbetete und ihr das stumme Geständnis seiner Liebe vom anderen Ende des Tisches zunickte. Das kluge Fräulein überlegte, daß es nicht weise wäre, diesen Anbeter lausen zu lassen, und . . " Lafayette fuhr empor. MrnÄ Mörgeüzeitung.^ —mm Jerusalem (behördlich anerkannt) * Auswärtige Schüler finden Aufnahme bei Familien In der modernen Gartenvorstadt Beth-Hakerem. Daselbst ständige Fühlung mit den Lehrern // Sport Schriftliche Anfragen beantwortet die Adm. der»Wr. Morgenzeitung11 „Was soll dieses „und" heißen? . . , Sie werden dock) nicht glauben, daß ..." „Pardon, mein Herr, ich verdächtige nicht, sondern bringe nur Tatsachen. And wie immer Sie sich auch dagegen Verwahren mögen, die Sommergattin hat Ihr Nachmittags- > chläfchen dennoch ausgenützt, und zwar an: 10. August." „Das ist es also? Das ist cs?" rief Lafayette. „Sie erhielten leider au jenem Nachmittag unerwartet ein Telegramm und reisten noch am selben Abend mit Ihrer . . . „Frau" ab. Der Verliebte Kavalier, der zufällig auch ein Franzose ist, aber einer von den naiven Verliebten aus der Provinz, wagte nicht, die schöne Frau Lafayette noch um ein letztes Stelldichein zu bitten, und er begnügte sich mit jener einzigen Schäferstunde, als deren Erinnerung er alhährlich die Steuer seines Dankes einschickte. Das aber müssen selbst Sie anerkennen, daß dieser alte Toto ein freigebiger Mann ist." Lasat)ette schwieg beschämt. „Wie cs scheint", fuhr der Detektiv fort, „hat die damalige Frau Lafayette ihrem Kurmacher ihre Armut geklagt. Das ist die Erklärung der Geldsendung ..." (Autorisierte Uebersetzung aus dem NilWvffchen von Maurus Mezei») *• iM-1 Wie ei« Toter rum Staatsanwalt gewühlt wurde. Der „alte Senator von Wisconsin", wie der Präsidentschaftskandidat der dritten Partei in Amerika, La Fallet te, genannt wird, gewinnt wohl immer mchr an Anhang, doch sprechen ihm mit den amerikanischen Verhältnissen bekannte Publizisten und Politiker jede Aussicht auf einen Wahlsieg ab. Immerhin fft La Follette noch immer im Vordergrund des Jntereffes und so werden alle schon längst vergessenen Eiirzelheiten aus dem Leben dieses amerikanischen Politikers herangeholt, um je nach der Stellung des Betreffenden für oder. gegen ihn ausgonützt zu werden. . La Follette, der politische Beherrscher des Staates Wisconsin gehört nicht zu den Rednern mit besonderer suggestiver Kraft. Er sicht vielt älter aus als er ist und dabei fft er in der Tat bereits 69 Jahre alt. Trotzdem halten seine Anhänger in seinem Heimatstaat auch heute noch bei ihm aus, wie in den letzten 20 Jahren immer, so oft er sie ries. Wie sehr er sich auf seine Freunde verlassen konnte, erfuhr er damals, als er im September 1919 seine Wisconfiuer dazu gebracht hatte, einen Toten zum Oberstaatsanwalt für den Staat Wisconsin zu wählen. Daß Tote als Wähler zur Urne gebracht werden, gehört ja auch heute diesseits des Ozeans nicht zu den Seltenheiten, aber Senator La Follette war der erste, der einen Toten als Kandidaten auf die Beine stellte. Die Sache trug sich so zu, daß Senator La Follette dem offiziellen Kandidaten einen Advokaten namens Frank Tucker als Bewerber für die Stelle des obersten Staatsanwaltes. eutgegenstellte. Tucker war, wie der ganze politische Generalstab La Follettes, ein rechtschaffener Mann mit reinen Händen, der auch persönlich große Popularität genoß, und sein Sieg schien knapp vor der Wahl ganz sicher. Da geschah es nun, daß Frank Tucker zwei Tage vor der Wahl von einer Brücke in die Tiefe stürzte und starb. Es war unmöglich, rasch einen neuen ebenbürtigen Kandidaten zu finden und so gab La Fol- -lette die Parole aus, die Wähler mögen ihre Stimmen auf Frank Tucker abgeben, wie wenn nichts geschehen wäre. Jeder wußte natürlich, daß Tucker bereits tot fei, trotzdem gaben die Wähler La Follettes, getreu der Parole, ihre Stimmen auf den Toten ab, so daß Frank Tucker zwei Tage nach seinem Tode zum Oberstaatsanwalt de8 Staates Wisconsin gewählt wurde. „Vesser ein toter Progressiver als ein lebendiger Re-' äktionär", mit diesen Worten brachten die Wahlagenten La' Follettes die Wähler zur Ume und in der Tat siegte der tote Progressive Über den lebendigen Reaktionär. Ein Mann mit so erprobter politischer Gewalt fft immerhin ein nicht zu unterschätzender Faktor bei den kommenden Präsidentschaftswcchlen. Niemand hätte" noch vor kurzer Zeit daran gedacht, daß z. B. der große Zeitungskönig Haarst mit seinem gewaltigen publizfftischen Apparat sich gegen diezwei eingebürgerten mächtigen Parteien auf die Seite La Follettes stellen werde. Trotz alledem und obgleich immer größere politffch unabhängige nnd auch Politisch organisierte Massen in Ausrufen und Zuschriften für La Follettes Kandidatur auftreten, wäre eine 'Voraussage über die Chancen La Follettes bei der Wahl am 11. November zu gewagt und, wie eingangs erwähnt, -halten Eingeweihte seinen Wahlkampf für völlig aussichtslos. tTü ■t»i m LilTf lA.Schkember IW " Nr. 2005 Voghurt und Lebensdauer. Bon Walter Finkler. „Reife westindische Bananen sind das beste Nahrung?- ' mittel nnd verlängern das Leben!" So lesen wir an. den mit fetten Lettern bedruckten Tafeln der Obstbuden und Delikatessenladen. (Das Deutsch zu Lasten der Bamnenimportgesellschaft.) Wenn irgendwo, dann fft die Frage hier berechtigt, warum „ausgerechnet" Bananen das Leben verlängern sollen. Solche Reklame wäre bei einem anderen Nahrungsmittel schon weit eher berechtigt, das freilich mit Bananen in keiner andi'ren Beziehung steht, als daß beide, zusammen genossen, die Darmtätigkeit schr unliebsam anregen. Das lebenSver- - längernde Mittel ist die Boghurtmilch. Sie selbst eigentlich nicht so sehr wie ihre Erzeuger: die Milchsäurebakterien. Die Menschen wollen lange leben, länger als es ihnen Gott Geschieden hat. Wie das mit der Ächre SchopenlMers, daß die meisten Menschen ihr Leben nur aus Angst vor dem Tode weiterfrfften, vereinbar fft, soll uns hier nicht weiter interessieren. Der Trieb zur Lebensverlängerung fft einmal da. Und wenn auch die Wissenschaft fernab vom Getriebe der Welt steht, hat sie doch ihre fruchtbaren Probleme aus den Bedürfnissen der philiströsen Menschheit geschöpft. Sie ging, ihrer Artung entsprechend, systematisch vor. Bevor wir an die Verlängerung des Lebens gehen, müssen wir erst die Ursachen der Lebensdauer kennen. Da herrscht aber eine heillose Anordnung. Eine Maus lebt zwei Jahre, der gerade, so große Sperling lebt 20 Jahre, der etwas größere Papagei gar 200 Jahre. Und so fort. Vorweg sei genommen, daß noch immer kein System, keine Ordnung und schon gar keine Ursachen der verschiedenen Lebensdauer gefunden wurden. Eine Theorie besagt, daß größere Vitalität, Lebaftigkeit, raschen Verbrauch der Kräfte, somit eine kurze Lebensspanne nach sich ziehe. Andere wieder meinen, daß die Lebensdauer unr so größer fei, j e m a ssiger das Gehirn im Verhältnis zum Körper fft. Wieder eine andere Theorie macht den Dickdarm zum Maß st ab der Lebensfrist. Je länger der Dickdarm, desto kürzer das Leben. Der Strauß mit dem langen Dickdarm fft kurzlebiger als der kurzbedarmte Papagei. Es ist klar — der Darm selbst kann weder Lebet: verlängern noch verkürzen. Etwas anderes muß da dahinter stecken.. Professor M e t s ch n 11 o f f erblickt den eigentlich verantwortlichen Faktor in den Fäulnis b alterten. Leicht begreiflich, daß der Dickdarm als Reservoir der Stoffwechselschlacken ein Asyl für. Billionen von Fäulnisbakterieu und andere Spaltpilze darstellt. Der Körper wird immerfort von diesen mikroskopifchen Lebewesen vergiftet. Die Stoffwechsels chlacken in den Zellen sind ja die eigentliche Ursache des Alterns und Z e M tode s. Beteiligen sich noch die Innenschinarotzer an der Körpervergfftung, dann wird die Lebensspanne des Organismus. eine geringere. Was also tun? . Die. Darmflora direkt abtöten kann man nicht. Sie nicht zum Entstehen kommen lassen, ist nur theoretisch möglich. Durch vollkommene Desinfektion des Körpers und der Nahrung. Bei Tieren ist es zwar gelungen, den Darm keimfrei zu machen. Kaiserschnitt, Aufzucht in keimfreier Kammer, ausschließlich geikochte Nahrung konnten das bewirken. Aber beim Menschen? Die Idee Metschnikoffs war es, dem Darnt andere, unschädliche Bakterien zuzusühren, die ihre schädlichen Nebenbuhler vertreiben sollten. Solche fand er eben in den Milchsäureervegern. Die Tochurtmilch schwemmt den Darm so sehr mit unschädlichen Spaltpilzen an, daß alles andere weichen muß. DollkSevfahrumg bestätigt den Gedankengang. In Bulgarien, wo das VM sehr viel Aoghurtmilch genießt, erreichen die mefften Leute ein hohes Alter. Einen „Haken" hatte die Sache, eine fatale technische Schwierigkeit. Die Aoghurfbakterien brauchen zu ihrer Existenz einen zuckerhaltigen Nährboden. Im Dickdarm ist aber kein Zucker mchr, er wurde schon vorher im Mitteldarm aufgesaugt. Also gerade dorthin, wohin die lebensverlängernden Bakterien kommen sollten, kamen sie nicht: in den Dickdarm. Menschenwitz läßt nicht locker, Metschnckofs gab seinen Versuchstieren neben der Mghurttnilch noch zuckererzengende Bakterien zu fressen. (Ihre Reinkultur nennt sich Jntestibakter, beide zusammen Jntestifirm.) So haben auch die Aoghurtbakterieu im Enddarm ihre enffprechende Nahrung und Exfftenzbchmgung. Die Zuckerbakterien sind vollkommen unschädlich. Nach der Methode Meffchnikoffs. behandelte Versuchstiere bekamen wirklich einen fäulniskeimfreien Darm. Um wie viel sie länger lebten als ihre Artgenossen mit dem Fäulnisdarm, darüber schweigt die Kunde. Nutzanwendung für den Menschen: ,Man nehme" täglich ein viertel Liter Aoghurtmilch mit dom Jntestibatter, also den nährbodenspendenden Pilzen. Oder auch die doppelte Reinkultur. Schaden kann es keinesfalls. Wie jede neue Entdeckung wurde auch die Lebensverlängeruug via Dickdarm übertrieben. Man wollte ein radikales Mittel anwenden und den' Leuteir gleich den ganzen Dickdarm Herausschneiden. Zur Not läßt sich ja auch ohm Dickdarm le'ben. Kommt mir so vor, wie die Heilung von Fußschmerzen durch Amputation oder drastischer die BMmpfung der Hühneraugen mit Rippenfellentzündung. (Mau muß dann so lange im Bett liegen, daß auch die Hühneraugen vergchen.) Da ist schon ewiger Uoghurt bester als Dickdarmexstirpat-ion. Das kulturgeschichtlich Wichtige an der ÜmtvaMung unseres Darmes in ein bakteriologisches Laboratorium: Der Mensch verbessert seinen Körper. Ob er sich nicht einmal rächen wird? Der Körpers Vas Wetter. Die Wetterlage hat sich günstig gestaltet. Es ist warm. Die Mittagstemperatur betrug gestern in der Sonne arl 25 Grad Reaumur. Die Voraussage bezeichnet das Schönwetter als kurzdauernd.