Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2005 (14.9.1924)
- Date
- 1924-09-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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.li'äV^wirv ' ' Mt NW - Es wird «hier längere« Entwicklung des Landes unds < «me* NMnerklichen aber nichts deftoweniger zielbewußten ( Srzsthuny «beider. Bevölkerungsteile bedürfen, um diese so wett zu bringen, daß ein harnmnisches „freundpalästinenskscheS" Zusammenleben der beiden Bevölkerungsklassen sich hevausbildet. Bis dahin wird die legislativ« und administrative Mitwirkung des Dritten, der Mandatar- \ macht unerläßlich sein, die daW. berufen ist, die Ansprüche der beide« VMerschasten auszugleichen und den Grundsätzen der nationalen Gleichberechtigung zum Durchbruch zu verhelfe«. Vorläufig wird dad Land eines Statutes bedürfen, welches in 'der Legislative und in der Verwaltung der heutigen und einer allfällig künftigen M ilnorität die voll« nationale Gleichberechtigung garantiert. Obscho« diese Regelung in mancher Hinsicht von j den schweizerischen grundsätzlich verschiede« sein muß, : bietet die geschichtliche Entwicklung und der heutige Zu- I stand des schweizerischen Bundesstaates doch wertvolle Anregungen und Aufschlüsse, die Beachtung für die; Lösung unseres Problomes bieten. i Ans der „Osficial Gazette" der palästinensischen Regierung ersehen wir, daß in letzter Zeit eine intensive Gesetzgebung. in Angriff genommen wurde, mit de>m Bestreben, unter; Berücksichtigung der lokalen, geschichtlich übernommenen Verhältnisse in Palästina eine moderne Gesetzgebung einzuführen. Wenn auch die bisherige Gesetzgebung sich hauptsächlich auf das Zivilpvozeß- und Gewerberecht und weniger auf die staatsrechtlichen Verhältnisse bezieht, so scheint es nun doch an der Zeit, daß die zuständigen Kreise und Organe der Zionistischen Organisation schon jetzt die künftige N-egelung der Mtionalitätsrechte einer ernsten und fachtechnischeu Prüfung unterziehen, um nicht, wie leider schon so oft, durch die EntwiKung der Verhältnisse überrascht und vor ein fast aceompli gestellt zu werden. Es wird die Aufgabe der Zionistischen Organisation sein, rechtzeitig der zuständigen Verwaltungsstelle der Mandatarmacht sowie speziell der Mandatkommission des Völkerbundes diejenigen Vorschläge zu unterbreiten, lvelche sie als geeignet erachtet, die Entwicklung Palästinas als national Home des jüdischen DolkvS zu fördern, unter Respektierung der Rechte der anderen VolksteAe. Die Zionistische Organisation sollte auch die einzigartig« Gelegenheit sich nicht entgehen lasten als erste an der Stelle zu sein, um eine Regelung, der staatsrechtlichen Verhältnisse zu fordern, die geeignet ist, die Rechte der Amber für die künftige Entwicklung zu respektieren und zu garantieren, und so -der breiten ambischen und europäischen Oesstntlichkett sowohl, wie der Mandatarmacht und dem Völkerbund.den Nachweis , zu erbringen, daß os keineswegs die Absicht i>e§ jüdischen Volkes ist, die Amber in Palästina in ihren Rechten zu verkürzen. Diese Aufgabe ist für di« Zionistische Organisation umso bedeutungsvoller, als sie in ihren Eigenschaften alsIe w ish Agency in erster Linie hierzu berufen ist. Sollte für die tzewifh Agenee «ine besondere Körperschaft gebildet wer- Wlener Morsenzettuns. mH einssebrrutem „SskLSN^^Oummi-^bgLtr Schuhe! Jvvr den, so ist es von. größter Wichtigkeit für die Zionistische Organisation, rechtzeitig diese vorbereitenden Studien zu ergreifen, damit von ihren- Vertretern in der Jewifh Agency an diese diejenigen Vorschläge gelangen, die vom zionistischen Gesichtspunkte' als gesamtjüdische der Mandatarmacht und dem Völkerbund unterbreitet werden sollen. Es ist hier nicht der Ort, Einzelheiten schon sestzufegen. Es wird die Aufgabe einer Kommission von Fach' feilten sein, di? geeigneten Vorschläge zu formulieren und so rechtzeitig sertigzustellen, daß die Zionistische Organisation, respektive die Jewish Agency nicht ins Hintertreffen gerat. Die Einberufung und Zusammensetzung dieser Studienkommission kann heut« nur Solche der Exekutive, -des Ausfüihrungsorganes der heutigen Jewish Agency sein. Nie AbrMmgsdebatte im Völkerb«nd beendet. Polen und sein« Nachbarn. Genf, 13. September. Die Komm'stion schloß.heute vormittags die Generaldebatte über die Abrüstungsresolntion ab. L o u d o n (Holland) erklärte, seine Negierung halte den Garantiepakt für überflüssig und den Artikel 16 des Bölkerbundvertrages mit der von der zweiten Vötkerbund-versammlung angenommenen Erweiterung für ausreichend, um die Sanktionen festzulegen, die für die Sicherheit der Staaten notwendig seren. General T a n c z o s (Ungarn) Uxnttxlte in den Fußstapfen APPonyis und erdreistete sich zu erklären, daß Ungarn durch den Vertrag von Trianon tvcit über das durch den Abrustungsartifel 8 des Paktes vorgesehenem Maß hinaus abgerüstet habe und daß seine gegenwärtige Rüstung völlig unzulänglich sei. Der polnische Delegierte Skrzynski meinte, daß für viele Staaten, die wohl auf dem Standpunkt« der Abrüstung stünden, diese sehr schwer sei, wenn sie von wenig .friedfertigen Nachbarn umgeben werden. Polen fei mit. der Schiedsgerichtsbarkeit einverstanden, aber sie müsse obligatorisch sein, uni sowohl wirtschaftliche wie militärische Sanktionen, für denjenigen im Gefolghaben, der einen Schiedsspruch abfehne oder sich ihm nicht unterwerfe. Zu diesem Zwecke müßten sogar Staaten, die an sich keine Militärmacht brauchten, einen gewissen Grad von Rüstungen beide- ' halten, um anderen Staaten beispringen zu können. fl. Septem-ber 18A __Sette 8 Der irische Delegierte F i tz g e r a l d betonte, daß Jv land das auf die Harmonie unter dm Staaten Wert lege; früh-r eine Armee von 60.000 Mann hatte, die jetzt aus 20.000 herabgesetzt wurde weil siir Irland eine größer, Gefahr nicht bestehe. Damit wurde die Generaldebatte geschlossen.^ Der Präsident der Kommission, ü> rumänische Außem minister Du ca, verlies heute nachmittags Genf und wir4 erst in zehn öder Awölf Tagen zurück! chren. Die Wilnaer Frage von der Tagesordnung abgesetzt. Die heutige Nachmrttagssitzung der Kommistion, dir nur infolge eines Irrtums einberufen worden war, war nur von sehr kurzer Dauer, brachte aber immerhin das politisch wichtigste Ereignis des, Tages.' Der Präsident der Kommistion Enckel verlas ein Schreiben des litauischen Delegierten Galvanauskas. in welchem die litauische Delegation erklärt, ihren Antrag aus Verweisung der Rechtsfrage nach der Zuständigkeit des' Rates zur Entscheidung des W i l n a e r K o n f l i k t e s zürückzuziehen, und bittet, die Angelegenheit von der Tagesordnung a b z usetzen. Die griechischen Flüchtlinge. . In einer öffentlichen Sitzung des Volkev bundrates wurde heute nachmittags die Frage der Nicdrrlastung der' griechischen F l ü ch t l i n g e ' in Griechenland 'behandelt. Der frühere amerikanische Botschafter Morgenthau schilderte die entsetzliche Lage der nach Griechenland geflüchteten kleinasiatischen Griechen und teilte mit, die M i llion Pfund Sterling, die von der Bank von England als erster Vorschuß gegeben worden sei, hätte zunächst genügt. Die Versuche, die damit unternommen wurden, hätten gezeigt, daß man durch vernünftige Wirtschaft die Produktion in Griechenland derart steigern könne, daß der Zustrom der Flüchtlinge für Griechenland einen Zuwachs an Reichtum bedeuten werde. Die politischen Verhältnisse in Griechenland hätten sich neuerdings stabilisiert, so daß man hoffen könne, die beabsichtigte Anleihe von zwei Millionen Pfund werde durchaus gesichert sein. Polrtis sprach Morgenthau den Dank Griechenlands aus, dem sich auch HY mau s als Präsident des Rates anschloß. Sodann wurde als zweiter.Punkt der'Tagesordnung die Ausweisung einiger Danziger Staat'sangehörigen aus Polen behandelt. Quinines de Leon beantragte als Berichterstatter. daß die Frage einem I u r i st e n k o m i t c c, bestehend aus einem Engländer, einem Franzosen und einem Italiener, zugewiesen werde. Der Präsident des Danziger «Senates Sahm und der polnische Delegierte Straßburger erklärten sich mit diesem Antrag einverstanden. ' Moritz Lazarus. Geboren a« 13. September 1824. Es ist durchaus keine Phrase, wenn man die Ausgabe, Es Anlaß der 100. Wiederkehr seines GebMstages ein Bild vom Wirken «und Schaffen Moritz LazaruS' zu entwerfen, das seiner Bedeutung nur annähernd gerecht würde, olls eine bare Unnröglichteit bezeichnen muß. Das kann der bloße Hinweis auf Lazarus' ungeheur.; Vielseitigkeit — vieVeicht liegt darin schon ein wesentlicher Beitrag zu seiner Charakteristik -7zur Genüge erhärten. Den einen ist Lazarus der größte Populär philo-, svphdes 19. -Jahrhunderts, den Deutschland hervorgvbrücht hat, ähnlich wie im vorau!sgegangenen Jahrhundert Moses Mendelssohn ein solcher gewesen ist. Hat er doch in seinem' dreibändigen „Leben «der Svelfe", von B e n e k e und He r b a r t ausgehend, eine idealistische Psychologie ausgebaüt und diese bei aller Tiefe der Gedanken in edler, gemeinverständlicher Sprache dargeboten. Anderen ist er «der s ch ö p f e r >i s ch e D e n «k,e r, der die Völkerpsychologie begründet und damit die Cnttvicklung der SoziaÄvistenschaft angöbahnt hat. Wieder andere sehen in ihm hauptsächlich den. erfolgreichen Forscher aus dem Gebiet« der Wissenschaft des Indent u m s, die ihn seit frühester Kindheit nicht aus ihrem Banne ließ. Denn hier legte er feine im höhen Alter gereifte und gediegene Geistesfrucht, die „Ethik des - Judentums" — an einem 15. September (1898) vollendet — als Opfergabe aus.den Mtar seiner Religion; wiewohl er auch sonst fast in allen Epochen s-oines Schaffens 1 sich mit den Problemen des Judentums, insbesondere dmn PvotzhetiSmus, in veligionSPhklofophischen Schriften ausemandergesetzt hatte. Noch andere vervhren ihn in erster Linie als den trcusorgenden Schn seines Völke's,"der den Zeitsragen des praktische n Judentums jeweilig fein Interest« widnrete, so äks den Augen Vorsitzenden der Synoden von Leipzig (196«9) und Augsburg (1871), als 'den Mrtbegvunder und Kurator der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und der ZunzStiftung, besonders aber als den Vovnehmen und und zielbewußten Bekämpftr des von Stöcker und Treitschke gezüchteten Antesenntislnrus in Deutschland. Tausenden^ und Zchntanserrden lvbt er als glänzender akademischer Lehrer, ofö geistvoller, bestrickender Redner, als idealer Pädagog im Gedächtnis. Und nicht Aufetzt und im Zusammenhang mit allen Seiten seines Wesens als der Fveudefpender für den großen Kreis seiner Freunde und Verehrer, als der Mmer bereite Helfer, als der groß« Mensch, der jedem einzelnen arnren Studenten mit feiner tätigen Teilnahme so nahe war wie den zahlreichen Opfern großer Katastrophen, so den verfolgten Juden in Rußland und Runranien, zu deren Gunsten er -in Brüssel einen internationafen Hilfskongreß ein'berief umd au der Seite Adolf Cremieux' lettete. Und alle strrd sie im Recht, iwenn sie von ihrem Gesichtswinkek aus Moritz Lazarus für sich reklamieren. Denn w hat auf allen diesen und noch anderen Gsbieten Großes und Dauerndes geleistet. Gegenüber der Unmöglichkeit jedoch, die Erinnerungen an Lazarus auf alle Seiten seines LebenStverkes zu erstrecken, scheirvt es geboten, sie vorzugsweise auf ein Gebiet zu «be schränken. - Bor mir liegt mein Berliner Untversitätsindex. Als erstes Kolleg ^meines ersten Semesters ist „Psychologie nebst Grundlinien der Völkerpsychologfe von Prof. Dr. M. Lozarüs" eingetragen. Di« Testate sind die letzten von LazaruS' Hand, da er mit diesem Ssmefter ssin« Lehrtätigkeit beschloß. Aber sie sind auch sonst merkwürdig. Die Antestievu'Ng ^trägt das späte Datum des 26. November und enthält den Nanreir Laurus ztveimvk. Lazarus hatte in den Ferien einen Unfall, einen Bruch des rechten Armes, erlitten. Die lairgsa<mo Heilung verzögerte den Beginn des Kollegs. Als dieses begann, trug er den Arm in eimr Binde und seine Gemahlin, die 'bekannte Schriftstellerin dtahida Ruch Lazarns, di« ihn immer in die Vorlesung begleitete, testierte in seinem Namen. Am Schlüsse des Semesters war seine Rechte wieder ganz hergestellt und .beim Abtestieren setzte er nun seinen Namen eigenhändig in beide Rubriken. Den Assoziationen folgend, die dies« Unterschriften in mir 'Hervorrufen, seien diese Zeiten der Erinnerung «vorlrehmlich Lazarus, dem Uni per s i t ä t s lech rer, gewidmet. Die Memoivenwerke. seiner Gattin, die seit zwei Jahrzehnten fast ausschließlich in unvergleichlicher Treue dem Kultus des. Anderckens La^zarns' lebt, ergänzen mir in, da-rrkenÄverter Meist die selbstgewonnenen, unverlierbaren Eindrücke. Moritz Lazarus, dessen Studtengmlg — dw Volks- - schule seiner Vaterstadt Filehne, Autodidakten-tum, nach einigen in- Handlurrgsihäusern verbrachten Jckhren mit 20 Jahren Gymnasiast für jene Zeit und die jüdischen - Berhältniste nichts Abnormales' an sich hotte, war niemals Privatdozent. Seine wissenfcha-ftlichen Arbeiten vermittelten ihm sogleich die Professur. Ein Kreis von P»- festm'en nn-d Regteru'Ngsherren in Bern hatte seine Schriften gelesen und tnlg ihm im selben Jahre, in dem seine gemeinsam nnt H. S t e i n t h a l hevausgegchene ,^Zeitschrift für Dölkerpshchologte und Spwchtunde" zu «rfcheinen begann (1859), «im Ordinariat an der Universität Bern an. Um sich nicht zu binden,'nahm er vorerst nur die Würde eines Honorarprofessors an. Seilr« i-m größten Saale der Hochschule gehalten« Antrittsvorlesung über den „Ursprung der Sittel eroberte ihm die Herzen seiner Zuhörer im Sturm. Die Schilderung von seinen Triumphen kann niemandem glaubhafter sein als solchen, die, tverm auch lange danach, das Glück hatten, den Zauber seiner Lehvwsise auf sich wirken zu lassen. Zwei Jahve nach Antritt sti-nes Lehra'Mtes wurde Lazams zmn Dekan der philosophischen Fakultät gewählt. Und -noch während seiner Dekanat-szeit — dieses Amt wurde -dort auf vier Jahre verliehen — erfolgte seine Wahl pt Rektor der Universität, so daß er beide Würden — eine Auszeichnung, die «vorher keinem Juden an einer Universität zuteil wurde und gleich ehrend für beide Teile — zu gle i ch-er Zeit bekleidete. Im Zrlsammenhang damit stand «in -merkwürdiger Vorfall,. den Lazarus folgendermaßen schildert: ,Mein« Wahl zu.m Rektor . . . hatte an einem Svnnäbend stattgefuuden mw am darauffolgenden Montag fand eine große D-ebatte im Nationalrat statt über die Zwangsexekution -des Bundes gegen die aargauische Regierung (welche durch jesuitische Umtriobe hauptsächlich aus Ultra-montanen bestand) zur Wiederherstellung der durch sie aufgehobenen Emanzipation der -Juden. Es sthlt« von reaktionärer Seite nicht an «dem abgodrof-chemn Argument gegen di« Juden, daß sie kulturun-fähig st-ien. Man kann -sich denken, ivel-ch eirwn hübschen Triumph ein Liberaler mit -ureiner Re-kwrswahl ausspielen konnte. „Dtacht die Juden «von Endingeu und Lengnau Politisch frei und in dreißig Jahren könnt ihr eigene jüdische ^Lan-deskttider an den Schweizer Universitäten als Professoren wirken und zu Rektoren gewählt sehen." Die> Anspielung -war so tveftend ... -daß unter Manischem Beifall die Emanzipation der Juden befchlosstn -tvnrde." Trotz aller großen Erfolge ftihlte sich Lazarus in der Schweiz als Deutscher im Exil. Er sagt von sich: „. . . ich habe Ursache zur innigsten Genugtuung, die ich vor allein als D e u t s ch e r emf^inde, als Deutscher auch gegenüber dem Schweizer tzeltend zu machen hoffe, obgleich mein deutsches Bateriland es mir zurzeit noch unmöglich^ macht, in der Heimast dasselbe zu wirken, was mir hie-r als Fremde r g e l i n g t. Im deutschen Geiste hin ich 'heimisch . . seine Fahne erhebe ich und trage ich, ob auch Regierende und Fak-ultätsprofessoren mich zwingen^ sie in di« Fremde $u tragen."