Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-09-14 · Heft 2005 (14.9.1924) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2005 (14.9.1924)
Date
1924-09-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2981088--20432-3007660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

| t Steife 8 Men. Sonnig [ auch mittelbar ein Nachweis für die wirtschaftlichen Fähigkeiten eines Kunstzentrums, welches seinerseits durch denkünstlerischen Erfolg eines Mnsikfestes nicht nur ideell, sondern infolge des Fremdenzustronies auch! materiell gewann. Wien, seit Generationen die fr"chj rende Musikftadt. Europas, hat große materielle Ein- - büßen erlitten und bedarf so. umsomehr des Hinweises i auf seine große kulturelle Vergangenheit, um iw. Wett-! bewerb mit den übrigen Großstädten seine Mhrerrolle zu behaupten. Höffen wir, daß da^ Musrkfeft Tausende von Fremden nach Wien lockt und damit auch' einen wirtschaftlichen Erfolg erringt. , Doch ein so gewaltiges Fest der Kiinste ist nicht nur von künstlerischer und wirtschaftlicher, sondern letzten Endes auch von politischer Bedeutung. Ist doch die Musik über alle nationalen Schranken hinweg die internationale Sprache des Gefühls. Ein Wiener Bürgermeister des alten Oesterreichs, welcher als Partei- Politiker nicht gerade Toleranz übte, sagte bei der Eröffnung eines musikalischen Kongresses: „In meinem lieben Vaterlande Oesterreich gibt es, weiß Gott, wie viele Sprachen, und wenn der eine in seiner Muttersprache redet, versteht ihn der andere nicht. Wenn wir aber musizieren, verstehen wir uns alle." So äukerte sich. auch.Präsident Thomas Masarhk gelegentlich des letzten modernen internationalen Musikfestes in Prag, daß internationale Musikpflege ein wichtiger Faktor der Völkevversöhnung wäre. — Schiller stellt in seiner Dichtung „Die Künstler" daß Wissen, das der . Mensch mit Vovgezogenen Geistern teilt, der Kunst gegenüber, die der Mensch allein hat. .Diese Kunst hebt ihn empor über die tieferstehenden Lebewesen, sie erhebt ihn über die Sorgen des Alltags, über die Einseitigkeiten und Engherzigkeiten der Politik» und entrückt ihn, wie Schubert in seinem Lied „An die BÄlsik" singt, in eine bessere Welt. Wenn erst die deutsche Musik in Frankreich und die französische Musik in Deutschland wieder Heimatrecht erlangt hat, wenn erst „alle Menschen Brüder tverden,", dann, wird es um das europäische Gleichgewicht besser bestellt sein. So möge dieses Fest durch die allgewaltige Sprache der Musik zum kostbaren Instrument der Böllerverföhnung und der Humanität werden. Das RatiormlMenvrMem in der Schweiz und in Palästina. rr" Bon Dr. Edmund Goetfchel (Basch. ~"W 1. Das Nationalitäterrproblem in der Schweiz And seine administrative Lösnng.H Es ist Wohl nicht Zufall, -daß in 'letzter Zeit, wennvon' der Losung des Araberproblems in Palästina 'die Rede war, öfters aus die Schweiz als . das Land, welches in mustergültiger und vorbildlicher Weise.das Natipyalit^tenproblem gelöst hat, hingewiesen wird. Par nicht allzu langer Zeit 'hat Weiznrann in mehreren Ansprachen jenseits de's. Ltzeans der Hoffnung Ausdruck gegeben, daßdie. politischen Verhältnisse Palästinas ähnlich denjenigen der Schweiz sich 'entwickeln, und ein friedliches Nebenetaaitderleben der verschiedenen Nationalitäten ermöglichen werden. Der Tunesier Abdul Aziz Sa labt, der in Tunis Gelegenheit hat, den Verwaltungsapparat einer zentralistischen Regierung kennen zu lernen, wie er nur . in einem national geeinten Staate möglich ist, 'fyat in seiner vor kurzem zu -Jerusalem gehaltener Rede ebenfalls die Schweiz als für Palästina vorbildliches Beispiel cmpsohlen. In der Tat wohnen in der Schweiz drei Nalionalitäten aus relativ kleinem Territorium eng beisammen. Die / Schweiz ist das klassische Land das beweist, daß der Begriff Mation" nicht iderrtisch ist mit „Staatsvolk". Das. Schweizervolk besteht o s f i z i e I l aus schweig er ischen Staasangehör-igen, deutscher, französischer und italienischer NationälM, und' nicht-von ungefähr beginnt die schweizerische Bersassung.i mit den Worten: „Die durch gegenwärtigen Bund vereinig- ' ten Völker sch a s t e n -der 22 souveränen Kantone .usw. bilden, in ihrer Gesamtheit.die schwoizerffche Eidgenossenschaft." . . -Die. vollständige Mische Gleichstellung tonfc Gleich-. berechtiguug.der drei Nationalitäten ist das Ergebnis der. historischen Entstehung, und Entwicklung der heutigeni schtveizevffchen Eidgenossenschaft. Mit den deutschsprechen-' den Kantonen' hat sich als erster französisch sprechender , selbständiger Stand . (L481 Freihurg v erbündet, so. daß. von .Anfang an im interkantonalen,. sreundeidgenössischen- Verkehr, die Gleichberechtigung und gegepseitige. Achtung die Basis 'bildeten. Als «dann M Revolutionsjahr - 1848 die neue Bundesverfassung zustande, kam und aus dem alten Staatsbund ein neuer Bundesstaat entstand, war es selbstverständlich,- daß auch i.nnerkantonal (denn es gibt auch 'Kantone, die zwei-, ja dreisprachig sind, - zum Beispiel Bern, Frei'buvg, -deutsch und französisch-' sprachig; Graubünden deutsch, italienisch und räto- , romanisch), die rechtliche, politische und kulturelle - Gleichstellung erfolgte. Heute ist die Gleichstellung^ und' Gleichberechtigung derart fest im Volks'bewuhffein - verankert, und istso zur Selbstverständlichkeit geworden, daß. in der Verfassung und Gesetzgebung von Minoritätsrechten' (denn die französische und italitzn'ffche Nationalität ist im schweiMschen Staats-.: verbände 'zahlenmäßig eine Minorität)^ k a Em' Spuren zu finden sind. - " v' " . tJm Gegensatz zu den neu errichteten Oftstaatenwo . die Minderheitsrechte sowohl durch internationale Verträge i(Bersaillervertrag, Vertrag von SainMermam iffw.) als . jauch -tellweffe durch die Verfasimvgen aus dem WW» Wiener Moraenzeitung. 14. September 1984 Nr. 8005 «saryk Wer BoWewisyus, Sozialismus Ser UW MMWMW eine Zukunstrchance des jüdischen Bottes. Der jüdische Schriftstellex A. S. Airik vvr< öffentlicht im Warschauer „H a j n t" eine ans« sührlichs Darsrellung seiner Reffe durch oie Ltchechs-Slowalei. Seine Unterredung Mit dem Präsidenten Masaryk über die Judenfrage, welche er anläßlich eines Empfanges ausländischer Journalisten beim Aufenthalt Jbcö PrÄsidenten in B r ü n n hatte, ist von bffondevem Interesse. Lirik schreibt unter anderem: Nach der offiziellen kurzen Begrüßung durch Ma-saryk und der Antwort durch unseren Exkursionsleiter (einen Kollegen vom „Petit Parisienne") begelben wir uns Ml Mittagstisch. Das Essen gcht mit einer gewisseu konnischerr Feierlichkeit,. verbunden mit schweigsamer Verlegenheit vorüber. Erst nachdem das Mittagmahl beendet ist, wird das Gespräch mit natürlicher Einfachheit und Frische gchühft. Mft gelingt es zuorst, in ein längeres Gespräch mit dom Präsidenten zu kommen und zu verdaten habe ich essntetaem Mlsstntum. Der su-nge General, der Chef vün'Mäsaryks Kanzlei, ist ein großer Russophilc. Er erzählt dew Präsidenten, daß unter den Journalisten sich auch, ein Russe befindet, und Ma-sarpk, der selbst etliche Male in Rußland war " und gern russisch spricht, bittet mich zu sich. Ich erkläre gleich, daß ich eigentlich nur ein russischer Bürger bin und keine russischen, sondern. jüdische Zeitungen bediene. Der Präsident ist noch mehr' interessier! itfb bald entwickelt sich zwischen uns ein Gespräch. in russischer Sprache. Wir sprechen zuerst über Rußland. Masaryk kennt die russische Geschichte gut und. hat ein tiefes Gefühl für das russische Volk. Er glaubt auch weiter an Rußlands große Zukunft. Ten Kommunisntus hält er für einen bösen Traum, der niomals verwirklicht werden wird. „Ich für nreinc Porson", sagt er, '„kann'den Kommunismus auf keinen Fall seelffch aufnchnren, weil der Kommunismus jede Individualität abtötet und ich auf dom Standpunkt individueller menschlicher Entwicklung aus allen Gebieten stehe. Er vorwandelt die Menschheit in eine Kaserne." V ,, ' '' Und der Sozialismus? 'rr~"’gr ~ '!?. "ff ' Ja, der SosialisMcs ist etwas ganz anderes an den kann ich glauben. Diejetzige kapitalistische Gosellschaftsordnüng fft , eine EinseitiBe'N. und eine jede Einseitigkeit muß ftühe« oder' später, ein Ende finden. Ich kann mir gang M emen-svtzialistischen Staat mit. sozialistischer Wirtschaft vorstellen, aber dabei müssen die individuellen Eigewschasten vmr Einzelpersonen und Völkern (wie mir Masaryk nchestchende Persönlichkeiten versicherten, wählt Mascrryk sozialistisch und ist —- inoffiziell —ein Anhänger der Soziialdsmökralie) forlgsam ge- ' hütet werden. Im Verlauf des weiteren Gesprächs über den ikationallitätenkampf in der Dschccho-Slvwakei frage ich den Präsidenten, wie er übor die Iudenfrage denke, und er nntworte-temir: I Bei unS -.gibt es keine Judenfrage. Die-Juden bebemdg' vollständig gleichberechtigt, und ich -glaube, daß sie zufrieden sinh. Auch wir unsererseits sind mit den Juden zufrieden. Ich meine, daß AntisemiMsmus als p'oilitischeS Programm bei uns f aft e i n e U n Mögl i chke i t fft. Einige haben den Versuch gemacht und silw gleich d u r ch« gefallen. Das tschechische Volk ist von Rassenhaß tveit ent»' fvrnt. Uebriigens müsstn einander Völker gar nicht ilieiben, e>- genügt, wenn eines das andere versteht und achtet. Und halten Sie die Juden für eine Nation? Das ist eine etwas, komplizierte Frage. Vor dem Kriege i ist der Begriff „Nation" mit denr des Staates ständig verbünden gewesen, «her jetzt hat'maü gelernt, daß jede >BövemiguM, die sich ,'ubjcktiv als Nation betrachtet, schon dadurch I allein eine mit denanderen, gleichberechtigte Rat iön fft. WäSs die Juden anlardgt, sind wir von unserer Seite beteit, sie W' Nation, anMrkennen und ihnen alle nationalen Rechte der" Minde-rheiten zu ' geben? Doch sie sind allein untereinander nicht einig, sie haben verschiedene Richtungen, die einander bekämpfen und nur die Z id nisten proklaumren sich aus«; drücklich als B o lk. Ist Ihnen, Herr Präsident, der Zionismus, und ' jüdische NationMLmus sy'mpathffch? . . ... O ja, wenn auch die Juden keine Nation tat geitvöhn-; lichen Sinne des Wortes sind, wanum sollten sie keine Nation werden? Chauvinismus fft eine lächerliche und närrische Sache. Nicht deshalb bin ich Tscheche, um den-Deuffchen zu "; hassen oder umgekehrt. Aber als Jndividnailist li-ebe ich jede ' Entwicklung von menschlichen und nationalen Eigenavten. -Ein , Nationalismus, der. die Welt um neue Farben and eigenartige i Kulturen bereichert, muß respektiert werden. Ich will nicht von - .christlicher Menschenliebe sprechen, das ist ein 'gar weites'. The>ma. Was für einen Stau kann ein Nadionalismus haben, der nur egoistische Ziele und für andere Böller nur Ber--- ad)tauig und Haß hat? Auch dar Staat muß einen ideellen Inhalt haben, ohne dm ist er kein Staat, sondern n>ur eine . bureaukratffchc Maschine. Was den Zionisnms anlangt, halte - ich ihn für eine Zntunftschanee des jüdischen Volkes, , - und eine. solche.darf nicht ausgegeben werden. Je.d«nf a l l»!ist.mi.r........de«,.. ..Zsiouis-mns aLs. chara.rt'L.rv-ollle.'- Sä'ch e sy mp.ath i.stch. H:. hüt in pch'.eiWtz.-PotM-MiMn^' und gibt dem jüdischen Leben einen besttatmtan-CH a t ati e p. -» Mitten' in. unserem Gespräch erscheint der Generäl,-verkbsu'gt sich und..meldet ffem. Präsidenten, daß. es höchste Zeit fft, zu iven Festlichkeiten zu fahren. Der Präsident >stcht auf und drückt sein Bedauern darüber aus, daß er sich mit den übrigen - Kollegen nicht unterhalten kann und veraNschickdet sich von uns. Neidisch blicken nüch die Kollegen au. Ich war der einzige, tarn eine längere Aussprache mit den: Präsidenten ge- .'?g8nntwar. Versuchen Sie unseren Seidenstrumpf * 44 nut L Trattnerhöf2 (Graben) > nur L Traitnerhof 2 (Graben) „garaMert" sind -nnd durch die Admimstrativorgane mchK. selten! tatsächlich mißachtet und wivbtmgSlsL Mmacht werden, wird in der Schweiz die Gleichstellung fast ausMießlich durch die Praxis der VevtvaliungSovgane und der politischen! Parteien verwirklicht. An MinoriMsgaransien finden wir in der schweizerischen Bundesverfassung Taurn' mchv als Andrutwngen. '! ,Mußsr der „ftlbstverstäMichen" WerchsbMttl>g aller Schweizerbürger vor dem eidgEössffchen und kantwalen Rechte (Art. 4 und 40 B. V.), werden Deutsch Fra-nMfch und Italienisch zu gleichberechtigten ^Hauptspvachen des Landes proKamiert. Ueberdies „empsiehlt" 'Artikel 107 dev Bundesverfassung, der Wahlbe'hörde bet der Besetzung deS - ,/Bu>ndesgerichtes" darauf Bedacht zu nehmen, daß -.alle dvei Mftoncvlsprachen! vertreten, seien." Andere ,Minoritätsgarautien" finden wir im ge s ch riehen en Recht" nicht, Hingegen wird durch die Maßnahmen der StaatsverwaltuM die Gleichstellung verwirklicht. . Dies geschieht in. der Haupffache dadurch, daß die B eamteu der Bundesverwaltung ungefähr proportional der Bevölkerung .aus den verschiedenen Landesdeilen retkrutisrt werden, und größtenteils in der Gegend der sie entstammen, ihr Amt ausWn. Knoden jüngeren ^Jahren wechseln sie oft ihren ' ÄmtMglrk, um die verfchtadeneu Laubes teile und ihre Bevölkerung . Hemmt zu 'lernen. Von säM-ichen Beamten wird.-ein > gswisses Mindestmaß än allHe.me>iner Bildung .und von-politffcheur my» geMMchW WWecheO. tm Pwgvamw, der von der 'Eidgenossenschaft unterstützten. Schulen, verlangt. Von den unteren Beamten wird die Kenntnis von . .wenigstens ziwei, von den höheren die Kenntnis von wo- Moglich -drei Landessprachen gefordert. Dadurch wird dewipkt, .daß im Verkehr, mit 'den Amtsistellen der.schweizerischen Eidgenossenschaft der Bür- . ger in jedem Laichesteil sich derjenigen Landessprache hedienen ikaE die ihm^ beliebt. SeLbstdevstAMch W. im . rschviftlichen Verkehr mit den Buudesbchorden jede der . Landessprachen zugelaffen. Im Bundesparlament, vor den : Gerichten des Buiäe's, in dttHvmee sind MnsallL die dDei - Sprachen als gleichwertig'zugelassen. Die GesetzeMxte. erscheinen -offiziell -in den drei Sprachen, -tvovon alle gleichberechtigt und. für die Auslegung des Textes gleichntäß'ig utaßgehend sind. Die Urteile des Bundesgerichtes werden 'in der Sprache ausgefertigjt, in der der B e k l agä e, respektive BerufuWibeftagte feine Sache vertritt. ' Dev heutige Zustand ist die Folge einer jahvhundert-' laugen Entwicklung, die ParallÄ mit einer-bestimmten seit s Jahrzehnten konsequent durchgesühvten B v l -k sschulnng gcht. L. Das NatiyaaMUeWrovlem in Palästina. s . Die Verhältnisse liegen- -leider - heute in Palästina nicht so, daß die soeben entwickelten Grundsätze für die Re- - gelung der Verhältnisse der arabischen und jüdischen Natta-nMäten ohne weiteres Anwendung - findenkönnten«- Weder ist die intellektuelle und politische Bildung der Iuden und Araber fortgeschritten genug, noch - ist sie heute gleichwertig. Hierzu kommt, daß - die beiden- BovöAerungsteile in der Hauptsache nicht territv-rial abgegrenztvon^ einander .wohnen. Juden.und Araber wohnen vielmehr aus dem gleichen Terriwrium. untereinander und im se-lben Berwaliungskreis, was von vornehevein nicht -eine terä ritoriale, sondern sachliche und personelle Mus-' scheidug der Verwaltung und ein ganzes'System klarer Kollisionsnormen bedingt. Der grundlegende UiMschred jedoch, der die Uobertragustg der schweinischen Regelung jetzt und in her nächsten. Zubunft auf die paläfttneusischenj Verhältnisse .ummöglich macht, ist der Mangel an wom. sMger Achtung, gegenfeftigM WpständM Md WHP'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.