Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2002 (11.9.1924)
- Date
- 1924-09-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Es läßt sich heute noch nicht genau sagen, inwieweit den Wünschen der österreichischen Regierung entsprochen werden wird, doch erklärten Mitglieder des Finanzkomitees, daß eine Einigung mit der österreichischen Regierung bezüglich ^'der Erhöhung des Ausgabenbndgets und der V e r w e n d u n g d e r K re d rt re st e für wirtschaftliche und kulturelle Zwecke Aussicht auf Verwirklichung habe, da das Finanzkomitee vom besten Willen beseelt sei, Oesterreich entgegenzukommen und auch kein anderes Interesse, habe, als die Wahrung der Interessen Oesterreichs und der Anleihezeichner. Eine Aushebung der Finanzkontrolle über Oesterreich mit dem Ende des Jahres 1924 sei allerdings nicht wahrscheinlich, da weder die wirtschaftliche Lage »och die Zahlungsbilanz Oesterreichs einen Rückfall in die Defizitwirtschaft als ansgefchlossen erscheinen lassen. Las Geheimnis von Genf. ■r Verstimmung bei den Sozialdemokraten. Die ystsrvorchische: VMeribMddelegatiwn hat sich vor ihrer Abreise nach Genf Wer die Ziffern des Bnndesvoranlschlages für 1926, die sie sich vom Völkerbund sanktiomeren lassen wird, grüMich — ausgetschwiegen. Das machte die Sozialdemokraten stutzig und sie verlangten die Einberufung des Hauptausschusses. Man willfahrte ihrer Forderung, aber die ihnen gestern dort zuteil gewordene Aufklärung fiel sehr mager aus. Darüber sind sie nun höchlichst erbost und ließen sofort durch Dr. Bauer eMäven, daß sie sich an die jetzt w Genf zu treffenden Vereinbarungen sticht gebunden erachten. Der Vizekanzler Frank teilte dem Hauptausschuß nur mit, daß nach einer eben aus Gen f eingeilangten Depesche vormittags im Finanzkomitee des Völkerbundes die Verhandlungen über die österreichische Frage begonnen haben. Der Vizekanzler verwies daraus, daß die Verhandlungen in Wien, auch deshalb zu keinem Abschlüsse gelangen konnten, weil nicht sämtliche Mitglieder des Finanzkcmütees hier anwesend waren. In Wien habe es sich in erster Linie um eine Expertise gehandelt; die Verhandlungen selbst seien über das einleitende Stadium nicht hinausgelangt. Im Verlause der Debatte wurden folgende Anträge gestellt: Ein Antrag Danneberg: Die Regierung wird ausige-f,ordert, dom HauPtauslschuß nnveyKg,lich alle Materialien v o r z u l e g e n, welche der Finanzminister der Völkerbunddelegation übergeben hat. Ferner ein Antrag Ding Hofer: Der Hauptausschuß nimmt die Ausführungen des Vizekanzlers zur Kenntnis und fordert die Regierung aus, nach Beendigung der Verhandlungen iir Genf hierüber sofort dem Hauptausschnsse neuerlich Bericht zu erstatten. Vizekanzler Dr. Frank le-gte dem H-auPtausschusse zwei Zusammenstellungen, ,Mgabenwesen und Haushalte der Länder, Bezirke und Gemeinden" und „Post, Telegraph und Fernsprecher 1918 bis 1924" vor und sprach sich im übrigen gegen den Antrag Dauneberg aus. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Danneberg a b g e l e h n t. Bezüglich des Antrages Dinghoser verlangte Abg. Dr. Danneberg getrennte Mstimmuuig. Der erste Teil des Antrages Dinghofer: „Der Hauptausschuß nimmt die Ausführungen des Vizekanzlers Mw Kenntnis", wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der restliche Teil des Antrages Dinighoser e i n st i m m i g angenommen. Nach der Abstimmung gab Abg. Dr. Bauer namens seiner Partei folgende Erklärung ab: „Das ganze Ver- Mteit der Regierung in den Behandlungen mit der Finanzkowmission des Völkerbundes gibt zu größtem Mißtrauen Anlaß. Die Regierung har das Versprechen, das sie der Opposition gegeben hätte, noch im Verlause der Verhandlungen mit der Nnauzkolmmiifsion des Völkerbundes dem Hauiptausschuß Bericht zu erstatten, nicht gehalten. Die Regierung hat es auch in dieser Sitzung abgelehnt, dem Hauptausschuß die dNaterialien zur Kenntnis zu bringen, die sie , der Finanzkommdssion des Völkerbundes vorgelegt hat. Dieses Verhalten der Re-i gieruug macht es ossenbar, daß es in diesen Verhandlungen Gegenstände gibt, die die Regierung der Volksvertretung, ja selbst dem vertraulich tagenden HauPtauslschuß der Volksvertretung verhe iml ichen 'will. Da die Mehrheit >des Hauptausschusses den' Antmg Dauneberg abgelehnt" hat, bleibt uns nichts anderes Wvig, als. zu.erklären: Wir erheben den schärssten Protest dagegen, daß Ue Regierung ihre verfassungsmäßige Pflicht der Be- (Nadiodienst der „Wiener Morgenzeitung") London. 10. September. D e v t l e n s ch 1 u b k u r < e: Wien 315.500, Prag 148,75, Nelv-Pork 4,44,25 Paris 84.37,5, BMel 89,81, Nom 101,72, Zürich 28,70, Madrid 38,84, Amsterdam 11.61,25, Kopenhagen 26,22,5, Cbristiania 32,85, Stockholm 16,705, Helsingfors 177,5, Berlin 18,65, Athen 24,95, Bukarest 845. O e st e r r e i ch i s ch e A n leibe 92.50. tschechische 102.—, Nrager 90,50, Skoda 91,95, Bodenkredit 810, Central mining 107/„, DiamondS 17,9, Debeers 11,50, Royal Dutch 29,25, Shell 37«. Parts, 10. September. (Radio.) Effektenschlnszkurse: Banque de France —, Pragobanka 398,r-, Credit Lyonais 16,49, Suez 14,365, Platine 813, Dabröwa 662, Banque Ottomane 800, Central Mining 910, Rio Tinto'28.30, Le Ravbte russe 382, Succeried Egypte 998, CautschoneS sin 141, Chartered 47,25, DebeerS ordin. 968,—, GoldsieldS 82,60, DnanchakaS 315,—, Jägers Fon'tain 244.—, Malacea ordin. 143,—, Maltzoff 438,—, Mexkcan Eagle 76.50, Padanq 357,—, Rand Fontain 78,50, Randmine 237,—, Silva plana 150,—. Tanganyika 188.50, Tubtce foic 600 Utah Cevper 1498. Shell 329,-, Royal Dntch 24,600. Bnrmah Bakou 26,65. Paris, 10. September. Die Haltung der Börse hat sich heute noch verschlechtert, so daß sic ein ziemlich schlechtes Bild bot. Die Ursachen dieser Verschlechterung sind seit einigen Tagen die umlaufenden Gerüchte über die geplanten neuen französischen Steuern. Die Börse hat bei ziemlich mattem Geschäft eröffnet, sich dann etwas erholt, um jedoch ebenso flau wieder zu schließen. Bemerkenswert ist die Haltung des belgischen Franken, der mit 94,16 schloß. Namentlich die Industriewerte zeigten sich wenig widerstandsfähig, besonders chemische Werte waren aus der ganzen Front schwach. Bei Mmenwerten überstieg ebenfalls das Angebot die Nachfrage, doch zeigten sich französische Kohlenwerte ziemlich widerstandsfähig. Petroleum- und Zuckerpapiere haben die Tendenz der Schwäche mitaemacht. Russische Werte waren im allgemeinen gehalten, während russische Industriswerte nachgaben. Ottomamfche Werte waren ebenfalls im Rückgang. Im Schranken bot die Börse ungefähr das gleiche Bild. Träger Geschäftsgang bei allgemein schwacher Tendenz ist das Charakteristikum des Schrankerigeschästes. Wechselkurse: London 83.90, Neiw-Aork 18,17. Belgien 94,07, Holland 724, Schweiz 354, Italien 82,20, Wien 26,25, Prag 56,50, Bukarest 10,05. Aew-Vork;, 10. September. fNadio.i D e vis eul cb lu ßkurse: Tagaeld 2 bis 2V4, Wechsel auf London 4.44, 60-Taqetvechsel 4.41,25. Paris 5,27% Amsterdam 33,23, Prag 2.98'/,, Berlin 237/8, Silber 69. Aew-Bork, 10. September. Effektenbörse Atchinson 104,50, Baltimore 67/8, Canadian Pacific 147, Cbeasepeacke 85'/,. Eari 28, Greath Northern 65, Milwaukee 13, Northern Pacific 65,75. Union Pacific 140,25. United Steels 107.50, Royal Dutch 42*/«, Southern Pacific 93V«. richtevstattung vor dem Hauiptausschuß nicht erfüllt. Wir erklären, daß wir infolge dieser Geheimdiplomcitie der Negierung den Verhandlungen in Genf mit dem schärfsten Mißtrauen aegenüberstchen, daß wir - uns an hinter dein Rücken des Parlaments getroffene Abmachungen, die die Interesseudes österreichischen Volkes übechaupt oder die Rechte der Glied staaien des B u n des beeinträchtigen, nichtgebunden fühlau und solche Mmachuugen nichtals vollzogene Ta tsachen, denen sich das Parlament unterwerstn wüßte, anerkennen werden." 8kn internatimaker Verband der Arbeiteinvatide». Genf, 19. September. (Schwe'zerisHe Depeschen- Agentur.) Vertreter des deutschen, belgischen und französischen ZentvalvcrbaNdes A r b e i t s i n v al i d e r sind in Genf zu einer Konferenz zusammengetreten und haben beschlossen, ein provisorisches Komitee zu bilden, das mit der Begründung eines internationalen Verbandes der Ä r b e i t s i n v a l i d e n betraut werden solle. Die organisierten Arbeitsinvaliden richten an die Arbeitsinvaliden aller Länder die Aufforderung, im Verein nrit den nationalen Gewerkschaften sich international zusammenschließen, n>m ein gemeinsames Programm der an die Staatsbehörden zu richtenden Forderungen arrfz-rrstellen. Andererseits sind die Vertreter der Arbeitsinvaliden auch an das internationale Arbeitsamt mit der Forderung herangetreten, ans der nächsten Arbeit'skonserenz einen Entwurf für eine internationale K o n"v e n t i o n auszuarbeiten, die allen Staaten die Pflicht anferlege, den A r b e i t § i n v a l id e n Entschädigungen auszuzahlen, die mit den Kosten der Lebenshaltung in Uebereinstimninng stehen. Sie Eiulssimi drr Krkmmikihe in der Tschrcho-Zlowakri. Opposition der deutschen Abgeordneten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Prag, 10. September. In der heutigen Sitzung des Parlaments wurde der Gesetzentwurf, den die Regierung über die Einlösung der Kriegsanleihe einHebracht hatte, verhandelt. Vier deutsche Redner aller Parteien sprachen sich gegen die Vorlage aus. Es ist kaum wahrscheinlich, daß morgen, wo über die. Verhandlungen abgestimmt werden soll, noch grundlegende Verbesserungen im. Gesetzentwurf durchzuführen sein werden. Immerhin wurde so viel erreicht, daß, wie man mit Wahrscheinlich-, feit annehmen darf, die Unverlosbarkeit der Zprozentigen Ersatzpapiere aufgehoben werden wird, so daß diese Ersatzpapiere dann verlest würden und daß die Kriegsanleihe mit 30Prozeut und nicht, wie imEutwurs borge sehen, nur Mit 30 Prozent bei der B-erechnnng der Vermögensabgabe berechnet werden soll. Eiwz Kaukasim im Kampf gege« Sowjet« rublaad. fEkgendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Konstantinopel, 10. September. Die letzten auS Georgien eingetrosfenen Informationen berichten von hartnäckigen Kämpfen gegen die Sowjettruppen in A s e r b e i d s ch a n, D a g h e st a n und Kuhän. Danach sollen die Aufständischen die transkaukasische Bahnlinie besetzt haben. In ganz Kaukasien sei der Krieg ansgerufen worden. Verstärkungen der Roten Armee treffen in Panzerzügen ein. In Ba tu m und Tiflis seien zahlreiche Hinrichtungen vollzogen worden. Der Regierungspräsident von Georgien hat an die französische und englische Regierung folgendes Schreiben gerichtet: „Das Volk von Georgien hat unter dem dreijährigen beständigen Druck der Sowjets die Waffen ergreifen müssen, um seine Unabhängigkeit und nationale Freibeit zu verteidigen. .Im ganzen Lande finden zwischen dsr Bevölkerung und den Sowfettrnppen Kämpfe statt. Im Namen des unterdrückten Georgien bitten wir Sie, bei der «Regierung von Moskau vorstellig zu werden, daß das Blutvergießen eingestellt und daß der Konflikt auf friedlichem Wege und durch das Schiodsgerichtssystenr beigelegt wird." Die Delegation der georgischen Regierung teilte ferner mit, daß Tausende von Greisen und Kindern von den S'owjettruppe n sortgesch sepPt werden und daß die Zustände tragisch seien. London, 10. September. Nach Blättermeldungen aus Honkong, habe Sunhatsen ein Manifest erlassen, worin er sich offen für den Bolschewismus erkläre und die russische Revolution als Beispiel für jene Chinesen empfehle, die ihr Land vom fremdem Einfluß befreien wollen. Brer Kriegsschiffe «nie» dem Hammer. Aus den Beständen der Wrangel-Armee. Paris, 10. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitunig".) Heute nachmittags kommen vn M a r s e i l l e v i e r russische Kriegsschiffe, die der Armee W r a n g 11' angchört h^'m, zur Versteigerung. Die Sowjetregierung hatte vergeblich gegen diesen Verkauf von russischem Staatseigentum zugunsten französischer Interessen protestrevt. Lderhattsen wird geräumt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Oberhausen, 10. September. Seit dem gestrigen Tage > beginnen die französischen Truppen mit dem Abtransport von Material und Ausrüstungsgegenstanden. Wie der Konrmandant der Besatzungstruppen der Stadtverwaltung mitteilte, wird der Abzug der Truppen am 10. Septemb-"' beendet sein. Sie Arbeitslosigkeit in kn'riand. London, 9. Ssptencker. Die Zahl der Arbeitslosen betrug am 1. Schtsnrlber 1,162.700, d. h. um 13.62' mehr als üm August, alber um 122.923 wertiger als ar 31. Dezember 1923. Horthys Morderastzl. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 10. September. Nach einer Blätternleldung hat die Polizei sestgeftellt, -daß sich der angebliche Heinrich Schneid e r,. der Erzberger-Mörder Till e s s e n, nachdem er aus der Villa des Abgeordneten Gömbös / in Nagytetenh verschwunden tva-r, längere Zeit in einer P riva tw o hn u ng in B u dapest versteckt gehalten hat. Die Polizei soll Schneider bereits aus der Spur sein. Sie KekttWernng der LauerBahn. Die Kärntner Landesregierung hat an das Bundeskanzleramt, au das Finanz-- nrrd Handelsministerium, an die Geueräldirektion der Bundesbahnen, an das Etektrifizierungsamt, an das Wasserkraft- und Esektrizitä^swirt-- schastsamt sowie an Dr. Zimmerman ein Schreiben gerichtet, worin die Dringlichkeit des uugesäi'niten Ausbaues des Mallnitzer Kraftwerkes betont und das driugende Ersuchen gestellt lim'V die Völkerbundkomnrissian von der Notwendigkeit dieses Ausbaues zu unterrichten und hierfür a n s r e i ch ende. M i t t c I aus dem V ö l k e r b u n d k r e d i t e" in Anspruch zu nehmen. Die Bauarbmten beim M a l l u i tz e r Werk, das den Strom für die Elektrifizierung der Tauernbahrr liefern soll, wurden nämlich in der.letzten Zeit wegen Geldman-wts eingestellt. In Kärnten befürchtet man nun, daß mit einer Vollendung des Merkes in absehbarer Zeit überhaupt nicht zu rechnen sei, da der Bund nicht über die zur Fortführung des Baues notwendigen Mittol frei verfügen kann.; „Wiener Morgenzeitung"; i