Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2001 (10.9.1924)
- Date
- 1924-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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UTERATÜRBEILÄGE DER .WIENER MORGENZEITUNG* Nummer 26 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 10. 1924 ADMINISTRATION: „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN. II., TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE I Aus der guten alten Zeit •Wenn nach einem bekannten und viel zitierten Dichterwort das beste an der Geschichte der Enthusiasmus. ist, welchen sie erregt, Iso ist vielleicht das Lehrreichste an ihr die aus ihrem Studium zu gewinnende Einsicht von der steten Wiederkehr des Gleichen, die sich auch im Rahmen der großen Historie vollzieht. Die politische Geschichte, die Geschichte des Kampfes zwischen Herrschern und Beherrschten, weist eine lange Kette von nachträglich gebrochenen oder weginterpretierten Zusagen auf. Nach Tische las man’s immer noch anders. Keine schablonenhafte Anwendung ' der materialistischen Geschichtsauffassung allein vermag die Möglichkeit des fünfjährigen Völkerringens restlos zu erklären, man muß vielmehr auch die psychologischen Vorbedingungen mit ins Kalkül ziehen. Durch fast ein Jahrhundert wurden die Völker Europas militaristischem Drill unterworfen, das!19. Jahrhundert ist ein Kampf um die Frage, ob Bürger oder Untertan, und die Wurzeln der Psychose, welche Millionen zu willenlosen Schafen machte, reicht gut auf ein Jahrhundert zurück. Die Tragik unserer Zeit — der Widerspruch zwischen dem versprochenen und dem tatsächlich gewordenen Frieden — findet sein Widerspiel in der Zeit nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon, in welcher die düpierten Völker durch den Geist, des reaktionären Legitimismus um alle Zusagen ,von Freiheit und Verfassung geprellt wurden. Der Berliner Literarhistoriker H. H. Houben, einer der gründlichsten Kenner der literarischen und' geistigen Strömungen zur Zeit jener Rea'ktionseppche, entwirft in einem überaus anziehenden und fesselnd geschriebenen .Buche, welches die ihm zugrunde-, liegende Gelehrsamkeit gar nicht merken lassen will - .(H. H. Houben „Der gefesselte Biedermeier", Literatur, Kultur, Zensur in ddr guten alten Zeit, 1924, H. Ha es sei -Verlag, Leipzig), ein plastisches Bild der Zeit, >da unter der Aegide Metternichs und seinesgleichen der Zensor über Jeden Versuch einer freieren geistigen Regung seine Knute schwang, Houbens Büch wirkt spannend wie ein Roman und belehrend im besten Sinne. Aus kleinen mosaikartigen Bildern, , die sich wieder zu größeren Kapiteln zusammenschließen, hat Houben seine Darstellung zusammengesetzt und so ein Gesamtbild von großer Lebendigkeit geschaffen. Das Volk stand auf.— betitelt sich das erste Kapitel, in welchem der Auf-'!takt zu der allgemeinen geistigen Drosselung in den deutschen Landen, der Kampf gegen die Geheimbiinde, die in Preussens Kampf gegen Napoleon eine, solche Rolle gespielt hatten, die Unterdrückung von Gör res’ literarisch-politischer Schriftstellern und :die große Enttäuschung durch den Wiener Kongreß treffend geschildert wird, der statt der erwarteten freien deutschen .Einheit das ganze Send der einzeln staatlichen Reaktion etablierte. Ger Knebel wild immer fester gezogen und alsbald steht Konfiskation, Zensur und die Verfolgung jedes freien Wortes "in .vollem Schwange. Der Kampf gegen Börne und gegen Arndt, dieser mit einer großen Blamage der Unterdrücker endend, das Verfahren gegen G ö r r e s, der sich der •preußischen Verfolgung, durch die Flucht •nach Frankreich, .entzieht, wo der Mann, der Napoleon auf Tod und Leben bekämpft hatte, mit besonderer Genugtuung unter den Schutz des Völkerrechts gestellt wird, sind hier besonders charakteristische Ausschnitte. Das zweite Kapitel ist dem Metternich sehen .Oesterreich 'gewidmet, wo Gen tz immer schärfer seine Fuchtel schwingt. Die neue österreichische Zensurverfügung von 1810 gibt chm die bequeme Handhabe. Sie ist so abgefaßt, daß ’ gqmäß ihr alles verboten weiden kann; wohl will sis gelehrte Werk« „mit Nachsicht" behandeln, falls sie „mit, Würde.jlni Bescheidenheit upd mit Vermeidung aller eigentlichen und anzüglichen Personalitäten" abgefäßt sind, aber umsomehr wird, alle sogenannte Volkslifer atur der ganzen Strenge der Zehsur empfohlen. Hieher gehören auch die Klassiker, die zwar nicht mit der „ganzen Strenge", aber auch nicht mit der für gelehrte Werke gebührenden „Nachsicht“ zu behandeln sind; umsoweniger, als sie das wahre Wohl der.E!nze 1nenöder des Ganzen zu fördern nicht geeignet sin d". So wird die Zensur zur geheimen Feme, in freieren Ländern etwas ohne heimi-, sehe Zensurbewilligung drucken zu lassen, ist strengstens verboten und das Oeffnen der Briefe ist allgemein amtliche Uebung. Auf dem Wiener. Kongreß hatte Oesterreich einer zweideutigen Fassung in bezug auf „landständische Verfassungen" zugestimmt und Goethes Weimarer Großherzog hatte damit ernst zu machen begonnen; aber seit 1817 tilgte über kaiserlichen Befehl der österreichische Zensor überall das Wort Staats Verfassung, und das Wort ..K o n s t i t u t i o n" wollte Kaiser Franz so wenig hören, daß er sogar seinem Leibarzt von körperlicher Konstitution zu sprechen verbot. Die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse erheben , nun dieses System in deutschen Landen zum Dauerzustand. verlangen Sie von HELLER (BUKUM1 I. Bauernmarkt kostenlos! Sehr ergötzlich liest sich eine „Kulturgroteske aus Altösterreich“, in-deren Mittelpunkt der Grazer Geschichtsprofesso: Schneller steht, welcher eine josephinisch angehauchte Staatengeschichte Oesterreichs verfaßt hatte, die ihm die Zensur auf den Hals hetzte, welche ihn zunächst zu manchen Aenderungen zwang. Ein kleines Drama bildet den . Kampf um den bis in die Gegenwart hinemreichenden Schlußband. Schneller gelingt es, das stark zensurierte Manuskript herauszubekommen, er reicht es-'geändert zur. hochmaligen Kontrolle ein und wartet Monat auf Monat auf .Druckerlaubnis, statt dessen kommt endlich - das unbedingte Verbot. Eine Bittschrift Schnellers folgt, zum dritten Mal wandert das Manuskript nach Wien, alle möglichen Fürbitter werden mobil gemacht, doch alles vergebens. Schneller ist bereit, der gefährlichen Geschichte Ade zu sagen und 'bewirbt sich,um" einen Lehrstuhl der Aesthetik in Wien. Inzwischen hat er den ersten Band seiner Geschichte völlig, umgearbeitet, aber der Druck wird ihm verboten. Der Kampf um das Manuskript des Schlußbandes geht inzwischen weiter. Dine Bittschrift um Rückgabe folgt. Schneller selbst läuft sich die Füße ab. Endlich nach Jahr und Tag hat Schneller sein Manuskript'mit dem Druckverbot und aus seiner Bewerbung um die Professur ist nichts geworden. Er verläßt Oesterreich',' nimmt eine Professur in Freiburg an und läßt in Württemberg unter dem Schutze größerer Preßfreiheit sein Werk mit sämtlichen Bem erkunden und Randglossen der Zensorb.n äbdrucken, wodurch er das gesamte System des Mettemichismus heillos bloßgestellt hat. So . ist dieses Werk eine wahre Fundgrube zur Erkenntnis des Vormärz geworden. . Eine Fülle köstlicher Anekdoten aus der politischen und literarischen Geschichte des Vormärz weisen die folgenden Kapiteh des Houbeiischen Werkes auf, Strich um Strich fügt sich das Bild eines geschlossenen Systems niit allen seinen Kleinlichkeiten und Lächerlichkeiten, die alle aus einem beherrschenden Gesichtspunkte entspringen. Es ist ein bezwingendes Gemälde des Biedermeier, das!sich liier vor den Augen des Lesers entrollt. So ist Houbens Werk der weitesten Beachtung zu empfehlen. * — r. — d. , ,das‘modebuch Ein Roman der irdischen Liebe Ein großer Teil der modernen französischen Literatur wird als unfranzösisch bekämpft. Gi<fe, Claudel, Suäres, Riviere, Romains, heißt es, haben sich erhoben gegen den Geist der Heimat, gegen die Anmut, das Vergnügen, die Sonne, die Feste, das Lachen, die lebendige Sprache, den französischen Geschmack, den guten Wein, die hübschen Frauen. Paul G e r a 1 d y hat sich solchen' Fehler nicht zuschulden kommen lassen. In seinem Roman |;H eene“ (erschienen im Verlag Paul Zsolnay, Wien) setzt er die Tradition der französischen leiterkeit und Sinnenfreiheit fort, die wir an den meisten Franzosen der älteren Epoche so geliebt i laben und vertieft sie durch eine Sentimentalität, die seit Romain Rolland wieder zu Ehren gekommen ist. Das Gegenwärtige ist es, das genossen, in vollen Zügen genossen wird, als Vorbereitung für ein noch innigeres Später, für die Reife der Liebe, die über ein süßes Abenteuer hinaus zur Erfüllung, zur Heimat der Seele führt. Und mitten im Erlebnis der Sinne ein Aufsaugen der Natur, ein Schwelgen , in Farbe und Dqft, eine Harmonie der Landschaft und der Seele, niemals über den Rahmen der Natur gespannt, eine wundervolle Mischung Von Gemüt und Animalität, die zeitweise an J. P. Jacobsen erinnert und ihn vielleicht kopieren würde, wäre nicht eine gute Dosis von Skepsis, von Bürgerlichkeit, von Lebendigsein, elan vital, vorhanden. „Der Tag barst vor Licht." Oder: „Der Himmel, das Wasser, die blühende Terasse, alles glühte in . den Farben des Lebens, die atmend ineinanderflossen*“' Die irdische Liebe rollt rythmisch ab, das Leben ist Trumpf, Heinrich, der Held, landet nach seinem Abenteuer im „Heim", fühlend, daß der mensdi- ■< liehe Gdist der Gipfel der Natur ist. Der Ausklang .des Romans bezeugt den hohen Wert der Hurnäm* tat,' Geraldy kündigt eine Kultur des Erlebens, das uns alle „trägt,, drängt, beflügelt“. Dr kündigt die Wiedergeburt von Gefühlen an, die über die Litera-. tur hinausgehen. Raoul Auernheimers Uebertragung . folgt zielsicher, anmutig dem StiF des Originals. Der Ausdruck ist gebändigt, die Linie des Ganzen nirgends verwischt, alle Schwebungen erscheinen charakteristisch wieder. „Helene“ ist als Rohjan nicht der Spiegel einer Epoche, aber der Niederschlag eines dichterischen Geistes, der mehr sein soll als französisch begrenzt. Aus ihm spricht die Seele des Wieder zu sich gefundenen Europa. Oskar Rösenfeld. VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Religionsgeschichte Wenn der praktische Nutzen den; Maßstab für deA Rang einer Wissenschaft abgeben darf,dann.zählt die allge- ‘ meine und vergleichende Religionsgeschichte bei aller Idealität ihrer Materie zu den Wissenschaften, denen ein Platz hoch oben auf der Rangstufe zukonimt. Und dies nicht so sehr wegen ihrer durch die Verbindung der naturwissenschaftlich-deskriptiven mit der historischen Methode bedingten Exaktheit, sondern weit mehr w.egen der so überaus wichtigen Aufschlüsse über den Menschen .. und sein Wesen, die säe uns bietet. Die Religionsgeschichte ist die lauterste und vollkommenste Bestätigung der auf dem ersten Blatte der Bibel niedergelegten Offenbarung, daß die gesamte Menschheit eine einzige, auf einen gemeinsamen! Ursprung zurückgehende, geistig konforme Spezies ist. . Denn auf keinem Gebiete der Menschenkunde zeigt sich so; das allen Menschen Gemeinsame als in .der Gestaltung Her religiösen Ideen und Vorstellungen.-Die ReUgionsgesclnc^te erweist die „Tatsache der i n n e r en Ein h e i t aller Menschheitskultur“. Und selbst der Umstand, daß sie immer noch mehr oder minder offen, vielleicht auch .nur : mehr oder minder bewußt apologetisch ' orientiert ist —r geht doch selbst die Objektivität eines Forschers wie Alfred Jeremias*) nur so .weit, zusagefi'::'„Der christliche Religionsforscher darf nur seine Religion mit auf den Weit ' nehmen, wenn er die Welt der Religionen forschend durchwandert, nicht aber seine Theologie“, nicht aber auch [so weit, um die Behauptung zu unterlassen: „In der 'höheren Schicht jeder Religion finden sich religiöse Vorstufen zum Christentum als der absoluten Religion“ —• tut ihrem kenntniswerte "nur geringen Abbruch. Kömmt es doch nachgerade zu einer reinlichen Scheidung zwischen den von . *) D. Dr. Alfred Jeremias, Pfarrer und'Professor der Theologie zu Leipzig. „Allgemeine Religions- Geschachte“. Zweite, verbesserte Auflage. .Verlag R. Piper u. Co.. 259 S„ München 1924. DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Braumüller & Sohn Wien, I. Graben 21 Dedcs ifoabw fleiro bat Ribo1a*$äcbeF BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN, I. ROTENTURMSTRASSEu22 JL