Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1999 (7.9.1924)
- Date
- 1924-09-07
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite i® _rv~ Wien. Somilag Wiener Morgenzeltung. 7. SepkemVer 1924 Nr. 1999 B»ucknrr-.Huldiguttg der Wiener Philharmoniker Wie wir erfahren, werden die Wiener Philharmoniker im Spätherbst dieses Jahres in L i n z unter der Seitmrfl des Direktors Schalk einen Konzert abend veranstalten, an welchem ausschließlich Kompositionen von Antvn Bruckner zur Aufführung kommen. Das Wiener Ztr-lchquartett r.Koliich, Rcthschild. Dick, Stutschenzky) wurde rür zwer Konzene des Tbeater- und Musikfestes (2. und 7. Oktobers für die frankfurter Schönberg-Feier wck für einige moderne Avon de rer hiesigen Internationalen Geselli'chatt für neu? Musik vervslichtet. «ne deutsche Kunstausstellung in Moskau. Eine bemerkenswerte Ausstellung deutscher Kunst wird am 15. Oktober in Moskau eröffnet. Die Ausstellung wird ungefähr 800 Arbeiten von deutschen Künstlern aller Richtungen enthalten und einen Ueberblick über das g e s a m t e deutsche Kun st sch affen seit Ausbruch des Krieges geben. Eine besondere Abteilung ist der sozialen Kunst gewidmet. Sie,soll alle Künstler von D i x und Groß über Zille und die Käthe K o l l w i tz bis zu B a l u s ch e k umfassen. Chesterton, der Alleskönner. G. K. Chesterton, der Autor, Journalist und Kritiker, betrat vor einigen Tagen als Schauspieler die Bühne, über die er bisher nur als Beurteiler zu Gericht gesessen war, und spielte die Rolle des Königs Baluda in „St. Banglia, die Hexe von Fleetstreet", einem Stück, das von Journalisten gemacht und gespiel-t wurde und von Journalisten handelt. Zur Vorstellung, die im Dury-Lcme- Deater stattfand, wurden nur Journalisten zugelassen. Eyesterson fand sich in seiner neuen Rolle sehr gut zurecht und seine Bernfsgenossen waren über die Bosheiten. die er ihnen zudachte, gar'nicht ärgerlich, sondern quittierten sie mit reichem Beifall. ' __ Gerichtssaal. > 80.000 geschiedene Gattinnen in Delogierung»- gefallt.' ,/Der Zweck einer Ehescheidung ist, daß d i e. G a t t e n, d i e auseinander gehen, nicht beisammen wohnen." Mit diesem in der Praxis derzeit allerdings undurchführbaren Grundsätze hat das Bezirksgericht Josefftadt eine Unverständlich" geschiedene Gattin zur Räumung der ehelichen Wohnung verurteilt. Die Sache gelangte gestern in zweiter Instanz vor das Zivillandesgericht. Der Maschinenmeister Bernhard F. klagte seine geschiedene Gattin auf Räumung der Wohnung, in der sie nach der Scheidung zu wohnen nicht mehr berechtigt sei. Gemäß dem bei der Scheidung vor dem Landesgerichte geschlossenen Vergleich hatte der Gatte 20 Prozent seiner jeweiligen Bezüge seiner Gattin als Mimente zu bezahlen, die sich auf 25 Prozent erhöhen, wenn die Gattin die gemeinschaftliche Wohnung verläßt. Die Metrechte des Gatten bezüglich der Wohnung werden durch den Vergleich in keiner Weise berührt. Das Bezirksgericht Josefftadt vernrieilt e die geschiedene Gattin zur Räumung der Wohnung und hob in der Begründung hervor: ,I>er Zweck einer Ehescheidung ist der, daß die Gatten auseinandergehen, nicht beisammen wohnen." Bei der gestrigen BerufungsverhaMung vor dem Zivillondesgerichte machte der Berufungsvertreier gellend, eine geschiedene Frau dürfe deshalb, weil sie geschieden ist, nicht einfach ans der Wohnung hinausgeworfen werden.^ Würde das Urteil des Bezirksgerichtes bestättgt, so wären 50.000 geschiedene Frauen in Wien in Delogierungs- und Obdachlosigkeitsgefahr, sie" kömtten ohneweiters aus der Wohnung hinausgeworfen werden. Aber auch dem Standpunkte des Erstrichters, daß die Scheidung zwecklos wäre, wenn die geschiedenen Ehegatten zum Leben nebeneinander verurteilt wären, könne nicht beigepflichtet werden, denn das Eherecht hebt das Mietengesetz nicht auf. Der Gerichtshof beschloß die Anberaumung einer nochmaligen Verhandlung> vor dem Berufungsgericht, um durch Einvernehmung des Richters, Oberlandesgerichtsrates Dr. Herbst, der bei dem Abschlüsse des emverständlichen Ehescheidungsvertrages intervenierte, den Willen : der Parteien zu erforschen. Das Ehebett des geschiedenen Gatten. Der in Ottakring wohnende Schneidermeister Wenzel M. hatte sich gestern vor dem Bezirksgerichte Fünfhaus wege.n Mißhandlung seiner , Gattin zn verantworten. Die Gatten sind von einander g e- - schieden, allem Frau M. mußte wegen der tristen Wobnungsverhältniffe bei ihrem Gatten blnben. Trotz der Scheidung hat sich an dem ehelichen Verhältnis wenig' geändert; es blieb alles beim alten. . . Als M. eines Tages 'nach Hause kam, fand er eine große Veränderung vor, sein Bett, das bis nun beim Fenster seinen Platz hatte, war von dort verschwunden, es war in einer versteckten Ecke ausgestellt worden. Darüber gab es ^großen Streit; der Gatte legte das Bett auseinander und wollte es auf seiner alten Stelle wieder ausrichten. Die Gattin suchte dies zn verhindern. Im Der-, laufe des Streites wurde der Mann handgreiflich; er versetzte ihr — so heißt es in der Anzeige — Schläge, mit der Hand als, auch mit einem harten Gegenstand, so daß sie „6 Kronen große Verletzungen" erlitt, blutunterlaufene, schmerzhafte Stellen. Bei der Verhandlung wegen dieses „Kampfes um das Bett" erklärte der Angeklagte, daß seine Gattin, von der er geschieden sei und die er nur bei sich bis vor einigen Tagen wohnen ließ, weil sie sonst keinen Unterstand gefunden hätte, Sein Recht hatte, in seiner Wohnung Verschiebungen mit den Möbelstücken vorzunehmen, ohne seine Einwilligung und Zustimmung einzuholen. Ms sie ihn hindern wollte, das Bett an seiner alten Stelle -.ufzustellen,'* sei sie gefallen und habe sich selbst verletzt. Ds Richter fragt die Anzeigerin, ob sie ausfagen oder sich :;cr Aussage entschlagen wolle. Sie erklärt, sich der Aussage entschlagen zu wollen. Der Richter verkündete hierauf )en - Freispruch des Angeklagten. Der Staatsanwalt meldete dagegen die Berufung an. „Sie riechen nach Schnaps!" Der Tischlergehilfe Rudolf M. wollte noch nach 3 Uhr früh in ein Kaffeehaus in der Märzstraße. Ern Wachmann, der sich gerade gelegentlich der Ueberwachung der Sperrstunde, vor dem Eingänge aufhielt, verwehrte ihm den Eingang mit der Bemerkung, die Sperrstunde sei bereits übettchritten, es dürfe niemand mehr hinein. M. war darüber ungehalten, ein Wort gab das andere, schließlich sagte der abgewiesene Gast zum Wachmann: „Sie riechen nach Schnaps, Sie haben Schnaps getrunken." Anzeige und Anklage wegen Wachebeleidrgung. Gestern hatte er sich vor dem Bezirksgericht zu verantworten. Er wurde im Sinne der .Anklage schuldig exfcamt und zu 30.000 K. Geldstrafe verurteilt. iMMirtMl ’i tffWMHlHill ii Hi ii ttialhtl \m Pillik i Alle Arten von Bankgeschäften »wmimm Kommandite der Kroatischen Eskomptebank. Agram . Wien, I. Seitzergatse 4 'ÄS* w^Xne Telephont 22-5-90 Serie umk Telegrammadresse! Frepobsnk Volkswirt. gndentam und Meffe. Von Dr. Michael Susian. Der wirtschaftliche Beobachter hat es längst bemerkt, daß eines der agilsten Elemente aller Messen die Inden sind. Es gibt keine Messe, wo nicht die Juden sich in hervorragendem Maße beteiligen würden. Es ist bekannt, daß zu den ersten und tüchtigsten Mitarbeitern der berühmten Leipziger Messe dre Juden gehören. Es ist auch ein offenes Gcheimnis, daß seinerzeit in Nischni-Nowgorod die Juden, welche Ost- und Westrußland miteinander verbanden, eines der wertvollsten Elemente dieser Messe waren. Auch in anderen Orten, wo sich Messen iw modernen Sinne abspielen, sind die Juden dasjenige Element, welches am tatkräftigsten, mitarbeitet und jederzeit nicht wenig zum Erfolg der Messen beiträgt. Ob es sich nun um die Lyoner Seiden- und die Königsbevger Ostmesse oder die Frankfurter, die Breslauer, die Lomberger und alle die anderen Messen handelt. Immer bilden den Stock der Besucher und der Aussteller Juden, die im Interesse der Messe tätig sind. Nicht anders ist es auch auf der Wiener Messe. Auch hier ist den Juden ein großes Betätigungsfeld gegeben. Eine große Zahl jüdischer Kaufleute kommt aus Polen und Rumänien, aus Süddeutfchland und Jugoslawien, ja selbst aus Bulgarin und der Türkei nach Wien. Es ist kein Zufall, daß gerade die Juden bei allen Messen in so hervorragendem Maße vertreten sind. Wenn man an Messen denkt, darf nran nicht nur die Messen im modernen Sinne im Auge haben, wo nur die vertretbaren Waren gehandelt werden, wo das Muster dem Kauflustigen vorgewiesen wird und auf Grund dessen die großen Bostellungen für die Zukunft gemacht werden. Die Messen haben sich aus ganz anderen Wurzeln entwickelt. Aus den großen Märkten der Vorzeit, als die Verkehrswege noch nicht ansgckAdet waren, als die Kaufgelegenhetten sich nicht so oft darboten, als noch nicht Bahnstränge die Verteilung der Produkte bis in die letzten menschlichen AnsiMu-ngen so leicht ermöglichten, zu jenen Zeiten, als die Messen nichts anderes waren als größere Saisonnvärikt-, da haben schon die Juden eine entscheidende Rolle gespielt. Historiker haben gefunden, daß die Messen in ihrer ursprünglichen Form schon bei den Babyloniern, Aegyptern und Phöniziern bekannt waren. Es wird sogar von zeitweiligen Messebesiuchen der Phönizier berichtet. Schon damalswaren die Juden auf diesen großen Märkten zu treffen Ms später im Mittelalter sich in der Levante einzelne Kaufplätze herausbWeten, wo die Produkte des euvopäischsn Gewerbes auf dem Seeweg noch dem Osten uüd die Produkte des Orients in den einzelnen Häfen der Levante nach dem Westen gehandelt wurden, als Venedig und Genua sich anschickten, die größten Marktzentren unter ihre Obhut zu bekommen, da haben auch Juden in großem Maßstäb mitgewirkt. An den Küsten Nordafrikas, ebenso wie an den italienischen, griechischen und klemasratöschen Hafenplätzen, wo periodenweise große Markte äbgchalten wurden, waren die Juden diejenigen, die die Produkte, die aus dem Westen kamen, gegen die östlichen Erzeugnisse austauschten. Als sich allmählich in der Rheingvgend die Manufaktur zu entwickeln begann, als die Rheinstädte Frankfurt, Mainz, Köln und Regensburg sich zu Handelszentren Westdeutschlands entwickelten und von Holland vheinauswärts die Produkte des holländischen Gewerbefleißes gebracht wurden und nachher die Donau abwärts durch Wien, Preßburg und einzelne ungarische Städte geführt wurden, waren wieder Juden diejenigen, die nicht nur in den Absatzgebieten ihre Niedevlassungm hatten und den Berkehr vermittelten, sondern auch diejenigen, welche die Absenkung der Produkte aus dem Ursprungsland wnvegten und angemessene Tauschoperationen durchführten. Sie taten dies zur selben Zeit, als mch die oberitalienischen Städte rege l*96| i Gr V üenlilcllte der Juden erhalten Sie als r* GRATISPRÄMIE der ‘Wiener Morgenzeitung: bei Aufgabe eines Jahresabonnements siehe Abonnementtarif Handelszentren wurden und ebenfalls den Austausch der Pro« dukte zwischen Frankreich und dem übrigen Westeuropa einerseits und dem asiatischen Hinterland andererseits besorgten. Es war ein primitiver Verkehr, der sich damals äbspielte. Das Geld bildete damals wohl schon den Maßstab des Tausches. Doch die Grundlage war der Wert der einzelnen Austau'ch- Produkte als solcher, wie es sich auf den Massemärkten nach dem Gesetz von Angebot urtb Nachfrage, beeinflußt durch die Schwierigkeiten des Exports vom Ursprungsland des Produktes nach dem Absatzgebiet, äbspielte. Als es sich schon damals als notwendig erwies, gewisse finanzielle Funktionen durchznführen, als sich der effektive Austausch manchmal nicht mehr leicht durchführbar erwies, als sich der Geldverkehr in seiner nackten Form herauszubilden begann und die Banken ihr Fundament bekamen, da waren es wieder die Inden, die in erster Reihe hier eingriffen und werktätig mithalfen. Die Bankeufuuktion war nicht als reine Funktion des Geldverkehrs, soudern mehr als Erleichterung zur Ermöglichung der rascheren Abwicklung des Messeverkehrs gedacht. Was sich bis zum siebzehnten Jahrhundert errtwickelt hat, hat sich im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert nur fortgebildet. Immer waren die Juden diejenigen, die hier fleißig mitgearbeitet haben. Es würde zu weit führen, wollte man eine genau detaillierte Darstellung des Verdienstes der Juden um die Entwicklung des Marktwesens der Welt bieten. Wohl aber darf bei allen'den Schöpfungen, welch? sich daraus entwickelt haben — und solche sind die heutigen Messen —, nicht vergessen werden, daß es die Juden waren, welche die ersten Grundsteine für diese Schöpfung gelegt haben. Wenn heute österreichischer Staat und Land, Regierung «u»d Publikum sich anstrengen, der Messe möglichst entgegenzukommen und die gesamte Volkswirtschaft Oesterreichs der Wiener Mesie einen großen' E folg wünscht, weil sie sich dadurch einen Impuls für die gesamte Volkswirtschaft Oesterreichs erhofft, ro darf man dabei nicht außer acht lassen, daß diejenigen, welche in erster Reihe zu diesem Erfolg der Messe beitragen und mit/ Helsen, gerade die Juden sind. Ne Lelvziner Herbstmesse 1824. Bo» unserem nach Leipzig entsendeten P.-Berichterstatter. Die diesjährige Leipziger Herbstmesse, die gestern - ch:« Pforten geschlossen hat, stand im Zeichen schwerster, wirtschaftlicher Sorgen. Wohl hat es den Anschein, als ob die in letzter ' Stunde noch erfolgte Annahme des Dawes-Gutachtens auch der Messe neue Impulse geben würde, allein trotz'bewunderungswürdiger Bewältigung der ungeheuren organisatorischen Aufgaben, die der Vorbereitung der Meffe dienten, w o l l t e ' i ch das eigentliche große „Messegeschäft" nicht einstellen. Aber es kann bei Betrachtung der Leipziger Messe nicht darauf ankommen, statistische Zählen über die Beteiligung von seiten der Industrie, der Besucher aus dem In- und Ausland und der in den einzelnen Branchen abgeschlossenen Geschäfte zu bieten. Das gigantische Werk der Leipziger Messe, das fast konkurrenzlos in der Welt dasteht, ist heute bereits ein so wichtiges Rad in dem Riesenuhrwerk der deutschen Wirtschaft, daß man sich 'eine Vovwärtsentwicklung der deutschen Industrie und'des deutschen Handels nicht denken könnte ohne die gewiffenhafte Kontrolle der Leipziger Messen. X Immer wieder muß.man, staunen über die bis ins kleinste Detail vorbereiteten Fortschritte, die die Leipziger Messe von Jkchr zu Jahr in ihrem Umfange macht. Die Metzhalle Markt ist vollständig verschwunden und hat dem ersten Untevgrund- Meßhaus Platz gemacht, das zur kommenden 'Frühjahrsmesse bereits aufnahmsfevtig bereitstehen wird. Die „Handelshochischu-le" fat Tabak und Raucherartikel arvfgenommen, das Konservatorium" wurde als Mustvmeßhaus neu adaptiert, dar Gvaffi-Museum beherbergt die Textrlmesse, das Meßhaus Gabriel hat Uhren und Schmuck ausgenommen, ja sogar die - Diele des alten Rathauses mußte Meßzwecken nutzbar gemacht werden; dort haben italienische Firmen eine Spezialausstellung ihrer Landesprodukte eingerichtet. Auch die technische Messe, über die im einzelnen noch berichtete werden soll, hat bedeutenden Umfang gewonnen. Namentlich konnte die Radioindustrie in ihrer Sondevmeffe zeigen, daß,Deutschland auf diejem, erst kürzlich eroberten Gckbie't heute schon eine führende Stellung einnimmt. Bon den Sondermeffen verdienen nmneuttich die Bugvamesse, die neben der buchgeweMichen Industrie die. gesamte deutschsprachige Buchprodultion zeigt und die Bureanbedavfsmeffe, die in mehreren Häusern untergebracht ist, ganz besondere Erwähnung. Die National-Meßhäuser,' voran das österreichische Meßhaus, dann aber auch das. Schweizechaus, das tschecho-flowakische, italienische,' ungarische, und rumänische - - Meßhaus bieten lebendige Beweise für die große Werbekraft, die von der Leipziger Messe in. die ganze Wlt. hinausströmt. Diese UmfangSerweiterung der Leipziger Messe erscheint» begleim von dem organisatorischen Ausbau aller zur klaglosen Wwicklüng der Messe dienepiden Einrichtungen, ttneittgp