Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1999 (7.9.1924)
- Date
- 1924-09-07
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 «r. 1999 s JSfttt, Souuwg- -——.- ..— Aus Gleichenberg. Bon Jakob Kraus;. (v>iO'.a)c:ibcr^ Itc-tt;tt Oqtcvvcid), ij^av in X’UiOp.c.vcirt;. 3t)v öiivfi ev mir auf's Sott glauben, ich Ijal'c mich rell'jt fernen überzeugt. Fcl> könnte eigentlich damit meineil Berichr and dem iturort Gleichenberg schließen, denn nun erkennt jeder heimatkundige Leser folgendes: der von der Natur be- -'nadele Kurort Gleichenberg iu der Obersteiermark ist ein {V'irn'l, das iu jedem anderen Laude schein längst ein tue1!!« berühmter Kurort allerersten Ranges geworden wäre. An den südöstlichen Ausläufern dersteirnchen Gebirges, zwischen schützende Berghügel gebettet, streckt sieh der von einem Wickenbürg gegründete Kurort i:t würziger, sunt ich milder, zu Zeiten wohltuend einsehläsernder Lus:. Draußen erber, in den weiten, nas::gen, leicht senchten Fluren und droben zwischen den immergrünen harzigen Nadeln atmet die in der großstädtischen Preßluft träge und schlaff gewordene Lunge wie neugeboren -» kräftigen Zügen und das in. der Tretmühle der Millioneniraot nervös und ungebärdig gelvordene Herz wird ruhig, zuversichtlich, von neuen Hoffnungen erfüllt. Aus dem staubfreie:: Boden von Gleichenberg sprudeln geheimnisvolle Onellen von wunderbar heilender Kraft hervor, die, in den verschiedensten Formen angewcndct und gebraucht, eine förmliche Adaptierung und Erneuerung des verstaubten und verkalkte!: inneren Organismus des Menschen bewirkt. Die Natur hat sich also auf dem Flecken Erde, das sich Gleichenberg nennt, in ihren Gaben Whr frergebtg erwig'en. Was aber Menschenhände unter dem Sammelnamen ,Iurbehelse" hier schn-fen, ist österreichisch, altösterreichisch, das heißt unzulänglich, kieiukr-ämerisck,. In diesem Jahre Härte Gleichenberg eine Probe seines WelKurorttums bestehen sollen. Die reickedenriche Goldniark und die verlorene Frankenschlacht in Paris habe:: tausende Renichen, denen in Gleichenberg noch im vorigen Jahre nicht .^ebenbürtig" genug schien, die noch in: vorigen Sommer dT snslandchchen Kurorte nnt ihren Schieberkronen beglückten, 'zach Gleichenberg getrieben. Alle waren von den Leistungen der Natur entzückt, fanden, daß di: Luft in keinem ihrer ge- Dohnten Kurorte h anheimelnd süß und kräftigend ist wie >: Gle'.chenberg, daß die Konstantin- und Emma-Onelle Wunder wirken, fände:: aber gleichzeitig, daß die Spülhalle unzulänglich und unmodern ist, daß man. sich, um rechtzeitig in die In- Zalattonskalbmen zu gelangen, anstellen muß und daß, wer gar T.i pneumatischen Kammern benützen will, sich einen Monat vorher auf einen Platz in der .Kammer vor merken lassen muß, wenn er es nicht Vorsicht, mit dem Herrgott der Pneumatischen, mit Kratochwill, dem Mann mit dem Profesforengesicht, ei:: gutes österreichisches Wort zu sprechen... Die Uoberflntun-g Gleichenberg hat die Kurdirektion in nicht geringe Verlegenheit versetzt. Und als ans den Reihen der Kurgäste Summen laut wurden, daß es vielleicht im Interesse des Kur- »rrcs gelegen wäre, noch ein oder zwei pneumatische Kammern zu errichten, die Jnhalationsvorrichtungen, wie es im Anstand der Fall ist, mehr den individuellen Kurbadürfnissen entsprechend auszugestalten, da bekam man die gut österreichische Antwort: Im Vorjahre waren die Einrichtungen .zu groß, und Er konnte Straßen durchlaufen, um nur ein Pfund Butter oder ein Dutzend Eier um einen Cen4 billiger nach Hause zu bringen. Und als die Kinder dann von der Arbeit kamen, hielt er ihnen gleich die billigen Einkäufe entgegen, die er im Laufe des Tages gemacht und ebenso, wie er einst aus ein Lächeln des Meisters zu warten pflegte, gab er sich nun Mühe, den Kindern ein Lächeln abzugetvin'nen. Und je mehr die Kinder verdienten, desto unterwürfiger wurde Simcha, er hatte die ganzen Tage nur die einzige Sorge, ihnen so viel als irgend möglich zu ersparen. Er bügelte ihnen jede Woche die Beinkleider und war geärgert, daß sich die Kinder täglich auswärts die Schuhe putzen ließen. Längere Zeit hegte er heimlich den Gedanken, die Schuhe selber zu putze::; er wollte damit die Kinder überraschen, bis er schließlich eines Tages das nötige Zubehör einkaufte, eine Stunde früher aufstand, die Schuhe putzte, daß man sich in ihnen spiegeln konnte, und mit verhaltenem Atem abseits stand, als hätte er eine große Tat vollbracht und wartete auf Belohnung. Die Kinder schenkten dem gar keine Beachtung, zogen die Schuhe an, als wäre rechts geschehen, verzehrten ihr Frühstück und -begaben sich zur Arbeit. Simcha schlürfte in Hausschuhen umher, stöhnte und ^klagte sich bei seiner Frau: „T^ine Kinder!" „Geradeso deine wie weine!" „Was man erlebt! Im hohen Alter zum Stiefelputze c geworden!" „Wer swingt dich?!" „Wie denn? Soll man läglictz lm c' :,; - -W'-wenden bloß für Glanz?!" „Was willst du also?" „Hunde, Lackel, wenn ein. Barer die Schuhe putzt, sollt' man doch, meine ich, irgend etwas sagen!" „Recht so! Ein Vater hat Kindern nicht die Schuhe zu putzen!" Simcha bliöb in der Mitte -des Zimmers stehen, er wollte nicht zugeben, baß die Frau recht 'habe, steckte die formlosen Finger in die Haare und begann zu stöhnen. (Uebcrtragen von K. Hst Wiener Morgenzeit littst. 7. September 1924 PELZWAREN JEDER ART IN FEINSTER AUSFÜHRUNG BILLIGST BEt GEBRÜDER BRAININ WIEN, II. GLOCKENGASSE 8/TEL. 45-4-33 wer weiß, ob sie im nächsten Jahre nicht wieder zu groß sein werden. * Ein Gespräch mit dem Kiirdiretior. Man spricht über die Znsammcnsctzung der Kurgäste. Es wird mir Bedauern konstatiert, daß 90 Prozent der mehrtaiiscudköpfi-geu Kurgäste staden sind. Der Knrdireklor mein:, daß ich in meinen: Artikel über Gleichenberg gegen die stnden, bBouders gegen die „stsraeliten ans dem Osten" schreiben sott. Ich sagte iom eine Strafpredigt gegen manche der jüdischen Kurgäste zu, 'agte chm aber gleich: „Gegen die polnischen Juden kann ich ein Tadelwort nicht zulassen. Sie sind bescheiden, benehmen sich zurückhaltend, sind nicht lärmhast und ansdringlich. Wenn ich gegen stnden wegen ihres unjüdischen Benehmens schreibe, so sind i's die niagyarischen Inden, sowohl die ans Horibyncagyarien wie die Magyaronen aus den Nachfolgestaaten, Tie mii ihrer unkultivierten, lauten, aufdringlichen Art einem tatsächlich den Ansenthalt im Kurort zu verleiden vermögen. Aber Tie, Herr- Direktor und Ihre Gleichgesinnten sehen nur den stnden mit dem langen Bart und dem langen Rock und sind chokierr, hören aber nicht das widerliche, magyarische Geschrei, mit dem diese stst-aoliten. wie Sie sie nennen, ihr Judentnnt nioderschreiei: möchten." * stm Kaffeehaus und auf der Promenade sitzen Gruppen von stnden und vertreiben sich die Zeit. Der beste Zeitvertreib ist das Tnrchhecheln vorübergehender- Personen. Da geht ein Ehepaar. Der Heine magere Jude, der in der Gruppe das Wort führt, stellt fest: „20 Prozent." „Sind wir denn in Karlsbad," fragt einer, „wo man den Zucker nach Prozenten beurteilt?" „Rein," meint der kleine Magere schalkhaft, „der hat sich mit 20 Prozent von Reichenhall aus Gleichenberg ausgeglichen." Der Nächste: „Sehen Sie die roten Streifen ans den Fingern dieses Mannes?" sängt der Kleine wieder an. „Das sind die Spuren der Brillantringe, die er noch vor nicht langer Zeit aus den Fingern trug und die jetzt in der Auslage eines Wiener Juwelenhändlers als Gelegenheit^ kauf zu sehen sind, Im übrigen wird er ans 10 Prozcn: ge-, schätzt." „Wer ist dieser elegante, hagere Mann mit dem vorgebeugten Kopf, der jetzt der Emma-Quelle zueilt?" „Das ist der problematische Kurgast," antwortet der allwissende Kleine. „Man weiß nämlich nicht genau, macht er die Kur mit, um sich für eine bevorstehende längere Isolierung als Folge von überstandenen Schwindelanfallen zu stärken, ober will er sich von den Folgen überstandener Isolierung erholen..." Ein anderer aus der Gruppe grüßt einen vorübergehenden Bekannten. Aus die Frage, wer jener sei, meint der Gefragte: „Ich habe ihn erst hier kennen gelernt. Er ist fast immer meirt Nachbar in der Spül' und GurgelhaUe. Ich beneide ihn jedesmal wegen seiner unerreichten Virtuosität im Gurgeln." Der kleine Zyniker hat auch hier eine Erklärmi'g zur Hand: „Der Mann ist ein geübter Gnrgler. Den habe ich schon in Wien wiederholt gurgeln gehört, als ihm das Wasser über den. Kopf znsammcnschlng und der Boden unter seinen Füße» wankend wurde, aber heute hat er bereits die 90 Prozent hinter sich." „Mit einem Wort," schloß ein alter, wutzliger stnde die Hechelei, „es ist das reine Ausgleicheuberg." In diesem Sommer sollen nach verläßlicher Statistik <rtdie vierzig Rabbiner, Kantoren, Chorsänger und sonstiges „heiliges Gerät" in Gleichenberg ihre Rachen und Lungen vom Zigarettenrauch, beziehungsweise Kasseehailsdnnst ansräuspern. Daß Kantoren, Chasonim und ähnliche teure Synagogeneinrichtungen da waren, hörte ich, so oft ich in der stnhalationszelle war. Rechts und links versuchte so ein ans eine herrliche Stimme zuriickbiickender Tempelstar ans der Liefe feiner Brust noch etwa schlummernde Töne heroorznholen. Aber ach, es kan: nichis als krächzender Schleim heraus und auch darüber war der Star glücklich. Tie Rabbiner teilten sich in drei verschiedene Gasthansgruppen. Koscher, koscherer, am koschersten. Das letztere behaupteten von sich die ungarischen Rabbonim, die in ihrem Gasthaus „stur Agndah" von allem Möglichen sprechen, nur darüber nicht, wie wewlg sie voneinander halten. Von allen diesen Rabbonim haben sich mir drei in die Seele eingeprägt. Alle» voran der Sassower Raw, eine Himei'.gcstall, groß, breitschultrig, mit klugen Augen, kK aus einem klugen Kops immer beweglich die Welt betrachten. Fromm, aber nichts vo>: Frömmelei, weltmännisch, ohne frivol zu sein, geistreich und, was das Sympathischeste ist, geistkF unabhängig. Der zweite, der Szentmihaitzer Raw, schlank, mit weißem, langen:, spitzem Bart, dnrchgeistigle'A Gesich; und gütigen: Lächeln aus den Lippen. Er wird a'!V einer der bedeute,:dsten Gelehrten der stetzlzeil verehrt und zahllos sind die geistreichen Bonmots, die von ihm kursieren. Der dritte, in dessen Gesellschaft ich mich unendlich wohl fühlte, ist der nengewählle BonyhaVer Raw mit seiner gedrungenen Gestalt und seinem umfassenden Wissen nicht nur ans talmndischem Gebiet, stch habe von diesen dreien viel gelernt. Sie werde:: immer seltener, diese erfrischenden, erguickendeu Gestalten im stndentum. Ein Wort noch über das jüdische Erholungsheim in Gleichenberg. Die Anstalt ist mustergültig, befindet sich in schöner, gesunder Lage und die Insassen kommen nach mmonatigem Aufenthalt gekräftigt zurück. Der ausgezeichnete Anstaltsarzt Tr. Werdisheim steht den Schützlingen der Anstalt zu jeder Zeit als ärztlicher Berater unentgeltlich zur Verfügung. Dieser Dr. Werdisheim ist überhaupt ein Glück für viele stnden, die in Gleichenberg Heilung finden. Ein tüchtiger Arzt mit einem guten Herzen. Da8 jüdische Er^ holnngsheim in Gleichenberg könnte noch viel mehr leist e% als es schon jetzt tut, wenn ihm größere Mittel gm Vcr» sügnn-g stünden. Hoffentlich gelingt es dem Kuratorium der Anstalt, das seinen Sitz in Wien hat, schon im nächste,: stahr seinen Betrieb zu erweitern. Einiges zur Geschichte der Eisenbahn. Sie ersten PferdeeiseÄahnen. - Lesterreichische Projekte und ihre Ansssthrnng. - Ae Dampflokomotive. - Sie Nordbahn. Heute den 7. September pA'efc Oesterreich das Hundertjährige Jubiläum der österreichischen Eisenbahnen. An diesem Tage des Jahres 1824 erhielt Franz Joses Ritter v. G erst»ex die Konzession zum Bau einer Pserdeeisenbahn von Budweis n a ch L i n z, der ersten Eisenbahn auf dem Kontinent. In England /gab es bereits ungefähr zehn Jahre vorher Pferdeeisenbcchnen, welche auf Holtzschienel: mit Eisen bändern rollten und ihre Passagiere in Postkutschen ähnlichen Wagen beförderten. Oesterreich hätte beinahe den Ruhm gehabt, die erste von einer Dampflokomotive betriebene Eisenbahn in der ganzen Welt zu besitzen: denn Gerstner, der sein Projekt, die Moldau und die Donau durch eine Eisenbahn .zu verbinden, einreichte, wollte den Betrieb mit der mehrere Jahre vorher erfundenen Stcphensonschen Dampflokomotive einrichten. Aber der österreichische Zopf wehrte sich gegen eine solche umstürzlerische Einrichtung und Gerstner teilte das Schicksal aller österreichischen Neuerer; er konnte es nicht durchsetzen, daß für seinen Aktienverein, die „K.?. Privilegierte erste Eisetzbahngesell'schsft" bio nötigen Mittel aufgebracht werden, um den Unterbau für einen Lokomotivbetrieb herzustellen. Das GesamtLaPital der Ersten österreichischen Eisenbahngesellschaft betrug 000.000 Gulden. Der Bau der Linz-Budweiser Strecke dauerte acht Jahwe. Gerstner, der als phantastischer Narr augescheu wurde, zog sich bald von dem Unternehmen zurück und ging nach Rußland, wo er den Bau der ersten russischen Eisenbahn, die mit Dampflokomotiven betrieben wurde, leitete. Die Dampflokomotive kam z ue r st in England tzur Verwendung, genau ein Jahr, nachdem Gerstner in Oesterreich seine KonMion cchälten hatte. Die erste Dampseisen* bahn in England verkehrta ans der Strecke Stockton— D a r l i u g t o n. Iu Oesterreich begegnete das Projekt einer mit der Dantpflokomotive betriebenen Eisenbahn starken: Mißtrauen. Das ProM wurde von dem'österreichischen R o t hs ch i l d forciert, den: es erst nach langer Müho gelang, die Konzession für die Erbauung .einer Bahn nach Brünn, - der Nord bah n,;n erlangen. Die Einwilligung wurde ihm nur unter der Bedingung gegeben, daß der gütige Ferd'ntOnd, der als einer der beschränktesten Herrscher aus der Reihe der Habsburger gilt, aber damals sich als nicht gar zu dumm er wies, cittc Anzahl von Aktien der neubegründeten Nordbahn erhielt, die seinen Namen sühne. Dies wurde dann für Lesebücher und sonstige patriotische Kompendieu dahin umgedeutet, daß der um Kunstwissenschaft und Technik hochverdiente Herrscher aus eigenem Antrieb Mtien der Novdbahn übernommen habe, um damit be ispielgebend für das Projekt zu wirken. In Jahre 18li7 war von der Nordbahn die Strecke W i en—F lo r idsdo rf seriiggestettt und wurde den: Betrieb übergeben. Zwei Jahre später folgte der Rest der Strecke bis Brünn. Die Nord bahn -erwies sich bald als -das rentabelste Bähnunternehmen des Kontinents. Ilm aus die erste österreichische Eisenbahn zurückzukon:- men, sei als interessantes Detail erUvahnt, daß -gleichzeitig mH den: erwähnten Gerstner eine Eisenbahnkon/zession an einen g-öwlssen Frau; Z«», seines Zeichens Ingenieur, erteilt wurde, der oaenrtz: dis Ermächtigung erhielt, eine Eisenbahn von L i n z nach Gmunden zu bauen. Er besaß'jedoch nicht das nötige Kapital, um den Ban durchzusühren, und die Konzession ging dann in -andere Hände über. Die Linie Linz—'Gmunden wurde erst 15 Jahre später 'gebaut. Dieser Franz Zola war der B ai e r des b e r ü h m t e n französischen R o m a:: eiers Emile Zola. Das Eisenbahnwesen in Oesterreich, welches seine Entwicklung so früh begonnen hatte, setzte sie nur in langsamen Tempo fort. Die -größte Leistung der österreichischen Eisenbahutechnik war der Bau der Arlbergbahn, der ersten Gebirgsbahn in Europa, welche im Jahre IM fertiggestellt wurde. Das österreichische Eisenbahnnetz hat nie eine große Dichte erreicht. In Europa rangiert Oesterreich, was die Dichte des Eisenbahnnetzes anlangt, weit hinter -anderen Staaten. An der Spitze stehen England, Bckloien, Frankreich und Deutschland-