Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1999 (7.9.1924)
- Date
- 1924-09-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2981082--20355-3007577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oze 1× ep/1809533
OCR text
Nr. 1999 Wien, So mi lag Weiter Mnr^eitzeltunft. 7. Swtember 19"! Seite 7 Der Floh und die "O' " . Von Walter Finkler. Man wundere sich nicht über die anißcfaUcm'. Beziehung: Floh und Philosophie. In der Philosophie ist kein Objekt nebensächlich. Der Kieselstein ist gerade so Problem w i e der Men s ch und sein F l o h. Die triviale Frage der elementaren Philosophie, das „Woher. Wohin, Wozu?" bleibt nicht allein ans den Menschen beschränkt. Die vorhandene Planmäßigkeit in der Welt läßt sich nicht weglengnen. Man kann sie nur 311 ciicf führen ans einen autonomen Ursachenmechanismus Der Mensch, die Tiere und Pflanzen sind zweckmäßig organisiert. Alle ihre Organe haben den Zweck, das Individuum, die Art und letzten Endes das Leben auf der Erde zu erhalten. Die Ausnahmen sind nur scheinbare. Wenn von Haeckcl die planmäßige Zweckmäßigkeit des Organismus damit widerlegt wird, daß er auch zwecklose Oraane hat (der Blinddarm, die Ohrmnskeln des Menschen nsw.), lo leuchet der Einwand sofort ein, daß gerade das Verkümmern nicht mehr benötigter Organe zweckmäßig ist Oder sollte sich der Mensch mit allen Organen aller Stadien, die er in der Stammesentwicklnng dnrchgencacht hat, zeitlebens hernmschleppen? So scheint also der Zweck und Plan der Kreatur ungetrübt und vollkommen. Wenn nur er nicht wäre: der Floh! Das heißt, er selbst ist ja auch wundervoll organisiert, seine Körperteile arbeiten mit unheimlicher Präzision. Wo ist der Mensch erstanden, der einen solchen Sprungmechanismus im Flohformat auch nur annähernd nachahmen könnte? Und was das Wichtigste ist: Ein Sprnnamechanismns, der gerade daun in Funktion tritt, wenn unheildräu ende Menschensinger nach ihm greifen. Vom Blutsaugen, Eierlegen gar nicht zu sprechen Die zweckmäßige Organisation des Flohs beweist, daß er auch, wie alle andere, im Plan der Welt liegt. Tie systemgefähvdende Frage ist nur, welchen Zweck er hat. Die populäre Version: wozu gehören eigentlich die Flöhe, die Wanzen und das viele Ungeziefer? Die Erfahrun gs w is senschaft macht sich die Antlvort leicht. Sie anerkennt — zumindest in dieser Beziehung — keinen Unterschied zwischen der Krone der Schöpfung und allem anderen, was da kreucht und fleucht. Sie vermeint schon einen souveränen, erhabenen Standpunkt einzunehmen, wenn sie die Frage für H>en Floh als Fragesteller gelten läßt. Denn der Floh könnte sich gerade so gut denken, er sei das Ziel der Schöpfung, der Mensch sei dazu da, ihm Nahrung zu geben, somit seien auch die Pflanzen und Tiere für ihn da, weil sie dem Menschen Nahrung bieten. Trotzdem bliebe auch für den Floh Problem, warum er von „seinem" Menschen zerdrückt, getötet wird. Das Problem bleibt Problem. Hüben und drüben. Noch eine Antwort hat die Wissenschaft. So wie die kleinen Schmarotzer fallen auch die großen Parasiten, die Raubtiere, ans dem Weltbild. Wozu gehören die Raubtiere? Wie kann die Natur — diesen Begriff kann selbst die materialistischeste Wissenschaft nicht entbehren — ich sage, wie kann die Natur die so fein ziselierten Organe etwa einer Ameise, die trotz ihrer Kleinheit zu den größten sozialen Leistungen befähigt ist, als Stück Eiweiß, als chemischen Aufbaustoff für den Ameisenfresser verwerten? Ah, Raub- >tiere müssen sein, sind höchst zweckmäßig. Wie stünde es um Wfl<divj f k N>§0» Telefon 3I30& für den Morschen. Und sü/ießlich gilt das fürs Ganze. größer die Zweckmäßigkeit der Lebewesen, desto größer ist ihre eigentliche Zwecklosigkeit Desto mehr springt sw in die Augen. Und den Philosophen in bcwußrer Gestalt ins Ohr WINTERNEUHEITEN VpJourmHnlel ... .1450 1150 P70 Velour de Lrn-Mäule! pelzverbr. 1'rv' '450. Vp'our-KosU’iTie . 23 0 10^0 II Sn r‘-Koslnme. 1 00 800 C SV'frips-'np’rlpr. n,5 , 7''0 4JM) Cteoe de Chine-Klei^er , ... 1250. 1000: Preise ’ n Tausendern Ausserordentlich günstige Kaufgelegenheit! liniere Getreiden'rräte ob ne die mänsevertilgenden Katzen' Wie leiden die armen Australier unter der Kaitincheriplage. weil es dort keine Raubtiere gibt. Ja, die Raubtiere liegen , im eigenen Inreresie ihrer Beute. Wenn die Schwachen und \ ' anken nicht unter ihnen weggesresseu werden, müßten sie an selbst zugrunde geben. (Der Ri e n s ch, der kein Raubtier oefir über sich hat, muß solche Auslese selber b ew'rgekt. Die biologische Begründung des Krieges. Tie Argumentation gleich fadenscheinig.) Und die Ungeziefer? Ich habe diese Antwort noch nirgends gefunden. Sie könnte aber, wollet! wir im selben seichten Gedankenfahrwasser bleiben, lauten, die Ungeziefer gehören dazu, den Menschen zur Reinlichkeit zu zwingen. Schön, aber wie ist es mit den Tierslöhen? Metaphpsifch betrachtet, ist die Flohexisten; nur ein Teil des großen Weltleides, vom Bösen und Schlechten in der Welt. Diejenigen, die das Weltall als für den Menschen erschaffen betrachten, meinen, das Döse müsse sein, damit das Gute erkannt und genossen werden könne. In unserem Spezialfall: der Flohbiß ntüsfe sein, damit der vom Ungeziefer freie Zustand entsprechend gewürdigt werde. Ach, wenn nur die Haare nicht solche Zugfestigkeit hätten! Tiefer gehen die Mystiker: Das Böse gehört unabhängig von dem Aus merksamwersen des Menschen zum Guten. Nicht nur begrifflich, sondern auch in der Wirklichkeit. In jedem Ding wohnt gleich viel Gut und Böse. Das scharfe Auge des Adlers ist für ihn gerade so gut, wie für seine Beute schlecht. Um auf unseren besagten Floh zurückzukommen: Je besser der Flohstich für ihn, desto schlechter ist er Der Chesredakienr des „Nebaler Boten" de VrieS hat c n Buch über Sowieirujzlai'.d verössen.tlicht, in welchem er auch die jüdische Frage in Rußland bespricht. Beloaders tr:tt de Vwes, dem besondere Sachkenntnis nachgcriihnit wird, den anli'e:::itisc!>?n AnSstrenungen Citf^raen, bo den Bvl'ch-ewismns als eine jüdische Erfindung hinzu stellen bemüht Und. Er schreibt unter anderem: .,Weo etivaS n-her de Vwhältnlste in Sowjetrnßland kennt, wird bald zn dem Schluß kommen niüisen. daß nur ein Mensch, dem die jüdische Frage in Rußland, besonders unter den be-tRen VerhUtrist'en. ganz unbekannt ist. überhaupt zu der Ansicht kommen konnw. daß b't Kommunismus ein N'id'iches Werßze cg sei. um Rußland in die Hände zu bekommen. Die Kämvfe innerhalb der jüdischen Rasse s'nd znm mindesten ebenso scharf, wie sie unter den anderen Rassen und Völkern Enrovas Vorkommen. Be onders klar tritt nun dieser Kampf in der Sowjetunion hervor. Nur ein Beispiel. Als in diesem .Herbst viele Taiuende von „Nevlenten" aus Moskau ausgewiesen, wurden, kon'tte scstgesteklt werden. daß s a st 90 Prozent dieser M '--er j ü d i s e \ R affe waren." Ter .Loinminnsti'che Orden hat den Kampf gegen den fndiwon Bourgeois mit dcrs-lben Konsequenz geführt i e penen den christlichen. Es ist Tatsache, daß die jüdische Rasse, wenn ihre Glieder einmal ihren alten Glauben abgelegt baden, in der Großstadt fast noch schneller dem Zer- ' e tz u n g s p r o z c ß unterworfen ist wie andere VölkerkchafKn. Durch d e Politik der Sowietregierunq. vor allem die Aufhebung der ''ogenannten Anstedlnngszone für die Juden, ist eine gewaltige Bewegung in die jüdischen großen Ansiedlnngsravongekommen. Soeben macht sich ein gewaltiger Zustrom der jüdischen Bevölkerung Rußlands in die Großstädte bemerkbar. Sowie die Angehörigen der jüdischen Rasse in die Großstädte kommen, werden sie einer erbitterten und schonungslosen P r o p a g a n d a der .Ko m nt n nistisch e n Partei, die gegen jede Religion, aber vor allem die jüdische, gerichtet ist, ansqesetzt. Besonders den Kampf gegen die jüdische Religion führt heute der Kommunistische Orden mit den unglaublichsten Mitteln, und mit einem Zpnismus, der jeden Menschen, der für Ehrfurcht empfänglich ist. schaudern macht. Die Sowjetregierung gibt heute ein besonderes Witzblatt zum Kampf gegen die Religion heraus, den sogenannten „Gottlosen" (Besbvsnik). Dieser „Gottzlose" kämpft nun vor allem gegen die jüdische Religion. Die Folge dieser Propaganda ist natürlich eine rasche Zerleßnng der festen jüdischen Glanbensform. Es ist e-n u nheimlicher Bern ich tun g s p r oze ß, der sich im Judentum in der heutigen Sowjetunion bemerkbar macht, und wenn man diesen Prozeß im Auge behält, wird man Spengler vielleicht recht geben können, wenn er von einem bevorstehenden Untergang der jüdischen Rasse spricht." Cin Mer. (Aus dem Jüdischen des I. Opatoschu.) So oft die Kinder das Klingeln des Vaters vernahmen, stoben sie nach allen Richtungen auseinander. Jedes griff rasch nach einem Buche, um nicht müßig angetroffen zu werden, und sie verhielten sich still, als wenn sie kein lautes Wort Hervorbringen könnten. Der Vater, ein träger Mann mit großen, von zu vielem Stehen am Bügeltisch platt gewordenen Füßen, betrat die Wohnung stets mißlaunig, müde, ließ sich auf den ersten Sessel nieder, stöhnte und 'fing an zu rufen: „Harry, Samh, Willy, wo seid ihr, zum Kuckuck!" Die Knaben stürzten herbei, sic wußten, daß sie nun dem Vater die Schuhe ausziehen und ihm die Hausschuhe reichen müssen. Während des Essens war cs immer still, keiner traute sich ein Wort zu reden, wie wenn ein Kranker im Hause wäre. Die Kinder kauten, was ihnen die Mutter verabreichte, fühlten sich unbehaglich in Gegenwart des Vaters, der die Löffel förmlich verschlang, dabei stöhnte, als ob ihm dies ein besonderes Vergnügen bereiten würde. Der strenge Vater erzog die Kinder mit Maulschellen, zeigte ihnen niemals ein frohes Gesicht, saß bei Tisch wie ein Regent, und wenn einer der Knaben sich einmal einen Spaß erlaubte, mußte er sich ohne Essen vom Tisch entfernen. Jeden Sonntag besuchte er die „Talmud-Thora", wo seine Kinder lernten, und züchtigte diese für die kleinste Unzulänglichkeit in Gegenwart der ganzen Klasse, und als sich die Mutter einmal ihrer annahm, hätte er auch sie fast mißhandelt, und er drohte, sie alle zu verlassen und sortzugehen. Allmählich hatte er die Knaben so eingeschüchtert, daß sie am Sabbat und Sonntag, wenn er. zu Hause war, das Zimmer nicht verließen; sie durften am Samstag kein englisches Buch aufschlagen und mußten die Abschnitte im Chumasch (Pentateuch), die sie während der Woche gelernt hatten, wiederholen. Sein einziges . Vergnügen genoß er Samstag nach Tisch, da er sich hinlegte und stöhnte. Dann begann er mit den Knaben herumzukommandieren, schickte sie unablässig von einem Zimmer ins zweite, hielt ihnen Moralpredigten, drohte, sie fortzusagen, da er, ein kranker Mann, sich für sie abrackern müsse, und, indem er sein eigenes Kind bis zu Tränen quälte, löschte er immer die Beleidigungen, die ihm in der Werkstatt zugefügt wurden. Und als ihn einmal ein Nachbar besuchte und ihm sein Leid klagte: „Wissen Sie, Reb' Simcha, in Amerika darf man keine Kinder haben, sie respektieren die Eltern nicht!", da zeigte Simcha auf die Knaben und verzog dabei seine Miene, als würde er innerlich lachen: „Sehen Sie einmal dic meinigen — wenn der Vater bei Tisch sitzt, lassen sie kein lautes Wort vernehmen! Die Achtung vor den Eltern ist selbst in den besten bürgerlichen Häusern in Europa nicht größer. Woher kommt dies? Man muß eben verstehen, die Kinder zu erziehen, man darf es nicht zulassen, daß sie den Eltern über den Kops wachsen! Hier haben Sie zum Beispiel meinen Jüngsten, im ganzen acht Jahre alt. Willy, komm einmal her!" Willy blieb vor dem Vater stehen, gerade wie ein Lineal, und hatte nicht den Mut, ihm in die Augen zu schauen. „Wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kommt, was muß man da tun?" griff ihn Simcha am Kinn. „Man muß die Schuhe ausziehen und die Hausschuhe reichen", antwortete Willy. „Und wenn sich der Vater schlafen legt?" fragte Simcha weiter. „Darf man," fing Willy zu stammeln an, „darf man das „Maul" nicht auftun." Der Nachbar kniff Willy zufrieden in die Wange und war erfüllt von Neid, da ihm sein eigenes Söhnchen solche Achtung nicht cntgegenbrachte. So herrschte Simcha über seine Familie, bis Harry, sein Erstgeborener, die Volksschule vollendet hatte und zu arbeiten anfing. Nach der ersten Woche, als Harry ein Fünfdollarstück nach Hause brächte, es dem Vater auf flach geöffneter Hand hinhielt, schmunzelte Simcha, war während des Essens gut aufgelegt, erkundigte sich, ob man sich hinaufarbeiten könne, wieviel Gehalt der Verwalter habe, und zum ersten Male schnitt er vor großer Zufriedenheit ein Stückchen von seiner Fleischportion ab und legte es aus Harrys Tellern „Ein gutes Stückchen Fleisch! Iß es!" Von da ab rief der Vater Harry nicht mehr zum Schnhausziehen, und als dieser am Sonntag ohne Wissen des Vaters vom Hause sich entfernte, stellte er sich unwissend. Und als es wieder einmal geschah, daß der Vater zu wüten begann, Teller zerbrach, die Mutter schlagen wollte und mit Fortgehen drohte, da mengte sich auch schon Harry ein: „Solltest dich schämen, Vater, dich zum Gelächter aller Welt zu machen!" „Ich 'werde auch dir die Knochen zermalnren!" Der Vater machte eine Gebärde, als wollte er sich aus den Sohn stürzen, rührte sich aber nicht vom Fleck. „Was fällt dir denn ein? Glaubst du, mich mit deinen paar Dollar reich zu machen? Ich lebte so lange ohne dein Geld und werde es auch in Zukunft wohl entbehren! Unechört, Harry redet mir schon drein!" Er brach mitten in der Rede ab, hatte nicht den einstigen Mut, scharrte lediglich mit den Plattfüßen und stöhnte. Als auch noch die anderen zwei Söhne zu arbeiten und Geld nach Hause zu bringen ansingen, wurde Simcha ^yoch kleinlauter, unterhielt sich mit ihnen wie mit Gleichgestellten, nahm von ihnen Zigaretten, und als die Kinder beschlossen hatten, den Vater nicht mehr in die Werkstatt gehen zu lassen, leistete er keinen Widerstand. Er fühlte ztvar, daß er von nun ab von ihnen völlig abhängig sein würde, allein die Kinder beharrten darauf, suchten ihm einzureden, er sei krank, bis Simcha erschrak und zu Hanse blieb. Vonr ersten Tage, da Simcha nicht mehr arbeiten ging, wurde er ganz kleinlaut, er rief nicht mehr die Kinder, ihm die Schuhe ausznziehen, fing an, in aller Gottes Frühe anfznstehcn imb den Kindern das Frühstück vorznbcreiten. Wohl ließen sie dies die .'r-sten Tage nicht zu, gewöhnten sich aber allmählich daran, bis es sie schließlich nicht mehr störte. Er war stets nur daratls bedacht, den Kindern Geld zu ersparen, kaufte er selber Päckchen Tabak und stopfte ihnen Zigaretten. Ans Müßiggang haderte, et unaufhörlich mit seiner Frau, der er vorwarf, sie vergeude unnütz das Geld, während er alles billiger erstehen würde. 977649