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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-07 · Heft 1999 (7.9.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1999 (7.9.1924)
Date
1924-09-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener Morgenzeiturig. 7. September 1924 Nr. 1999 Staats ■tt*. kin Attentat mtt lächerlichen MMel«. — Rahe in Lemberg. - VWer PolnMen Gesanbte«. (Eigendienst der „Wiener Morgenzettrmg".) Sine ßrklärang de« Lemberg, 6. September:'Der ^Anschlag, der gestern mittags, ZUM Glück erfolglos,' auf den polnischen Staatspräsidenten Wojci ech owsl i verübt wurde, erweist sich, wie aus den Untersuchungen der Polizei hervorgeht, über die biÄher lediglich ein Communique vorliegt, als mit untauglichen Mitteln unternommen. Es wurde eine mit Gas gefüllte Blechbüchse ans die Straße geworfen, die jedoch, wie die Untersuchung ergab, keine Sprengmittel enthielt. Die Polizei hat im Zusammenhang ntifW|cm Anschlag sechs Persoman i^n Haft g e u o m m e n, darunter ö^n Lemberger Studenten Stauislaw Steiger, lieber die Persönlichkeit der anderen fünf Verhafteten ist von der Polizei nichts näheres bekamitgegeben worden. Steiger, welcher, eine Zeit lang in Wien studierte, dann bei der Wiener Firma Meinl angestellt war, hat seine Studien in Lemberg fortgesetzt -und gehört einem jüdischnationalen Studentenverein an. Es wurde bei ihm' eine Mtgtliedskarte des jüdischen Sportklubs Maköabi gesunden. Es wird in der Bevölkerung allgemein angenommen, daß Steiger nicht der Attentäter sei. Zwei Zeugen wollen eine Bewegung des jungen Mannes bemerkt haben, die ihnen verdächtig erschien. Ob diese Beobachtung mit dem Attentat zusammenhängt, ist noch nicht klar. Steiger-selbst, hat eine Beteiligung an einent gegen-die Persou des Staatspräsidenten gerichteten Anschlag in Abrede gestellt. Wie weit er an dem Attentat wirklich beteiligt ist, wird wohl die weitere Untersllchung ergeben, über die eine Verlautbarung noch nicht erfolgt ist. Die genaue polizeiliche Untersuchung ergab, daß die Petarde unschädlich war, so daß die Explosion keine e r n sitz asten Folgen nach sich ziehen konnte. Der Präsident der Republik erfuhr von dem Vorfall erst, als er das Gebäude der Wojwodschaft betrat. Er nahm die Nachricht mit vollkommener Ruhe auf und äußerte den Wnnsch, daß keinerlei außerordentliche Maßnahmen aus diesem Anlaß getroffen werden. Die Tatsache, daß hier ein Anschlag Vorliegt, der zweifellos mehr einen kindischen Eindruck macht,,.hat die anfängliche Erregung bald gestillt. Zn Lemh'erg'Heris'sHi'. ^h'e,^ 1v.elch^ bis auf.einen bedeutungslosen .ZipiMnfall, der 'sich hD^niörgcns anläßlich einer Defilierung, die der - Staatspräsident -Wojeiechowski abnahm, rächt gestört , wurde. 'Heute abends hat der Staatspräsidcnt einer Vorstellung im Polnischen Theater in Lemberg beige- < wohnt,, wo er stürmisch akklamiert wurde. Morgen früh begibt er sich in Fortsetzung seiner Reise nach ZI oczow. * Wie die aus Lemberg tuub aus Warschau einl-ansenden Nachrichteil besagen, wird der Abschlag auf den polnischen Staatspräsidenten, nachdem durch die Untersuchung die unzu» länglichen Mittel, mit dencir er unternommen wurde, klargelegt worden sind, als die Tat eines Narren oder geistesschwachen Menschen angesehen, der sich anscheinend in Szene setzen wollte. Politische Bedeutung wird dem Vorfall nicht beige m e s s e n. Wie wir ans Kreisen der Wiener Z r o n i st ischen Organisation erfahren, ist Steiger, dev nach den Meldungen der Blätter seinerzeit 'm Wien studiert haben soll, hier in der z i o n i st i s ch e n S t u d e n t e n s ch-a f t n i r» gends als Miiglie>d gemeldet gewesen, auch sollst in ziontstischell Kreisen nicht bekannt geworden. In Leniberg gehört er einer jüdischen StndentMverbindung an, ist jedoch - politisch nie hervorgetreten. Die Verhältnisse in Galizien liegen auch so, daß' ein Au schlag aus politischen Motiven von jüdisches Seite g ä n z l i ch ausgeschlossen erscheint. , Glückwünsche an den Staatspräsidenten. Allläßlich des auf dell polnischen Staatspräsidenten Wojeiechowski versuchten Anschlages hat der österreichische’ Bundespräsident Dr. Hain i s ch biefem seine G l ü ck-. wünsche für das Scheitern des Anschlages und den Ausdruck der wärmsten Ailteiluahme ansi'prechen lassen. Der Bnnideskanzler Dr. Seipel hat den polnischen Ministerpräsidenten Grabski telegraphisch das Gefühl der Genngtnnttg der österreichischen Regierung über das Scheitern öe? Attentats übermittelt. Eine Kundgebung jüdischer Abgeordneter. Gestern mittags erschienen die gegenwärtig, in Wien weilenden Mitglieder des Jüdischen Klubs im polnischen Parlament, Klubobmann Du Leon Rei ch, sowie die Deputierten Reitzes und Dr. Jnsler, beim polnischen Gesandten Grafen Lasocki, drückten ihr tiefes Bedauer.n über den auf den Staatspräsidenten verübten Anschlag aus Und gaben ihrer Genugtuung darüber Ausdruck, daß das Attentat - glücklicherweise erfolglos gewesen sei. Der Gesandte dankte den erschienenen Deputierten für ihre Glückwünsche und versprach, diese dem Staatspräsidenten ' zu übtzrmitteln. Zugleich brachte er zum AusdMch.datz er es. für ausgeschlossen halte, daß das Attentat' das Ergebnis eines Komplotts sei. Es sei wahv^ scheinlich die Tat eines Fanatikers oder Verrückten, denn seiller, des Gesandten, Meinung nach entspreche der politische Mord Wederder Stimmung der jüdischen Bevölkerung noch der jüdischen Ethik. _ - - Seite - ~ Wien, Sonn'tetg darität und die Sicherheit der Nationen der Welt und' zur friedlichen Lösung aller Konflikte. Nach "der Verlesungs dieser Entschließung der'französischen und englischen Regierung erteilte Präsident Motto dem englischen Premierminister Mae Donald das Wort. Mac Donald, der sich wieder unter lebhaften.Bei-, fallsbezeugnngen zur Tribüne 'Legdlb, emWchl die A nnahmc der Kompromißentschließung, deren Inhalt er im einzelnen rroch einmal genau 'darlegte. Keine Vereinbarung internationaler Art, erklärt Mac Donald, könne bestehen, ohne daß sie sich auf den wirklichen Zustand der die Vereinbarung treffenden Nationen stützen könne. Es stellt sichnuu die Frage, was denn nationale Sicherheit sei und unter welchen Bedingungen die Entwaffnung zur Sicherheit führen kann. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber die 'der Menschen noch langsanrer, und es werde eine Entwicklung von Generattonen und nochmals Generattonen brauchen, um eine wirklich ehrliche und friedfertige Ge sin n n utz uu-' ter allen Völkern herbeizuführen. Der Ministerpräsident erinnert weiter an die fürchterlichen Opfer, hie in der Geschichte der -Menschheit die Kriege Mostet haben. Es wäre eine Schmach, daß nach all diesen Opfern und nach all diesen trüben Erfahrungen man sich noch intntet mit militärischen Einrichtungen zu befassen hätte, und daß es noch militaristische Zustände , in der Welt gebe. „Wir «haben den festen Willen," so sagte der Ministerpräsident, „diesen Kriegen ein Ende zu bereiten, und hierfür wollen wir die Entwicklung anbahn'en. Darin stimme ich mit meinem lieben Freunde Herriot vollkommen überein. Wir gehen sehr oft über den gleichen Weg, aber auf verschiedenen Seiten. Wir haben aber die gleiche Straße und gehen demselben Ziele zu. Wir wollen jetzt de-n Weg Arm in Arm zu einem gemeinsamen Ziele fortsetzen und wir werden nicht rasten, bis wir das Ziel der Sicherheit aller Völker und des Friedens in Europa erreicht haben werden. . Die englische Regierung hat nicht die Absicht, die Augen von dem Interesse der kleinen Staaten zu verschließen. Sie will sie auch nicht in bezug aus ihre L ede >rsint e r e s »s e n verletzen. Gelingt es den Völkern nicht, sich über die hier beratenen Probleme zu einigen, so befürchteich neue Kriege und neue Reparationen. ' Ich hoffe, daß Sie den Mut haben werden, diese Entschließung anzunehmen, zum Besten der Menschheit. (Lebhafter, langanhaltender Beifall im ganzen Hause ■ tmb aiff den Tribünen.) Der französische Ministerpräsident Herrtot wurde ebenfalls, als er der Tribüne zuschrittt, begeistert begrüßt und erklärte: „Die schöne Rede meines Vorredners ist eine Tat, die zu vollenden ist sin Sinne der Ausführungen meines lieben.Freundes Mac Donald. Wir beide sind in Sorge im Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit, ob es'uns wohl gelingen wird, der großen Sachen des Welffriedcns zu mitzen, hiehergekommen; wir find geleitet von dem Wunsche, diese Versammlung nicht zu verlassen, ohne ihr das Beispiel für eine Einigkeit, die für alle Völker nützlich ist, gegeben zu haben. Ich hätte gewünscht, das Ergebnis unserer Entschließung würde auf breiter Grundlage zustande kommen und besonders ktnsere Freunde aus Belgien und Italien würden mit dabei sein. Ich wende mich nun an alle und hoffe, daß Sie alle dem Ausruf unseres Präsidenten folgen werden." Herriot sprach dann seine Hoffnung aus, daß man die großen Methoden befolgen werde, und erklärt, es wäre beklagenswert, wenn man das Ergebnis dieser Einigkeit hier nicht erreicht -hätte. Mt beschwörender Stimme ruft Herriot in den Saal: „Ich will Ihnen nicht verholen, daß wir 'hier an erncrrr der schwersten Punkte im Leben des Völkerbundes angelangt sind. Es war eine Krise des Wachstums des Völlerbundes. Ach hoffe aber, daß wir diesen toten Puüktüberwinden werden. Vielleichtwerden unsere Beschlüsse nicht vollkommen sein, aber ich wünsche von ganzem Herzen: Tut alle eure Pflicht, mit Geduld und Freundschaft das Werk zu vollenden. Ter Weg ist noch lange, aber in brüderlicher Zusammenarbeit können ivir ihn zurückllegen. Hierzu genügt nicht Intelligenz, sondern es braucht dazu eines robusten- und starken Glaubens und der entschlossenen Kraft, den Weg auch bis zum Ende zu gehen. Die fr.an-;öfische Delegation will mit allen zusammenarbeiten und ich werde in einigen Wochen hoffentlich die Frerrde haben, sagen zu können, daß die fünfte Bölkerbundvevsammlung einen entscheidenden Schritt auf dem Wege gemacht hat, den die Menschheit seit vielen Jahrhunderten zürücklegt. Das kann aber nur möglich sein durch wirkliche — ich wage das Wort — brüderliche Zusammenarbeit! Unsere bisherige Zusammenarbeit war mir eine kostbare Genugtuung und dafür lassen Sie mich. Ihnen jetzt ein Wort sagen; Minen HMMn AM!" - Die Versammlung brachte dem französischen Ministerpräsidenten eine begeisterte, stürmische Ovation dar. Leon Bourgeois ging, aus den Arm Loucheurs gestützt, zu Mac Donald und Herriot und dankte ihnen herzlich. Kr- «der Mstvmmnng wurde die Resolution tmit den 46 vorhandenen Stimmen einstimmig angenommen. Hieraus vertagte Präsident Moita die Sitzung auf Montag vormittags. Mae Donald und Herriot aus Genf abgereist. Gens, 6. September. (Schweiz. Dep.-Agentnr.) Herriot -und Mac Donald haben heute um Wb 10 Uhr abends mit dem Expreß Athens—Paris Genf verlas sen. Herriot reift nach Belgrad'. Paris, 6. September. Herriot beabsichtigt, nach Beendigung der Völkerbundarbeiten nach Belgrad zu reisen. Dieser Besuch ist von großer Wichtigkeit und bezweckt einen Meinungsaustausch mit der Kleinen Echte nie. Herriot wird seinen Besuch voraussichtlich Ende, dieses Monates, auf jeden Fall aber vor Beginn der Herbstsession des französischen Parlaments in Belgrad abstatten. Vorher müssen jedoch wichtige Angelegenheiten, unter anderem die versprochene Gehaltsaufbesserung der Beamten und die Regelung der Höhen Lebensrnittelpreise, erledigt werden. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund. Berlin, 6. September. Wie ans Genf berichtet wird, soll' Herriot heutö in engerem Kreiftv die Erklärung abgegeben haben, daß einem Eintritt Deutschland s i n d e n Völkerbund noch tu dieser Session k e i> >n e Bedenken enigegettstanden. Auch der Gewährung eines permanenten Sitzes im Völkerbund r a t e, stäyden keine Bedenken entgegen, wenn alle Formalitäten erfüllt seien. Allerdings dürfte diese letzte Frage nicht zu einer Bedingung im Anträge Deutschlands gemacht worden. wmusBmamBmmmamBmmmmgMMMmuMmmmmmmnmmBBmBamaBB* Deutsche Politik. Eilte Erklärung des Reichskanzlers über die deutsche Kriegsschuld. Paris, 6. September. Die Ageuce Havas meldet aus Genf: Die Ministerpräsidenten Frarllveichs, Englands und Belgiens haben ein Schreiben des Reichskanzlers Doktor Marx erhalten, worin cs heißt, der Reichskanzler sehe sich in die Notwendigkeit versetzt, nunmehr die Erklärung zu veröffentlichen, wonach Deutschland jede Verantwortlichkeit für den Krieg zmrückweist. Der Reichskanzler fügt dern hinzu, die.Veröffentlichung sei verschoben worden, um den Gang der Londoner Verhandlungen nicht zu bohindern, und werde in der Politik Deutschlands keine Veränderung hillsichtlich der kürzlich in Llondon nnterzeichneten Verpflichtungelt nach sich ziehen. Gleich nach Erhalt des Schreibens ließ Ministerpräsident H e r r i o die deutsche Regtermch auf den s ch l e ch t e n Eindruck aufmerksam machen, den diese Veröffentlichung bei ihm Hervorrufen Würde urch alle Vorbehalte der französischen Regierung hinsichtlich der Folgen der Veröffentlichung vorbr'ngenI Ein Wolfs-Dementi. Berlin, 6. September. Wie das Wolffsche Bureau er» fährt, ist die Genfer Meldung der Pariser ,,J n f o r -m ation", wonach Reichskanzler Dr. Marx in der Frage der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund eilten Brief an dort französiischen Ministerpräsidenten gerichtet Habelt soll, unrichtig. (Havas meldet, daß Herriot, Mac Donald und Dhennis-den Brief des Reichskanzlers bereits erhalte^ haben!) __ Ae Stümpfe in China. v Rußland gegen die Schutzmaßnahmen der Mächte. London, 6. September. Die Hauptkräfte der Regie» rungstvupptzn sind nach den letzten Meldungen aus Peking etwa 20 Meilen nordwestlich von S cha nghai zur E ntfcheidung'sschlacht KUsammeWez.ogen worden. Die e n r o p ä i s ch e n T r u p p e n zum.Schutze Schanglhais sind v e r st ä r l t worden. Im Hasen sind 20 europäische Kviegs--. schifse versaMmeilt; überdies kreuzt in Sascho eine große iapanische Flotte,

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