Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1998 (6.9.1924)
- Date
- 1924-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Te'lti? 2 '' Wien, Sainstag . »i—-—--- tievertrages bezeichnete Lord Pamwor als u ndurchsührba r, weil er sich ausschließlich ans die. militärische Nt a ch t stütze. Er wüche den Völkerbund ln eine falsche Situation bringen und die Welt immer tiefer in den Sumpf des Militarismus hineinführen. Die Schiedsgcvichtsbavkeit stelle die einzige Lösung dar, die die Herrschaft des VöMervechtes befestigen könnte. Me Abrüstung allein sei keine ansreichende Grundlage für die Herstellung ei n Ljs wahren Friedens. Mer die AbvüstN'Ng in Dech'tndU'Ng mit der Migatovischen Schiedsgerichtstbarkeit und der Militärkontwlle reichten der weitem aus. Sie seien . von England und Frankreich Kr Bulgarien, O e st e rr eich und Ungarn in Kraft Gesetzt worden. Wem so der Böl-kechimdrat gewissemiaßen der Generalstab des Weltfriedens iverde, dann winden die Armeen und die miilitärrsche Gewalt schließlich von selbst ve rsch lw inden. Man müsse noch Geduld häben, alber man Wune nicht zweifeln, daß der Tag kommen wird, an dem der Friede endgültig triumphiert. Nachdem Lord P a r m oo r unter l e b h af t e m B e is all geschlossen hatte, vertagte Präsident Motta die Sitzung bis 4 Uhr nachmittags. In der Nachmittagssitzung ergriff der belgische Ministerpräsident Theunis das Wort zu einer längeren Rede. „Wir Belgier", erklärte Theunis, ,Lrnd ein srichliches Volk, und ich brauche nicht zu versichern, daß wir keine Pläne für Eroberungen verfolgen. Mr wollen nichts als den Frieden und die Sicherheit, aber diese Sicherheit darf nicht nur auf dem Papier stehen." Theunis erklärte dann seine Zustimmung zu den von Mae Donald und Herriot vorbereiteten Gedanken Wer die Schiedsgerichtsbarkeit, die Abrüstung und den Waffenhandel und sprach -werter: „Ich Meiste nicht daran, daß, lvenn die Großmächte die Klausel der Migatovischen Schiedsgerichtsbarkeit anmhmen, auch Belgien bereit sein wird, diesem Beispiel zu folgen. Dadurch wird die Kriegsgefahr sicherlich ' vermindert werden. Namens der kleinen Länder", sagte Theunis, „für die ich ja auch spreche, will ich nicht unterlassen, das Recht der kleinen Volker auf Unabhängigkeit und Freiheit <m dieser Stelle zu verteidigen. (Beifall.) Die Ergänzung zum Pakt, die auch für unsere Sicherheit nötig ist, liegt schon in dem Garantievertrag, der ittdefsen gewiß einige Fehler hat, aber immerhin verbietet, zum Kriege zu schreiten, ohne vorherigen Appell an ein Schiedsgericht." (Lebhafter Beifall.) , Nach der Rede Theunis' betrat der tfchecho-slowakifche Außenunnister De. Benesch bb Tribüne und wurde von einem nngewöhMch swrken Beifall empfangen. Dr. Benesch sagte, er fühle eine gewisse Berantrvortung für den schon früher und auch heute diskutierten Garautispakt. Es wäre doch gut, wenn man zunächst einmal ganz einfach nur von der Abrüstung sprechen würde, tiachdsm -durch lange und leidenschaftliche Debatten der Versammlung und speziell der-dritten Kommission festgefbellt sei, daß die Abrüstung untrennbar mit dem Problem der Sicherheit verbunden fei. Trotz der Altjerzcichttnug der Miau torischen Schiödsverträge habe man sich doch im Kriege gestürzt. Warum? Weil das Vertrauen in das gegebene Wort fehlte. ,M'ben Sie," rief Benesch aus, „der Wett das Vertrauen -wieder, daß wir alle das halten werden, was wir versprochen häbcn! Nur. so werden wir weiterkomme-n. (Leibhafter. Beifall.) Dieses Vertramn kann alber nur wiederhergeistellt werden, wenn auch Strafbeistimmungen auf einen Bruch gesetzt werden, mit einem Worte, wenn Sanktionen bestehen." . Am Schluß feiner Rede erklärte Benesch, man möge sich darauf einigen, der dritten Kommission alle Fragen der Sicherheit, den gegenseitigen Garantievertrag, die Antworten der Negierungen und die anderen Entwürfe überweisen. Weiter möge man die von Mac Donald beantragte Sonderlommission zur Vorbereitung der -Abrüstungskonferenz einsetzen; schließlich möge man das Schiedsverfahren und die obligatorische Schiedsgerichts'kla^nsel in einer Konrmission beraten, und zwar derart, daß matt darüber noch in dieser Versammlung zu einem faktischen Resultat komnien könne. Damit würde man eine Arbeit geleistet haben, die des Dankes der Völker gewiß iist. (Großer Beifall.) Sodann teilte Präsident Motta mit, daß noch sechs Redner eingeschrieben seien und daß er nicht die Absicht halbe, .diese außerordentlich wichtige Delbatte über die SicherhütsfragL im Völkerbund abzuschneiden, daß es daher vielleicht nötig sein werde, morgen noch zwei. Sitzungen abzuhalten. Die Kommissionen würden mit ihren Arbeiten am Montag beginnen. Pavis, der Nadiombörer. Paris, 5. September. Die Rede Herriots in Gens ist kn. Paris vom gesamten Ministerrat in den Räumen der obersten Postanstalt per Radio angehört worden. Die Uebertragnng war so ausgezeichnet, daß nicht nur jedes Wort, sondern auch die Zwischenrufe und die Beifallsbezeugungen vernommen wurden. Der Mi- Wiener Morgenzeitung. nisterrat hat an Herriot sofort nach Anhörung seiner Rede ein Telegramm gesandt, worin er feilte Genugtuung über die gute Aufnahme seiner Rede altsdrückte. Mue Donald verhandelt mit Stresemann über die Zulassung Deutschlands zum Völkerbund. ' London, 5. Septmber. Aus Genf wird den Blättern gemeldet: Es ist möglich, daß Premierminister Mac D o ,it a l d nach seiner Rückkehr nach London. mit dem deutschen Außenminister Stresemann >>wegen Zulassung Deutschlands zum Völkerbund verhandeln wird. Der Korrespondent des „Daily Herald" in Genf hatte eine Unterredung mit Mae Donald nach dessen Rede in Genf. Mac Donald erklärte: „Ich halte den B e itritt Deutschlands zum Völkerbund für un Leid i n g t e r f o r d e r l i ch. -Deutschland muß sofort anden Arbcitm.tejlnehmen,damit. die internationale Abrüstungskonferenz vorbereitet werden kann." Der Gewerkschaftskongreß gegen Knftige Kriege Hüll, 5. September. Der Gewerkschaftskongreß nähnt heute eine Entschließung an, wonach der Kongreß bei Auftreten einer Kriegsgefahr sofort einznberufen ist, um über eine Aktion in der Industrie zu entscheiden und mit Hilfe der Gewerkschäftsbeiwegung alles zu versuchen, um künftige 'Kriege zu verhindern. . Das Internationale Friedenrbnrean überfiedelt nach Genf. Genf, 5. September. Das «Internationale F r i e d e n s b u r e a u, das seinen Sitz seit der Gründung im Jahre 1691 in Bern hatte, ist nach Genf übersiedelt. Die MiliMkontrolle über Deutschland. Berlin, 5. September.' Die Reichsregiernng gibt bekannt, daß die Generalinspektion des deutschen R-üstnngs stände s am 8. d. beginnen wird. Die Reichsregiernng weist darauf hin, daß nach bindenden Erklärungen der Gegenseite, insbesondere des französischen und des englischen Mnisterpräsidenken das Ende der interalliierten MrlitärköntroEle in Aussicht stehe. Sie fordert daher die. Bevölkerung auf, sich angesichts dieser Verhältnisse aller feindsligen Handlungen gegenüber den Kontrollorganen zu enthalten. Deutschland soll das Washingtoner UebereinkoMmen ratifizieren. Bern, 5.'^chtemher-M'e^Abbeitsminister von Gr o ß b r i t a n n i.e ü, Fwä.n kr e i-ch, B e-il gien und Deutschland werden am nächsten Montag hier zusammentreffen,um eine Aussprache über die Ratifikation des Washingtoner Uebereinkommens betressend die 4L-StundLN-Woche zu pflegen. La» Kontrollkomitee für Ungarn. ' Ein Italien«, Präsident. (Eigendienstder,,-Wiener Morgenzeitung".) ' Pgris, . 5.. .September. Die Reparatronskommifsion beschloß, daß das Kontrollkomiteee für die Wiede raufrichtung Uttgarns, das durch die Mnfex Protokolle vorgesehenist, aus den Vertretern folgender Länder zu beftchen habe: England, Frankreich, Italien, Rumänien, Südflavien und Tschecho-Glowakei. Die P räsid entschaft wird dem italienischeu, die Vizep.räsidentschaft dem südslawischen Vertreter eingeränmt. Verhaftung eines Rathenau-Mörderr. Berlin, 5. September. Nach einer Meldung der ^Deutschen Allgemeinen. Zeitung" wurde in Jena der Bankbeamte Werner Huld, als er der Beerdigung seines Vaters beiwohnte, verhaftet. Huld war seinerzeit wegen B egünftigung des Nathenau-Mordes verurteilt worden und hatte sich durch F l u ch t der Verbüßung der Strafe entzogen. Hitler wird am 1. Moder freigelafien. (Eigendienst der „Weiter Morgenzeitung".) Berlin, 5. SepteMer. Ado'ff Hitler wird, wie aus München anitgieteiXt wirb, am 1. Oktober aus der Festung Landsberg entlassen werden, weil er nur ein halbes Jahr Festung zudiktiert erhalten hatte. > * Aaüiiernng der Spdofition gegen Mussolini. (Elgendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Rom, 6. September. Die Parteileitungen der Oppositionsparteien sind zur Prüfung der Frage zusammengetreten, in welcher Weise d i e Z u s a m m e n a r b e i t d e r Opposition verstärkt werden könnte. Die unitarischen Sozialisten haben d i e .B i l d u n g eines Zentralkomitees der Oppositionsparteielt vorgeschlagen. . eine »athenische NniverMt ln Kraka«. Warschau» 4. September. (P. T.-A.) Um den kulturellen Bedürfnissen der Staatsangehörigen ruthenischer (ukrainischer) Sprache zu entspreche», hat die Regierung beschlossen, in K r a k a u v o r Ü b e r g e h e n d eine Universität zu errichten. Eine paritätische Kommissio n, der p o l n i s ch e und r u t h e n i s ch e Professoren sowie ein Vertreter des Unterrichtsministeriums angehören, soll sich mit der Errichtung dieser Universität befassen. .8. September 1924 Nr. 1900 Die Kiinchse in Wna. Washington, 5. Sepite-mber. Nach einer Mitteilnug des amerikanischen' GeneraWonsuls in Pe>ki>ng an das Staatsdepartemenit wurden in Schanghai fva>nzöstsche, amerikanische, englische und japanische Matrosen gelandet, um das Anslands vierieI wirksam zu schützen. In S changhai Hai sich ein Freiwilligeinko rps der Ausl ander gebildet, das die Maivoßen bei idex Absperrung des AusländerviertÄs untevstützt. Die kämpfenden Truppen stehen vierr M e i l e u vor der Stadt. Nach den letzten Meldungen aus Schangihai sind die Truppen der Provinz T s e k rang in den ersten Känrpfen an zwei verschiedenen Punkten g es chlageu «worben.. Sie befinden sich auf. dem Rückzug und werden von den Truppen von Kiangsu verfolgt. Ihre Versuche, Schanghai wieder einzunehmen, sind erfolglos geblieben. Der MNtärgouverneiur der Mandschurei, Marfchall Dsang Tfo Lin, hat ein Ultimatum an Win. Pen Fn gerichtet, in dem er erklärt, er werde, wenn die Operationen gegen bie Provinz Dsekiang nicht sofort eingesMt «würden, zu ihren Gunsten intervenieren. Der Krieg in Marokko. Die Spanier räumen. (EigeMenst der „Wiener Morgenzeitung".) ' London, 6. September. Nach telegraphischen WköMn» gen aus Madrid hat die Lage im Marokk-o eine weitere Verschärfung erfahren. Das Direktorium ea> üvägt ernsMch den Gedanken der Räumung Marokkos. Es verlautet, daß Primo de R i v e «r a für einen ehrenvollen Rückzug der spanischeu Truppen «ist, da sie einem allgemeinen Aufstand der an Zahl «weit überlegenen eingeborenen Bevölkerung gegenüberstchen. Dieses schmähliche Ende des Krieges, den dev DWaitor zur Hebung seines Prestiges beg>onnen und der Spanien schwere Opfer gekostet 'Hat, wird wohl in Spaniennicht ohm Rückwirkung auf die innerpoMschen Wechaltnifse blechen. Die „Diktatur" fühlt sich auch sehr unbehaglich. Das Direktorium «hat die großen WMchkeiten,- die für de» 13. d. aMßlich des Jahrestages der Regierung. Übernahme durch Rivera geplant waren, absägen lassen. Znland. Dr. Seipel führt nach Senf. Die' Völkerbumbdelegierten hielten noch geskerm Mrmittags eine Plenarberatung ab, der auch GvMralkommisfäv Dr. Z i m m e r m a n und FinanMinister Doktor Kienböck beiwohnten. Mchmittags «tagte «nüter Vorsitz des Bumdeskamzlers Dr. Seipel ein längerer Mini st e r r a t, der sich mit den laufende Angelegenheiten befaßte. Die VölkevbUnddelegierten reisen helÄe mdrgenis nach Genf ab. Voraussichtlich werben die österreichischen Delegierten, Außenminister Dr. Grünberger, Fimmgmin'ister Dr. Kienböck Und SektionZchef Dr. S chül-- ler morgen abends unter Führnng des Bundesk a n z l e r s D r. S e ip el, der sich entschlossen hat, vor dein Völkerbund die Sache Oesterreichs persönlich, zu vertreten, die Lieise nach Genf antve«ten. Die Handelsvettragsverhandlangea mit Jugoslawien. Beginn am 11. September in Wen. Belgrad» 5. September. (Avala.) Die Plenarsitzungen der ö st e r r e i ch i s ch e n und der j u g o s l a w i s ch e n Delegierten für den Abschluß eines Ha«delSvertrage-s werden am 11. d. in W i e n SeglMen. Sie Beendigung der Zollberatmg. Die kurze Zollsession des Nationalrates ging gestern' zu Ende. Das Haus hat sich, nachdem 'die' restlichen Zoll- Positionen ohne wesentliche Aenberungen in beiden Lesungen beschlossen worden waren, auf unbestimmte Zeit vertagt. Das Parlament wird vermutlich erst am 10. Oktober wieder zusammentreten. Einige Tage vorher werden die Atlsschüsse Beratungsmaterial für das Plenum verhöndlungsreif machen. Im Herbst soll die Klernrentnerfrage gelöst und die schon «lange dem Hause vorliegenden- V e r w a l t u n g Areformentw ürfe endlich erledigt werden. Zum Zolltarif ergriff gesternnur wehr der so^ialdemo-. kratische Abgeordnete Strunz das Wort, der die. Geratung der Eisenzölle dazu benützte, um den schweren Konflikt in der Metallindustrie zu 'besprechen. Schließlich nahm das-Haus noch einstimmig in beiden Lesungen das handelspolitische Ermächtigungsgesetz an, durch das die Re'gi>emng ^bevollmächtigt wird,' Verträge über die Regelung der Handels- und Berkchrsbeziehnngen nrit dem Ausland in kurzem Wege, nur nach Anhörung des Hauptausschusses bis Jahresende 1924 in Kraft zu setzen. Die Christlichsozialen wollten, daß die jetzige, etwa drei: bis vier Wochen währende Parlamentspause nicht ungenützt. verstreiche. Sie schlugen vor, einen Unterausschuß einzusetzen, der über den Antrag des Abgeordneten Reiner auf A e n d e r u n g des.M i e t e r s ch u tz g e s e tz 'e s, während der Parlanreutspa-use beraten soll. Die Sozialdemokraten lehnten diesen Vorschlag ab.; ,