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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-06 · Heft 1998 (6.9.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1998 (6.9.1924)
Date
1924-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IPolen 20aroszy| Wien: Zum Abholen in 6er Expedition, II. Tabor str. 1-3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 40.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 40.000 Tschecho-Slowaket: Mon. K18. Jugoslawien: Mon. DinaröO. Polen: Mon. S1/* Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, F r a n k r., Belgien: Mon. Frcs. 12 DV Neehtehlungea -WW bei PrewerJiohuoeen Vorbehalten Rk. 1998 Mrs. Samstag. 6. September 1934 ) Preis K 1400 England: Mon.4Schilling, Italien: Monatl. 12 I ire, Rumänien Mon. 150 Lei, Bulgarien Mon. 80 Lewa. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3*19, ab6Uhrabds.21«102,25-282 IX. Uni versitätsstr. 6—8 (Druckerei Steinfaann) Oesterreichisches Postspar» kassen-Konto Nr. 150.693 mmammm 'ii i 6. Jahrgang Uebereinstimmende Reden Hmiots, Calandras. Lord Parmoors. Theu« nis' und Zr. Benesch' vor dem Völkerbund. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Km Verbrechen der Eozmldemokratie. 8t. W i e n, 6. September. In der Zeit vor dem Weltkriege hatten die Führer der sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft den Grundsatz gepredigt, daß, wie alle Fragen, auch die Frage des Weltfriedens eine Klassenfrage sei. Nur das organisierte Proletariat kann und wird Kriege verhindern. Dann kam die Probe aufs'Exempel,' der Weltkrieg, und mit ihm der augenfällige Beweis, daß es unvernünftig und vermessen ist, einer einzigen Klasse — sei es auch die stärkste und zahlreichste — die Lösung des größten Menschheitsproblems als Monopol Vorbehalten zu wollen. Der Weltkrieg hat in allen beteiligten . Staaten mächtige und miteinander eng verbundene sozialdemokratische Organisationen vorgefunden und ist mühelos über, sie hinweggegangen. Die Kriegserklärung hat die'Resultate dreißig- und vierzigjähriger Klassenerziehung 'einfach weg gelöscht. Die. in der Literatur, ans Kongressen und Konferenzen gehegte und gepflegte Legende von der alle Schranken zerstörenden Solidarität des Proletariats war im .Ru zerstoben. Die Vertreter der organisierten Arbeiterschaft haben loyal und fast ohne Zauden den Machthabern ihrer Länder die Kriegskredite bewilligt und die Gewerkschaftsgelder in Kriegsanleihe verwandelt. Die international organisierten Arbeiter haben widerspruchslos Kanonenrohre und Granaten gedreht, und Giftgasbomben montiert. * Der ihnen, wohl bekannte. Umstand, daß . Ms§ WeM zeuge für die Pernichtung von Klassen- und Gesinnungsgenossen bestimmt waren, hat ihrer Schaffenslust keinen- Eintrag getan. Die gut gezahlte Arbeit ging ihnen flott von der'Hand. Hier und dort versuchte ein sozialistischer Einzelmensch den Massen das alte Programm von der alle Schranken durchbrechenden und alle versöhnenden Solidarität des internatio.nalen Proletariats in Erinnerung zu rufen. Er blieb ein Rufer in der Wüste, ein Einzelner. , Nur der Staatsanwalt, kümmerte sich um ihn. Nirgends war von den allerletzten Monaten vor dem Zusammenbruch abgesehen — auch nur'der Ansatz einer sozialistischen Massenbewegung gegen das Kriegstreiben, auch nur der Versuch einer organisierten Kriegsdienstverweigerung'zu vermerken. Lediglich, in den Köpfen der geschlagenen deutschen Generale, welche eine Entschuldigung ihrer Niederlagen konstruieren wollen,, spukt das Märchen von erfolgreichen sozialistischen Uni- , trieben, welche zur Lockerung der Disziplin und Zer-' mürbung der Front geführt haben sollen. In Wirklichkeit hat es so was nirgends gegeben. Bisher hat sich an der Haltung der Führer des sozialdemokratisch organisierten Proletariats nichts geändert. Sie verharren in feindlicher Haltung gegenüber allen. Bestrebungen, den VölkersriMn zu sichern, soferne diese Bestrebungen außerhalb des Rahmens ihrer Organisation wirken. Sie verharren vor allem in feindseliger.' Stimmung gegenüber dem Völkerbunde, den sie in den Augen der Arbeiterschaft herabzusetzen bemüht sind, den sie. immer und immer wieder als lächerlich und gefährlich, als Werkzeug. großkapitalistischer Intriganten. kennzeichnen. In dieser Hinsicht sind sie treue'/Schüler der Bolschewiken, welche aus der West nichts so hassen wie den. Völkerbund. War diese Haltung der'Führer des Proletariats vor dem Kriege beschränkt/ und .töricht, so ist sie heute verbrecherisch. Es ' ist und bleibt ein Verbrechen, engstirnigen Erwägungen zuliebe das Eindringen des Bölkevbundgüdankens in die Massen des mbeitenden Volles zu verzögern oder zu verhindern. - .; . - Bei den ' Führern der kontinentalen Sozialdemokratie ist, wie gesagt,' boiteiner Einkehr wenig zu merken. Aber. aus England kommt die'Kunde von einer entscheidendew 'Wendung zum/ Güten. Der eben tagende Gewerkschaftskongreß, welcher'die Delegierten von fünf Millionen englischer Arbeiter-vereinigte, hat' beschlossen,' die Propagandafür/den- Vöffepb.undgedanken unter den arbeitenden Massen energisch aufzmrelhmen.' Zahlreiche. / Demonstrationen - und- Versammlungen,' die' einzig und allein der Erörterung der Zwecke und Ziele des Völker-' Hundes gewidmet.sind,.-werden bereits in den.nächsten Tagen vtzrärfftaW.'.-Die' ÄV^ert erfolgt gemeinsam mit/ den bürgerlichen- Freunden -des/ Völkerbundes und Vertretern der britischen Völkerbundliga, der bis nun die; sozialistisch srganijterteL UMiteL nicht angehörten, - Genf, 5. September. Der Andrang des Publikums zu der heutigen Sitzung war womöglich Wch größer, als zu der gestrigen. Die Sitzung begann um halb 11 Uhr. Präsident Mott a erteilte sofort nach Eröffnung - der Sitzung Herrrot das Wort, der seine Rede mit dem- Ausidmck der Freude darüber einleitete, daß er das Wort Frankreichs auf dieser' Tribüne sprechen könne, eines Frankreich, das niemals etwas anderes als den Frieden und ein Leben in Ruhe und Sicherheit gefordert halbe. Unter stürmilschem Beifall der Versammlung eriklärte Herriot weiter: ,Mir sind alle gkeichberechtigte Völker, vomkleinsten' bis zum größten, um uns geigen die Geister des Krieges zu stützen und das Ende dieser unmenschlichen Pavbarei heckeizufühven, wie sie der letzte Krieg war. Der BölkeNbund haf zwar seine ganze. Autorität noch nicht durchgesetzt, aber doch schon viele in ihn gesetzte Hoffnungen erfüllt. . Dann kam Herriot aus den berühmten - ' Garantiepakt .sprechen': an diesem Ver-^ tMgsmtwurs sei gMeM-ckaßdev" den Krieg als ein i n t e rna-t'i o-naI-e s ' V erb re che'«- gestempelt habe. Dagu kann nur der von meinem lieben Freund Mae Dona-ld geistern in die Debatte geworfene. Gedanke einer obllgatorischen Einführung der Schiedsgerichtsbarkeit als K o rrektur dienen. Wir wünschen, daß aus dieser 81« Attentat auf den polnischen Präsidenten. Mojeiechowskr unverletzt. —Ein Attentäter verhaftet. Lemberg, 5. September. (Tschech. Pveßbur.) Heute nachmittags, , als der Präsident der Republik Woje i e chowski nach der Eröffnung der L e m b er g e r Ostmesse nach dem Gebäude der Woiwodschaft fuhr, wurde aus der Menge gegen das Automobil des Präsidenten eine Peparde geschleudert, welche in der Entfernung von einten Schritten nur schwacherplodierte, da der Inhalt noch vor dem Ausfallen verschüttet wurde. Weder der Pr8sident noch irgend jemand von dem Begleitpersonal wurde verletzt. Ein Attentäter wurde verhaft e t, die übrigen konnten flüchten. Der verhaftete Attentäter ist ein in Wien studierender H o ch s ch ü l e r namens Steiger, der Sohn eines Glasermeisters aus Lemberg. Der. Präsident der Republik begab sich nach dem Attentat in das Gebäude der Woiwodschaft. Beim Eingang des Gebäudes wurde er von der dort wartenden Menschenmenge lebhaft begrüßt. Zu dem Attentat meldet die Polnische Telegraphenagentur: Während des Aufenthaltes des Präsidenten der Republik Wojciechowski anläßlich der Eröffnung der Lemberger Ostmesse Wurde gegen das Auto des Präsidenten emo Petarde geschleudert, die nur schwach hinter dem Automobil explodierte. Es sind keine Opfer des Attentates „zu verzeichnen.: Ein Attentäter wurde verhaftet, zwei ändere sind geflüchtet./ wertwn bei d'en'Versämmlüngen als' Redner Mitwirken.. /Dieser Umschwung der.-Meinung in den Kreisen der /engliHen-NGeWfDMMgMiß nicht leicht zustande- . gekommen/.NöchJor Mstigen Mowatzn hat.der Arbeiterführer utzd^WMDMMtzst'sWe'.DonaÄ mit bösen!Horten.', das! ^hm.> äügetrag'ene Mandat eines BizespHDeistE'dH',//enM^n^WsteMmdlig-. abgelehnt. j.Heüte.' arbeitetsWne .Organisation, mit der von ihm so Li/hä.'Ma-^'Men'..urck. er selbst wirkt sitt. GeH rüHaltlos iiyd.mil dem ganzen GÄvicht seiner Regierung M feinet:' Partei', für die Kräftigung und fünften Völkerbundversammlung die allgemeine Anerkennung des in dem amerikanischen Entwurf schon zum Ausdruck gebrachten Gedankens hervorgehe, wonach als der Angreifer derjenige gelten' solle,' der e sableh nt, sich einem Schiedsgericht im Falle eines Konfliktes zu unterwerfen. (Wiederholter minutenlanger Beifall.) Er sei voMommen damit einverstanden, daß die Klausel der obligatorischen Schiedsgevichtsbarkeiit für alle Staaten annehmlbar gemacht werde,-denn dadurch würde ein wesentlicher Fortschritt -erzielt werden. Herviot erklärte sich weiter mit dem Gedanken Mae Donalds, eine Abrüstungskonferenz einzubemfen, einverstanden. In bezug auf Deutschla udsprach sich Herriot nicht bestimmt aus. Er sagte nur, daß der . zerstörende Militarismus in Deutschland nun endlich selbst zerstört sei.. Frankreich kennt keinen Haß!", ruft Herriot..in die Beüsammlsnng, „Frankreich leibt in keinem Haß und wünscht auch keinen Haß zu'befunden!" Am Schluß seiner R^de kam Herriot noch eimnäl davau>f zurück, daß man mit Haß niemals den Haß anderer bMmPfen könne, daß man nur durch die Rückkehr ' zum normalen Austausch der Gedanken und der Güter den Völkerkrieg -vermeiden könne. Frankreich wolle allen Ländern die Hand reichen und wünsche mit allen in Eintracht und im Einvernehmen zu leben, damit die Zivilisation ihre höchste Blüte endlich erreiche: den Frieiden. Die Versammlung brachte Herriot. nachdem er geendet'hatte, eine begeisterte, stürmische Ovation dar. Nach Herviot ergriff der frühere italienisch^ Ministerpräsident Salandra das Wort. Er stimmte dem Vorschlag Mae Donalds zu, eine Kommission für die Besprechung der Abrüstungs- und Schiedsgerichts frage eilt* Metzen, erklärte aber, daß heute noch kein Land auf Machtmittel. verzichten könne.. Das S ch reds gerich tsverfahren müsse, wenn es wirkungsvoll sein solle, die Möglichkeit zu Sank ti oneu geben, da man sonst keine Gewähr für die Durchführung der SchiedAjPrüche hält? Nach Salandra ergriff Lord Parrnoor das Wort. Er erklärte, er spreche unter dom Eindmck der ' großen Rede Herriots. Wenn Herriot gewünscht habe, >daß die kleinen Nationen gleichberechtigt seien mit den großen, so müsse man die militärische Macht ausschalten, denn diese bodm'te die Aufrechterhaltung der Vorherrschaft der großen. Die Formel für die Anerkennung der Migatorisch>en 'Gerichtsibarkeit des iuternatio-nalen Gerichtshofes stelle ein Prinzip dar, das anzuerkennen die Völker sich verpflichten müßten. Lord Parmoor bekennt sich durchaus. zu Herriots Definition, wonach derjenige als Angreifer gelten soll, der die schiedsgerichtliche Entscheidung a b l e h n e. Wer sie ablehnt oder wer - sie nicht aussührt. den müßten aber auch die SanWonen ^des VMerbundpaktes treffen. In der Frage einer internationalen Abrüstungskonferenz gche er noch weiter als Herriot. Diese Konferenz müßte vom Völkerbundrat selbst einvernfen wecken. Den Entwurf eines geg enseitigen Garan- Ausgestaltung des Völkerbundes.- Engländer sind sonst zähe und im Denken konservativ. Man brinat sie nicht leicht von der Stelle. Die rasche. Wandlung ist ein Beweis der unvergleichlichen Stärke des hohen. Gedankens vom Völkerbünde. Auch die Führer der kontinentalen Sozialdemokratie werden ihm auf die Dauer nicht widerstehen können. Es ist zu wünschen, daß sie back dem Beispiel ihrer englischen' Genossen folgen. Ein langes Zögern wird ihnen wenig Ehre und der Menschheit wenig Nutzen bringen.

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