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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-04 · Heft 1996 (4.9.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1996 (4.9.1924)
Date
1924-09-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1996 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeittmg. 4. September 1924 Sie NnsfubPolttlk der Ratloaalbaal. Eine gestern rin Natronalrat von den Großdeutschen Überreichte Anfrage bekrittelt, die Erhöhung des Zinsfußes der National-bank auf 15 Prozent und bezeichnet sie als in den österreichischen Wirtschafts-Verhältnissen durch r.rS nicht begründet. Die Regierung bringe die Bevölkerung um einen großen Teil der Auswirkung der Samerungspolitik auf wirtschaftlichem Gebiete, wenn sie den I n fla t i o n s z i nsfu ß weiter dwlide. Sie muß ebenso wie bei ihren übrigen Maßnahmen alle Energie «ustvenden, um endlich einen der Stabilisierung der Krone entsprechenden Zinsfuß zu schaffen — Die Interpellanten stellen an die Regierung die Anfrage:,/Welche Maßnahmen gedenkt die Bundesregierung zu ergreifen, um den trotz der Stabilisierung d°r Krone noch immer herrschenden Jnflationszinsfuß zu beseitigen und einen der stabilisierten Krone entsprechenden landesüblichen Zinsfuß, der den Bedürfnissen der Bevölkerung und dcr Produktion entspricht, zur Geltung zu bringen. Las hmdelspolMfche ßrmöchtigimgsgefrtz. In der gestern vormittags stattgefundenen Sitzung des Ausschusses für Handel und Gewerbe wurde das B u n-- desverfassung'sgesetz über die Regelung der Handels- und VerkehrsbezieHungen mit auswärtigen Staaten angenommen. Das Gesetz wird morgen vom Mtionalrat beschlossen werden. Lie Richtlinien für de« Abba« bei Telephon und Telegraph. 300 Angestellte müssen avgebaut werden. Beim Telephon und Telegraph wird jetzt energisch an die Durchführung, beziehungsweise Vollendung des Abbaues geschritten. Die Abbaubestrmmuugen beziehen sich nur auf die Telegraphenverwaltung, ohne Post. Die vorgeschriebene Abbaüzahl beträgt hier 360 Personen. 79 Bediensteten mit ungenügender Qualifikation wurde bereits gekündigt, sie werden entlassen. Der Abbau wird nach fünf Punkten vorgenommen, und zwar ist maßgebend: Die Qualifikation, das Ergebnis der amtsärztlichen Untersuchung (bei Marodeuren), die wirtschaftliche Stärke des Angestellten, der Familienstand (ledig oder verheiratet, wobei jedoch auch.die ledigen Erhalter von Eltern, Geschwistern usw. berücksichtigt werden) und schließlich jene Substituten, welche seinerzeit den Anstellungsbedingungen nicht voll entsprochen haben. Auf die übrige Angestelltenschaft will man erst dann greifen, wenn die ersteren Punkte der Abbaubestimmungen nicht die vorgeschriebene Zahl der Abzubauenden erreichen würde. j Heute S ■ Donnerstag den 4. September, »/,8 Uhr abends, spricht S J Herr ■ | Rabbi J. L. Fischmann j , .(Jerusalem) , J Mitglied der Misrachi-Exekutive in Palästina 2 ■ im Festsaale des ■ S Hotel Continental! ■ II. Taborstrasse 8 2 ■ ■■■■■■■■■■*■■■■■)■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Ausnahme des InlandradioSIenfter am 1. Moder? Generalpostdirektor H o h e i 8 l hat bei den Parteiführern im Parlament Vorgesprächen, um eine beschleunigte Erledigung der mit Zustimmung des Hauses zu erlassenden Verordnungen, betreffend den R a d i o d t e n st, zu erzielen. Auf Grund der ihm von den Parteien gemachten Zusagen hofft die Generaldirektion für Post, Telegraphen- und Fernsprechwesen den Jnla'ndradiodienst am 1. Oktober voll aufnehmen zu können. Re letzte« Kurse. (Rcrdiodienst der „Wiener Movgenzeitung".) London. 8. September. Effektenkurse: Oesterreicküsche Anleihe 92, Tschechische Anleibe 101,5V, Prager Anleihe 90.50, Skoda 9,—, Bankverein 8,—, Bodenkredit 18, Central Mining 11,—, General Mining 11,8, Dtamonds 17,6, Debeers 11,687, Rio Tinto 29,25, Royal Dutch —,—, Shell —. London. 3. September. Devtsenicklußkurse: Wien 319.500, Prag 149,50, New-York 4,48,75, Parts 02,92* #, Brüssel 88,37V,. Rom 101,12%, Zürich 23,82'/-, Madrid 33.87'/,. Lissabon 1,59. Amsterdam 11,60*/,, Kopenhagen 27,375, Christiania 32,475, Stockholm 16,875, Helsingfors 179, Rio de Janeiro 5,25» Bukarest 910 Berlin 189V., Athen 27,5,50. Wechselkurse: London 38.65. Netv-?)ork 18,85, Brüssel 94,10. Holland 719, Schweiz 371, Italien 82,50, Prag 55,60, Bukarest 9,85. Paris, 3. September. (Radio.) Effektenschlußkurse: Banane de France —, Pragobanka 400,—, Credit Lyonais 16,92, Suez 14,750, Platine 860, Dabrowa 714, Banque Ottomane 812, Central Mining 926, Rio Tinto 29.40, Le Navhta russe 417, Sncceried Egypte 1045, CautschoucS fin 147,—, Chartered 48.25, Debeers ordin. 1007.—, Goldfields 84,75, Huanchaka? 330,—, Jägers Fontain 253 50, Malacca ordin. 154,—, Maltzoff 468,—, Mexican Eagle 81—, Padanq 374,—, Rand Fontain 79,—,Randmine 245,—, Silva Vlana156,—. Tanaanyika 173,-. Tubice soie 624 -, Utad Cevper 1543. Shell 339,-, Royal Dutch 24,700. Burmah —.—, Bakou 27,40. Dew-Nork, 3. September. Effektenbörse Atchinson 104,50, Baltimore 63,25, Canadian Pacific 143, Cbeasepeacke 86'/», Eari 29,50, Greath Northern 67. Milwaukee 16'/s, Northern Pacific 66*/*, Union Pacific 142*/*, Union Steels 109,50 Royal Dutch 43.25, Southern Pacific 95'/,, New-Bork, 3. September. (Radio.) Devisens ch lußknrte: Taageld 2*/4, London 4.4,76, auf 60 Tage 4,44,75, Paris 5,35, Amsterdam 38,53, Prag 3. Berlin 23'/„ Silber 68,75. Anton Bruckner. Zum hundertsten Geburtstag. Man hat ihn oft den Musikanten und Organisten des sieden Gottes genannt. Die Künstler -und na-men^lich die Tondichter stehen ja dem -lieben Herrgott näher als andere Sterbliche. Schon aus -den -geistlichen Werken des alten Johann Sebastian Bach, der gerne theologische und Erbauungs-bücher las und sich an mystischen Traktaten ergötzte, spricht eine tiefe angeborene Frömmigkeit und Gottesfehnsncht. Vater Haydn bat Gott, als er die „Schöpfung" schrieb, täglich ans den Knien, ihm die Kraft zur glücklichen Ausführung des Werkes zu verleihen, und machte, als die Zuhörer bei der Stelle „und es ward Dicht" in Beifall ausbrachen, mit den Händen eine Be-wegung zum Himme-l nnd sagte: „e's kommt von dort". Viel umfassender, gewaltiger -und zwiespältiger ist die Re- Ugioisität. Beethovens, der sich als moderner Mensch mit zerklüftetem Inneren trotzig gegen das Schicksal auflehnte wnd iit ferner großen Messe noch mitten in die rührende Bitte nm inneren und äußeren Frieden hinein kriegerische Pauken schlüg e und Trompetenrufe ertönen läßt. Und gar Gustav Mahler, der den Glauben seiner Väter verlassen hatte und im Katholizismus sein Heil nicht fand! Sein Leben lang rang er mit dem Dämon seines Inneren, drang in seinen wunderbaren Natursch'Äevuingen bis an die Grenzen des Pantheismus vor, und als der verzweifelte Gottsu-cher schließlich -in feiner gigantischen „Achten" den Versuch machte, den mittelalterlichen katholischen Hymnus mit dem zweiten Teil „.Faust" zusam-menzuschweißeu, erreichte er nur eine völlig äußerliche barocke Schilderung des Jenseits. Die Tragik des Assimilanten! Me anders Anton Bruckner, der „halbverrückte G'hilf", wie man ihn in Windhag nannte. Er blieb auch als Konservatorinmsprofessor, als Lektor und als EJendoktor der Wiener Universität -das kleine weltfremde Sorfschulmeisterlein und das große Kind. Ein gehässiger Kritiker schrieb, Bruckner komponiere wie ein Betrunkener, und hatte irgendwie nicht unrecht. Denn die Adagios seiner Symphonien, deren Nennte er dom lieben Gotte widmete, sind trunken von Gott. Das liebe Himmelslicht bricht sich hier an gemalten Kirchenscheiben, eine ganz wunderbare Mischung von Mittelalter, Barock '.und Klassizismus, von Religiösen!, Pastoralem und Volkstümlichem wirkt in seinen h'mrrllisch langen Symphonien, deren formales Gefüge sichm den Alterswerken immer mehr lockert, wogegen sich der Ansdruck immer noch Zweiter vertieft. In ihnen lebt die Pracht und die Feierlichkeit der österreichischen Barrcke: ins Große nnd Weite gespannte Perioden, freiere Tonalität, freie Variationen nnd Kontrapunktieru>ngen' bei Wiederkehr -der Themen, die feierlichen Orgelpunkte, kanonischen Führungen, Vergrößerungen, Dehnungen und Umkchrnngen, Fugen und andere aus der Orgel heraus geborene Kontrapunktkünste, und namentlich die einzigschönen, we-ltadgewandten Ausklänge der Adagios und marschartigen Themen in den Finales sind Kennzeichen der Symphonien. Zu feinen Befonderheit-en zählen auch die vielen Generalpcmsen, die bald ein Aus ruhen, bald eine Steigerung, bedeuten. Bruckner selbst äußerte sich über diese Pansen zu seinem Schüler Artur Nikilcb. der durch die Aufführung der ,-Siebeuten" im Leipziger Gewandhaus Bruckners Weltruhm begründete: „Ja sehen Sie, wenn ich etwas Bedeutungsvolles zu sagen Hab', muß ich vorher Atem schöpfen". Erst als Vierziger begann er Symphonien zu schreiben und vermochte sich nur schwer gegen Hanslick, Brahms- Kult und Indolenz du rchzu setzen. Gelegentlich klagt er in rührender Weise: ,,Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann erzählt der Welt, was ich gelitten Hab' und wie ich verfolgt worden bin." Doch der demütige unterwürfige Mann, der vor dem gestrengen Herrn Hanslick zitterte und sich in Respektbczeignngen und tiefsten Verbeugungen r'emals genug tun konnte, der einfältige Öberösterreichische Bauer, der außer der Bibel oder einer Reisebeschrcibnng kaum jemals, ein Buch las, der mit seinem großen Schlapphut aus dem ■ Bauernschädcl, mit seinen absonderlich breiten und zu kurzen Hofens mit seinen aufae krem Velten Aermeln. der oft aufgeknöpften Weste und dem mächtigen farbigen Schnupftüchel im Wiener Stadtbild eine kölnische Figur war, veränderte sich niit einem Schlage, wenn er sich an die Orgel l-efite. Wie ein alter Mystiker psieg er da in überirdischen Klängen mit feinem Herrgott Zwiesprache, fein Auge sah den Himmel offen, ein glückseliges Lächeln verklärte und verschönerte W«, schwerfälliges Gesicht, und wenn er geendet hatte, brauchte er lange, bis er ans die Erde wieder zurückfand. So war denn auch dem Organisten der Erfolg beschieden, der dem Symphoniker so lange versagt blieb. Und dies nicht nur in St. Florian in Linz und in Wien: auch in den Kirchen von Nancy nnd Paris und in den größten Konzertsälen Londons lauschten Tausende -und aber Taufende seinen genialen Orgllimprovisa-tionen. Tagesbericht Vas Rätsel. (Aus dem. Kleinrussischen deS I. Sokolow-Mikitow, übertragen von Grete N e u f e l o.) Ein Bauer hatte drei Söhne und drei Schwiegertöchter. Die Söhne lebten in Eintracht lniteinander und sie erwiesen dem alten Vater alle Ehre. Die Schwiegertöchter hingegen zankten in einem fort und die Folge war, daß die Wohnung nie in Ordnung war und auch die Mahlzeiten nie zur Zeit fertig wurden. Als die Weiber dem Alten schon stark zuoesetzt hatten, berief er die Söhne zu sich und sprach: „Wir vier leben in Eintracht miteinander, aber unter euren Weibern herrscht kein Friede Es ist Zeit, daß es anders wird... Ich werde den Weibern ein Rätsel aufgeben, und die mir die beste Lösung sagen wird, soll die Aekteste und Herrscherin im Hause sein. „Wie lautet das Rätsel?" „Das Rätsel lautet: Was ist am weitesten zu ver nehmen?" Am nächsten Tag ließ der Alte die Weiber zu sich kommen und er fragte die erste: „Nun, sage mir einmal, Marie, was ist am weitesten zu vernehmen?" „Das Krähen des Hahnes ist in der Früh am weitesten zu vernehmen." „Das Krähen des Hahnes ist weit zu vernehmen," bestätigte der Alt«. „Nun, und du, Asfrossija, was sagst du?" fragte der Alte die zweite. „Ich denke, das Bellen des Hundes ist noch weiter zu vernchmen." „Stimmt," entgegnete der Alte, „der Hund ist noch weiter zu vernchmen. Nun, und was meinst du, Kleine?" „Ich meine, am weitesten ist Brot und Salz zu vernchmen. Wer den Durst stillen und den Hunger sättigen kann von dem wird überall gesprochen." Der Alte überlegte. „Du hast richtig geraten, Brot und Salz ist auch aiy ein« Entfernung von tausend Werst zu vernehmen. Du bleibst also Herrscherin im Hause." Und von dieser Zeit an lebten sie friedlich und in. Eintracht miteinander, sich gegenseitig als Musterbild dienend. - kl« Poüzeiwachtmeister als Raubmörder. Nach einer Mitteilung des Berliner Polizeipräsidiums wird der 35jabrige Polizeioberwachtmeister Gustav R e b s d a t aus Hannover unter dem dringenden Verdachte verfolgt, am 21. Juli d. I. in Berlin-Charlottenburg die 63jährige Witwe Luise Röslerermord et -zu haben. Der Frau wurde durch mehrere Hamm erschlage der Schädel zertrümmert. Geraubt wurden ihr 22 Rentenmark in Silber, 28 amerikanische Dollar und drei Flaschen Sekt._" J_ Das Dramatische lag natürlich diesem Musikanten Gottes vollständig ferne. Nichtdestoweniger antwortete der fast siebzigjährige Greis aus eine Anfrage, er wolle etwa in zwei Jahren, wenn er seine „Neunte" vollendet hätte, ein dramatisches Werk versuchen; aber es müsse ein Stoff in der Art des Lohengrin sein, „romantisch, religiös-mysteriös und besonders frei von allem Unreinen". In diesen wenigen schlichten Worten ist das ganze Glaubensbekenntnis Bruckners enthalten: Seine Verehrung für Wagner, seine Liebe zu Gott und. sein reiner kindlicher Sinn, der ibn besonders Frauen gegenüber hilflos und komisch erscheinen ließ. Wenn er ein Mädchen verehrte, so schenkte er ihm wohl ein Gebetbuch oder bot ihm gar eine Schnupftabakprise an, aber dann verlor er den Mut, und als sein Freund Kitzler ihn einst fragte, warum er denn nicht heirate, meinte er: „Lieber Freund, ich habe ja keine Zeit, iist muß jetzt meine Vierte schreiben". Und als er als EinundsechzWäriger endlich an den Ehestand dachte und die schönen Augen und gütigen Hände von Fräulein Marie Demar pries, gab ibm seine Angebetete einen Korb. Nicht ohne Pikanterie, daß der so unerotische Künstler fast einen Skandal erregte, da er einst in seiner ungehobelten oberösterreichischen Bauernsprache -eine Schülerin als „lieber Schah" anredete. Zahllos sind die heiteren Geschichten, die über Bruckner im Umlauf sind: Wie er zu seinem 70. Geburtstag seine Büste bekam und sie mit den wörtlichen Worten „liebes Brucknerle" immer wieder streichelte, wie er in der Gastwirtschaft „zum Igel" wiedevbolt vier Portionen einaekochte Nudelsuppe bestellte und überglücklich war.wenn sich Brahms ein G'selc' mit Kraut nnd Knödeln. B'uckncrs Lieblinasgericht, r >ß. wie er Kaiser Franz Josef in der Audienz gebeten Jiben soll: „Wenn Majestät nur dem Hanslick sagen wollten, daß er mich nicht immer so rnnterreißt" ... Gerne wird Brückner als katbolifcher Komponist hingeistellt; doch mit Unrecht. Wohl lebte in ihm ein tiefer Gottesglauben, ja auch eine gewisse Dogmatik. Und doch geht die Gläubigkeit seiner Musik in ihrer Gottes- und Menschenliebe weit über das Konfessionelle binans, nnd auch im Leben wußte er sich von allen konfessionellen Einseitigkeiten fernzuhalten nnd die Menschen nach ibrer Menschenwürde zu schätzen. So bleibt dieser echte, naive Musikant Gottes — nach Richard Wagners Worten der einzige Symphoniker, dessen Gedanken bis zu Beethoven heranreichen — in der Sittlichkeit seiner Lebensführung und seines Kunstschaffens ein leuchtendes Vorbild für künftige Generationen. E r w i n Feldev

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