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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-04 · Heft 1996 (4.9.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1996 (4.9.1924)
Date
1924-09-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Helle S Men, Donner-tag Wallstreetgegner (LH. W. Bryan, dem demokratischen Kandidaten für die Vizepräsidentscbaft zusammengekoppelt wurde, so ist es klar, daß Wallstreet, dessen geschäftliche Methoden gegenwärtig vollkommen ans Zusammenarbeit mit der Schwerindustrie und den Rohölrnagnaten eingestellt sind und fiir daß ebenso wie für seine Partner und Kommittenten der Friede kein Ge-, ~£-;;t b"i den aeaei'Märtia"ir V ""'identsibaftswablett einfach zwei Eisen im Feuer hat. Die dritte Kandidatur für die Präsidentschaft, die des Senators La F,illette, hat daher, mögen die Intentionen dieses Anwärters noch so rein sein, nur die Bedeutung einer Demonstration, welche die von der wirtschaftlichen Oligarchie beherrschten Massen schon angesichts des schweren Existenzdruckes nicht zu einem Erfolg bringen können. Heute ist die amerikanische Wirtschaftspolitik vom Expansionsgedanken beherrscht, der sich in der Rohöl- Politik am deutlichsten manifestiert. Die brennendste Frage der amerikanischen Landwirtschaft, für welche unbedingt die Verbindung mit Europa und mit dem europäischen Frieden notwendig ist, wird durch diese Wahl nicht gelöst tverden. Die wahlwerbeuden Gruppen suchen sie wie bisher — sicher zum Schaden Amerikas — zu umgehen. Symptomatisch hierfür ist der Bluff der künstlichen Getreidewahlhausse. So ist es klar, daß am 4. März 1925 in den Bereinigten Staaten nicht die Frage des' Friedens und des europäischen Wiederaufbaues zur Abstimmung gelangen wird, sondern nur die Frage, ob die gegenwärtige expansive Wirtschaftspolitik, welche Eisen und Rohöl diktieren, ungehindert ihren Zielen-zusteuern kann, Zielen, die für Amerika künftig noch schwere Erschütterungen und für Europa sicher nicht bauernden Frieden bedeuten werden. Während im übrigen Europa alle Anstrengungen ge- Aacht werden, um neuen Krieg ui verhindern, führt der spanische Diktator P r i m o de R iv e ra seit Monaten einen blutigen K rieg in Marokko. Diese kriegerische Expedition wird gewöhnlich damit motiviert, daß in MarMo ein Aufftand gegen die Spanier aukgebrochen sei, duffen sich Spanien erivehren müsse. Diese Begründung ist unrichtig. Spanien hat plötzlich ' angeblich das Bedürfnis empfunden, eine Einflußsphäre, die es fast zur Gänze aufgegeben hatte, wieder zu gewinnen. Dies hat den Widerstand der marokkanischen Stämme hcrvorgerufen. -In Wirklichkeit ist dieser Krieg in Marokko unternommen worbttt, UM die auf.sehr schwachen Füßen stehende Diktatur des Generals Primo de Rivera zu stützen, unter der Spaniens Verelendung innerhalb weniger Monate unheimliche Fortschritte machte, während einige Spekulanten und Freunde tzes Direktoriums der Generäle unsaubere Geschäfte machen. .Die Unzufriedenheit im Lande ist überaus groß und nach bewährtem Muster wurde ein kleiner, fröh- Wer Krieg inszeniert, uM die Güter der Nation zu mehren, iü Wirklichkeit aber, um durch Kriegszustand und SoldatenüüSbebung der unzufriedenen Elemente in der üblichen Weise Herr zu werden. .. Der Krieg in Marokko scheint aber keine so fröhliche Angelegenheit zu sein, denn trotz aller gegenseitigen Versicherungen erleiden die Spanier Tag um Tag blutige Niederlagen. Sie selbst geben zu, daß während der letzten vierzehn Tage 50.000 Mann neuer Truppen nach MaroKo entsendet wurden., Die Verlnste an Toten gehen in die Zehntaufende und der Widerstand der MaroAanischen Stämme breitet sich immer mehr ans. Eine ganze Anzahl von Stämmen, welche bisher Spanien freundlich waren, haben sich der Erhebung der Rif-Kabhlcn angeschlossen. Nun kehrt sich. Primo des Riverc.s Auskunftsmittel gegen ihn s-lbft. Die Mißerfolge des Militärs vermehren die Unzufriedenheit ' m Lande und wie'englische Berichte besagen, die sa auf guter eigener Beobachtung von. Gibraltar aus basieren, dürfte der in die ' nächsten Tage fallende Jahrestag der Errichtung der Diktatur außer ein paar bestellten Kundgebungen für das „Regime der starken Hand" Versuche bringen, diese D i k t atnr, die dem Lande schweren Schaden gebracht hat, zu stürzen. Primo de Rivera fürchtet ülbst crwas derartiges und es Ader ganze Apparat an Machimrt'.eln anfaeboten worden, um das „Fest des Jahrestag:? der Diktatur" würdig zu.begehen. Man kann sich also wieder auf eine Serie von spanischen Putschen und Gegenputschen geiaßt machen^ KoWündiger RüökzuK dev Spanier aus Marokko? London, 3, September. ..Daily Telegraph" meldet, die dollsiändige . oder wesentliche Zurückziehung der spanischen Armee aus dem maroKanischen Schutzgebiet sei w a h r s ch e i n l i ch. Die Schutzzone entstand durch vi'hlreiche internationale Verträge, hauptsächlich durch den Alegeciras-Pakt, so daß' die ' Räumung eine i n t e r n a t i o n a l e A n g ebegeüheit wäre, besonders, wenn sie eine Substitution der Spanier durch eine andere lokale Macht znr Folge hätte. Interessiert fiitb a l le M i t i e l m e e r m ä ch t c, England und Vereinigte Staaten. l Die Wachse in Khina. Londott, 3. September. Das Reutersche Bureau Meldet.ausSchanghaAn der Bahn Schanghai-^- Kanling, zwanzig Mellen von Schanghai, hat ein G eje chi begonnen. ' Wiener Morgenzeitung.___ M Rävmmls Des MhrgeNetss. Drei Berordnnngen Degonttes. ' (Eigeudienst der ..Wiener Morgcnzeitung".) Paris, 3. September. Wcucwtl Degoutte hat heute Nachmittag drei Verordnungen erlassen die folgende Bestimmungen enthüllen: 1. Die Beschränkung des Antomobilvcrkehrs Zwischen dem besetzten und unbesetzten Deutschland wird aufgehoben. 2. Die Baßvisa zwischen dem besetzten und unbesetzten Deutschland habe in Zukunft zu entfallen. 3. Vom 10. September Mitternacht .an werden d:: Zölle, die bisher an der Grenze des unbesetzten und b;. setzten Deutschland schoben wurden, außer Kraft gesetzt. Eine Nalkankonserenz. Zur Regelung alllr Meinungsverschiedenheiten. 'Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".l Gens, 3. September. Um alle LNeinnngsverschiedenlieiieu zwischen den einzelnen Regierungen der Balkanstaaten. d'e sich ans den Friede nevert rügen ergeben haben, zu bereinigen, soll tm Herbst eine Kon se c-?uz aus Vertretern I n g o s l awiens, B u l g a r i c n s, Rumäniens und Griechenlands zusammentreten. Ter diesbezügliche "Antrag wird bei der jetzigen Bölkerbundversammlang mit englischer Unterstützung ' vom bulgarischen Außenminister Ka l soff gestellt werden. . Der Ku-Klux-Klan gegen La öollette. New-Arrk, 3. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Von den drei Parteien, die KaMdaten fiir die PräsidentschastÄvahlen ausgestellt haben, haben jetzt die Progre s s i st e n gegen den Geheimbund K u - K l u x - K l a n Stellung genommen. Alls diesem Grunde wird jetzt die Kandidatur La F o llettcs seitens der Gesellschaft bekämpft. Der Führer des Bundes hat eine Botschaft veröffentlicht, worin er erklärt, daß die gesalnten Kräfte des „u n s i ch t b a r e n Reiches" gegen die Kandidatur La Follcttes aufgeboten werden würden. Die beiden anderen Präsidentschaftskandidaten Co oliv ge nlld Dawis vereinigen sich mit dem Ku-Klux-Klan in dem Bestreben, Amerika zu amerikanisieren. 700 Mangel-Soldaten ansKonstantmopel ausgevirsen. (Eigendienst der „Wiener Modenzeitung".) Konstantinope!, 3. September. 700 frühere Soldawn der Wrangel-Armee, die seither in K o nsta n t i n v p e l ansässig, waren, sind ausgewiesen und mit einem französischen K rieg s s ch i-f f nach Marü-ille' geschickt worden, wo sie Be s ch ä ft i gn ng erhalten sollen. Ke Nrbeitslokgkeit kn England. (Eigeudienst der „Wiener Morcrenzeitung".) London, 3. September. Nach, einer Mitteilung des Arbeitsmini'steriums betrug die Zahl der Arbeitslosen am 26. August 1,149.800, d. i. um 26.720 m e h r als in der Vorwoche. Krzmetropolit Kriftea will dle sudensrage studieren. Wenigstens so versicherte Erzmetropolit Dr. Miron Ehr iste a, der sich zur Kur im Sic'benbüvger Badeort Borszek aufhält, den vier siebrnlbürgischen Rabbinern, die ihm anläßlich des Todes seines Vaters einen Kondolenzbesuch abstattetcn. Bevor sich jedoch der hochwürdige Erzmetropolit am Schlüsse der Unterredung zu dieser Konzession herbeiließ, zeigte er tatsächlich eine so große Unwissenheit von dem Wesen des Judentums »ich der Rolle der Iutden in Rumänien, daß es geziemender gewesen wäre, den Höflichkeitsbesuch der vier Rabbiner nicht mit wütenden Ausfällen gegen das Judentum zu quittieren, wie es seine erzbischöfliche Gnaden zu tun geruhte. Das „Temesvar.er DoMsblati" weiß nämlich von diesem Besuch zu erzählen, daß der Erzmetropolit sehr ungnädig war, da ihm die Absicht, in Bukarest eine bestimmte Billa zu kaufen, aus dem Grunde mißlang, weil diese Billa ihm einige. Tage vorher von einem reichen Juden „vor der Nase weg" gekauft wurde, Grund genug, daß der Metropolit die Bitte der Rabbiner, sein Wort gegen die antisemitischen Aufreizungen z-n erheben, damit beantwortete, daß die Juden fiir die heutige wirtschaftliche Lage Rumäniens verantwortlich seien, und daß er die Regierung aufmerksam gemacht halbe, daß es ihre Pflicht sei, die wirtschaftliche Expansion der Inden einzudämmen, well das Voll nicht geneigt sei, die Herrschaft des jüdischen Kapitals weiter zu dulden, Der Metropolit leistete sich auch noch -ben* Scherz, das Kabinett Brat-ianu die „Regierung der Juden" zu nennen. „Die Rabbiner wendeten — so schließt das genannte Blatt seinen Bericht — ihre volle Redekunst an, um den Metropoliten von der Unrichtigkeit seiner Meinung über die Judensrage zu überzeugen, so daß der Metropolit ihnen versprach, Gelegenheit'zu suchen, die Judensrage einem objektiven Studium zu unterziehen usw." ■ Die vier Rabbiner hätten sich diese ganze Auseinandersetzung ersparen können. Die Gesinnung des Erzmetropoliten Cristea ist nicht unbekannt, und cs wäre würdevoller gewesen, wenn sie von der im allen Ungarn üblich cMeseven servilen Art der Höslichkeitsbekundung gegenüber' antisemitischen Kirchenvertreteru Abstand genommen hätten. H)dan geht nur dorthin zu Besuch, wo man gerne gesehen wird. Das sollten sich auch die Rabbiner aus Alt-Unoarn endlich einmal' zur Regel machen. 4. September 1924 Nr. 1990 Die NNkerbunddelegatlon in Wien. Empfang der Deltzgirrten durch den Bundeskanzler. Der Bundeskanzler kam gestern um 4 Uh 30 Minuten nachmittags in das Bundeskanzleramt, um du in Wien anwesende Delegation des Finanzkomitees des Völkerbundes zu enipfangen. Der Präsident der Delegation Herr Ter Me ulen, übermittelte dem BundesiaNzlei die Glückwünsche des Völkerbundes zu seiner Wiederherstellung und berichtete ihm über den Stand d c-r .A v beiten der Delegation. Vorher haltte int Bundeskanzleramt eine B c> f p r e ch u n g - zwischen dem B n n d e s k a n z l e r. den Vizekanzler Dr. Frank und den Ministern Dr. Grünb e r g e r, Dr. Kienböck und Schmidt stattg.'fnnde" Handelsvrrttagsverhandlungrn. Mit JttgofLawren. Wie wir erfahren, werden die Handelsvertragsverhand. lu.nggen in.it Jugoslawien am 11. d. ihren Anfang nehnren Die Vorarbeiten hierzu sind bereits abgeschlossen. Mit bet Tschecho-Stowakci. Nachdem die Materie für die österreichischttschocho slowakischen Wirtschaftsvcrhan-dllrngen gänzlich fertiggestellt ist, werden die direkten Verhandlungen zwecks Abschlusses eines Vertrages in Bälde a n f g e n o m m e n werden Dies bezüglich ist bereits zwischen Wien und Prag ci* Meinnngsanstausch im Gange. «oatmett! Nationalrat. führt die Spezia^ebatte über, den neuen Aölltarif in acht Abschnitten durch. Gestern wurde der erste und wichtigste Abschnitt zu Ende beraten und die Zölle auf Getreide, Hülsenftüchte, Müllereier'eugnisse, Reis, Dbstz. Gemüse, Pflanzen, Vieh, tierische Ro-Hstvfse, Jette und Oele geniaß den Vorschlägen des Zollausschusfes von den Christlichsozialett und Großdeutschen angenommen, tvährend die Sozialdemokraten allen Zollsätzen opponierten uüd die Landbündler nicht nur diesem Beispiele folgten, sondern noch in demagogischer Absicht die agrarischen Hochschutzzölle durch Stellung von AinendemeManträgen. hinanfInlizitieren tra-chteten. Die Debatte brachte eine Wiederholung der schon aus der Bere handl'Ung im Ausschuß bekannten Stellungtrahme der Parteien. Die vorgeschlagenen Zollsätze wnvdey im wesentlichen in der vom Au'sschutz vorgeschlageneu Fassung zum Geschlnsse erhoben. Während der Beratung im Plenum erfuhr der Tarif nur einige unbedeutende, A e n d e r it n g e n. So wurde beifpielsweife,,$>?*. Zollsatz für ZierpslanM und Zievgräfer von 5 ans 50 Goldkronen erhöht. Während >der Airsschuß den Zoll für amerikünis'ches Schweinefett mit 8 Goldkronen und für Schweineschmalz anderer Herkunft mit 6 Goldkronen bestimmt hatte, entschied sich das -Haus .dafür, wegen der einfacheren Zollmanipula tion cinen einheitlichen Zollsatz für dieses Produkt in der Höhe von 3,80 Goldkronen zu fixieren. Berichterstatter H e i n l referierte hierauf noch über die zweite Gruppe des Tarifs (Kolonialwaren, Gewürze, Südftüchte, Zucker, künstliche Süßstoffe, Ta^bak, Getränke und Eßwaven). Im Einlauf der Sitzung befanden sich unter anderem »das Uebereinkomm'en zwischen Oesterreich und der Tschecho- Slowakei über die gegenfeittgen Forderungen ails Abrechnungen der Träger der Pensionsvtrstchevung, ferner der Entwurf eines Nebereinkormnens zwischen diesen beidenvSiaaten über die Regeln ng der i n ö sterrei chisch°ungarische n K'ro n e n e u t st a n d e n e n V e r b i n d l i ch k e i t e n. Anglo« und Länderbank. Die Sozialdemokraten überreichten im Parlament folgenden Antrag: Die beiden Verausländerungsgesetze vom 7. Oktober 1921 haben den beteiligten Bundesministericn die Ermächtigung erteilt, die Sitzverlegung der Anglobank uub der Länderbank zu bewilligen, wenn die Gesellschafter:. g e- Wisse Verpfli ch.t u n g e n übernehmen. Unter diese gehört auch die, mindestens den bis dahin dem inländischen Geschäft gewidmeten Teil ihres eigenen Vermögens sowie einen ansehnlichen Teil des .zufließenden neuen wnsländischen Kapitals dem österreichischen Geschäft zu widmen: vierjährige Vorlage von Ausweisen an das Finauzministerium ist zwingend vorgeschrieben. § 2 der Bankgesetze spricht auch davon, daß die Sitzverlegung von weiteren Bedingungen, insbesondere solchen ziun Schntz der Augestellten und Arbeiter abhängig gemacht werden kann. Es ist heute bereits notorisch, daß die beiden verciusländerten Banken wesentliche von jenen Verpflichtungen, .deren Erfüllung der damalige Finanzminister.Grimm seierlich, gewissermaßen im Namen der Banken in Aussicht gestellt hat, mißachten, daß sie das früher bestavdene inländische G e s ch a f t b c rd orrcn lassen. Dieser Geschäftsabban findet seinen Ausdruck Nicht ttur in der bedrängten Lage der an die beiden Banken attgleschlossenen Industrien, sondern auch in einem harten Und grausamen Abbau d e r A n g e st e l l t e n. Die Bankikomlmifsion wird aufgefordert, unverzüglich zu untersuchen, 'inwiefern die Anglobank und die Länderbank den in der Bewilligung zur Sitzverlegung ausgesprochenen Verpflichtungen nachkomnten und über das Ergebnis ihrer Untersuchung den: Nationalral zu berichten.

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