Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1995 (3.9.1924)
- Date
- 1924-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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LITERATURBEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG' Nummer 25 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 3. September 19L ÄDHmiSTRATION* „WIENER MORGENZEITUNG", VIEN, II., TABORSTRASSE 1^3 UNSER BUCH DER WOCHE Eine deutsche Ausgabe der Werke von Mendale Moicher Sfurim Der Jüdische Verlag veranstaltet : eine Ausgabe der gesammelten Werke des „Seide“ der modernen bst jüdischen Literatur Mendale Moicher 8iu> rim (S. J. Abramowitsch), in deutscher Uebertragung von Salomo Birnbaum. Der soeben erschienene erste Band enthält das Fragment eines Bildungsromans „Sch 1 oima 1 e", in welchem der Dichter seine Lebensgeschichte bis in die Jünglingsjahre erzählt. Wer „Mendale“ ist und was uns seine Dichtung bedeutet? Wir setzen als Antwort eine Stelle aus dem „Vorspruch des Mendale Moicher Sfurim hieher, der die Angabe einleitet: . . Da haftet mir irgend ein Tand im Sinn, ein schönes Gesicht, eine herrliche Form — ein Grashalm, ein- Baum, eine Rose, ein Vogel. ,Aber, aber,“ wird man sagen, „schämt Ihr Euch denn nicht, ein bärtiger Mann, ein Mensch, der Niahrungssorgen, der Frau und Kinder hat, der nach dem Lauf der Natur Sorgen haben, Nachdenken und grübeln muß, daß es einen Zweck habe?! Und außerdem, schämt Ihr Euch denn nicht ganz einfach, an solchen Unsinn zu denken, Natur — papperkpur, solch Bubenzeug!“ Ach, ich weiß es, ich .weiß es sehr wohl, daß so etwas für einen Juden unpassend ist, aber was soll ich denn anfangen, wenn das bei mir eine angeborene Schwäche ist, ein Trieb, der mich wie ein Magnet anzieht . . .“ „Mitten'in der Mondweihe — stellt euch vor, gerade im besten Beten, im Körperschütteln, unter den Leuten reißt es mich zu dem bestirnten Himmel mit dem schwermütigen, herrlichen Mond empor, meine Gedanken sind Gott weiß wo, bei hellen Gesichtern, schönen, brennenden, nachdenklichen Augen, dichtbeasteten Linden . .Mein Nebenmann sagt zu mir: „Friede über Euch“ und ich erwidere ihm: „Komm, o Freund, der Braut entgegen! . . .“ Hier habt ihr ihn, den schönheitstrunkenen Sänger der Natur aus der dumpfen östlichen Judengasse. Fügen wir ein anderes Zitat bei, um an den Humoristen zu erinnern: „Ich bin aus Heuchlingen gebürtig, einem ziemlich großen Städtlein im Gouvernement Dösenheim. Die Stadt ist durch ihre Güte und ihre Frömmigkeit berühmt, so wie Dümmingen zum Beispiel durch seine Klugheit, Schnorrigen durch seinen Reichtum und Faulburg durch seine Industrie —- lauter schöne Gegenden mit Vorzügen, die auf den Zustand der Juden hier auf diesem Flecken des Exils wirkten und wirken.“ Oder: „Der Jude kommt — so ist es Brauch — ganz leise und demütig gebückt zur Tür herein, kaum daß man einen Laut hört. Und plötzlich steht er, wie aus der Erde gewachsen, vor dem Hausherrn, um ihn plötzlich zu erwischen, bevor er Zeit zur Flucht findet, recht wie der Bär, der da luget nach Beute, die er zerrisse? . . . Seit die Schnorrer erschienen sind, seit der Nehmer mehr sind als der Geber, begannen sie sich aller kunstvollen Jagdlisten der Jäger zu bedienen.“ Unzweifelhaft, der erlauchte Ahnherr des Scholem Alejchem und Jehuda Löb Perez, des Schalem Asch (jenes. der den „Weg nach Sclvemenetz“ schrieb, nicht des Dramatikers) und des Perez Hirschbein ist er, der teure „Mendale“. Dem deutschen Leser dieses ersten trefflich ausgestatteten Bandes werden die' Augen auf- und gelegentlich übergehen. Er lernt ein Volk kennen, seine Stuben, seine Feste. Eine Fülle von Gestalten, wesenhaft jede -einzelne, sind mit gütigen Händen aus dem Gewimmel der Judengasse herausgelioben, ins Licht gehalten und mit unvergleichlichem Humor.abgeschildert. Kein „süffiges“ Buch, das man in einem Zuge erledigt, sondern eines, das man abschnittweise genießt, dann immer wieder hernimmt, denn es ist echt und lebensfroh und taufrisch; es ist eines von den seltenen Bfichern, mit denen man Freundschaft schließt, trotzdem man Ihnen „straffe Komposition“ bestimmt nicht nach rühmen kann, .ia, diese Autobiographie „Schloiirrele“ rückt in die Nähe eines berühmten und geliebten Buches (auch mangelhaft ln der Komposition), nämlich Gottfried Kellers-,iDer grüne Heinrich“. Wilhelm BraumQller & Sohn Abteilung: Antiquariat «aas» Wien, I. Bti«i Bauernmarkt Nr* 9 a esse Die deutsche Bearbeitung Birnbaums mutet ein wenig schulmeisterlich an, aber sie hat Charakter. Die kurze Einbegleitung hat sogar zu viel Charakter. Sie gibt der höchstpersönlichen Meinung des Bearbeiters, seiner Kritik von Mendales Weltauffassung beinahe zornigen Ausdruck. Otto Abeles. VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Die Urform der Grimmschen Volksmärchen Ueber eine höchst wertvolle literarische Entdeckung berichtet Dr. Martin Sommerfeld in der „Frankfurter Zeitung“! Sie betrifft die handschriftlichen Entwürfe zu den deutschen Volksmärchen der Brüder Grimm, die nach einem Jahrhundert in ihrer Originalfassung auftauchen. Den freundschaftlichen Beziehungen seines Abtes Ephrem van der Meulen zu Clemens Brentano verdankte das Trappistenkloster Oienberg , im Oberelsaß de»-Besitz handschriftlicher Schätze des romantischen Dichters. Nun hat der Frankfurter Professor der Literaturgeschichte Franz Schultz den wertvollsten Teil dieses Schatzes, der ihm während der Straßburger Zeit seines Wirkens zugänglich geworden war, die Märchen der Brüder Grimm in der Urform, gehoben und die Frankfurter Bibliophilen-Gesellschaft legt ihn ihren Mitgliedern als zweite Jahresgabe in einer ungemein reizvollen Veröffentlichung vor, deren literarischer Teil, von Franz Schultz betreut, durch anmutig eingestreute, märchenhaft-bunte Holzschnitte Willi Harwerths auf das schönste belebt ist, und der die buchtechnischen Leistungen der Klingsporschen Offzin zugute gekommen sind. Schon vor diesem glücklichen Fund hatte die gelehrte Märchenforschung mit einigem Erfolg zu sondern unternommen, was in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm wirklich vererbtes volksmäßiges Gut und was literarische Zutat der sammelnden Brüder war; man war den Weg zurückgegangen, den die. Märchen von ihrem ersten Erscheinen iin fahre 1812 bis zu der letzten von den Brüdern besorgten Ausgabe im Jahre 1857 genommen hatten. Durch emsige und eindringliche Stilanalyse, die sich oft nur an kleinste Winke und Wendungen halten konnte, hatte man beim .Vergleich dieser Ausgaben den einheitlichen, immer strenger und reiner werdenden Stilwillen der Bearbeiter — Das M i verlangen Sie von 1 HELLER (BUKUM' | I. Bauernmarkt | kostenSos! insbesondere Wilhelm Grimms — bemerkt, jenes am klassizistischen Erzählerstil geschulte und orientierte Modeln, Verputzen und Feilen, und daraus Anhaltspunkte auch für jene erste und wichtigste Redaktion (des zum Teil mündlich überlieferten alten Gutes) gewonnen, die schon für die erste Ausgabe vorgenommen worden sein mußte; aber für eben diesen ersten und, wie anzunehmen war, entscheidendsten Prozeß der Umgestaltung des Rohmaterials war man auf bloße Vermutungen .angewiesen. Die jetzt veröffentlichte Urfassung füllt diese Lücke zum wesentlichsten Teil aus. Diese Niederschriften vom Jahre 1810, größtenteils von Wilhelm Grimms eigener Hand für den Freund Brentano geschrieben, stellen eine erste Phase der Sammeltätigkeit der Brüder dar, die ihrem ursprünglichen Motiv nähersteht, vielfach ein erstes Tasten zeigt und zum Teil überhaupt die erste schriftliche Fixierung einzelner Märchen bringt. In schmuckloser, wortkarger, ja herber Form erscheinen liier gerade einige der bekanntesten und beliebtesten Märchen, ohne jede dekorative Zutat, ohne die Ausschmückungen, Auffüllungen, Verdeutlichungen, wie sie bereits der erste Druck aufwies und wie sie sich in den folgenden Ausgaben dann Immer mehr durchsetzten. Unmittelbar, naiv, voll sinnlicher Frische geben sich diese Urfassungen, in dem eigentümlichen Reiz des Volkstons, seiner Sprunghaftigkeit und Gedrängtheit, die Seelisches und Geistiges in oft nüchternen Worten eher verbirgt als andeutet, nichts beschreibt, aber alles mitschwingen läßt. Es wird jedem Freund der Grimmschen Märchen, nicht nur dem literarhistorisch gerichteten Betrachter, ein Genuß sein, dem Weg. den das alle Nuancen erfühlende Nachwort des Herausgebers weist,- für sich alleinnachzugehen. Ein kostbarer Shakespeare-Fund. Die „e r s t e F 91 io“, die Erstausgabe von Shakespeares Werken, eines der kostbarsten und gesuchtesten Werke des Büchermarktes, kam dieser Tage bei Sothbys in London zur Versteigerung. Das Werk stammte aus der Bibliothek des Büchersammlers fjedes $a1m Urim bat RiHola-ßticbei* Sothby, der in den letzten Jahren des 17. und!m Anfang des 18. Jahrhunderts eine kostbare Büchersammlung zu* sammenbrachte. Ein zeitgenössischer Rivale, Rawlinson, hat ihn als einen „stets betrunkenen-Dummkopf“ bezeichnet aber nichtsdestoweniger war er ein hervorragender Keniieq der Werte geschaffen, die heute seinen Nachkommen viele Zehntausende von Pfunden bringen. Die Shak$speare-FoMo, die zur Versteigerung kam, war ein verschiedentlich beschädigtes Exemplar, brachte es aber doch auf die stattliche Summe von 2375 Pfund. Bei derselben Versteigerung wurde eine lateinische Pergamentbibel mit schönen Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert für 3300 Pfund verkauft Neue hebräische Publikationen. Aus Jerusalem wird uns gemeldet: Das Hauptbureau des Jüdischen National« fonds hat von dem Dichter Avigdor Meiri (Feuerstein) das Manuskript seiner nationalen Apotheose. „Kibbuz Galu« joth“ (..Die Wiedervereinigung der Verarmten“) erworben, Diese Schrift ist der Verherrlichung Herzls gewidmet und anläßlich der 20. Wiederkehr seine« Todestages erschienen. Der aus Ungarn stammende Künstler Jedidla (Seelehfreund) hat den Text illustriert und J. Millet hat ihn in Musik gesetzt. Der Verlag wurde vom Jerusalemer Kupath Hasefer übernommen. Der Nationalfonds beteiligt sich auch an der Publikation eines von der Organisation.* der jüdischen Jugend Palästinas geplanten Sammelbuches, „L e s e c h e r H e r z 1“ („Zu Herzls Andenken“). LEBEN IM BUCH „Diese ereignisreichen Jahre“ Die bekannte Gesellschaft der „Encyclopae'dil Brittanlca“ hat soeben unter diesem Titel zwei stattliche Bände über „Das zwanzigste Jahrhundert im Werden, von vielen seiner Schöpfer dargestellt“ („These Eventful Years: The Twenieth Century in the making. As told by many of its Makers“). In 1400 Seiten wird hier die Entwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts in politischer, literarischer und kultureller Hinsicht dar gestellt. Der Krieg und seine Nachwehen im kulturellen und sozialen Leben findet, eine eingehend« Schilderung. Die Geschichte der letzten Jahre und die jetzige Lage fast aller Länder der Welt folgt. Dann folgen die Kapitel über Erfindungen, Wissenschaft, geistige Strömungen, Kunst, Medizin und Psychologie; natürlich fehlt auch die Geschäftswelt und der Sport nicht. Die ersten Kapitel liefert der bekannte englische Publizist und Redakteur des „Observer“ L. Garvin. Ueber die Politik der letzten Jahrzehnte und die Mächtegruppierungen gelangen wir zum Weltkrieg und darüber - hinaus zur Schaffung des Völkerbundes und seiner Perspektiven. Ueber die Kriegführung erzählen uns die Beteiligten selbst. Ludendorff von deutscher Seite und Sir Frederick Maurice von englischer. Die Schlacht bei Jüttland wiederholt sich in den Darstellungen von JeMicoe und Scheer. Albert Thomas schreibt über Frankreich, während ^hiti 0ck Belgien Revue passieren, läßt. Bernhard B a r u c h und Philipp S n 0 w d e n behandeln wirtschaftliche Probleme. N i 11 i beschäftigt sich mit Italien und Michael Farbmann mit Rußland. Dr. Karl Pribram behandelt das Problem der Oesterreichisch-Ungarlschen Monarchie, Maximilian Harden, Bernhard Shaw und H. G. Wells fehlen auch nicht. Die großen politischen Probleme: Faszismus, Sozialismus, Bolschewismus und — „last but not least“ — der Zionismus erfahren eine eingehende Würdigung. ' Madame Curie-Slodowska behandelt das Problem des Radiums, Professor Breasted erzählt von den prähistorischen Zeiten und Dr. Siegmund Freud führt uns In die Psychoanalyse ein. Auch das politische Erwachen der Frauen fehlt nicht und wird von Lady Rhondda behandelt. Die Strömungen In Aegyten und Indien werden dargestetit, es fehlen auch Prophezeiungen für die Zukunft nicht, die di« Einteilung der ganzen Welt in drei große Machtsphären Voraussagen: die anglo-spanische, die japano-chinesische und die germano-slawlsche. Diese Exkursion in die Zukunft leistet sich der engliche Schriftsteller H. G. Wells, der zwar nicht auf dem Gebiete der Prophetie, dafür aber auf demjenigen der Literatur zu den Großen gehört. Alles in allem eine Darstellung, wie wir sie bis jetzt noch nicht hatten, wertvoll durch den Umstand, daß womöglich direkte Aufklärung durch Kenner auf jedem Gebiete gegeben wird. W —London. Ein Verzeichnis der besten Bücher der Welt Aus London wird uns berichtet: Der Londoner Bibliothekar Dr. Hagberg W r i g h t unterbreitete dem Völkerbund in Genf'einen Vorschlag zur Schaffung eines r Subkomitees für intellektuelle Zusammenarbeit, dessen Aufgabe es wäre, unter der Patronanz des Völkerbundes jährlich ein Verzeichnis der besten Werke der Weltliteratur BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN,. I ROTENTURMSTRASSE 22