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Wiener Morgenzeitung · 1924-09-01 · Heft 1993 (1.9.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1993 (1.9.1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Eileen sah Naida an, die erstarrt dasaß; der Schal war herabgesunken und man konnte das fleckige Gesicht sehen. „Naida, ich weiß nicht, warum du mich hergebracht hast, aber dieser ganze Vorgang ist Schwindel, und du . . . du Ast die Schwindlerin!" - Erlern nahm den Schlüssel, der aus dem Tisch lag, rannte zur Tür und öffnete sie. Naida blich unbeweglich. Eileen rannte hinaus und die Treppe hinunter. Sie fand die Haustür verschlossen! heftig schlug sie dagegen, zog und Etelte am Schloß,' bis es aufsprang. Im Dunkel übersah sie die drei Stufen, die auf die Straße führten. Sie fiel aufs Pflaster, raffte sich wieder auf und sturste in den Nebel wie von Dämonen verfolgt. Achtes Kapitel. Der Sprung in den Nebel. . Ein Polizist, aus Wache an der Ecke von Aldwtzch und Strand, hörte einen gellenden Pfiff. Er schob sich durch den Nebel vorwärts in!der Richtung, aus der er den Laut geirrt 'hatte. ,Mer sind wir, ein bißchen mehr rechts", hörte er eine echte Londoner Stimme. Die Taschenlampe des Polizisten beleuchteic einen Mann in blauem Kittel, wie die Marktleute ne gewöhnlich tragen. In seinen Armen hielt er ein bewußtloses Mädchen; ihr Gesicht lag auf seiner Schulter, man konnte es nicht sehen. Obgleich die Kleider mit Schmutz bespritzt wareri^ erkannte der „Bobbi", daß" es eine Dante fein mußte. Eifrig erklärte der Mann in der Bluse: „Ich bin gerade auf dem Weg nach den.Hallen, da hör' ich jemand lausen und denk' mir, wer rennt denn da so in dem verdammten Nebel runr . . ." Ter Schutzlnann hatte sein Gummicape abgenomnlen, breitet« es aus und bettete das junge Mädchen darauf. Er nahm ihr den Hut ab und erblickte eine blutende Wunde an ihrer Schläfe. ,Mie kam das? fragte er. „Ich wollt' es gerade sagen — wie ich mir so denke, wer da wohl so herumrennt — bums, rempelt sie mich an, daß ich beinah umfalle. Sie fiel hin, sprang aber wie 'ne Wilde gleich wieder auf. Sie muß sich was getan haben-, denn sie schrie wie verrückt, als sie -mich anstieß. Tann rennt sie wieder los, und Plötzlich hör' ich sie nicht mehr. Wahrscheinlich hat sie sich wieder gestoßen, 'denk ich, und hat sich vielleicht den Schädel eingerannt. Ich geh' weiter und finde sie hier liegen. Sie muß au den Laternenpfaht gerannt sein." ,/Geh' .ins nächste -Haus und weck' die Leute aufist sagte der Polizist. „Sag', daß eine Dame verletzt fft, -und daß wir sie hineinbr.ingrn werden. Komm aber schnell zurück." „Ich muß eigentlich an die Arbeit," sagte der Mann zögernd, ,/rber das arme Mädchen..." Er tappte sich durch den Nebel weiter. Der Polizist versuchte, sie wieder zur Besinnung zu bringen, merkte aber, daß feine einfachen Mittel nicht genügten. Er pfiff einen Kameraden 'herbei und hörte dessen Anttvort. Unterdessen war der Mann zurückgekommen. Die beiden trugen die Bewußtlose in ein nahegelegenes Bureaugebäude. Die Aufwartefrau führte «ste in ein Zimmer und legte -das Mädchen auf,.-ihr . eigenes'Bett. Eine Stunde später, wm ein Arzt, von einem Polizisten begleitet, der, als ex ste betrachtete, au-srieft ,Scotland Daro hat eine Beschreibung dieser Dame bekannt gegeben; es . ist die Tochter von Doktor Goodrich, . der. heute abends ermordet, worden ist. Sie wohnt Fairhaven Gardens sünsündvierzig." Der Arzt, untersuchte die angeschwollene Schläfe und hob die Lider hoch, um die Pupillen zu sehen. . „Es scheint, ein Schädekbruch zu sein; vor zchn Tagen kam: man nichts Genaues feststellen. Ein solcher Nervenschock und ein Schlag an den Kopf Zu gleicher Zeit find nätMch sehr gefährlich." Mleen Men langsam aus der BewüHtlösigkeit zu sr- Wachen. Sie öffnete die Augen. ,-Wie konnte dir. jemand so etwas antun?" stöhnte sie, vom Fieber geschüttelt. „Warum will Hugo dich nicht sehen,' Vater? . . .'Gr tanzt gut. . , aber er ist so verbittert — so allein . . . und er hat mich verlassen, als ich den Sathrbrnnnen fragte, «wieso er mit deiner Stimme sprechen kann ... 0 Gott!" Ihr Schluchzen war herzbrechend. Der Arzt gab ihr ein Beruhtgungsmitte!, das die Gespenster, die sie 'verfolgten, zu verscheuchen schien. Nach einiger Zeit erschien .Inspektor .Hawley; mit ihm kamen Naidaund ein anderer Arzt. Zwischen Naida und .Hawley wurde, kein -Blick gewechselt. Sein Gesicht drückte einen Widerwillen aus, den der sonst so reservierte Engländer nicht verbergen könnte. Naida, die in einen großen -Mäntel, und ihren. Schal-gehüllt war, schien unberührt. ,^-st sie schwer verletzt?" fragte.sie den ersten Arzt. „Main kann jetzt noch nichts sagen; wenn es ein Schädekbvuch sein sollte..." „Kanin man,sie itach Hause bringen?" fragte sie „Wir haben ein Auw draußen." . „Ich denke schon." Nach einer kurzen Unterredung mir dem anderen Arzt wurde Eileen in einen warmen Mantel gehüllt und in das geschlossene Auto getragen. Nai'da ging voran. Als der Arzt, der mit ihr gekommen war, folgen wollte, hielt ihn der Inspektor zurück. . „Kann ich Sie einen Moment sprechen?" „Germ." Hawley wartete bis sie allein tvaren. „Ich glaube, wir kennen uns schon, Doktor Ramey. Sie 'waren schon - ein paarmal in 'Scotland Jard behilflich, und ich glaube,-Sie sind uns freundlich gesinnt. Darf ich fragen, ob Sie Fräulein Goodrich behandeln werden?" „Ja warum?" .Hawley zögerte.^ „Ich möchte nicht mißverstanden werden, aber es ist wichtig^ daß Fräulein Goodrich vor weiteren Aufregungen geschützt wird." . „Das ist die erste Bedingung", sagte der Arzt. . >' ,Menn Sie gestatten, mochte ich Ihnen raten, die ganze Zeit über bei ihr zu bleiben." Doktor Ramey sah ihn erstaunt an. „Glauben Die nicht, daß ich das besser beurteilen kann?" fragte er. ■ Hawley nickte. ■ ,Ich wußte, daß Sie mich mißverstehen würden", sagte er. bedauernd. Ich habe nicht die leiseste Absicht, Sie zu belehren, Doktor, aber ich' habe Grund, anzunehmen, daß sie unter ihrer Obhut vor weiteren Auf-' regungen geschützt fein wird." - Doktor. Ramey sah ihn an. ' - ,-Eine geübte. Schwester kann sie pflegen, wenn ich nicht da «bin, wer sollte sonst das Recht haben, sie zu besuchen?" ' * „Dieselbe Person, die Sie hierher rief", sagte Hawley ernsthaft. ' •: , ,Hräulein 'Sangvee?" fragte der Arzt. .Ein merkwürdiges Weib... ein sehr merkwürdiges Weist... ich. kann nicht leugnen, «daß sie eisten sehr Herrschsüchtigen Eindruck nracht. Warum glauben Sie denn, daß sie meine. Be'händlung stören wird?"; ' Doktor," sggte. Hawley. eindrirrglich, „Fräulein Goodrich ertrug die Nachricht^. von^ der Ermordung ihres Vaters ziemlich gefaßt, aber mehr hätte man'ihr an diesem ' Astend nicht WMnten.. dürfen.^ .FMlein . Sangrre. drang darauf, mit Hr! zu einer spiritistischen Sitzung .zu; gehen. Doch . Miß Fräulein'Goodrich uettvas Furchtbares eÄ hasten,; denn, sie lief -vollstandiig verstört rn den' Nebel hinaus. Glauben Sie, daß mut' Fräulein Goodrich Wt Händen dieser Frau anvertrauen kann?" Doktor Ramey war verlegen. ,^I>etzt rcach dem Tode ihres Vaters ist Fräulein Sangree wohl ihr Vormund; wavuW zweifeln Sie an ihrer Ergebenheit?" ' . - .Hawley schlug sich an den Kopf. „Das ist wen das merkwü-rdige, Doktor. Ich habe Fräulein Sangree heute zum erstenmal gesehen; ich habe keine Ahn-ung, was sie ftir Fräulein Goodrich Whsterr mag. Manchmal scheint sie ihr ganz ergeben, in der nächsten Minute aber ist sie bereit, sie irgend einer Laune zu opfern. Uoberhaupt ist der ganze Fall der seltsamste, den ich je zu bearbeiten hatte. Wenn Sie am Hals eines Ermordeten Frngerspuren eines Mörders entdecken, dich schon vor fünf Tagen hingerichiet worden ist!... Phantastisch! ..." Er unterbrach plötzlich fernen erstaunlichen Bericht. „Doktor, rvas halten Sie von Fräülem Goodrich- Zustand? " Es lag mehr als die Frag? eines Tereküvs in d'.esen Worten. . „Es ist noch zu früh, um zu urteilen,' aber seien Sße versichert, daß ich Sie auf dem laufenden halten weiwet" „Ich werde Ihnen sehr, sehr dankbar sein", jagte Hawley errötend. Neuntes Kapitel. Durch den Nebel. Sieben Tage und Nächte Nmpfte sich Wsm durch einen von Schreckgestalten bevölkerten Nestel. Wie Blör lag. es auf allen ihren Gliedern. Manchmal, wenn der Nebel sich etwas zu lüflen schien, war es schlimmeer als zuvor. Blitzartig -durchfuhreil sie datm schreckliche Schauer. Die Vision eines wolkenartigen Gesichts zerschmolz und bildete sich von neuem, sie mit irrsinniger Ruhe anstarvend. Sie versuchte, sich gegen den entsetzlichen Alb zu wehren, den eisernen Ring, der sie so drückte, zu zersprengen, dieser Qual ein Ende zu machen: „Hugo warum verbirgst du dein Gesicht?" stöhnte sie. „Schau, wenn es dir Freude macht, mich zu crschreckeil, will ich nicht »vchlauftn. Aber ich beschwöre dich, sag' mir, was das alles bedeutet. Du kanlusi urich doch nicht so hasseii, daß du mich in den Wahnsinn treiben willst?... Du Lift so unerbittlich... Daker — wird 'chm je verzieheu werden...?" Doktor Ramey widinete ihr soviel Zeit, als e8 ferne Praxis erlaiibte. Er hatte zwei der besten Krankenpflegeviniien Londons verMchtet; nianland außer ihnen durfte das Arankeuzimnler betreten. Er hatte eine kurze Unterredung Mit Naida, als Eileen in ihr Zimmer gebracht wurde. „Offen gestanden," sagte er, „ich weiß nicht, wie die Sache verlausen wird; es -hängt von Fräu>liem Goodrich- Nerven und meiner Bchandlung ab. .Kann ich auf <N« rechnen?" „Sie nreinen...?" „Niemland darf sie besuchen", war seine vchicht Antwort. Er ko mite Naidas 'Besicht nicht sehen, Mte aber ihren tiefen Groll. Sie zuckte mit den Achseln und ging auf ihr Zimmer. ■ Hawley bearbeitete selbst beu Fall mit ganz besonderem Eifer. Die Zeitungen waren voller BermutuMN über diesen Mord, der immer geheimnisvoller wurdei Man war noch nicht weiter gekonrmen; über die Fingevspnren auf deii Polstern und am Halst des Opfers hatte man keine Erklärung geisunden. Naida sprach selten mit dem Arzt und mit Hawley, per sich öfters mich dem Befinnden Eileens erkundigte. ' „Was Neues?" fragte sie gelegentlich. Unaügonchm berührt blickte. -Hawley weg; «tat Kopf- . schütteln war seine Ailtlvort. AeuMich erkiMdigt^ «e sich bei dem Arzt oder ten Schwestern über EikLmis Zustand. „Anr vi'evzehnlerr -uerden wir's wissen^, sagte Doßtov Ramey. „Ich glaube, sie wich sich.ephäbm." . (FortsetzMig folgt.) '

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