Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1992 (31.8.1924)
- Date
- 1924-08-31
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sde. 1992 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung. 31. August 1924 Seite 7 LrolkUMgsanlagen Epiinetransportanlagen Exhaustsren Ventilatoren bauen / Sti» Müller «!,>> L «»«!>»> Telephon 42-8-87 L Co. 5049 Brief vom Mars. Sohr geehrter Herr Erdensohn! Da unser Planet bei seinem Kreislauf durch den Welten- 41« nach so und so vielen. Jahren wieder einmal eurem Planeten ein wenig näher kommt, benutze ich diese Gelegenheit, Ihnen nachstehende Zeilen stammen zu lasten. Ich schicke Ihnen diesen Brief mit Lichtpost, deren Geschwindigkeit rund 300.000 Kilometer in der Sekunde beträgt, so daß her der heutigen Entfernung des Mars von der Erde — eine Entfernung, die im ganzen die Lappalie von 67,000.000 Millionen Kilometer ausmacht —, spätestens in 190 Sekunden m Ihren Besitz gelangen kann. Sollte indes der Brief mit Verspätung Eintreffen, so sind wahrscheinlich nur Ihre mir unbekannten irdisch-postalischen Verhältnisse daran schuld. Ich ermächtige Sie hiermit, zu Nutz und Frommen der Erdenkinder, die sich Menschen nennen, sowie zur Befriedigung der edlen Neugierde jener Geschöpfe, die bei euch als Evastöchter bekannt sind, von, diesem BriH beliebig Gebrauch zu machen. Sie dürfen ihn ohneweiters m-irgend eine Fabrik der öffentilichen Meinung, so bei mch Gazetten geheimen, zur Werterbe^rderung in die breite Oesfentlichkv'rt übergeben. Was ich Ihnen zu sagen habe? Zunächst: Pappe Satan Pappe Satan, aleppe! Das ist Marssprache. Bon eurem Esperanto sehr verschieden. Zn deutsch heißt es: Was seid chr Erdbewohner doch für- Merkwürdige Käuze! Immer seid ihr aus Entdeckungen aus, und immer stellt es sich heraus, daß eure Entdeckungen gang und gar falsch find. Durch allerhand Erbgeräusche ist es uns zu Ohren gekommen, daß ihr fünf oder zchn Jahre lang (wir kennen uns in eurer Zeitrechnung nicht aus) auf eurem Erdenrund Krieg gehabt habt. Und wenn chr Krieg habt, so weilt unser Herr und Gebieter Mars immer unter euch. We eure Äniege habt ihr bisher im Zeichen des Mars geführt, des „Furchtbaren und Schrecklichen, der durch die Heere wie ein Wetter Hinfahrt, Wagen zertrümmert, Helme zerschellt, deU Tapfern wie den Feigen in wivbelndem Sturin zu Baden wirft und über der grauenvolle« Verwüstung triumphiert." Man sollte doch annehmen, daß in diesen fünf oder zehn Jahren Mars euch genug nahe war, daß ihr reichlich Golegercheit hattet, Mars von feiner besten Seite kennen zu lernen. Nun stellt sich heraus, daß Mars euch eigentlich die ganze Zeit fern war, daß er erst jetzt mch in die Nähe gekommen ist. Ich bitte Sie, urteilen Sie selbst und urteilen Me mit Vernunft — wir Marsbewohner halten viel tom der menschlichen Vernunft —, ausgerechnet jetzt, da in London der Friede seine ersten Gehversuche macht, soll euch Mars nahe sein? Da muß man wirAich sagen: Pappe, pappe, aleppe! Dann möchte ich im Nauven aller Marsbewohner ganz ergebenst fragen: Was geht euch Erdenbewohner unser Mars an? Warum stört ihr unsere Kreise? Warum macht ihr allerhand Anstrengungen, mit 'uns in Verbindung zu treten? Zn uns Beziehungen anznkmipfen? Wir tragen durchaus kein Verlangen danach, mit euch Erdenbewohnern bekannt zu werden. Warum in aller Welt sucht ihr euch just mit den Marsbewohnern zu verständigen? Die muffen mir schon gestatten, einen irdischen Dichter zu zitieren. Der euren einer war eS, der gesagt hat: „Warum dem in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?" Ist euch wirklich an Verständigung so stark gelogen, so verständigt euch doch lieber untereinander! Das durfte euch mehr ftommen, als eine Verständigung mit unS Marsbewohner. AuS gewisten Erdzeichen können wir entnehmen, 'daß bei euch, trotz des Esperanto, noch einer deS Zweiten Sprache nicht versteht, daß «ihr einander nicht versteht, weil ihr euch miteinander nicht verständigen könnt. Und da habt ihr nichts besteres zu An, als mit dem Mars eine Verständigung zu suchen. Wcchrlich, wahrlich, ich sage immer nur dar eine Wort: Aleppe! Ferner hat es auf uns Marsbewohner nicht gerade einen rMftigen Eindruck gemacht, daß ihr in den letzten Tagen scharenweise, Männchen und Weibchen, nach euren Sternwarten gepilgert seid, um unseren Mars zu beobachten. Mars «giert die Mode. Es ist ja gar nicht lange her, da seid ihr allesamt in die ägyptischen Gvikber hinabgestiegen und jetzt wollt ihr euch mit einemmal zu den Sternen erheben! Bor lkuvzem noch ward ihr alle Aegyptologen und jetzt wollt chr alle die Astronomie durchaus studieren mit heißem Bemühen? Geht bei euch alles so rasch? Ist bei euch von Tutanchamen zum Mars wirklich nur ein Schritt? in Linz In eiirer kleinen jüdischen Gemeinde im Osten Europas, wo die Herzen noch rein und die Gesetze des Glaubens noch unerschüttert geblieben sind, rollen die Geschehnisse des von Dr. Ernst Weizmann verfaßten und vom Regisseur Robert Land inszenierten Filmdramas „Der Fluch" ab; m einem Milieu also, das scharfgezeichnete charakteristische Typen und landschaftlich interessante Bflder ermöglicht. Die Fabel vermenschlicht die Idee und macht eine Legende lebettdia und erschütternd zugleich ist. Sie Wische Filmlegetide „Zer Fluch". ein Zeichen bekommt, daß Gott ihm nahe sei. Monate vergehen, die Liebe seiner Tochter'zu Joel wird immer innige^, da taucht Nachmann wieder in seinem'Heimatsorte auf, rettet unter eigener Lebensgefahr Menschenleben, und aus solchem tiefsten Gefühl heraus erkennt er, d-E der Herr ihm nahe sei. Esra verzeiht ihm. Nun setzt das' Legendenmoiw ein. Des großen Rabbi Löw Sterbetag', an welchem in der alten Synagoge zu Prag von selbst die Bundeslade auf* sprang und von dem die Sage geht, daß von Zeit zu Zeit am Todestage des hohen Frommem das Wunder sich wiederhole und ein Fluchbeladener entsühnt werden könne! Schon stehen Nachmanns Tochter Ruth und Joel unter am Baldachin des Tempels, als die Tür der Synagoge aufgerisseu wird und Nachmann, von einem unaussprechlichen Glücksgefühl durchzirtert, vor den Augen der erschütterten Gemeinde irr die Arme seiner Kinder stürzt. Die Türen der Bundeslade springen auf und, während alle in ehrfürchtigem Entsetzen das Uebermenschliche zu fassen' suchen, entringen sich Nachmann, der den Fluch von sich weichen fühlt, Worte des Glaubens, der Inbrunst zu Gott„ den er gerufen und der ihn erhört hat. Mit diestm dramatischer Gipfel schlieLt die Legende. Rachmann (Oskar Beregr). Ter seinem Glauben. entfremdete Pferdehändler Jehuda Nachmann verlobt sich mit Lea, der Tochter des gläubigen Esra, wendet sich aber, das Verlöbnis brechend, der koketten Rahel zu, die er heiratet, worauf die verlassene Lea sich aus Gram ertränkt. Der ungetreue Nachmann büßt zunächst seine Schuld dadurch, daß er, von Esra verflucht, sein Weib verliert und mit der neugeborenen Tochter geächtet seine Heimat verläßt. In dem Augenblick, in welchem diese Tochter sich mit dem jungen Joel verlobt, stürzt die Menorah von der Wand — ein Fingerzeig Gottes! Der Spruch der Aelteste» verbannt Nachmann: unstet, heimatlos, ein ewiger Jude, muß er dahmwandern, uw- Gott zu suchen bis er A Esra (Albert Heine). £a*r.;..- .MM Wir Marsbewohner sind ehrliche Leute und halten mit der Wahrheit nicht zurück. Deshalb will , ich zum Schluß auch noch darauf Hinweisen, daß die ganze Geschichte von der Marsnähe ein notorischer Schwindel ist. Unser lieber, guter Mars denkt gar nicht daran, der Erde n-che zu kommen. Er hat schon seine guten Gründe dafür. Außerdem ist er auch zu stolz dazu. Ich glaube, 67/00.000 Kilometer Entfernung — das heißt noch immer die Distairz gewahrt. Nichts für ungut. Mit Gruß drnr oben nach unten! Ein Marsbewohner. An Fernbebrn. Ans Potsdam wird gemeldet: Aus der Erdbebenwarte des preußischen geodätischen Instituts wurde ein mittelstarkes Erdbeben in einer Entfernung von ettva 6000 Kilometer verzeichnet. Die ersten heimischen Wellen wurden um halb i Uhr früh registriert. Die Maximalbewegung war um 6 Uhr früh, das Ende nach halb 6 Uhr. Heinrich Marz stellt sich dem Gericht. Aus Berlin wird gemeldet: Nach Mitteilung eines, hiesigen Korrespondenzbureaus hat der von den Gerichtsbehörden gesuchte Heinrich Sklarz die Absicht, sich freiwillig dem Gerichte zu stellen. Die „Vossische Zeitung" erfährt hierzu, daß tatsächlich der Rechtsbeistand Heinrich Sklarz' beim Untersuchungsrichter ln Bautzen freies Geleite für Sklarz gefordert hat- Meser (Ferdinand Bonn). Dieses schlagkräftige, bis -ins Dämonische gesteigerte Fluchmotiv ist um rankt von wundervoll erdachten Bildern, vertieft durch eine Fülle plastisch geformter Gestalten, die die Idee des Films sinngerecht verbildlichen. Ferdinand Bonn als Rabbi Clieser, Albert Heine als Esra, Oskar Beregi als JePrda Nachmann verkörpern die Hauptfiguren. Bemerknswert die künstlerische Durchbildung der Regie, die geschickte Stilisierung. der 'Szenen, die verblüffende Echtheit der Ghettobilder. Robert Land hat im „Fluch" einen erstklassigen Film geschaffen. Unverständlich bleibt das Verhob'der Linzer Behörde. Nahm sie Anstoß an der jüdischen Wahrheit, daß ein Wortbruch gesühnt werde? Oder vielleicht an einer Szene, in der Nachmann und Wassili, Jud und Christ, sich in menschlicher Brüderlichkeit zusammenfinden? Wii^rstrebte ihr eine Moral, die das Wahre siegen und die Gemeinheit verdammt sein läßt? Oder ist ihr der Sinn dieser prächtigen Filmlegende überhaupt unverständlich geblieben? Es muß schließlich „auch solche Käuze geben" und auch die Filme haben ihr Schicksal... ' Ser vlldagoMche Kongreß i« Mache«. Aus München wird berichtet: Der pädagogische Kongreß ist heute hier eröffnet worden. Aus dem Deutschen Reiche sowie aus Oesterreich sind zahlreiche Teilnehmer, etwa 800 an der Zahl, erschienen. In seiner Begrüßungsansprache hob Profeffor Fischer Von der Münchener Universität das Interesse hervor, das die Universitäten an der akademischen Ausbildung der Volksschullehrer haben. Von den Fachreseraten ist jenes des Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Glöckel hervorzuheben, der über die Wiener Schulreform berichtete.' Me Stadt Wkogo in BMMa» ,Mnited Preß" meldet aus.Chikago: Der Vorstand des lokalen Palästinastiftungsfonds .(?) teilt mit, daß der Plan bestehe, eine'Stadt Chikago in Palästina zu bauen. Die Kosten würden 10 Millionen Dollar betragen. Das neue Chikago sei für Inden bestimmt, die hfolge der Einwci nderungsbeschränkungen nicht m btt Lage seien, in die Vereinigten Staaten zu gehen. Zar Wetter. Gestern gab es ln Oesterreich wolkenloses, heiteres Wetter. Die Mittagstemperatur betrug über 25 Grad Reanmnr: Die Voraussage lautet: Vorwiegend trüb, Neigung zu leichtm Niederschlägen. Temperatur wenig-verändert. t