Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1992 (31.8.1924)
- Date
- 1924-08-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 2 Wien. Sottutag neue zu Prüfen haben, welche,.'auf dem Schiedsgerichtsverfahren beruhend, dem Völkerbund eine weit größere Autorität in'den Fragen, welche die gegenseitigen Beziehungen der Völker betreffen, einräumen sollen. Ebenso wird die Frage der Uebertragung der Militärköntrolle über Deutschland an den Völkerbund rat, welche der Genfer Tagung vorliegt, wenn sie im Sinne der schon auf der Londoner Konferenz besprochenen Vorschläge gelöst wird, die Kompetenz des Völkerbundes erweitern und ihn zum entscheidenden Faktor für die friedliche Erledigung der europäischen, besonders der mitteleuropäischen Fragen machen.. Gelingt es < auf der Völkerbundkonferenz in Genf, die noch.immer durch die Machtpolitik beherrschte Frage der Zlbrüstung einer realen, nicht bloß scheinbaren Lösung näherzubringen, so wird das einzige Instrument zur .Sicherung . der Staaten jenes Völkerparlament sein können, das sich aus den unzulänglichen Anfängen, die ihm der Geist des Krieges anfzwang, allen Widerstanden zum Trotz, zur entscheidenden Instanz für alle die Beziehungen der Völker untereinander berührenden Probleme entwickeln muß. Dazu ist es unerläßliche Vorbedingung, daß der Völkerbund alle Nationen der Welt repräsentiere. Auch dazu, zum Eintritt der noch außenstehenden drei großen Staaten, soll die diesmal in Genf stattfindende Tagung die Voraussetzungen schaffen. Es sind die formellen Voraussetzungen; die wirklicherk, die ethischen Voraussetzungen können nur geschaffen iverden durch die Völker selbst. In den Völkern: der Erde lebt der Geist des Friedens; ihn zu verwirklichen muß die innere, sittliche Kraft der Völker sich auf sich selbst besinnen. Dann ist das Völkerparlanient die beste. Sicherung des Weltfriedens. Brief aus Palästina. Von Dr. Wolfgang Weisl. Jerusalem, im August 1924. Während vor einem Jahre die Einwanderung'nach Palästina auf einige hundert Menscher: im Monat gesunken war, die Auswanderung aus Palästina erschreckend einsetzte, di? Engländer.den Arabern täglich größere Konzessionen, in erster Linie die Kontrolle der.Einwanderung durch ein Einwanderuttgskomitee mit arabischer Aiehrheit, anbotcn, die Finanzen der Zionistischen Organisation zerrüttet waren, die wirtschaftliche Lage des Landes einen trostlosen Anblick darbot, scheint nunmehr ein Wunder ge-' schehen zu sein. Ich weiß nicht, ob ein anderes Wort am Platze ist.• . Wie uictit das Wunder beneMen Ivill; ist gleichgültig.' Ter eine nennt'es-^,T^b a k"t-Der Tabakbau hat die Arbeitslosigkeit beseitigt tmb Raum, für - neue EiiÄvanderung geschaffen. Der zweite nennt es ^„Antisemitismus". Der wachsende Judenhaß in Europa und auch im Amerika führt neue Menschen, uud zwar solche mit Kapital,, nach Palästina. And die Klügsten sagen: Die Araber haben uns geholfen. .Hätten sie nicht so unvernünftige Po--.! liiik gemacht, nicht alle Angebote Englands' abgelehnt,, stünden wir schlechter da . . . Aber Tatsache ist: wir sind aus dem Schlimmsten heraus. Schlimmer als es im letzten Winter ging, kann es nicht mehr kommen — undietztgeht es vorwärts. Die Einwanderung. . Die zionistischen offiziellen'Ziffern differieren von den offiziellen englischen. Ich kenne beide und halte'die ersteren - für die richtigen. Man schenkt mir hoffentlich die Angabe der Gründe.- Die Ziffern sind ungefähr: Von Jänner bis April zwischen 400. und 600 monatlich, Mai zirka 900, Juni zirka 1790, Juli zirka 1770, erste Woche.August zirka 1000. j Und die Zuwanderung, die Steigerung hält. an. Die . Einwanderungszertisikate der Regierung sind längst 5r-. schöpft, fast.3000 Chaluzim; in Polen, den russischen Randstaaten, in Deutschland verlangen vergeblich die Erlaubnis zur Einreise, und öbfchon sie nicht erteilt wird, wird der Strom der Zuwanderer nicht schwächer. Es kommen Kapitalisten, es kommen Verwandte von Leuten, die schon in - Palästina leben, es kommen Touristen, die sich hier im Lande nirderlassen und nachträglich die Erlaubnis, zum dauernden Aufenthalt erhalten. Und das ist das Schöne, das Große an dieser vierte n A l i j a h, die jetzt anhebt: sie kommt ohne Kommando und ohne Romantik. Es ist die'Alijah der kleinen Mannes. Eine Anzahl russischer Zionistenführer wurde von den. Sowjetbehörden zu Zuchthaus verurteilt, daun — Wohl als grimmer Witz gedacht. — zur ,/V erbannung nach P a l ä st i n a" begnadigt. Die englische Negierung gab die ' Erlaubnis zur Einreise für düse paar Menschen, sie kamen: etwa 40 an der Zahl. Elite des russischen Zionismus. Ihr Beispiel machte Aussehen und 160 andere Zionisten, gleichfalls aus Rußland verbannt, fragten erst nicht lange um Erlaubnis, sondern fuhren kurzerhand nach Palästina. Nichts ist bezeichnender.für die Awderung in der englischen Politik, als daß. diese Leute, die ohne Paß, .cchne Geld ankam'en, die Erlaubnis zur Einwanderung schielten. Was' vor einem 'halben Jahr Noch unmöglich gewesen wäre.'Und noch bezeichnender vielleicht, daß die arabischen Zeitungen, die sonst immer über die Ueberflutung Palästinas mit Juden Klage führten — solange die Einwanderung ein paar hundert Menschen monatlich ins Land ' brachte jetzt schweigen. (Obwohl 160 russische Konter- .revolutionäre für die palästinensischen Juden<• mehr bedeuten, als 1600 gewöhnliche Einwaütxwer.) V' Der Wind ifjot sich gedreht.,, Wiener Morgenzeitnnn. 31. August 1924 Nr. 1998 Der Weltverband für soziale Hilfe. — Feierliche Aeberreichnng der Äenfer Lellaratlon. (Von unserem Karlsbader SpezialberichtHrstatter.) Eine ausführliche Debatte, wurde auf der Konferenz über dien zu gründenden Iühi s ch en W eltV erb and fitr soziale Hilfe abgeführt, welches' das Hauptproblem der Tagung bildete. Weine Notwendigkeit wurde allgemein' anerkannt, Differenzen in den Anschauungen ergaben sich lediglich bezüglich der Konstruktion des Verbandes. Verschiedene Redner wandten sich gegen das vorgeschlagene Föderativprinzip, das von „O st" und „O s e" angestrcbt wird. Der Referent S. Motzkin besprach die Geschichte dieses nicht mehr ganz netten Projektes und lvies daraufhin, daß in einigen Ländern (Tschecho-Slowakei, Deutschland) bereits eine starke Konzentration der Arbeit stattgesunden habe, während in Amerika das gleiche Bestreben zu beobachtett sei. Diese Vereinigung solle nun interterritorial erfolgen, um das heute herrschende Chaos zu beseitigen, wo'von verschiedenen Seiten oft dieselbe Arbeit angegangen werde. Auch den nötigen K a t a st r o p h e n f o n d s wird man nur schaffen können, wenn man im großen Rahmen arbeitet. Eine wirklich umfassende Arbeit kann nur z e n t r a l v o n der gesamte n j ü dis ch e n N a t i o n für die gesamte jüdische Nation geleistet werden. ’ Der - Generalsekretär der Welthilfskonferenz H. J efrojkin führte aus, die jüdische Philanthropie müsse systematisch organisiert und in den einzelnen Ländern zentralisiert werden. Die Hauptschwierigkeiten für die Gründung des Wellverbandes liegen in der Desorganisierung der jüdischen Wohltätigkeit, in dem Geist provinziellen Ehrgeizes, in der Einstellung jener extrem assimilatorischen Kreise, die A n g st vor internationaler Vereinigung, haben, und zuletzt in der separatistischen Tendenz von Organisationen und Minderheitsgruppen, die sich nicht der nationalen Disziplin fügen wollen. In der'Debatte erklärte Frau Anitta Müller, Wien, soziale - Hilfsarbeit müsse ihre Spezialisten haben, ebenso wie andere Gebiete des menschlichen Lebens. 'Die Organisation aber, die von den Spezialisten geschaffen wird, muß selbständig bleiben uud ein weites Gebiet für ihre Initiative gesichert haben.-Bei der Gründung des i Weltverbandes müsse also sehr vorsichtig vorgegangen werden. Morris M y e r, London, betonte die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Europa und Amerika, Prilucky forderte die Aufstellung eines bestimmten IBüdgets, C h a s a n o w i t s ch Und Dr. Diamant schlugen vor, nur das Prinzip zu beschließen,'das Statut jedoch 'erst einer Kommission zu übertragen. Auch Dr. Wisch- > itzer (HMvereiy ' der deutschen Juden) trat für die 'Schaffung des Welkverbandes ein. Es sprachen noch ver- -.schiedeue Redner, welche die schwierige Frage von den verffchiedensten Seiten erörterten, l Hierauf erfolgte die . . feierliche Unterzeichnung der Genfer Deklaration, die auf Pergament in künstlerischer Ausführung in hebräifcherund jüdischer Sprache niedergeschriebenist, durch die Delegierten. Die Deklaration, die im Jahre 1923 feierlich Dom Eifelturm in die Welt hinausgesprochen worden ist, mnd dann im Genfer Archiv der Internationalen Union, für, Kinderhilfe niedergelegt wurde, hat folgenden Wortlaut: - 1.. Jedes Kind hat Anspruch auf normale körperliche; und geistige Entwicklung. 2. Das hungrige Kind muß gespeist, das kranke ge-! pflegt,' das geistig zurückgebliebene gefördert, das ver- : wahrloste auf den richtigen Weg gebracht werden. Wai- : sen und verlassene Kinder sollen ausgenommen und veri sorgt werden. 3. -In Z e i t e n d e r N o t h a t z u e r st d a s K i n d; Anspruch aus Hilfe. i 4. Das Kind muß befähigt werden, seinen Lebensunterhalt selbst zu'verdienen, zugleich aber gegen jede Ausbeulung geschützt werden. '6. Das Kind muß zur tätigen Menschenliebe erzogen werden. Präsident M o tz k i n übergab die Unterzeichnete Deklaration dein Vertreter Kds Internationalen Roten Kreuzes, Herrn G eh r i, und sprach ihm gleichzeitig den Dank der Konferenz aus und das Interesse, das sich unvermindert erhalten hat, in welcher Sprache auch immer die Verhandlungen geführt wurden. Herr Gehr: (Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes) erklärte: Mit wahrer Rührung nehme ich die Deklaration entgegen, die mir vonr Herrn Präsidenten in so feierlicher Weise namens der Exekutive überreicht wird.. Die erste offizielle Unterzeichnung der Deklaration ist von der Regierung von Kanada durch ihre Wohlfahrtsorgane erfolgt. Zum zweitenmal erfolgt sie nun von der I ü d i s ch e n W e l t h i I f s k o n f e r e n z. Namens der großen offiziellen Organisationen, die ich vertrete, drücke ich meinen Dank hierfür und gleichzeitig für den herzlichen Empfang Und die freundlichen Worte aus, die meinen Organisationen hier gewidmet wurden. Ich hoffe, dqß sich die Beziehungen zwischen Welthilfskonferenz und den beiden internationalen Organisationen immer besser entwickeln und immer fester gestalten werden. ' In der Schlußsitzung wurde von Dr. M a r g u l i e s der Bericht des P e r nt a» nenzausschusses erstattet. Er legte vor allem die Resolutionen betreffend die Gründung des Weltverbandes für soziale Hilfe vor. Sämtliche Resolutionen wurden mit großer Mehrheit angenommen. Danach hat die Exekutive ehestens Schritte zur Begründung dieses Weltverbandes, der einen jüdischen Rettungsfonds aufzubringen hat, einzuleiten. - Nach einer von den Vertretern der „Ort" und „Ose" hervorgerufenen Auseinandersetzung bezüglich der Autonomie der Sammlnngstatigkeit, in deren Folge dann die Vertreter dieser Organisationen erklärten, die neue Leitung nicht zu beschicken, schreitet man zur Wahl. In die Exekutive wurden gewählt: Leo Motzkin als Präsident, Jefrojkin (Generalsekretär), Sliosberg, Latzki, Temkin, Dr. Jochelmann, Professor Dr. Chajes, Professor Eisler, Dr. Klee, Anitta M ü l l e r, F r i e d l a n d, Abgeordneter Dr. Oskar Cohn (Berlin), Alfred Berger, Dr. Julius Brntzk u s, Oberrabbiner Weil (Kolmar). Weiters wurde ein großer Zeütralrat gewählt, dem u. a. angehören: für Palästina U s s i s ch k i n und. Hell in; aus W i e n: Professor E h r m an n, Dr. N.; M. G e l b'e r und Heinrich Pappe n h e i m. Drei Delegiertenplätze wurden offengelassen: für die Wiener Kultusgemeinde, den jüdischen Frauenbund in Deutschland und den Volksverband der Juden für die Slowakei. Mit einer längeren Ansprache schloß hierauf der Vorsitzende Motzkin die arbeitsreiche Konferenz. Donnerstag abends fand bereits die erste Sitzung des neugewählten Zentralrates statt. Zum Präsidenten wurde einstimmig der bekannte jüdische Gelehrte Professor S m i o n s e n (Kopenhagen), zu Vizepräsidenten David Dell in (Jerusalem), der Großpräsident des Ordens B'naiB'rith in Deutschland Geheimer Justizrat Timendorfer (Berlin), Dr. Albert van Raalte (Amsterdam), Dr. Klumel (Warschau) und Rabbiner Dr. Niernirwwer (Bukarest), zu Schriftführern Dr. E. Margul ie s und Dr. S eg all (Berlin) gewählt. Der Generalrat beriet hieraus über die nächsten Arbeiten der Welthilfszentale. ' v Auf der Konferenz war auch der Weltverband der jüdischen Studentenschaft vertreten, der bereits achtzehn Studentenverbände in ebensovielen Ländern umfaßt. Noch wichtiger als die gesteigerte Einwanderung ist, Ne sinkende Auswanderung ans Palästina, mit der vor ällem der selige de Haan soviel Lärm.erregt hat. Genau ^kontrollieren,. wie groß die Emigration ist, läßt sich nicht, jscit die Regierung die Veröffentlichung diesbzMicher Daten 'einstellte. ' Diese Tatsache hat ihre pikante Vorgeschichte: Im - April — wenn ich nicht irre — veröffentlichte die Regierung, daß fast 400 Palästinenser, hauptsächlich Juden, aus Palästina ausgewandert seien, davon zirka 300 nach Amerika.! Die 'Zionistische Exekutive fragte beim amerikanischen ^Generalkonsul an, der erklärte, er habe Überhaupt keine Visa nach Amerika ausgchellt. Die Wahrheit lag in der 'Mitte: die betreffenden hatten auswandevn gemocht und haben Pässe von der palästinensischen Regierung berlan>zt. Darauf wurden sie als „Auswanderer" eingetragen. Daß sthnen die Amerikaner aber die Einreise nicht gestatteten, interessierte die (arabischen) Statistiker des' Departements nicht/Wer einen Paß 'hat, ist ansgewandert. Punktum. Ebenso schlimm machten es diese Beamten, wenn Juden auf zwei oder drei Monate nach Europa fuhren, um.ihre Famllien herüber zu holen. In mir bekannten Fällen behielten diese Männer ihre Wohnung, ihr Geschäftslokal; tut nichts, er fährt in -die Heimat, also Auswanderer. Kommt er aber nach Palästina, dann ist er — mitsamt seiner Familie — nur „returning refident" und erscheint nicht in der Statistik per Einwanderer, - Die Zahl der im: Lande befindlichen Juden — die ja politisch von höchster Wichti^eit ist — ist verkleinert worden: der höhere Zweck der Statl.stib.ist erreicht. Ms eine Reihe solcher Taffachen ztffaMmenkam, stellte die Negierung die Registrierung der Auswanderung ein. Damit ist natürlich aber nicht die Taffache aus der Welt geschafft, daß aus Palästina eine gewisse Austwandevung bestcht — vor allem deutsche Chaluzim stellten ein verhältnismäßig stärkeres Kontingent dazu —, mrd es muß ganz offen gesagt werden, daß diese AuRwanderung itvahrscheinlich noch stärk-er wäre, wenn eine Auswanderung überhaupt möglich wäre. <* Wie das auch sei: die ,Mit'wanderevlager" der Monistffchen Exekutive, die sonst immer von Immigranten überfüllt waren, sind heute leer. Me Einwanderer schlagen sich a u f e i g e u e F a u st durchs Leben und die Zionistische Exekutive, die vor einem Jahve mit der ungleich schwächeren Immigration so schwer fertig wurde, hat heute die Arme frei pnd verlangt mch neuen Zertifikaten für neue Menschenz. Ebenso wichtig wie Menschen ist der Boden. Eine tmserer enchfiMichsten Schwächen ist die Klein« heit des jüdischen Landbesitzes in Palästina. Kaum 700 QuadratkilMeter sind in jüdischem Besitz — etwa 3,6 Prozent des Gesamtlandes! -- und davon ist noch ein großer TM Land!, von Arabern -der wenigstens M Hilfe Arabern behaut, 1 i."' •-"■e" ' .