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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-29 · Heft 1990 (29.8.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1990 (29.8.1924)
Date
1924-08-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1990 Wien, Frekkag Sie Schlußberalmmn über den Solltarif. Die Anti-Dumpingklausek. Der Zollausschuß hat gestern den Tarif erledigt. Das Zolligefetz selbst wird erst heute zu Ende beraten werden, da die von den Sozialdemokraten Vovgeschlagene Nnti-Dumping"klausel, welche die Regierung ermächtigen soll, gewisse Jndustriezölle im Verkehre mit Staaten zu erhöhen, d'e den Achtstundentag nicht eingeführt halben, erst den Gegenstand von Verhandlungen im Schoße der Regierung bilden soll. Die Sozialdemokraten sind wegen der Kritik, die ihr Umfall in der Frage des Getreidezolles in der Presse begegnete, sehr verschwupft und wollen darum wenigstens mit der Anti-Dumpingklausel einen formalen Erfolg erzielen. Die Klausel seHst wird von der Regierung als ziemlich belanglos angesehen, da sie ja nur eine allgemeine Ermächtigung für das Ministerium beinhaltet, von der kein ^Gebrauch gemacht werden muß. Ihre Anwendung wiirde allerdings nach Ansicht der Industrie für gewisse Produkte nur preissteigernd wirken und Praktisch wertlos sein, da Oesterreich wohl zu schwach ist, üm anderen Staaten durch zollpolitrsche Maßnahmen den Achtstundentag aufzuzwingen. In der Sitzung des Zollausschusies evstattete zunächst Berichterstatter H e i n l ein eingehendes Referat über die Beschlüsse des vom Zollausschuß eingesetzten neungliedrigen SMomitees. Er verwies darauf, daß sich all; Parteien zur grundsätzlichen Annahme des Systems der gleitenden Getreidezökle für Weizen, Roggen, Gerste und Hafer entschlossen haben, wobei die Zollstala für Weizen grundlegend fein soll. Bezügslich der Skalenberechnung wurde vom Unterausschuß folgender Beschluß gefaßt: Der Grundzoll von zwei Kronen pro 100 Kilogramm hat bei einem Weizenpreis von 3200 bis 3800 K. pro Kilogramm zu gelten. Sinkt der Weizenpreis unter 320.000 K. pro 100 Kilogramm, so erhöt sich der Zoll von 10 zu 10 Goldheller pro 100 Kilogramm in gleichem Ausmaße des Sinkens des Weizenpreises, bis höchstens 4 K. pro 100 Kilogramm; er sinkt in gleichen Stufen bei einem Weizenpreis von über 380.000 K. Pro 100 Kilogramm bis tiefstenS 25 Goldheller pro 100 Kilogramm. Der Zoll auf Roggen, Gerste und Hafer ist dem jeweiligen WLizenz o l l g l e i ch. Bei der Abstimmung wurde die Tarifklasie, Getreide, nach den Vorschlägen des Berichterstatters, die Darifklasse, Lebendvieh uN-d tierische Rohstoffe gemäß den Beschlüssen des Unterausschusses a n g enomm e n. Bei der Tarifklasse Fette und Oele unterbreitete der Berichterstatter die vom Unterausschuß gefaßten Beschlüsse. Bezüglich Speiseöl in Fässern beantragte er die Wiederherstellung des Zollsatzes der Regierungsvorlage von 5 K. Die Taristlasie wurde nach diesem Vorschläge a n g eno m m en. Die Tarifklasie Eßwaren wurde in der vom Berichterstatter gemäß den Anträgen des Unterausschusses vorgelegten Fassung beschlossen. Ueber Antrag des Berichterstatters wurde schließlich die Rcassumierung mehrerer vom Ausschuß beschlossenen Zollpositionen vorgenommen und follgende neue Zollsätze angenommen: Kakaobohnen a) roh 50 K., b) gerüstet 60 K., Bürstenbinderlvaren, andere 36 K., Hutfutter aus Papier 20 K., Kunsthorn und Kunstharze 40 K. Er beantragte weiters, das Gesetz fünf Tag« nach der Kundmachung in kraft treten zu lassen. Abg. Dr. Bauer beantragte das Vovmerkungsverfahren auch auf Teigwaren auszudehnen. Diesem Anträge stimmt Berichterstatter Heinl zu. Abg. Dr. Bauer stellte weiters folgenden Abänderungsantrag: Der Beginn der Wirksanikeit dieses Gesetzes wird durch Verordnung mit Zustimmung des Hauptaustschusses bestimmt. Er kam schließlich ans die von ihm in der letzten Sitzung des Ausschusses -besprochene Frag" der Aufnahme einer sozialpolitischen Schutzklausel in das Zolllnrrfgeisetz zurück und fordere die Regierung aus, zu dieser Ang-elegenlheit Stellung zu nehmen. Nachdem die Bundesmmister Dr. S ch ü r s f und Dr. Kienböck erklärt hatten, daß die Regierung über diese Frag" und die im Zusammenhang damit angeregte A n t i- Dvmpingklausel noch Beratungen abhalten müsse und im Laufe des morgigen Tages ihre Stellungnahme bekanntgeben werde, wurden die Beratungen des Ausgusses auf heute 4 Uhr nachmittags vertagt. Die Völkerbunddelegierten in Wien. Die Völkerbunddelegierten haben den gestrigen Vormittag zu Konferenzen mit dem Generalkommissär Doktor Zimmerman und dem Präsidenten der Nationalbank Dr. Reisch benützt. Die nächsten Verhandlungen der Delogierten den Vertretern der österreichischen Negierung finden heute statt. Die österreichischen Delegierten nach Sens abgereift. Von der ö st e r r e i ch i s ch e n D e l e g a t i o n bei der /evorstehenden Hauptversammlung des Völkerbundes sind Botschafter a. D. M e n s d o r f s, Dr. M a t s ch und Negierungsrat B o d o gestern nach Genf abgereiü Wiener Modenzeitung. ' '_ 2S. August 1924 _Seite 8 An Konflikt zwischen Polen md Ungarn. Die unmenschliche Behandlung polnischer Staatsbürger in Ungarn. — Proteste der polnische» Regierung. — Eine gemischte Kommission rar Regelung dieser Frage. (Von unserem Budap.ster Korrespondenten.) Seit fünf Jahren, das heißt seit Beginn des christlichnationalen Kurses in Ungarn, wurden die nach Ungarn geflüchteten g a l i z i s ch e n I u d e n auf Grund offener und gcheirner Verordnungen auf die unbavinhertzigsie Weise verfolgt. Ausweisungen, Internierungen und Mißhandlungen galizischer Inden waren auf der Tagesordnung und die brutale Art, mit welcher hier Hunderte, und Hunderte jüdischer Existenzen zugrunde gerichtet wunden, halben zu häufigen ernsten Auseinandersetzungen zwischen der polnischen Gesandtschaft in Budapest und der ungarischen Regierung geführt. Die polnische Regierung stand aus dem Standpunkt, daß in «der Polnischen Republik alle Konfessionen gleichberechtigt seien und daß sie es nicht zugeben könne, daß ihre Staatsbürger in Ungarn, weil sie Juden seien, eine Behandlung zweiter Klasse erfahren. Die ungarische Negierung hat sich weder um die Noten der Polnischen Regierung, noch um die Intervention des Budapester Polnischen Gesandten, noch auch um die Vorstellungen der polnischen Regierung bei dem Budapcher Gesandten in Warschau gekümmert und ist bis m die letzten Wochen hinein mit kurzfristigen Ausweisungsbefehlen gegen galizische Juden in Ungarn vorgegangen. Die Budapester polnische Gesandtschaft ist wohl, so oft sich ein von der Ausweisung betroffener jüdischer polnischer Staatsbürger an sie wandte, zu seinen Gunsten eingeschritten, mitunter auch nicht ohne Erfolg. Die massenhaften Ausweisungen machten es jedoch der Polnischen Gesandtschaft unmöglich, immer individuell einzuschreiten, und da die ungarische Regierung keine Miene machte ihr Verhalten zu ändern, nahmen die . Vorstellungen von Polnischer Seite in den letzten Wochen ernstereFormen an. sertigm Plan h-ervortreten wird. Einzelheiten dieses Planei sind naturgemäß vorläufig nicht bekanntgegebm. Werden diese Verhandlungen zu einem halbwegs be friedigenden Ergebnis führen, so wird damit eines der taurigsten Kapitel in der Kriegs- und Leidensgeschichte der östlichen Juden hoffentlich abgeschlossen werden. Reich an grausigen Einzelheiten ist diese Geschichte. Die „Wiener Morgenzeitung" hat alle diese Fälle seinerzeit registriert. Nur auf einen Fall sei hier wieder Hingelwiesen, weil er wahrscheinlich den ersten- Anstoß gab, daß die polnische Negierung mit besonderer Entschiedenheit eine menschliche Regelung der Wohnrechtsfrage der galigischen Juden in Ungarn zu fordern begann. Besonders grausam wüteten bekanntlich die P kt o v i n z b e h ö r d e n gegen die galiz chrn Juden. So wurden in Debreezin im Jahre 1920 etwa 100 ga l t z i s ch - j üd: s che Flüch tlinge von der P ol i ze i zu sa mm eng efangen und in ein leerstehendes Theatergebäude gesperrt, wo sie einen Monat lang gefangen gehalten wurden. Da das Dheatergebäude nicht für Wohnzwecke erbaut wurde, war der Zustand dieser unschuldig Gefangenen, die in den Gängen und Kellern vier Wochen lang ihrem unsicheren Schicksal entgc,gensahen, ent'etzlich. Nach einem Monat endlich wurden diese Unglücks'-chen in einem plombierten Viehwagen nach Budapest transportiert. In Budapest erwartete ein polnische Kommission den Menschentransport im Viehwagen. Man kann sich die Entrüstung der polnischen Diplomaten denken, als beim Anlangen des Zuges als Erster ein Dieses energische Auftreten der polnischen Regierung und die Gefahr einer ErMtnng der Beziehungen zwischen Ungarn und Polen scheinen nun die ungarische Regierung doch veranlaßt zu haben, dem Vorschlag der polnischen Regierung, die Frage g e n e r e l l in einer von beiden Seiten zu beschickenden Kommission e nd g ü.l t i g zu b ereinigen, näher;m treten. So wird denn schon Ende dieser Woche die erste Sitzung d'eier gemeinsamen Kommission ftattfinden, in welcher die polnische Delegation mit einem Sie letzten Kurse. (Radiodienst der „Wiener Morgenzeitung".) whh iianri ViuiJ'on, 28. August. D e v i s e n s ch I u k k u r i er Wien 319.590, Berlin 18,92'/». Prag 149.37'/-, New-Pork 4.48»/,. Paris 83,18. Brüssel 90.12'/,,, Non» 101.43'/,. Zürich 23,89'/2. Madrid 33.87'/,. Lissabon 1,59, Amsterdam 11.58'/^, Kopenhagen 27,72'/,, Christiania 32,45, Stockholm 16.87'/2, Helsingfors 179,25, Athen 245 50, Rio de Janeiro 5,40, Bukarest 900. London, 28. August. Effekten!urse: Oesterreichiscke Anleibe 92, Tschechische Anleihe 101.—, Prager Anleihe 90, Skoda 90.—, Bankverein 8, Bodenkredit 18. Central Mining 11.—, General Mining 11,6, Diamond? 17,3, Debeers -11,375. Rio Tinto 355/8, Royal Dutch 28,75, Shell 3%. Baumwolle: New-Uork eröffnete Oktober 24,45, Dezember 24, Jänner 29.98, März 24,34. 11 Uhr: Oktober 24,63, Dezember 24,19 Jänner 24,12, März 24.66. Full Middling 15,40 Terminware anfangs 20 bis 26 Punkte niedriger. 11 Uhr: 12 bis 15 Punkte niedriger. 12 Uhr: August 14,59: September 1.4,32, Oktober 14,08, Jänner 13.80, März 13.80, Umsatz 12.000 Ballen. 13 Uhr 15 Min: 11 bis 14. Punkte niedriger; 14 Uhr 15 Min.: 11 bis 8 Punkte niedriger; 15 Uhr 10 Min: 11 bis 14 Punkte niedriger; 15 Uhr 30 Min: 9 bis 16 Punkte niedriger. Livervool Schluß: August 14,77. September 14,49, Oktober 14,11, Jänner 13,89, Marz 13,89. M e t a l l in a r k t: Kupfer Standard Kassa 63,2,6 bis 63,5, dreimonatig 64,2,6 bis 64,5, Elektrolyt 67,15 bis 68, Zinn Standard Kassa 254,5 bis 254.10, dreimonatig 255 bis 255.5, Blei englisches 34, ausländisches 32,17,6 bis 32,5, Messing ausländisches 32,2,6 bis 32,15. Zucker: Der Markt wies geringen Umsatz auf. Für heimischen Bedarf werden die alten Preise notiert. Meiste Termin" Ware verkehrte ruhig zu stabilen Preisen. August 23,10,5, Dezember 20,4'/2. Paris, 28. August. Wechselkurse: London 83.26, Rew-Pork 18,58, Brüssel 92.52. Holland 718,50, Schweiz 349, Italien 81.80, Wien 26,37, Prag 50. Paris, 28. August. (Nadio.l Effektenschlnßknrse: Banane de France —, Pragobanka 404,—, Credit Lyouais 16,95, Suez 14,345, Platine 841. Dabrowa 717, Bangne Ottomane 817, Central Mining 927, Rio Tinto 28.81, Le Naphta russe 418. Succeried Egypte 1027, Cautschoues sin 144,50, Chartered 48,25, Debeers ordin. 955,—, Goldfields 83,75, Huanchakas 333,—, Jägers Fontain 249.—, Malacca ordin. 14.8,60, Maltzoff 656,—, Mexican Eagle 78.25, Padana 387,—, Rand Fontain 81,—.Nandmine 242,—, Sitva plana 163,50. Tanganyika 169,50, Tnbice wie 617-, Utah Codver 1489. Shell 329,—, Royal Dutch 24,415, Burmah —, Lakou 2665. New-'Zortz, 28. August. E f f e k t e n & ö r f e Atchinson 104-/,„ Baltimore 67,25, Canadian Pacific 142,50. Chcäsepeacke 85,6,35, Eari 28, Greath Northern 65. Milwaukee 65'/,, Northern Pacific 15,75. Union Pacific 144, Union Steels 107'',8, Royal Dutch 43, Southern Pacific 94V«. Polizist mit einer Hundspeitsche in der Hand aus dem Waggon sprang und die Meldung über den Transport evstattete. Der polnische Konsul hat nock' am Bahnhof gegen di eise unmenschliche Behandlung polnischer Staatsbürger Verwahrung eingelegt, aber sein Protest blieb.unberücksichtigt und nach wie vor tourten galizische Juden ihres Vermögens beraubt und in die Sammelgefängmsse gesteckt. Wir werden über den Verlaus der Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen berichten._ Tagesbericht. RabbinerZrEimonMaM gestorben. Am 22. August d. I. wurde der Neutitscheiner Rabbiner Dr. Simon M a n d l, der in der Blüte seines schaifsensreichen Lebens verstorben ist, zu Grabe getragen. Mit dem Tode dieses edlen Menschen hat die jüdische Gelehrtenwüt einen großen Verlust erlitten. Dr. Mandl hat in zahlreichen Vorträgen und in seinen Kanzelreden stets großes Interesse der jüdischen Kreise sowie der Ocffentlichkeit überhaupt erweckt und war auch schriftstellerisch äußerst erfolgreich tätig. Rabbiner Mand'l. entstammte einer gut jüdischen Patrizierfamilie, 'begann seine Laufbahn als Rabbiner in Kostet, von wo er bald nach Neutitschein berufen wurde und dort fast 25 Jahre als Seelsorger segensreich wirkte. Es ist * als sein ausschließliches Verdienst zn werten und seinem vorbildlichen Eifer zu verdanken, daß in der Gemeinde Neu titsch ein ein würdiges Gotteshaus errichtet wurde, welchem Dr. Mandl durch seine geistreichen Kanzelreden eine besondere Weihe verliehen hat. Mandl war sowohl als Lehrer als auch auf charitativem Gebiete tätig und sein besonderer Wohltätigkeitssinn, seine stete Hilfsbereitschaft wird in so manchem Studenten herzen aus damaliger Zeit das denkbar beste Andenken zurückgelassrn haben. Dr. Mandl erfreute sich nicht nur in den weitesten Kreisen seines Wirkungsbereiches besonderer Beliebtheit, sondern war auch w'it außerhalb dieses Kreises geehrt und hoch e.-schätzt, wie dies aus der zahlreichen Beteiligung an seinem Leichenbegängnisse zum Ausdruck gekommen ist. Mandl ist nach Wien gekommen, um hier Heilung zu finden. Der Tod hat ihm die ewige Rübe gebracht. Cs war ihm nicht gegönnt, an der Stätte seines 25jährig.'n ersprießlichen und segensreichen Wirkens seine letzte Ruhestätte zn finden, und so hat die Wiener Kultusgemeinde gerne die Gelegenheit genommen, ihm an würdiger Stelle ein ehrendes Grab zu errichten und durch diese D?.t die indische?o!?r,st>^ Wiens zu weihen. Baurat Dr. 2. Nt arge n st e r n Mit eineinhalb MMarde» geflüchtet. Aus Budapest wird gemeldet: Der Budapcster Ir wclier B a ch r n ch erstattete gestern bei der Polizei die Anzeige, daß sein Sohn Albin unter Mitnahme von Schmncksachcn und Geld im Werte von anderthalb Milliarden flüchtig gewordcrr sei. Wie die Blätter berichten, war der junge Bachruch erst vor einigen Wochen ans einer Nervenheilanstalt entlassen worden, lvo er?, von seinen Angchörigen wcgerr seiner versch wende rischen Lebensweise nnterge'bracht worden war.

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