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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-28 · Heft 1989 (28.8.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1989 (28.8.1924)
Date
1924-08-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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' ^' ■ '"' -f'f-' Wiener NorgenzellnnK. 2?8. AUgUsk £024 wette a über den Zolltarif. Gleitende Getteidez'Me. Nr. 1989 Wien, Donnerstag_ Die Parlamentssefsion in Frankreich Dcr Senat ratifiziert den Laufanner Vertrag. Paris, 27. August. (Havas.) Der Senat hat den Vermrg von Lausanne mit 270 gegen 20 Stimmen ratifiziert. Im Lause der Senatsdebatte über den Vertrag von Lausanne betonte der Ministerpräsident Herr rot in Erwiderung auf die Ausführungen verschiedener Redner, Frankreich wahre seine Rechte auf die heiligen Stätten und werde alles daran setzen, um sie zur Geltung zu bringen. Betreffend die Frage der Schulden, die die türkische Negierung nicht bestritten habe, werde er alles tun, um im Verein mit den Verbündeten die größtmöglichen Vorteile für die Inhaber der Schuldverschreibungen zu erreichen. Mas die Frage der Schulen in der Türkei cmlauge, verspreche er den vollen Schutz der Regierung der Republik für die Missionäre und die französischen Lehrkräfte aller Konfessionen. In dieser Angelegenheit werde auch bei der türkischen Regierung ein Schritt unternommen werden. Der Ministerpräsident teilte bei dieser Gelegenheit mit, daß die Zahl der französischen Schulen in Syrien und ihrer Schüler täglich zunehmr. Die Parlamentssession ist geschlossen worden. Kammer und Senat treten am 15. Oktober zur neuen Session zusammen^ HerviotZ Reise Nach Gens. Ministerpräsident H e r r i o t wird sich am 2. September -ach G e n f begeben und dort bis 6. September bleiben. Rn fenfatloneKer Dolmirentendisbstahl. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 27. August. Bei dem Vorstand der englischen kommunistischen Parr. in London wurde heute nachts ein sensationeller Einbruchsdiebstahl verübt. Es wurden weder Geld noch Wertgegenstände geraubt, sondern die Einbrecher chatten es nur auf Dokumente abaeschen. Sie raubten unter anderem den Briefwechsel des jetzigen Premierministers Mac D,onald mit dem Vorstand der kommunistischen Partei sowie d»e Korrespondenz zwischen der Partei und den Gewerkschaften. Ferner entwendeten sie alle Dokumente, die aus die geplante Agitation der kommunistischen Partei in England Bezug hatten. - Die Kommunisten behaltpten, daß der Einbruch von der Londoner Polizei a n g e o.r d n e t worden sei. Die Polizei leugnet dies mit dem Hinweis, daß sie, wenn sie eine Hausdurchsuchung im Bereiuslokal hätte vornehmen wollen, dies in aller Öffentlichkeit getan hätte. Die ArieitrlofigM in England. London» 27. August. Die' Zahl der A r b e i t s l o s e n erreichte am 18. August 1,222.200, das heißt um 50.357 mehr als am 11. August. _ eine Konferenz der nationalen Minderheiten in Butarest. Bukarest» 27. August. Staatssekretär Tatareseu erklärte Journalisten gegenüber, die Regierung plane, Anfang September eine Konferenz von Vertretern der nationalen ^Minderheiten nach Bukarest einzuberufen. Die Negierung wolle die Frage der nationalen Minderheiten auf eine radikale Weise lösen. Zu Goethes 175. Geburtstag. Von S. Meisels. Goethe ist heute der von allen anerkannte Dichterfürst, vor dessen Größe jedes Tadlers Mund verstummen muß. Goethe gilt heute als der Gipselmensch. der, über alle Kr.itfl erhaben, in jenen unnahbaren Höhen thront, zu denen des Mäklers Mißbilligung oder Ablehnung nicht hinaufreichen kann. Kein Splitterrichter wagt sich heute an Goethe heran. Bei Lebzeiten des Olympiers war es anders, da gab es eine ganz große Gemeinde von Goethe-Gegnern. Unter diesen der schärfsten einer war Ludwig Börne. Man kennt Börne nicht, wenn man annimmt, seine Gegnerschaft zu Goethe sei persönlichen Motiven entsprungen. Wohl hatte Börne auch persönlich einen Grund, gegen Goethe herstimmt zu sein. Denn als Börne seine Zeitschrift „Die Wage" begründete, lud er Goethe zur Mitarbeit ein, erhielt aber auf diese Einladung keine Antwort. Ludwig Börne war indes nicht der Mann, sich durch eine persönliche Kränkung verbittern zu lassen. Sein Goethe-Haß hatte viel tieferen Grund, er wurzelte in der ganzen Wesensanlage des Mannes, dessen Kampfnatur die Goethesche SelbstgLnügsamkeit nicht vertragen konnte. Man kann sich in der Tat keinen größeren Gegensatz vorstellen als den zwischen Goethe und Börne. Diese beiden Frankfurter waren voneinander grundverschieden. Goethe «war Patrizier und Börne ein Bürgerlicher, Goethe war ein Dichter und Börne'"ein Journalist, Goethe war .ein Adler und Börne ein Sturmvogel. Goethe und Börne konnten nicht Zusammenkommen, weil „ein Gegensatz zweier feindlichen Welten" zwischen ihnen waltete. Börne war ein Mensch, der sich allem Menschentum angelobte; er lehnte jede menschliche Gesellschaft ab, .die kleiner war als die Menschheit, und mußte den Mann ablehnen, der größer war als der Mensch. In seinen Briefen aus Paris spricht er immer wieder vom „kalten Goethe". Er bewunderte den Olympier, es mangelte ihm nicht an Ehrfurcht vor diesem Die gestrigen Beratungen des Subkomitoes des Zolleusschusses führten zu einer einv-ernchlnlrchen Beschlußfassung aller Parteien über die Getveidezölle. Damit ist das Haupthindernis für eine termingemäße Erledigung des ne^n Zolltarifs beseitigt. Die Sozialdemokraten haben daH Prinzip des gleitenden Zolles durchgesetzt und die Körnerbauern in Oesterreich echaltcn, wenn der Getreidepreis in Wien pro Kilogramm 3200 bis 9900 K. beträgt, 2 Goldkronen pro Meterzentner mehr als das AuslaNdsgetreide kostet, denn so hoch wird in Zukunft der Weizenzoll sein. Erst wenn der Weizenpreis 3900 K. übersteigt, treten die gleitenden Zollsätze in Kraft und der Zollsatz ermäßigt sich sukzessive aus 25 Goldheller. Sinkt der Weizenpreis unter 9200 K., so erhöht sich der Zoll auf maximal 4 Goldkronen. Die Kosten des Kompromisses werden die Verbraucher zu tragen haben, da gegenwärtig kein Getreidezoll Lestcht und als selbstverständliche Folge der Zölle eine Verteuerung von Brot und Mehl ein treten wird. Gestern vormittags vernahm das Snbkomitte eine Reihe von Experten über die technischen Fragen der gleitenden Getreidezölle. Die Frage» aus der Notierung welcher Markte die Ge» trvidepreife entnommen werden sollen, nach denen sich die Höhe des Zolles richten soll, wurde von den Experten dahin beantwortet, daß die Marktnotierungen der Wiener Börse für inländisches Getreide, die als durchaus verläßlich zu bezeichnen sind und sich auf alle gangbaren Getre-idesorten erstrecken, als Basis genommen werden sollen; die Notierungen der Börsen der Ostländer wurden als unverläßlich bezeichnet. Durch die gleitenden Zölle könnte wohl ein Spekulationsmoment — allerdings in geringem Umfange — geschaffen werden, doch könnten die befürchteten Spekulationen keineswegs jenen Umfang annehmen, den sie erreichen würden, wenn Marktnotierungen etwa der amerikanischen Börsen zur Grundlage genommen würden, die weit größeren Schwankungen ausgesetzt sind als die Wiener Produktenbörse. Die Experten empfahlen, daß der Zeitpunkt der Zollabfertigung maßgebend sein soll, fakultativ aber jedem Importeur die Möglichkeit eines Vormerkverfahrens gewährt werden soll, die es ihm erlaubt, gegen Vorlage, des Schlußbrieses und der Verladedokumente sich jenen Zoll zu sichern, der im Zeitpunkt des Kaufabschlusses bestand. Hierbei müßten alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, um sck> windelhafte Manipulationen zu verhüten, wie Identitätsnachweis und Terminierung der Lieferung, Verpflichtung zum Beziehen der Mate, Vorauszahlung, beziehungsweise Sicherstellung des Zolles. In der Nachmittagssitzung beschäftigte sich der Unterausschuß zunächst mit den in der Expertise besprochenen technischen Fragen der gleitenden Getreidezölle. In bezug aus die Frage, welche Marktnotierung der Preisberechnung zugrunde zu legen sei, gelangte' der Unterausschuß einhellig zu der Ansicht, daß die Notierungen der Wiener Produktenbörse maßgebend sein sollen, wobei die Regierung zu ermächtigen ist, durch Verordnung mit Zustimmung des Hauptausschusses festzusetzen, ob und welche Notierungen ausländischer Börsen bei der Preisberechnung herangezogen werden können. In bezug aus den Zeitpunkt der Verzollung wurde beschlossen, daß grundsätzlich der Zeitpunkt der Eingangsabfertigung geistigen Titanen, aber ihn fröstelte in den Eisvegiouen Goechescher Isoliertheit. Für das natuchafte, nahezu kampflose Siegertum Goethes fehlte Ludwig Börne jedes Verständnis. Denn auch Börne war Schiwert, auch er — die Flamme. Seine Dialektik 'hatte zuckende Blitze, die allerhand Dunkelheiten erhellten, seine Rede besaß eine Klangfülle, die alle schlafenden Herzen wachrüttelte, und in seinem Eifer schwang er sich aus zu jenem seitersprühenden Pathos, das noch die Gleichgültigsten für Freiheit und Gerechtigkeit begeisterte. Börne kannte nur den Kampf, den Kampf für Freiheit, für Recht und Gerechtigkeit, er kämpfte dafür in der Jugend, er stritt dafür im Alter, er ward verdrossen, verzweifelte am Erfolg; aber er stritt unablässig weiter — ohne Kampfesmüdigkeit. Es ist daher kaum zu verwundern, daß dieser ewig Kämpfende zu dem ewig siegreichen Goethe nicht das richtige Verhältnis finden konnte. Im Jänner 1828 hielt sich Ludwig Börne aus der Durchreise nach Berlin einen Tag in Weimar aus. Dieser Weimarer Besuch Börnes ist psychologisch ungemein interessant. Der Besuch in Weimar begann mit einer Börneschen Ostentation und endigte mit einem Börneschen Witz. Die Ostentation bestand darin, daß Ludwig Börne es ablehnte, Goethe zu besuchen. Der Börnesche Witz aber «war, daß er sich bei Madame Johanna Schopenhauer, die bekanntermaßen „eine Art Juden- und Börne-Haß" hegte, eiusühren ließ. Der Dichter Karl v. Holtei war es, der Ludwig Börne bei der Hofrätin Schopenhauer einführte; Börne wurde sehr liebenswürdig empfangen, er saß mit Madame Schopenhauer aur Teetisch und unterhielt sich mit ihr über Literatur. ' Sohr witzig und wohl auch wenig gallig schildert Börne selbst seinen Besuch in Weimar. In einem Briefe an seine Freundin Jeanette Wohl schreibt er: „Er (Holtei) führte mich zur Frau Schopenhauer, wo wir Tee tranken. Ich wollte anfänglich nicht hingehen; als er mich aber versicherte, die Schopenhauer würde sich tot freuen, mich zu sehen, bekam ich große Lust, einmal eine alte Frau umzubringen und ging. Doch sie starb nicht an mir. Ta wurde maßgebend sein soll. Ms Zeitraum für die P r e i S c t ml t *- lung wurde der 1. und 16. jedes Monats beschlossen. Der Grundzoll von 2 Goldkronen pro 100 Kilogramm hat bei einem Weftenpreis von 3200 biß 3800 K. pro Kilogramm zu gelten. Sinkt der Weizenp'reiS unter 920.000 K. pro 100 Kilogramm, so erhöht sich der Zoll von 10 zu 10 Goldhellern Per 100 Kilogramm im gleichen Ausmaß des Sinkens des Weizenpreises bis tiefstens 25 Goldheller pro 100 Kilogramm; er steigt in gleichen Stufen bei einem Weizenpreis von über 380.000 K. pro 100 Kilogramm bis höchstens 4 Goldkronen Pro 100 Kilogramm. Zu diesen Zahlen behielten sich die Parteien die endgültige Stellungnahme vor. Der Zoll auf Roggen, Gerste und Hafer ist dem jeweiligen Weizenzoll gleich. Damit war die Beratung über Tarifklasse Getreide, Matz abgeschlossen. Es wurde hierauf die Tarisklasse lebende Schlacht-, Nutz- und Zuchttiere in Beratung gezogen. Ein vom Berichterstatter H e Ink gestellter Antrag, die Position Schweine wie folgt zu beschließen, wurde angenommen: a) bis 10 Kilogramm (Spanferkel) 1,50 Kronen pro Stück, b) von 10 bis 40 Kilogramm 4 K. pro Stück, von 40 bis 110 Kilogramm 9 K. pro 100 Kilogramm, über 110 Kilogramm 5 K. pro Stück. Die Post Schlachtpferde wurde zollfrei beschlossen In der Tarifllasse tierische Rohstoffe wurde die Position Geflügeleier in folgender Fassung beschlossen: 1. Geflügeleier in Kisten und Fässern, Eigelb, Eiweiß flüssig frei. 2. Eier unverpackt oder lose verpackt 3 K. Bei Position Honig, auch Kunsthonig, wurde der Zoll von 40 auf 28 K. pro 100 Kilogramm ermäßigt. In der Tarisklasse Fette und Oele wurde für überseeisches Schweinefett in Origmalpackung, gepreßt, ei« Zollsatz von 3 K., für anderes Schweinefett und Schweinespeck der Zollsatz der Regierungsvorlage von 5 K.. angenommen. Für Speiseöle in Fässern, Schläuchen usw. wurde der Zoll von 5 auf 3 K. herabgesetzt. Für die Position >• Fleisch beantragte der Berichterstatter folgende Fassung:' Frisch, gefroren (mit Ausnahme von überseeischem Gefrierfleisch), gesalzen: 1. Schweinefleisch 14 K., 2. anderes 12 K., überseeisches Gefrierfleisch 6 K., zubereitet (getrocknet, gepökelt, geräuchert, auch abgekocht) 24 K.; ferner beantragte er, für gewöhnliche Fleischwürste den Zoll von 18 aus 24 K.;u erhöhen Dieser Antrag wurde angenommen. Z Bei der Tarisklasse Erdöle nsw. beantragte der Berichursta^cr für Benzin folgende Zölle: 1. mit einer Dichte von 740 Grad oder darunter 8.60 K., mit einer Dichte über 740'bis 750 Grad 5.50 K., mit einer Dichte über 750 Grad 3,50 K.; für Position Petroleum beantragte er die E r m ä ß i g n n g des Zolles von 3 ans 2 K. Da über die Frage der Erdölzölle noch Verhandlungen stattfinden werden, wurde die Verabschiedung dü'ser Tarisklasse äuf heute vertagt. - viel von Literatur gesprochen ünd ich bekam einen Vorgeschmack von Berliner Art. . . Holtei drang sehr in mich, morgen zu Goethe zu gehen, es werde ihn sehr freuen, doch habe ich es abgelchnt. Als ich heute gegen Weimar zu fuhr und es vor mir lag mit feinen roten Dächern im Wintersonuenfchein, kalt und freundlich, und ich dachte, daß Goethe darin schon länger als 50 Jahr wohne, daß er es nie verlassen (er war weder in Paris noch in Berlin), da überfiel mich wieder der alte Groll gegen diesen zahmen, geduldigen, zahnlosen Genius. Wie ein Adler erschien er mir, der sich unter der Dachtraufe eines Schneiders augenistet. Und ein solcher Mensch sollte doch ein fleischfressendes Tier sein und nicht wie ein Spatz Gerste essen, auch nicht aus der schönsten Hand. Der Hof, wo er schon länger als ein halbes Jahrhundert anigekettet ligt, soll der steifste, lächerlichste Hof sein, den man sich nur denken kann." ' In diesem Brief erklärt Börne klipp und klar, er habe die Aufforderung Holteis, mit ihm zu Goethe zu gehen, rundweg abgelchnt. Es bleibt freilich noch die Frage, ob im anderen Falle es Goethe nicht abgelchnt hätte, den damals schon bekannten Goethe-Hasser Börne zu empsangen. Karl v. Holtei, von dem ebenfalls ein ausführlicher Bericht über Börnes Besuch vorliegt, erzählt, er habe einige Tage später Gelegenheit genommen, Börnes Anwesenheit in Weimar vor Goethe zu evwähnen, doch „äußerte sich Goethe so gar nicht über ihn, daß man unmöglich zu einer Meinung gelangen konnte, wie er ihn Wohl ausgenommen haben würde". Me dem auch sei, der Besuch Börnes in Weimar siel völlig aus der Liste der üblichen Weimarer Besuche. Es gilt zu bedenken: Weimar war damals der Mittelpunkt des geistigen Deutschland, und der Mittelpunkt Weimars war Goethe. Heilige und unheilige Wallfahrer zogen nach Weimar, um Goethe zu st heu und dem Batcs ihrer Zeit zu huldigen. Nun war ja Börne sicher der Mann, dem-es nichr viel ausgemacht hätte, in Rom gewesen zu sein und den Papst nicht gesehen zu haben. Aber wenn er in Weimar war und Goethe nicht besuchte, so hatte er damit seine ganze Gegensätzlichkeit zu Goethe auffällig genug an den Tag gelegt.

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