Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1989 (28.8.1924)
- Date
- 1924-08-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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MW €Sett< 2 Wien, Donnersta- Wisner Morgenzeltung. . 28. August im Nr. 1989 Jas ksM-Panama. Iio kompromittierten Minister. - Me politischen Folgen. (Bon unserem Buda^.ster Korrespondenten.) Wege rum Friede«. Don unserem Londoner Korrespondenten.)' Rarttsay Mac Donald kann als der glücklichste Außenminister dieser Jahre gelten. Was er sich vor einem Halben Jahve zum Ziel gesetzt hatte,' hat er in geduldiger u-nd Mühseliger Arbeit erreicht. Er hat die ruM- M Regierung offiziell anerkannt und einen Vertrag mit ihr geschlossen; mag dieser Vertrag auch, wie die Kritiker richtig bemerken, inhaltsleer < und praktisch ohne Bedeutung sein, und war es auch unmöglich, sich auf einen wirklichen Vertrag zu einigen, so bedeutet doch dieser Vertrags der gegen eine außerordentlich starke Opposition der bürgerlichen Parteien des englischen Parlaments abgeschlosiey wurde,, eine wichtige moralische GesteEr ist noch nicht ratifiziert und es wird vielleicht noch Kämpfe kosten, um ihn zu vatkfizieren. Aber die Verhandlungen von vielen Monaten haben' doch ein äußerlich wichtige- Resultat ergeben, nämlich die Aufnahme der Beziehungen zwischen Rußland und England. Wichtiger nach war der Abschluß der Verhandlungen zwischen Frankreich, England und Deutschalnd, der eben zur Unterzeichnung des Protokolls über den Dawes-Plan geMrt hat. Gegen den Plan selber bestehen Wohl schwer- , wiegende Bedenken nicht vom deutschnationalen Standpunkt aus, sondern vom Standpunkt der Arbeiterschaft, die Unter dem Borwand der Erfüllung der Verpflichtungen aus dem Dalwes-Plan noch mehr gedrückt werden wird. Aber hier kann gesagt werden, daß auch ohne den Dawes- Plan die deutsche Arbeiterschaft durch die Fehler der Führer der deutschen Sozialdemokratie aller ihrer Errungenschaften verlustig gegangen ist und wohl nicht mehr viel zu verlieren hat. Hätte ste aber in der deutschen Politik aufrechtere-Vertreter als es die Sozialdemokraten sind, könnte es auch noch heute gelingen, die Last der Verpflichtungen auch auf die Schultern derjenigen Kreise zu legen, die im Kriege verdient haben, statt daß der Arbeiter und der -kleine Angestellte, sie tragest.?lber was in London Ramsah Mac Donalds'Bemühungen gelungen ist, ist der Erfolg, daß .diesmal tatsächlich von friedlichem Geiste getragene Verhandlungen der Deutschen und Franzosen als gleichberechtigte Kontrahenten stattgefunden haben. Auch hat Amerika wiederum Anteil an dem europäischen Schicksal genommen und ist Verpflichtungen eingegangen, die'nn- MnWhaft weiter führen werden als es noch vor kurzem . den Anschein hatte. Sowohl in Frankreich wie in Deutschland ist es gelungen, der liberaleren Gesinnung zum Siege zu verhelfen. Freilich hat Mac Donald viel Glück gehabt, auch schon. darin, daß H'errrot und nicht Poincare für Fttmkreich gesprochen hat. Wäre es gelungen, auch in Deutschland eine ähnliche Wendung der Politik durchzuführen wie in Frankreich, wäre die europäische Situation bedeutend erleichtert worden. Aber schon so bedeuten die Londoner Verhandlungen, einen wichtigen Schritt in dieser , Richtung.;- - Rmnsay Mac Donald und Herriot selber werden sich bald Wch Gens zur BöTerbuMagung begeben. Auch Ä'oes ist hasZeichen, einer neuen BetoMng des Völkerbundgedgwkens. Durch die Schaffung einer friedlicheren Atmofphäre in EuroPa und durch die neuerliche Betonung der .Wficht-n von Frieden und Wohlwollen wird es vielleicht Mac Donald in weiterer zäher und geduldiger Arbeit gelingen, nicht nur die jetzt dem Völkerbund ferne sichenden Staaten eirMbeziehen, sondem auch, was wichtiger ist, LfieWvL Schritte zur Einschränkung der Rüstungen und des kriegerischen Geistes in Europa zu tun. Dazu wird es aber notwendig sein, daß die bisher durch das deutsch-französische Hauptproblem' abgelenkie Aufmerksamkeit in verstärktem Maße dm Zuständen auf dem Balkan und in dem Gebiet der ehemaligen Donaumonarchie zugewenbet wird; .denn dort liegen in dem Problem der nationalen Minderheiten Bvastdpmrkte, die den Frieden Europas bedvchen. - War Ramsah Mac Donald in seiner äußeren Politik in dvcher Weise erfolgreich, so kann man das Gleiche von der inmren Politik, seines Ministeriums nicht' behaupten. Hier sehltejeder Geist einer weitsichtigeren' Unternehnm-ngsluch. Es wurde die alte Routinearbeit in den einzelnen Departements weiter geführt, ohne daß gerade in den wichtigsten Depärtemmts irgend eine neue Initiative zu spüren gewchn wäre. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist um nichts schwacher geworden, hat nichts an seiner Schärfe eingebüßt. Die Zahl der Arbeitslosen ist eher um ein Unbedeutend es gestiegen als daß sie abgenommen lhätte. Die wirtschaftliche - Lage hat sich etwas gebessert, aber nicht durch das Verdienst der Regierung, sondern durch den natürlichen Laus -er wirtschaftlichen Ereignisse. - Insbesondere aber waren es däS iMstifterium des Innern unter Henderson und das Koloniälministerium unter Thomas (wie auch übrigens' die drei Ministerien der Wehrmacht), die während der abgelaufenen Periode jeden Einfluß einer sozialistischen Leitung vermissen ließen, ja, im Gegenteil eine Reihe von Handlungen begingen, die den lebhaften Protest seitens verschiedener'Gruppen der Arbeiterschaft und auch vor allem seitens der sogenannten Backbenchers, d. h. der sozialistischen Abgeordneten, die im Parlament nicht auf der Frontbvnk der Führ« sitzen, hervorgerufen haben. Es ist sehr zu bedauern, .daß Ramsah Mac Donld so sehr durch die europäi- ^HhkitÄ in Anfpmch genommen war, daß er der inneren WrE- Eygblnds nicht genug Aufurerksamkeit schenken iwMte.. W sind Vorschläge ausgetaucht, die immer dringtr werden, er solle nicht das Miniftevpräsidmm zugleich dW'Ministerium des Aeußern vereinigen. Es wäre ^Wveifslhaft wichtig, daß an der Spitze des Ministeriums <ÜN Mnn stünde, der die nötigen Eigenschaftest und die Zeit hatte, um ferne Kollegen zu überwachen und mit einem neuen Geist zu erfüllen. MerdieLabour Party beisitzt diesen . Der Prozeß, welcher gegen Ludwig Eskütt, den früheren Prwatsekrctär des ungarischen AckepbaumiNistcrs Szabo - Nagya ta d vor dem Budapester Gerichtshof stattfindet, bringt eiüe der skandalösesten Schmutzaffären des gegenwärtigen ungarischen Regimes neuerlich vor die Oeffentlichkeit. Eskütt wurde unter Anklage gestellt, weil er angeblich am Ministerpräsidenten und dem Ackerbauminister Erpressungsversuche gemacht hat. Ferner wurde die Anklage wegen Verleumdung erhoben, weil Eskütt behauptete, Ministerpräsident Bethlen, der Ackerbauministor Szabo-Nagyatad und die gegenwärtig nicht nrehr im Amte befindlichen Minister Bud und K a >l l a Y hätten bei den staatlichen Getreidelieferungen nach der Schweiz 14 Milliarden gestohlen. Dieser Eskütt, der gestern vor dem Gerichtshof eine dreistündige Rede hielt, 'in welcher er die schwersten Anklagen erhob, ist sicher genau derselbe Ehrenmann wie die Leute, deren Schmützgeschäfte er — wahrscheinlich, weil sein Anteil an der Beute zu gering war — enthüllt hat. Mer Eskütt ist wenigstens dadurch sympathisch, daß er seine Lumpereien eingesteht; die Verbrecherclique dagegen, welche heute Ungarn regiert/' stellt sich als ein« sittliche Macht hin, die für ideale Ziele arbeitet, während in Wirklichkeit ihr ganzes Streben auf Bereicherung, Diebstahl und Ausplünderung der Bevölkerung. gerichtet ist. Eskütt wurde der Prozeß gemacht, weil er gesprochen hat. Hätte er geschwiegen, so wäre wahrscheinlich für ihn ein ausreichendes Schweiggeld herausgekommen. Beend et werden wird die Affäre Eskütt n i c und kann es auch nicht, denn der Ministerpräsident Bethlcn, sein Sohn und eine ganze Anzahl von Regievungspolitikern sind in diese Affäre verwickelt, weil sie mit Eskütt zusammen gestohlen haben, mit Eskütt zusammen bestochen wurden und mit Eskütt zusammen den Handel mit Ausfuhrbewilligungen getrieben haben. Eskütt selbst erklärt, daß.-rei Viertel der letzten Nationalversammlung an den Machinationen mit Au sfuhrbewilligungen für Getreide beteiligt waren und d>aß nur gegen Barzahlung eine Ausfuhrbewilligung erzielt werden konnte. Er erklärte offen vor Gericht: ,Mir haben gestohlen, wir, Eskütt, Mnister Szabo, Abgeordneter Zeöke, der Direktor der Hungariabank Balla ufw. Wir arbeiteten mit den Ministern einverständl-ich und erhielten unsere Prozente." Nun steht Eskütt vor Gericht und es wird der Versuch gemacht, ihn für verrückt zu erklären. Man hat schon die Überprüfung feines Geisteszustandes angevvdnet. - Der Prozeß befindet sich evft am Anfang, aber er hat schon so schwer belastendes Material gegen den Ackevbaunrinister Stzabo-Nagyatad zutage gefördert, daß daraus eine Ministerkrise entstand, oder nach einer Version im Entstehen begriffen ist. Der Ackerbauminister Szabo, der von Eskütt als Hauptdieb bezeichnet wird, will gehen, wenn Hm nicht, wie er sagt, vollständige Genugtuung gegeben wird. Szabo geht auf den wahrscheinlich von Bethlen befürworteten Ausweg, den Eskütt als geistesgestört anzufchen, nicht ein. Er kündigt Gegenbeweis an und ergeht sich in Drohungen. Dies letztere nun ist für die Regierung Bethlen gefährlich. Szabo-Nagyatad, der noch unter dem Karolyi-Regime Mann nicht. So wird sich Ramsah Mac Donald entscheiden müssen, ob er weiter Außenminister bleiben will, um die bisher gewonnenen Grundlagen einer friedlicheren Gesinnung in Europa weiter auszubauen und zu sichern oder ob er wirklich der Führer seines Mnisteriums und dos Unterhauses sein will, um die innere Politik Englands in dem Geiste zu leiten, der einen Fortschritt über das bedeutet, was konservative oder liberale Regierungen bringen könnten. D8«mark Met ab. Die Luftflotte wird erweitert! Kopenhagen, 27, August. Der Ministerrat hat dem vom Kriegsminister Rasmussen auSgearbeiteten Abrüstungsplan zugestimmt. Darnach tritt an die Stelle des jetzigen HeereS ein R es er v e p o l i z e t k o r p S, daS unter anderem auch die Küsten und Landesgrenzen zu bewachen, die Fischerei zu beschützen und den Schmuggel zu bekämpfen hat. Die F l o t te wird fast zur Gänze ausgelassen, vo allem die Schlachtschiffe, an deren Stelle schnellsahrende armierte Motorboote zur Unterstützung der Z o l la u s s i ch t treten sollen. Dagegen soll die L u f t f I o i 11 beibehalten und unter Umständen noch erweitert werben. Die Abrüstung Vox dem Völkerbund. London, 27. August. (HavaS.) Der „Matin" meldet aus London r Die. Regierung hat dem Völkerbund mitgstült, die britischen Delegierten würden dafür eintreten, baß die RüstungSauSgaben so weit herabgesetzt werden sollen, als dieunter Be«, rückstchtigung der Bedürfnisse der-nationalen Sicherheit nützlich sei. ' ' die B od e nre form in Ungarn begonnen hat, welche für die kleinen Landwirte eine unerläßliche Forderung ist, hat sich dadurch große Populüvitat verschafft. Als dann das Horthh-Regime begann, brauchte es, um die kleimN Landwirte zu beruhigen, einen Mann aus ihrer Mitte, und da wurde Szabo-Nagyatad heva^ngezogen. - Dieser Bauer, der nach Budape>st kam und dort Gelegenheit erhielt, an der Krippe zu naschen, erkannte bald, ein wie vorzügliches Geschäft ein Ministerposten! sei und nützte dies weidlich aus. Er hat nicht bloß AuLfuhrbewAigungen, sondlern auch die kleinen Landwirte an den Feudalbositz verkauft. Mit der Durchführung der Bodenreform wurde & nichts. Aber die Bodenreform ist für den Bauern. Szabo, der jetzt in Budapest den G r a n d f e i g n e u r i m B a u e r ng e w a n d e spielt und sich vom gestohlenen Gelde' einen riesigen Gruud'belsitz erworben hat, das Mittel, um sich bei der Krippe zu erhalten, denn die Agrarfrage ist eine ständige Bedrohung des gegenwärtigen Regimes. Darum ist auch der Bauer aus Naghatad, der großen Anhang hat, gefürchtet und deshalb benrüht inan sich auch, ihn trotz der Panamas, in die er verwickelt ist, zu halten. Der Man« Weiß zu viel und es steht zu befürchten, daß im Augenblick«, wo er aus der Regierung ausspvingt, der Eintritt der Partei der Keinen Landwirte in die Opposition erfolgen würde und damit alle Schmutzaffären Vovge'bracht würden, über die Szabo genaues Material hat. Der schlaue Bauer, der seinerzeit beinahe eine B a u e r n r e v'o l u t i o n in Ungarn hrvorgerufen hatte, wenn es nicht gelungen wäre, ihn durch die Beteiligung am Regierungsgeschäft gefügig zu inachen, könnte politisch sehr unbequem werden. Die Agrarrevolution, die ja in Ungarn kornmen muß, wurde dadurch, daß Szäbo spricht, starke Nahrung gewinnen. Deshalb erwägt man Wohl auch gegenwärtig rm Kreise um Bethlen einen Modus, um Szabo für den Fall, als seine Rehabilitierung doch nicht ganz gelingen sollte, das heißt, falls es nicht möglich wäre, das Berühren gegen Eskütt ohne Schädigung der däbeikompromittierten Lmte durchznführen, ' zum völligen ' Zurückziehen aus dem politischen Loben zu veranlassen. Freilich ist dies ein gewagtes Expoviment, da von Szabo die Gewißheit, ständig Zu schweigen, nicht tv langt wechen kann. ' - - Neuerliche Denrisfionsvrotzurrg Gzavos. Budapest, 27. August. Infolge der bei der Verhandlung EM-tt in die Oeffentlichkeit gelangten Verleumdungen hat Ackerbauminister ^zabo sich veranlaßt gesehen, eine Erklärung Zu verlautbaren, daß er als Privatmann sich bei Gericht Genugtuung verschaffen wolle, und er ergänze drefe Erklärung dahin, daß er infolge der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen demissioniere, um nicht als aktiver Mnister feinen Verleumdern bei Gericht gegeNüberZustehen. Diese Erklärung hat in per Einheitspartei große Bestürzung hervorgerufen, da.man weder in Regierungskreisen, noch in den Kreisen der Regierungsparteien an eine Demission des Ackerbauminisier's gedacht hatte. Diese Parteien rüsten daher in entschiedenster Weise, für den Minister Stellung zu nehmen «Mi ihn zu bewegen, seine Msicht aufzugeben. Mnister des iFnnern Rakovskh stattete dem MmPer Szabo, der krank Zu Bette, liegt, einen Besuch ah und' hatte mit ihm eine längere Beratung. Franzöflsch-russWe Vertrags- Verhandlungen. (EigeMenft der „Wiener Ptorgenzeiiung".) Moskau, 27. Augiusi. Nach einer Meldung der offiziellen „Jswestija" wich die Sowjetregierung demnächst sim DölMtion nach Paris entsenden, die die Aufgabe haben wich, mit der französffchen Regierung Berhandluingen wegen des Abschlusses eines frantzösisch-rufsifchen Abkommens nach dem lMuster des. englisch-russischen Dertmges zu Mren. Der Delegation werben Ts ch rische rin, Krass in und Räkowski a-ngchören. Dasselbe- Blatt erfährt aius wohlvnisovmierter Belgrader Quelle, daß im Fall« der Anerkennung der Sowje-tregieriung durch J-ugoflawien Stephan- Radie als Gesandter der jugoslawischen Regierung nach Moskan kommen, soll. Gifte österreichische KettrWerrlMS' ftftleihe ift New- Gott. ' . (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) N e w-I o r k, 27. August. Die, Banken haben heute die e r st e ö st e r r e i ch i s ch e A n l e i h e aus dem Markte Von Rtzw-York ausgegeben. Diese Anleihe in der Höhe von drei Millionen Pollar zu 6,5 Prozent ist für die ElektrisizierungsrompUgnie in Oesterr y ich hftstiWNtr Der Emissionskurs beträgt 86. ... ■ I ■