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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-27 · Heft 1988 (27.8.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1988 (27.8.1924)
Date
1924-08-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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KHK s M Mette Wiener MorgenzetNtyA» (Von unserem Spezial-Berichterstatter.) 4 Karlsbad, A4. NMst. Me bereits berichtet, ist die Generaldebatte Freitag «bendS geschlossen hocken. Der Samstag war den Verhanid- Mngen mit den einzelnen Gruppen gewidmet. Die Welthilfskonferenz mußte eine schwere Krise durchmachen. Die jüdischen Hilfsorganisationen „Ose" und „Ort" haben an die Molt« Mszentrale die Forderung gestellt, der Welthilfszentrale als gleichberechtigte Teile anzugehöron, so zwar, daß die WelthllfSzsntral< zus«nmen mit diesen zwei Organisationen die WrlthilsSkonfeiienz bilden.' Es ist klar, daß man auf eine derartige Lösung nicht eingchen konnte, weil hierdurch die Haupt- - aufgabe der WslchiWonferenz, die in -er Zentralisierung und Koordinierung aller Hilfsverbände bestehe zunichte gemacht worden wäre. Die Welthrlfszentrale hat'die Forderung als inMptahrl erachtet. Der befürchtete Austritt der beiden Oxganisationen ist auch nicht erfolgt, weil, wie vorauszusehen war, die genannten Organisationen, die bisher der Welthilfszentrale gegenüber nur Nchmer gewesen sind, es vorzichen, in der Welchilfskonfexenz zu bleiben, um nach wie vor die Vorleise ihrer ZMhöxiM zu -Mtoßm. Die ay der Konferenz teilnehmenden Journalisten und Schriftsteller haben nach einer gemeinsamen Besprechung unter Vorsitz des Dr. Sch ab ad aus VMna den Beschluß gefaßt, Schritte zur Gründung eines interterritorialen jüdischen Journalisten- und Schriftstellerperbandes einzuleiten. Zu diesem Zwecke wurde eine Kommission gewählt, bü mit den bereits k-stehenarn Schriftstellervereinkgungen in den einzelnen Läivdrmin Verbindung zu treten hat. Dieser Verband soll auch bei der Welthilfszentrale die Sch«ffung einer besonderen Sektion für notleidende Schriftsteller und Journalisten durchsetzen. . Ix der Sonntagvormittagsitzung referierte Dr. Adler, der Vertreter der Welthilfszentrale in Rußland, über die Not der jüdischen Kinder in der Ukraine. Nach der Untersuchung des Volkskommissariats für Gesundheitsschutz, die im September 1923 durchgeführt drucke, sind in Kinderheimen, sogenannten Internaten, 69.730 Kinder untevgß-bracht. Die.jüdischen Kinder sind ganz selten in speziellen, jüdischen Kindecheimen. Meistens sind sie in allgemeinen Kindecheimen. Der material-wirtschaftliche Zustand der Kinderheime ist nach den Untersuchungen der Volkskommissariats für Gesundheitsschutz ein schr trauriger. Di< Kruder wohnen ganz gedrängt in engen Räumen. In manchen Städten fehlt es an der nötigen Altzahl von Bette» und die Kinder schlafen zwei und mehr in einem Bett. Im Gouvernement Jeckaterinyslaw schlafen 34,5 Prozent der Kinder sogar ganz ohne Betten oder einige beisammen m einem Bett., ES herrscht großer Mangel an Kleidern, Wäsche mck besonders an Schuhen. Die E r n ä h rn ng ist ganz ungenügend. Die Untersuchung beweist, daß di« Kinder als Folge ungenügender Ernahnrngund abnormaler SanitätS-edingu.ngen in bedeutender Zahl.krank find..So gibt es in den Kindecheimen im Gouvernement Wollt» 26 Prozent, m Gouvernement Poltava 52 Prozent, im Gouvernement.Odessa 31Proyent, im Gouvttnement.Ptzd»lien 37 Prozent, im Gouvernement Kt«w 41 Prozent blutarme und zur Tuberkulose neigende Kinder. ES gibt auch eine ganz bedeutende Zahl tuberkulöser Kinder. Die Schulen sind in vielen Fällen baufällig und erfordern bedeutende Reparaturen. Die Lage der Lchrer ist ebenfalls schr traurig. Biele jüdische Schulen werbett van den Eltern selbst erhalten und in diesen ist die Lage der Lchrer besonders schlimm. Nur gegen 40 Prozent aller Kinder im Älter von 4 bis 15 Jahren besuchen die Schule oder genießen Unterricht zu Hause. Die Lage der jüdischen Kinder' der deklassierten Massen ist verhältnismäßig schlimmer als die der sogenannten „organisierten", d, h. der Kinder, die unter ständiger Aufsicht der RegierungS'MzichungSanstalten sind. Von 2654 untersuchten Kindern der Kinderküchen der Melthilsskonferenz sind 48,8 Prozent ohne Unterricht. Die Wohnungsbedingungen sind ganz schlecht. 50I.Prozent der Kinder'wohnen in finsteren und 65,4 Prozent ist ganz feuchten Wohnungen. In einigen Städten wohnen die Kinder sogar in..Ke'llern. Die den Schulen angeglrederten Kinderküchen zeigen den besten Erfolg. Die Untersuchung-ergab, daß 90 Prozent dieser Kinder das normale Gewicht haben. Es gibt in der U k r a i n a 5g Prozent Heimlose Kinder. ' : Me Regierung ergreift alle Maßnahmen, um diese soziale Not zu bekämpfen, aber es fehlt an Mitteln. Wenn die jüdische Oeffentlichkeit nicht sofort die nötigen Maßnahmen ergreift, so droht die Gefahr, daß die jüdischen Kinder Analphabeten bleiben oder assimiliert werden. Schwierig ist auch die Lage der studiereicken Intelligenz. Man' muß trachten, die Hilfsaktion fortzusetzen. Sodann referierte Dr. G. L e w i n (Warschau) Wer jüdischen Gesundheitsschutz. Referent erörtert die Gründe des gegenwärtigen schlechten und abnormalen Gesundheitszustandes der Juden und legt eine Reihe-von Thesen vor, in deneu die Richtlinien einer propagandistischen Tätigkeit auf dem Gebiete der Hebung der Hygiene innerhalb der jüdischen Massen ftstgelogt wecken. Dr. S. Temkin refiOerte über die jüdische Emigration 'nach den amerikanischen und anderen Ländern. Er führte aus: Die Elnwandevungsbefchrän'kungen, die von den Regie- 'rungen in den Vervjnigtvn Staaten, in Kanada und auch'in Argentinien von Jahr zu Jahr verschärft wurden, führen da, zu, daß-statt der 100.000 jüdischen Emigranten, di-e jährlich nach diesen Ländern kamen, nur noch 6000 bis 8000 einwandrrn können. Außerdem befinden sich gegenwärtig in den verschiede, nen Hafenstädten, wie Hamburg, Bremen, Southampton, Liv erpool, Riga, Libau, Galatz, Konstanza, fast 10.000 jüdische Auswandeter, die wogen der neuen Einwanderungsgesetze nicht Wester kommen können, obwohl fast 6500 schon fett Oktober 1928 im Besitz des amerikanischen Visums sind. Das Schrecklichste ist, daß sie auch nicht nach ihrer Heimat zurück können, Weil sie ihr Hab urch Gut dort verkauft und dort kaine Exiftenzmöglichkoit mchr haben. Ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, sich irgendwo ansässig zu,machen, ist dringend sie Pflicht. Außerdem müssen sich alle Emigvationsorganisationen vereinen, damit eine planmäßige, systematische Emigration durchgeführt werden kann. Der zweite Referent für ^migrationsfragen, Herr V. Latzky, schlägt yor, daß eine einheitliche Nachrichtenstelle geschaffen wird, daß durch ein geschickt verzweigtes OrganisationSuetz die Einwanderung in einer praktischen und dem Einwanderungsland nützlichen Weise verteilt wich, damit nicht jeher erheblicheren Emigration sofort ein gesetzlicher Damm entgogengcstellt wich; landwirtschaftliche Ausbildung als Vorbereitung für jüdische Masseneinwanderung in verschiedene Länder. Herr Latzky wies zum Abschluß darauf hin, daß'eine ähnliche Einstellung wie die der Chalu.zim nicht nur für Palästin-apioniere notwendig sei, obwohl sich mit dem Gedanken des Palästina-au'fbanes rein ideell kein anderer vergleichen könne. Die Beschlußfassung über eine von Mitgliedern der-Konferenz eingebrachte Resolution, in welcher der Exekutive Doch arge erteilt und der Dank für ihre Tätigkeit ausgesprochen wich, wuche aus Antrag des Abg. .Dr. Oskar Cohn bis zum Schluß der Debatte vertagt. lieber die Frage der Jüdischen BottSdank referierte Dr. D., Iochelmä n n. Schon vor zwAf Jahren sei der Gedanke aufgetaucht, eine solche Bank z« schaffen, da der jüdische Auswanderer auch damals überall betrogen wuche. Viele jüdische Existenzen und Menschenleben wären gerettet Wochen, wenn dieser Plan damals anSgeführt worden wäre. Die Jüdische Volksbank existiert nunmehr. Die ist vor etwa einem Jahr offiziell gegründet Wochen, als ein Privatunternchmen. Obwohl sie keinen Pfennig Geld hatte, bin ich nach der Ukraine gefahren und Hobe eine Abmachung mit der Ukrainischen Kooperativen .Bank schließen können, die ein Monopol für Geldüberweisungen sichert. Die Bank verhandelt mit der „Hias", die noch einige Bedingungen stellt. Ihre Ausgaben sollen nicht nur die Geldüberweisungen sein. Wer die Berichte aus Rußland richtig zu hören verstanden hat, der weiß, daß dort für Kredithilfe ein weites Feld ist. Die Bank selbst soll keine Genoffenschaft, sondern Besitz der jüdischen Allgemeinheit sein. Das soll gesichert werden durch Ausgabe von G r ü n d e r a k t i e n, deren Stimmkraft immer der aller anderen' Mien die Wage halten soll. In wessen Hände man diese Gründeraktien gibt, das soll die Welthilfskonsercnz entscheiden. Hierauf wurde die Generaldebatte über die drei Referate eröffnet, die recht stürmisch verlief. * Der Oberkommissär des Völkerbundes für die.Angelegenheiten der Flüchtlinge Fritjof Nansen übersandte de? Konferenz ein warmes Begrüßungsielegramm. .Der Bevollmächtigte des Internationalen Roten Kreuzes und der Union Internationale des Secours aux Enfants in der. Ukr -ai ne, Herr Dessonstatz, richtete an die Konferenz das folgerte Telegramm ans Charkow, wo er augenblicklich mit der Hilss-arbeit beschäftigt ist: „Die Hilfsaktion in der Ukraine ist, angesichts der bedauernswerten Lage in einzelnen Gegenden, unentbehrlich." Nach der Verlesung dieses Telegramms erklärte der Präsident Herr Leo M o tz k i n, das Telegranm sei als eine Warnung aus dem Notgebiete aufzunehmen. Auch der Delegierte des Internationalen Noten Kreuzes und der Union Internationale des Secours aux Enfants, Herr Manric.G ehri, der aus Genf in Karlsbad zur Teilnahme an der Konferenz vingetroffen ist, richtete einen Brief an den Präsidenten der^Konferenz, in dem er sich über die Arbeit der Welthilfszentrale in der Ukraine schr anerkennend äußert und die Notwendigkeit ihrer Fortsetzung betont. vt, ttotfxii tm wt. 1988 Aegypten und der Sudan. 2keghpten unb das Gebiet des Sudans bilden gegenwäriig den Anlaß englischer Unruhe. Die Unabhängigkeit, welche England den Aeghptern «ingeränmt hat und ' als deren Exponent heute Z a g l u l Pascha gilt, erscheint dm pabikalnationalistischen Elementen Ägyptens nicht ckrsveichenid und e's ist belkannt, daß eine Reise, die Zaglul -nach London zum Zwecke von Verhandlungen mit England antretcn wollte, ihm beinahe das Leiben gekostet hätte. Dabei ist jedoch zu bMecken, daß die Forderungen, die Zaglul für AegypM gegenüber -England aufstellt, durchaus keime -kleinen sind. Unter anderem verlangt der von der ägyptischen Bevölkerung geradezu als Nationalhevos verehrte gegenwärtige Ministerpräsident, wie aus seinen jüngsten Amßevungen zu entnehmen ist, die Rü ckg a h e d e s S u d a n s a n Aegypten und begründet dies mit dem Satz: „Wer den Sudan beherrscht, beherrscht Aegypten". Im Sudan sind in der fetzten Zeit Demonst r ationell und Zwischenfälle vorgÄmnmen, die auf eine U n a b h ä n g i g k e i t s b e w e g u n g dieses Gebietes hinzu'deuten scheinen. Die Lage wird noch dadurch kompliziert, daß Abd-el-Keriw, der Führer der gegen Spanien im Aufstand hesindkichen Rif-Kahh'len. durch seine Agitatoren sowohl den Sudan'als au-ch Aegypten bereisen läßt. Wegen des Sudans, der von etwa 2 Millionen Einwohnern bewohnt wird, die. in fast 50 Stänune gegMede-rt sind (mehr als die Hälfte sind arabische Stämme,-fünf nubische und etwa ein Dutzend NegerstäMme), besteht seit längerer Zeit einStre it zw ischen England und Aegypten. Der Supan bildet seit 1899 ein englisch-ägyptisches Kondominium, in Wirklichkeit aber ist er, was die BerWalAng und. die faktische Herrschaft betrW, in britischen Händen. Die Engländer lassen neben den vier großen Mlstauwevken, die sich im Sudan befinden, jetzt neue großartige Stauanlagen a m ob er en N i l fertig stellen, durch die sie jederzest in der Lage wären, ein uHotmäßiges Aegypten durch Entziehung des „lebemspenänden Ni-lwassers" auf die Knie M zwingen. Durch, den Bau dieser neuen Stauwecke stüd denn auch di« ägyptischen Nationalisten in E rregung versetzt worden; sie erhoben übrigens gegen die vWe-rrechtliche Zulässigkeit dieser Bauten Einspmch. WS Ende 1923 der neue ägyptische König Fuad der Erste sich den Titel ,^König von Aegypten und des Sudan" beilegte, protestierte der englische Oberbeschlshaiber Lord Alle nbh gegen diesen Titel und verlangte ultimativ dessen Ablsgung. Der König mußte nachgeben; sein Kabinett, an dessen Spitze Zaglul Pascha stand, demissionierte demonstrativ. Darauf erhob sich in England, weil vor allem die Baumwollindustrie in Manche.ster an dem Baumwollgebiet des Sudans sehr jntereffiert ist, ein Sturm der Entrüstung und unter diesem Drucke konnte die damalige britische Regieru-ng, die ursprünglich Nachgiebigkeit zeigte, die Wünsche der Aegypter bezüglich der Verwaltung des Sudans nicht bewilligen. Lord Alle nbh, der eigens nach dem Sudan reiste, erklärte dort in einer eigens hierzueinbemsenen Versammlung von Notabeln des Landes, daß eine Aenderung nicht zu erwarten sei und spielte geschickt den sudanischen Nationalismus gegen die ägyptischen Ansprüche mrs, indem er erklärte, England werde den Sudan nicht den Ae^hptern ausliefern. Dies rief in Aegypten große. Erregung hervor und bis heute vertritt selbst der „regierungsfähige" ägyptische Nationalismus die Forderung nach der Souveränität Aegyptens über den Sudan. Das Leitmotiv aller., dieser Forderungen sind die Stauwecke, für welche Aegypten sich die Kontrolle sichern will, um nicht auch durch diese Ausnützung der Naturkräste unter ständiger Drohung zu stehen. Die Engländer stehen den ägyptischen Forderungen gegenüber aus dem StandpuE, daß der Sudan von. Aegypten nichts wissen wolle und daß er im übrigen für eine S-elbstregierung nicht reis sei. Wahrend dieser theoretischen Streitigkeiten sind die ' Engländer übrigens in ihrer praktischen Art nicht müßig und bauen -ihre Positionen im Sudan immer mchr aus. Kürzlich wurde die K a s s a la - E i s e n b a h n im östlichen. Sudan eröffnet, die das Gebiet von Kasiala an die Eiseübahnhauptstrecke Rotes Meer—Khartum anschließt und eine stacke wirtschaftliche" Ergänzung der Banässerungs-; anlagen des für England so wertvollen Baumwollgobietes darstellt. Die ägyptische Erregung wegen des Sudans ist in der letzten Zeit dadurch gestäckt worden, daß Lord P arm o o r im englischen Oberhaus namens der 'Regierung betonte, England werde den Sudan aus k e i n e n F a lT aufgehen, da es in dieser Hinsicht ernste Verpflichtungen eingegangen sei, die e§ ohne Prastigeverlust nicht brechen könne. Diese Erklärung hat auch im Sudan nichj befriedigt, was Wohl auf die auswärtige Agitation, die eingangs erwähnt wuxde, zurückzuführen ist. So entsandte denn England seine. Kriegsschiffe und verstäckte seine bisher etüva. 8300 Mann KÄhlenhe Garnison, um hem Status qu-o, den es braucht, zur Geltung zu verhelfen. Außer d e r I a h r e s g e b ü h r s i n d f ü r B e r s a n d.s p e s e n des „G r q e tz" n o ch st. K. 2H.Y00 zu entrichten in 3 eleganten Halbleinenbänden der »Wiener Morgenzeituug", der die Bezugsgebühr für 1 Jahr im voraus bezahlt, erhält

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