Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1985 (24.8.1924)
- Date
- 1924-08-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. ^65__Witz«, Sonntag _ Morgenzeitung. Sie Eröffnung der ZüdWen Welthilfskünserenz. (Von unserem Sonderberichterstatter.) Karlsbad, A. August. Karlsbad sicht bereits int Zeichen der Jüdischen -Welthi'ffskonstrenz. Uäberall begegnet n«m Gruppen von Delegierten, die lebhaft üibor die Probleine der Konferenz LMMe-ren: Wird es tatsächlich gÄingen, die Welthilfstonstvenz auszwbauen und sämtliche auf ihr vertretenen 'Parteien auf einer Plattform zu vereinigen? Wird nicht nieder jemand im letzten AugeMick ausspringen und wird es abermals wie vor vier Jahren eines geschickten Vermittlers benötigen, um eine evenürelle Auflösung der Konferenz zu verhindern? Wird die Gründung eines interterritorialen jüdischen Hilfs verband es zustandekommen? Das sind die Fragen, welche die Delegierten beschäftigen. Uäbevall begeg>net man alten Bekannten, die auch bei keiner zionistischen Tagung oder bei sonstigen Konferenzen Men, welche dem alljüdischen Problem gewidmet sind. Die Konferenz wird heute abends eröffnet. Man hofft, daß auch Herr So ko low rechtzeitig eintreffen wird, um als Präsident des Komitees der jüdischen Delegationen, des Schöpfers der Welthilfskonferenz, die Tagung zu begrüßen. AllenchMen herrscht eine gehobene Stimmung, und es werden gegenseitige Fveunidschaftsgrüße ausgekmscht. Hoffentlich wird diese x freundschaftliche Stimmung auch bis zum Schluß der Tagung anhälten. llm 8 Uhr abends gibt Leo M o tz k i n mit dem Hammer das Zeichen zum Beginn der Konferenz. Die Er- Wunugsrede des Vorsitzenden schildert, wie die Welchillss- Rnlferenz, die mit kleinen Mitteln begann, dank einer «mstg"n und aufopferungsvollen Arbeit heute zu einer lebenswichtigen jüdischen Institution geworden fft. Sodann entwirft Motzkin in allgemeinen Umrissen die einzelnen Tätigkeitsgebiete" und bespricht die zukünftigen Avbeitsanfgaben. Die Schaffung eines jüdischen ° zentralen Verbandes für rasche Hilfe sei die Devise der gegenwärtigen Tagung. Motzkin bemerkt schließlich, daß das amerikanische Iudentunr seit Beginn des Krieges 63 Millionen Dollar flir Osteuropa aufgebracht habe. Hierauf folgen die Begrüßungsansprachen. Die Konferenz wird vom Vertreter des tsche cho - slowakifchen June um r n i sie r i u m s und' einem Vertreter des Ministeriums für soziale Arbeit begrüßt. Ebenso van der Gemeinde Karlsbad und der . hiesigen israelitischen K u ll t u s g e m e i n d e. Es begrüßen ferner Herr Wismeyer namens der jüdischen Hilfszentrale in der Tschecho-Slotoakei, Dr. M a r g ulies im Namen des jüdischen Nationalrats in Prag. David Jellin übermittelt der Tagung namens des Waad Lenmi einen Gruß aus Erez Israel, Dr. Ron,dy spricht namens des jüdischen Kon-- Schahei ii'liu mit eingebautem nBerson“»Gummi-Absatz gresses in Amerika Worte der Begriißung, Minister Dr. Nosenbaum namens des Jüdischen Natiolnalrates in Litauen. Herr D e r i würdigt namens des Internat!onalen Roten Kreuzes und des Internationalen Verbandes für Kinderhilfe die Verdienste der jüdischen Weltbilsskonsereuz. Hierauf wird das Präsidium gewählt, das sich aus den Herron^Leo Motzkin, Mbg. Oskar Cohn (Berlin), Prof. Ehr mann (Wien), Prof. Eisler (Wien), Eskenazy (Konstantinopey, David Jellin (Jerusalem), Anitta Müller (Wien), Rabbiner Dr. pi \ e m i t o to e r (Bukarest), Minister Dr. Rosenbaum (Kowno), Dr. R.ondy (NewHori), Dr. Timmendorfer (Berlin) und Wismeyer (Prag) zusammensetzt. * Ueber hundert Delegierte aus allen Ländern der Welt bäben nrfi bereits eingefunden. Besonders wichtig ist, daß sich eine Reihe bedeutender lokaler Hilfsorganisationen an der Konferenz beteiligt, 'so . die Vertreter einer Reihe von großen jüdischen Gemeinden und Gemeindeverlbänden, wie der Gemeindeverband von Italien, der Waad L e n m i, die Kultusgemeinden von Berlin, Hamburg. Wien, Wilna, ferner Gemeinden der Tschecho- S l o w a k e i, der Bukowina ufto. Aus Rußland ist Dr. Bern st e i n (Kiew) eingetroffen., der als Vertreter der Welchilfskonferenz sich um die Hilfsarbeit in Rußland große Verdienste erwovben hat. Als Vertreter des zentralen Pälästina-Aimtes der Z i o n i st is ch e n Weltorganisation sind in Karlsbad anwesend die Herren Ussisch'kin (Jerusalem). Dr. M. H indes (Berlin) und Dr. H e l l m a n n (Riga). Das Vereinigte Komitee für jüdische Auswanderung ist durch die Herren Z. Tiomkin, Dr. I. Brutzkus und Dr. Ben Nathan vertreten. Erwartet werden noch Vertreter der Gesellschaften Ose, Ort und anderer .Organisationen. 4/IV London, 23. Augull. D e v i 1 e n s ck l u h k u r s e: SCBicit 319.500, Prag '149.25, New-Aork 4.4-/,. Paris 64,05, BMel 90,87'/,. Rom 101,62'/.. Zürich 23,97'/., Madrid 33.70, Lissabon 1,56. Amsterdam- 11.58'/,, Kopenbagen 22,72'/,, Christian!« 32,44'/., Stockholm 16,87'/., Helsingfors 179,50, Berlin 18,90, Athen 265.50, Rio de Janeiro'4.40. Bnkarest 982,50. New-Vorlt» 23. August. (Radio.l Devisenschlußkurie: Taggeld —, Wechsel auf London 4,48'/,. 60 Taae- Wechsel 4.45'/,. Paris 5.75, Amsterdam 38,67, Prag 2,99,75, Berlin 237/,. U. August 19*24 Seite 3; 3m Seiche« der Weicheure». Mord und Brqnd. München, 23. August. Mehrere, führende Mitglieder der „Vaterländischen. Verbände" wuMn : in Untere suchungshaft gesetzt. Ihnen werden zwei Morde zu« Last gelegt, die sie im Jahre 1919 begangen haben. Die Beschuldigten sind geständig und verantworten sich damit, daß die beiden Ermordeten der Entente Waffenlage r verraten hätten. Ein Anschlag auf vre Synagoge in Leipzig. Aus Leipzig wird berichtet: Auf einem Rundgang bemerkten zwei Polizeibeamte gestern um Mitternacht an der Leipziger Synagoge, die erst voriges Jahr neu gebaut wurde, einen Brand. Sie entdeckten/ daß man in die Eingangstürc zwei Weinflaschen, die mit Petroleum gefüllt waren, hineingesteckt und an gezündet hatte. Der erst t:n Entstehen befindliche Brand kvnnr' gelöscht werden, ohne großen Schaden anzurichten. Nur die Türe war leicht altgekohlt. Es ist anznnehmen, daß es sich um einen völki sch en Anschlag handelt., Gömbös'Gast Heinrich Förster als der ErzVerger-Mördet Schnitze identifiziert. Budapest, 23. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die Oberstadthauptmannschaft veröffentlichtfolgendes Communique: Der unter dem Verdacht der Teilnahme an der Ermordung des deutschen Reichsministers E r z b e r g e r auf der Oberstadthauptmannschaft befindliche Heinrich Förster wurde heute mit den zwei deutschen K r i m i n a l b e a m t e n k ö n f r o n t i er t, die zu diesem Zwecke nach Budapest gekommen 'waren.- Die Kriminalbeamten haben in ihm den des Mordes verdächtigen 31jährigen Kaufmann Heinrich Schnitze aus Saalfelden erkannt. Förster leugnet jedoch mit Schnitze identisch zu sein. Er wurde behufs weiteren Verfahrens der Staatsanwaltschaft übergeben. Höchstwahrscheinlich dürften weitere Zeugen aus Deutschland nach Budapest gerufen werden, welche Heinrich Schnitze persönlich kennen.- Ferner wird man aufs genaueste die Daten überprüfen, welche Heinrich Förster über seine Person gibt. Zn einer K o n f r o n t i erung der beiden anderen verdächtigen Einwohner der Villa des Abgeordneten Gömbös, des angeblichen Heinrich Schneide r und Konrad Mayer, mit den deutschen Detektivs ist es bisher nicht gekommen und es macht den Anschein, als ob mau sich auf der Budapester Oberstadthauptmannschaft mitder Au s de sinn n g d e r Untersuchung aus Heinrich Schneider, der mit dem Erzberger-Mörder ThiHessen identisch ‘ sein dürfte, nicht a l l z n s e h r b e e i l e n 'würde. Der Prim von Wales reift nach Ameritz London, 23. August. Der Prinz von Wales reist heute nach New - Dork, von wo er sich auf sein« F a r u' nach Kanada begeben wird. Zur Geschichte der sevhardifchen Juden in Wien. Von Dr. N. M. Gelber. 2.ch Regelung und Ausgestaltung der Gvmeindeorganisation. Im Jahre 1778 wurde ein spezieller „kaiserlich-königlicher Commissarins" eingesetzt, um „die allhiesige Türkische Jüdische Synagoge in gute Ordnung zu bringen und in selber zu erhalten". Der eigentliche Grund für die Einsetzung eines speziellen Kommissärs war, daß die Gemeinde der türkischen Inden große Geldaußenstände hatte. Ueber Veranlassung dieses Kommissarins, der Gelegenheit hatte, das ganze Äben der türkischen Juden in Wien zu beobachten, wurde am 17. Juli 1778 von der Regierung ein sogenanntes Reglement für die türkische Judengemeinde ausgearboitet. Nach diesem Reglement steht an der Spitze der Gemeinde ein Vorsteher, der alljährlich in Gegenwart eines kaiser-königlichen Commissarins gewählt wird. Dem Vorsteher haben alle Gemeiudemitglieder „gebührenden Respekt" zu erweisen. Die Würde eines Vorstehers können alle Sephardim, außer ihren Bedienten, erlangen. Zum Vorsteher darf jedoch die Gemeinde nur ein des Lesens und Schreibens kundiges Mitglied wählen. Sollte sich aber in der Gemeinde kein geeigneter Mann finden, der des Lesens und Schreibens kundig wäre, und daher ein Analphabet gewählt werden, so hat ihm von der Gemeinde ein ,Mdlatns" zur Führung der Bücher beigegeben zu 'werden. Der Vorsteher hat über sämtliche Einnahmen und Ausgaben der Synagoge ein ordentliches Blich und Protokoll zu führen; das alte, bisnun geführte Buch ist wegen seiner dRangchhastigkeit und Unrichtigkeit dem Kommissär „ad cassandnm" zu übergeben. Der Vorsteher , 'hat der Gemeinde alljährlich in Gegenwart des Kommisiärs Rechnung zu legen mtd bei seinenr eventuellen Ausscheiden in seiner Gegenwart dem neugewählten Vorsteher alle der Synagoge gehörenden Gerätschaften, von deir?n ein Spezialverzeichnis anzulegen sei, zu übergeben. ' Es ist weder dem Vorsteher, noch jemand aderem von der Gemeinde gestattet, ohne Vorwissen der ganzen Gemeinde, irgend welche Ansgäben zu machen. Der Vorsteher darf nur die „täglichen Notwendigkeiten" decken. Seine Aufgabe ist es auch, jedes halbe Jahr einem jeden Gemeindeangehörigen die Rechnung über die „erkaufte Funktion" vorzu- SiM WMaerWftnng" yo» U. tz, legen und eventuelle ausständige Schulden sofort e i n z u k a s s i e r e n. Sollte aber jemand vor Ablauf dieses Termins verreisen, oder auf jemanden der Verdacht der Flucht fallen, so wäre es Pflicht des Vorstehers, der: ausständigen Betrag noch vor Ablarff des halben Jahres einzuziehen. Der Vorsteher lunff ohne Borlvissen der ganzen Gemeinde aus der Shnagogentasse weder einem Rabbiner noch einem Armen irgend welche Beträge ausfolgen. Ferner hat der Vorsteher im Einverständnis mit der ganzen Gemeinde alle drei Monate die Gebetstunden zu bestimmen und sie dann dem Kommissär zur Bestätigung vorzulegen. Der „Schuvsinger" hat eine halbe Stiinde vor der bestimntterl Gebetszeit die Synagoge zu öffnen, alles zum Beten vorzubereiten und das Gebet zur bestimmten Zeit, nicht früher oder später und ohne Rücksicht auf die später ankornmenden öder gar ausbleiberrden Mitglieder zu beginnen und ununterbrochen fortzusetzen. Der Schnlstnger hat dem Vorsteher bei Ausgang des Sabbats die tnährend des Säbbatgebetes gespendeten Beträge anzuzeigen, danrit selbe ordnungsgemäß protokolliert werden körmen . Der Schulsirrger hat auch „alle übrige seine schuldigkeit emsig und fleißig bey Verlust seines Dienstes zu beobachten". Die Gemeirrde hat jederzeit dem Schulsinger den ihm gebührenderl Respekt zu bezeugen. Die Besoldung des Schnlsingers, die wöchentlich 3,5 Gulden ausmacht. bat vünktlich zu erfolgen. Es steht der Gemeinde jedoch das Recht zu, die 'Gehälter den Umständen angemessen zu erhöhen oder zu vermindern. Sollte die Gemeinde einen neuen Schulsingcr aufnehmen wollen, so ist der alte einnronatig zu. kündigen. Im Statut wird der türkischen Jndenschaft, die bis zum Zeitpunkt der Regelung große, ausständige; Schulden hatte und über Anordnung des Kornmissärs verpflichtet wurde, diese sofort einznkaffieren, besonders eingeschärft, aus die Synagoge keine irgendwie gearteten fremden Schulden aufzunehmen, da sie sonst ans sich die schärfste Verantwortung laden würde, was sogar; eine eventuelle Schließung oder selbst „einen Verlust der Synagoge" zur Folge haben könnte. - Diese „Punkten", tvelche die verfassungsmäßige Grundlage der Sephardimgemeinde bildeten, wurden auch auf Befehl der k. k. niederösterreichischen Justizbanko-Deputation unter Beischlnß einer spaniolischeu und hebräischen Uebersetzung bescheinigt und vom Kommissär Franz Adami gezeichnet. Nach Veröffentlichung dieses Patentes wurden als die ersten Vorsteher Salomon Cavyn und Israel £><iiiu gewählt, .war di« statutarische Grundlage der sephardischen Gemeinde g.. schaffen und in diesem Rahmen ihre organisatorische Entwicklung vorgezeichnet. In den folgenden Jähreu vermehrte sich die Zähl der Gemeindemitglieder tvesentlich. Die sephardischen Juden glaubten, daß sie dank den Friedensverträgen eine Ausnahmestellung genießen und baten daher des öfteren um Erlassung oder Nachsicht der Stenern mit der Begründung, .daß sie fremde Staatsangehörige und da'her zur Leistung der österreichischen Steuern nicht verpflichtet seien. Als im Jahre 1790 abermals eine Reihe in Wien seßhafter türkischer Handelsjuden um Nachsicht der Kriegssteuer bittlich wurde, erltschied Kaiser Leopold über Vortrag der böhmischen Kanzlei, daß die türkischen Juden, die den Schutz des Staates genießen, in ihm Gewerbe treiben und ihre Nahrung finden, ebenso wie die anderen Einwohner „die Pflicht zn den Sraatserforderniffen beitragen sich gefallen lassen" müssen. *) Inzwischen wuchs die sephardische Gemeinde derart an**), daß das ihr zur Verf.ÜWng stehende Bethaus nicht mehr ansreichtc und sich daher die Notwendigkeit erwies, ein eigenes größeres Gebäude zn erwerben, um darin außer einem Bethaus auch eine eigene Schrcle zu errichten, in der die Kinder eine jüdische Erziehung genießen können. Jrn Jahre 1842 ersuchten die Bovsteher der Sephardimgemeinde um die Bewilligung zur „eigerttlichen Erwerbung eines .Hauses". Ueber Empfehlrurg. der vereinigten Hofkanzlei batte Kaiser Ferdinand der Erste am 2. Dezember 1843 die allerhöchste Entschließung zu einer solchen Erwerbung erlaffen. Diese Bewilligung konnte jedoch erst dann in Wirksamkeit treten, wenn die türkischen Inden das hierzu gewählte Gebäude angeben würden und dieses von der Hoffauzlei als für die erwähNtell Zwecke geeignet befunden werden sollte.***) Um das Zustaudekormnen dieser Bewilligung hatte sich insbesondere der türkische Außennlinisier Rifaat Pascha während seiner Anwesenheit in Wien bei der österreichischen Regierung beuiüht. Als die *) Wiener Staatsarchiv: Vortrag der böhmischen Kaick fei vom 2. Dezember 1790, Nr. 3768. **) Im Jahre 1818 wurde eine Konskription deursch? und türkischer'Inden angeordnet. Nach diestr befanden sich da- , mals in Wien aus 2261 Juden 57 türkische. Jndensamilien mit 217 Seelen. (A. F. Prkbram: Akten Md Urkunden zur ^Gl.'Ischichte hex Juden in Wien, Bänd 2, Seite 619.) ***) Note vom 6. Dezencher 1843 an. di-e.Dk geheim« HauS-;Hof- und Staalskanzlei (Wiener Staatsarchiv, F. 28: Frencde ' Kirchen' und'Setten.- FaKjM Z). '