Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1984 (23.8.1924)
- Date
- 1924-08-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1984 Wien, SüiM-stag ,& % vAiwoW, <C \k /'ßrÖznzhvs& ’ffanddsfytsdlschaff TheodorHaj c5s &Co OMcn R^WiednerlJauntefrasse 41 ■MMWH«MW«i!ilSä^n^wä^aaiHMMWMMHM _Telephon Nt. 57^041_ Etraßenlamvse in Neapel. Zwischen Faszisten und Sozialisten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Rom, 22. August. In Neapel kam es gestern und yeute zu neuen Straßenkundgebungen und Zusammenstößen zwischen Faszisten und bürgerlichen Antifaszisten und Sozialisten anderseits. Gestern vormittags wurden in Neapel Straßenumzüge veranstaltet und ein Zug, der das Zentrum der Stadt unter Vorantragung eines Bildes Matteottis und einer Trikolore passierte, wurde von den Karabinieri angehalten. Heute vormittags kam es zu Exzessen durch Faszisten. Ein Straßenbahner wurde von Faszisten in einem Kaffeehaus mißhandelt, mußte aber von den Faszisten, die ihn fortzerren wollten, auf der Straße wieder , in Freiheit gesetzt werden, da die Menge, die sich vor dem Kaffeehaus angesammelt hatte, eine drohende Haltuttg annahm. 'Die Faszisten mußten der Uebermacht weichen. Zum Zeichen des Protestes gegen die Mißhandlung ihres Kameraden legten die Straßenbahner sofort die Arbeit nieder. Der Straßenbahnverkehr konnte erst nach.mehreren Stunden wieder ausgenommen werden. Jeder ausfahrende Wagen bekam eine Eskorte von zwei Karabinieri. Rote Fahnen, die hie und da gehißt wurden, wurden von Sicherheitsorganen entfernt, um weitere Zwischenfälle zu verhindern. Der Vertrag von Lausanne. Die Ratifizierung durch Frankreich. Paris, 21. August. (Havas.) Herriot wird die Kammer ersuchen, noch vor den Parlamentsferien den Gesetzentwurf über die Ratifizierung des Lausanne! Vertrages in Verhandlung zu ziehen. ___ Sie Mmvie in Tranrsordanie». Jerusalem, 21. August. (I. T. A.) Wie aus der transfordanischen Hauptstadt Amman gemeldet wird, hat ein Wahabitentrupp neuerdings den arabischen Beni Sacher-Stamm angegriffen. Es gab auf beiden Seiten. Verluste an Toten und Verwundeten. Die Bahn zwischen Amman und Maan soll an einigen Stellen z e r st ö r t sein. Die arabische Presse fordert im Hinblick auf die Ereignisse den Rücktritt des Premierministers von Transjordanien. Kommunistische StreWehe lmSftrau-KarMiner Revier. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Mährisch-Ostrau, 22. August. Auf der Barbara- Ambe in Kavwin haben die Kommunisten einen Vergär b e i t e r au s st a n d hervorgerusen. Die Absichten der Kommunisten gehen dahin, den Streik auf das ganze Ostrau-Karw'in er Revier austzudchnen. Prststdent Kalles in Berlin. Berlin, 22. August. Der neugewählte Präsident von Mexiko, General Callos, ist in Begleitung der in Europa tätigen mexikanischen Gesandten und Konsuln hier eingctroffen. Zum Enipfang hatten sich der Reichspräsident sowie verschiedene Mitglieder der Reichsregierung eingefunden. Heute abends findet zu Ehren des Präsidenten Calles beim Reichspräsidenten ein Festessen statt. _ Sar Asyl der Mörder. Gömbös will aus der Polizei mit seinem „Gaste" sprechen. Budapest, 22. August. In der Angelegenheit der Erzberger-Mörder hat die Polizei auch bis heute noch keine Entscheidung getroffen. Der Abgeordnete Gömbös erschien bei der Polizei, um mit dem in Haft befindlichen Förster zu sprechen. Er wurde jedoch mit seinem diesbezüglichen Ansuchen abgewiesen. * r Heute nachmittags sind aus Berlin zwei deutsche Kriminalbeamte eingetroffen. Gömbös weaen Duellvergehens zu zwei Tagen Gefängnis verurteilt. Budapest, 22. August. Das Bezirksgericht verurteilte Heute den Abgeordneten Gömbös, der im Jahve 1922 mit dem gewesenen Minister des Innern Beniezkh -einen Wiener Morgenzeitung. 23. August 1924 Seite 8 Wie es a» einer Hakenlreuzhochschule zugeht. Sie guftönde an der Grazer Technik. Unglaubliche Zustände an der Technischen Hochschule in Graz sind durch Enthüllungen bekannt geworden, die in den letzten Monaten in der Grazer Presse veröffentlicht wurden. Wir haben schon am 12. Februar über den Skandal berichtet, der durch einen Gerichtspvozeß bekannt wurde, den der Rektor der Technischen Hochschule in Graz unvorsichtigerweffe provozierte. Was inzwischen weiter bekannt wurde und vollkommenunwidersprochengebliebenist. geht ins Aschgraue. Da gibt es einen Professor für Wasserkraftmaschinen und Pumpen, Robert H o n o l d mit Namen, der während der Konstruktionsübungen die Hörer auffordert, einen Kollegen, den Professor Leon, den er ahs „Kuckuckse i" bezeichnete, aus der Hochschule hinauszuwerfen. Aehnliches macht der Professor der Baumechanik. Fritz P ostuv a nschitz (dürfte ursprünglich wohl Postuvancie geheißen ha-ben), der mit Hörern geheimen Kriegsrat abhält, wie man der Professor Leon ans der Hochschule vertreiben könnte. Prof. Poftuvauschitz nimmt den Hörern, mit denen er sich zu diesem Zwecke in Verbindung gesetzt, hat, das Ehrenwort ab, von diesen Verhandlungen nichts zu sagen. Aber in Studentenversammlungen wird im Nam en dieser beiden Professoren erklärt, daß sie ihr Ehrenwort gegeben haben, die Hochschule zu verlassen, wenp Professor Leon daraus nicht entfernt wird. In -den Studentenversammlungen wird trüber debattiert, ob ein honoriger Student den Professor Leon grüßen dürfe. Die Professoren, wenigstens ein Teil von ihnen, unter der Führung des Rektors Kohlrausch, haben beschlossen, ihm auf chten Gruß nicht >me.hr zu danken, da er bei einem Hörer, der einen falschen Namen angegeben hatte, den richtigen Namen bei der Polizei scstftellen ließ, nachdem die akademischen Behörden sich gelveigert hatten, den wirklichen Namen sestzustellen. Wer bei Professor Lson als Asiiftent dient, wird verfolgt, disziplinär bestraft und aus dtt Hochschule hiausgeworfen. So mußte sich ein Assistent verantworten, weil er vor einem Jahr, als ein Mechaniker einen Witz erzählte, ,^ust i m m e n d g e l a ch t" haben soll. Nach einem Jahr soll sich ein Assistent an einen Witz erinnern und an seinen Gefrchtsausdruck. Diesen Asiistenten, der verheiratet ist, wollte das PvofessoreUkollegiU'M ohne Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist aus der Hochschule hinauswerfen, was aber vou der Landesregierung und vom Ministerium gehindert wurde. Ms Professor Leon die für den Assistenten günstige Entscheidung einem Rektoratsbeamten erzählte, s-o daß dieser den vom Rektor widerrechtlich gesperrten Gehalt auszahlte, wurde Professor Leon vom Professorenkollegium wegen Einmengung in die Amtsgeschäste des Rektors verurteilt. Ein zweiter Assistent, der die Disziplinarkommission fragte, wieso denn das Erzählen von Witzen bei Assistenten so schwer in die Wagschale falle, bei den Professoren aber geduldet wird, flog auch aufs Pflaster. Bei den Untersuchungen werden die Zeugen sorgfältig ausgewählt. Bei den Unter suchmtgen werden die Zeugen sorgfältig ausgewählt. Wer nicht so'aussagt, wie die Kommissionen es wünschen und erwarten, hat selbst eine Untersuchung zu gewärtigen. Der Rektor Kohlra-usch tritt in eigener Person in den Studentenversammlungen auf und fällt Werturteile über Professor Leon, die zeigen, daß -«er Herr Rektor noch viel zu unreif für eine öffentliche Funktion ist. Akten, die Leon verheimlicht werden, stellt der Rektor für die Studentenversammlungen zur Verfügung. Die Hörer zeigen Professor Leon beim Professorenkollegium an. daß er viel zu strenge sei, und die Professoren zeigen im Ministerium an, daß Leon die Studenten in ungehöriger Weife unterstütze. Ein Profeffor zeigt an, daß er wegen Prof. Leon so nervös wurde, daß er sich einer Magencperation unterziehen mußte. Als Professor Leon seine Uhr vor der Vorlefung auf das Pult legt heißt es er habe eine goldene Uhr gestohlen und der Rektor fordert Leon auf, die Angelegenheit klarzustellen. Als Leon e r s chw indel te Noten aus dem Katalog streicht, beschuldigen ihn die Studenten der U fc* knndenfälf chu ng. * Wie ist das alles zu erklären? Kann wirklich ein Professor, wie Postuvanschitz, der seine ganze Zeit dazu verwendet, um von Lehrkanzel zu Lehrkanzel zu agitieren, ein Zweikampf hatte, wegen Duellvergehens zu zweiTagen Gefängnis. Die Zusammenkunft Benesch-Marinkovic. Am 27, August. Belgrad, 22. August. Der Geschäftsträger der tschechoslowakischen Republik Dr. Eerny besuchte gestern den jugoslawischen Außenminister Marinkodie und setzten den Zeitpunkt für die Zusammenkunft des Außenministers Dr. Be ne sch mit Dr. Marinkovie für den 27. d. fest. Der Zusammenkunft wird in hiesigen politischen Kreisen deshalb besondere politische Bedeutung beigemessen, Werl Kollegium in eine solche geistige Verfassung bringen? Qde< ist es die Angst vor den hakenkreuzlerischen Studenten, denen man gesagt hat, daß Leon ' ein Jude sei? Oder haben die Professoren so viel zu verbergen, daß sie alles, aber schon alles daran setzen müssen, um zu verhindern, daß Professor Leon zu Wort kommt? Wir 'hoffen, daß sich die uns zugekommene Nachricht, das Pvofefforenkollegium weigere sich, die Anstifter dieses Skandales zur Rechenschaft zu ziehen, nicht bewahrheitet. Es geht überhaupt sehr lustig zu. Da hat unter dem Vorsitze von Herrn Professor Robert Honold eine zweite Staatsprüfung aus dem Maschinenbaufache stattgefunden Der Kandiat heißt Ladislaus Tallinn und ist ein Jude. Er hat an .der Technischen He /chule in Budapest, wo man die Juden ja auch nicht gerade liebt, sondern nach Kräften unterdrückt, die erste Staatsprüfung mit Auszeichnung bestanden und will nun in Graz die zweite Staatsprüfung mache:-.. Er besteht nach einstimmigem Urteile der Kommission die schriftliche Prüfung, welche eine volle Woche dauerte, und wird daher zur mündlichen zweiten Staatsprüfung zugelassen. Bei der mündlichen zweiten Staatsprüfung läßt Prof. Houold zunächst Prof. Leon prüfen, welcher ruh-ig und sachlich durch drei Viertelstunden an den Kandidaten Frage auf Frage richtet. Der Erfolg, ist vorzügli ch, wie auch die Kommission bestätigen muß. Neberdies hat der Kandidat über dieses Fach schon in Budapest die Einzelprüfung abgelegt und vorzüglich erhalten. Nunprüft Professor Julius M agg. Obwohl der Kandidat aus diesem Gegenstände bereits in Budapest die Einzelprüfung mit vorzüglichem Erfolg bestanden har und obwohl die Grazer Technische Hochschule ihm aus den Konftvnktronsübnngen aus diesem Fache ein Zeugnis, aus vorzüglich lautend, ausgestellt hat, erklärt Prof. Magg nach .halbstündiger Prüfung, die Leistung des Kandidaten für nicht genügend. Nun prüft Professor Wilhelm Hehn, der sich während der Ferien in dem Dorfe, in welchem er mit seiner Familie die Ferien verbringt, mit praktischem Antisemitismus beschäftigt. (Er verfaßt dort d r e H a k e nk r e u z p l a k a t e, in denen die jüdischen Gäste anfgefordert werden, den Ort sofort zu verlassen. Die Red.) Nach weiterer dveiviertelstündiger Prüfung, während welcher der Kandidat begreiflicherweise immer verwirrter wird, erklärt der Prüfungslkommissär die Leistung für nicht genügend, obwohl der Kandidat aus dem Gegenstände bereits Einzelprüfung gemacht und sowohl aus .dem Gegenstände als auch aus den dazugehörigen Konstruktiousübungen vorzüglich erhalten hatte und obwohl die Staatsprüfungsordnung ausdrücklich vorschreibt, daß bei der zlveiten Staatsprüfung auf beigebrachte Ernzelprüfungszeugnisse aus den Gegenständen derselben besondere Wert z u l e g e n i st. Nun liegt die Entscheiduna bei Professor H on old. Bei den Hebungen hatte dieser Professor, der meist nur genügend gibt, diesem Kandidaten sogar gut gegeben, was schon darauf schließen läßt, daß er mit ihm, obwohl er Jude zu sein scheint, besonders zufrieden ist. Und aus dem Maschinenelementen legt er zwei Zeugnisse über Einzelprüfungen, die er an der Grazer Technischen Hochschule abgelegt hatte und die beide auf sehr gut lauten, vor. Was macht nun Professor Honold? Er erklärt, die Prüfung n i ch t a b z u n e h m e n, weil sie zweifellos schlecht ausfallen würde, wenn er sie abnchmen würde. Und so fällt der Höver durch. Natürlich stimmt Professor Leon, der aus den Diensteid hält, für das Durchkommen. Er hat aber die Mehrheit gegen sich. 19 Erfolgsnoten erreichte der Hörer: 2 gut. 6 sehr gut und 11 vorzüglich. Die sehr anstrengende schriftliche zweite Staatsprüfung hat der Hörer bestanden; beim ersten Teil der mündlichen zweiten Staatsprüfung hat er auf vorzüglich entsprochen. Und Professor Honold klassifisterte die Durchschnittsleistung auf nicht genügend und laßt die Studenten gegen ein«« Professor aufmarschiere», der gegen einen solchen Beschluß stimmt. Wie uns nachträglich von wohlunterrichteter Seite mitgeteilt wird, 'hat das Ministerium die vom Professorenkollegium der Technischen Hochschule in Graz, über Professor Leon verhängte Disziplinarstrafe (zeitweise Versetzung in den Ruhstand auf die Dauer eines Semesters); aufgehoben; somit wird der vielseitig angefeiudete Professor Leon im Herbste seine volle Lehrtätigkeit wieder aufnehmen. sie vor der Abreffe des Außenministers Marinkovie nach Pariserfolgt, wo er mit dem französischen Ministerpräsidenten Herriot zusammentrifft. Sskzynsti kommt nach Wie«. Auf der Durchreise nach Genf. Warschau, 22. August. Außenminister Skrzynsk.i, der sich in den nächsten Tagen zur VAkerbundtagung nach Genf begibt, wird sich auf der Reffe nach Genf in Wien aufhalten, um dem österreichischen Außenminister Doktor G r ü n b e r g e r einen Besuch abzustatten. i!! j i i!;j