Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1983 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1983 Wien, Freitag Wiener Morserrzeituna. 22. August 1924 Seite 3 Fremdenverkehr und Fndenhetze. Aus Leserkreisen schreibt man uns: In Oesterreich wird bekanntlich sen Jahr uyd Tag von den verschiedensten ideell und materiell an dieser Frage interessierten Kreisen immer wieder auf die Notwendigkeit der Hebung der sogenannten „Fremdenindustrie" und der Heranziehung des internationalen Fremdenverkehres in die österreichische Gebirgswelt hingewiesen; man veranstal'-n von Zeit zu Zeit Enqueten, Hotelierkonferenzen und ähnliche Tagungen und beschlicht stets neue Resolutionen, ohne daß sich im wesentlichen etwas ändern würde. Es ist eine allö'kante Tatsache, daß aus dem Gebiete der sogenannten Fremdenindustrie hierzulande noch unendlich viel tu leisten wäre und ge: ^de die „W i e n e r Mo r g e n z e i t u n g" hat wiederholt darauf hingewiesen, in wie hohem Maße dieser wichtige Erwerbszweig der österreichischen Bevölkerung durch den Geist der Undusdiamkeit und die antisemitische Hetze geschädigt wirb. Daß diese auch in dre Reiseführer ihren Eingang lindet, dafür sei nahst'chcnde Pro-e — es ist sicherlich nicht das einzige Beispiel — angeführt' Im Berlage der Wagnerschen Universitätsbuchhandlung, Innsbruck, 1922, ist ein von Hermann Schwaighoferbearbeiteter Führer durch Nordirr ol erschienen, der auf Seile 223 die folgende Bemerkung enchält: ,Hin Walde, wo sich heute Wallfahrtskirche Judenstern befindet, verübten durchziehende Juden im Jahre 1462 gn einem Knäblein, dom Andevle v. Rinn, einen Rirualmorü..." Der B ' rdekrr von 1906 sckreib: über denselben Ort: „Nach Jnd'.nsteiu. nrit schöner Äussick< und dem Speckbacherhof (Heimat Speckbachers. Tenktafel) ..." Während also der Baedeker auf Judenstein als dis Heimat des Tiroler Landesbeldcn Speckoacher hinweist, hält es der heimische Tiroler Führer für wichtiger, diesen Umstand zu übergehen und dafür eine alte, dumme Ribualmordlegende anszuwärmen und dem Leiser als Tatsache vorzusetzen. Daß solche Reisehandbücher zur Hebung des Fremdenverkehres geeignet sind, wird Wohl niemand behaupten wollen. Eine andere Zuschrift aus Hofgastein teilt uns mit: In diesem heuer stark von Mischen Gästen besuchten Kurort ist jüngst anläßlich der Aufführung des bekannten Palästinafilms eine hakenkreuzlerische Hetze unangenehm ausgefallen, welche der Besitzer der zu gutem Teil« von jüdischen Kurgästen bewohnten Pension Germania inszeniert hat. Dieser, ein gewisser Oberegger, erinnerte sich aus diesem Anlaß seiner FeMvebelvergangenheit und die Verbreitung von Drohungen sowie das Abreißen der Anzeigen für die genannte Veranstaltung, deren Affichierung im Einvernehmen mit der Kurdirektion erfolgt war, geben zumindest auf das moralische Konto dieses Patentgermanen. Es muß festgestellt werden, daß sowohl die Kurdirektion als auch die Kurkommission und namentlich deren'Vorsitzender, der Bürgermeister von Hosgastein, alles tun, um auch den jüdischen Kurgästen -den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen. Die genannten Faktoren taten auch alles in ihren Kräften Stehende, um trotz den Hakenkreuzlerdrohungen die Aufführung des Palästinasilms zu ermöglichen. Für jüdische Kur-bedürftige liegt also keinerlei Anlaß vor, Hofgastein zu meiden; bezeichnend aber bleibt das Verhalten des Beisitzers der Pension Germania, welcher, auch bei den Ortsansässigen durchaus mißliebig, als Patentdeutscher keine Juden leiden mag, aber deren Geld .gerne nimmt. Jüdische Besucher von Hofgastein werden auf diesen Oberegger und seine ^Germania" geziemend aufmerksam gemacht. Baden — der Hakenkreuzkurort. Die Mische Bevölkerung wird in Plakaten schöndlich insultiert. — Sie Badener Behörden unternehmen nichts gegen die Beschimpfungen. die Rückkehr der Marannen zum Judentum. Oberrabbiner Kook über den Uebertritt der Marannen und des Beduinenstammes Al Shmalni. In einem Interview mit dem New-AorLer I. T.A.- Vertreter. äußerte sich -der Oberrabbiner von Palästina Kook mit Bezug aus den Wunsch des Bedmuienstammes Al Shmalni, Mm jüdischen Gbaulben übepzntreten, dahin, daß dieser Schritt des Beduiinenstammes eine delikate politische Fmge auswirft. Wenn nicht genügende historische Beweise zur Feststellung der jüdischen Abstammung dieses Nomadenstammes vorhanden sind, so ist die Ausnahme deZseliben in die jüdische Gemeinschaft Palästinas angesichts der tief ve-nwurzelten Glaubens- und Lebensarten der Beduinen kaum zu empfehlen. Anders verhält es sich mit den Marannen, die zweifellos jüdischen Ursprungs sind. Aber auch hier sind Hindernisse vom Standpunkt des jüdischen Gesetzes zu überwinden. Das jüdische Gesetz duldet, namentlich in Fragen der Heirat und der Ehescheidung. keiNerssei Abweichung von der Vorschrift. Jede Pslichtversäwnnis in der Beobachtung der Heivats. und Ehescheidungsgeisetze bedeutet eine schwerwiegende Uebertvetung des traditionellen Iudentuins. In einigen Fällen bestehen Zweifels, ob sie zu der jüdischen religiösen Gemeinschaft gehören. Es ist möglich, daß diese Marannen, so schr sie an der Ueberlioferung ihrer Väter hängen, für die jüdische Lehre keine tiefere Ueberzeugung nritbringen. Bekanntlich hat das Bureau des Hauptrabbinats in Palästina beschlossen, vor der Rückkehr des Oberrabbiners Kook nach Palästina koinerlei Entscheidung in der Angelegenheit der Gesuche der Bcdninen und der Marannen. zu treffen. Auch die jüdischen Organisationen in Palästina werden in dieser Angelegenheit um ihre Meinung befragt werden. Erst vor wenigen Tagen wurden die jüdischen Kurgäste von Baden durch zwei aus Deutschland zugewanderte Hakenkreuzbuben provoziert, ohne idaß es irgend eine der Badener Behördeir für notwendig befunden hätte, diesen: Unfug ein Ende M bereiten. 9ktt werden die jüdischen Bewohner und Besucher Badens, des „Weltkurortes", dessen Frequenz hauptsächlich durch jüdische Kurgäste erfolgt, abermals in gröblichster Weise beschimpft. Aus allen Anschlagsäulen der Stadt prangen seit gestern Plakate, in denen die Juden ausgefordert werden, Baden zu verlassen und nach Palästina zu gehen; erst dann würden nach Baden anständige K u r g ä st e kommen können. ist selbstverstädlich, daß in einem Weltkuvort. der diesen Namen verdient, die zuständigen Behörden dafür Sorge tragen, daß derlei Plakate, welche gegen den größten Teil der Besucher eines Kurortes ausvsizen, entfernt werden. In Baden ist dies nicht geschehen. Es 'werden natürlich die verschieidenen Behörden, Aemter-und Direktionen die Verantwortung einander gegenseitig zuschieben. Dieses schöne Spiel, .das in solchen Fällen immer gern geübt wird, ist hier ganz belanglos. - Fest steht eines: Da die S t a d t- und die Kurverwaltung von Baden anscheinend nicht die Kraft aufbringt, die jüdischen Besucher vor solchen Insulten zu schützen, so ist der Schluß gerechtfertigt, daß sie aus die jüdischen Besucher nicht reflektiert. Den jüdichen Kurgästen von Baden ist daher zu raten, diese Stadt, wo sie derartigen Insulten ausgesetzt sind umd davor nicht geischützt werden, sofort zu verlassen. Die Stadt- und Kurverwaltung mag dann zusthen, wie sie die in den Plakaten angekündigten „anständigen Kur- SBBnBnHHmHBnflBMHBBMBBHBBHHHBnMaHBBMflaaaBSi Sie Abhärtung und Stählung des Körper« erreicht man durch ständigen Gebrauch von Diana- Franzbranntwein. . kharlir Shapllns Hosen.! Ein interessanter Urheberrechtsprozetz in Amerika. Aus New-Aork wird uns berücktet: Wie die Blätter berichten, fand diestr Tage in der Filmstadt Los Angeles ein Prozeß vor dem dortigen Tribunal statt, in welchem die weltbekannten charakteristischen Beinkleider des Filmschauspielers Charlie Chaplin das Streitobjekt bildeten. Als Kläger in diesem Prozesse trat Charlie Chaplin aus, als Geklagter hatte sich ein kleiner Filmschauspioler zu verantworten, der sich einen ähnlich klingenden Künstlernamen bei gelegt hat und überdies so vermessen war, in Hosen a la Chaplin anfzutreten. Charlie Chaplin verlangte einen Gerichtsbeschluß, mit welchen seinem Nachahmer verboten wenden soll, die weite karrierte Hose zu tragen, deren Schnitt, wie Chaplin behauptet, seine eigene Erin düng ist. Der Geklagte verteidigte sich mit dem Eiuwaud, daß das genannte Kostüm Charlies durchaus keinen Anspruch auf besondere Originalität erheben könne, weil schon im Jahre 1889 ein amerikanischer Komiker in Ehikago mit den gleichen Hosen ausgetreten ist, und das Publ'ilkum zu Lachstürmen hinriß. Das Gericht vertagte die Verhandlung über diesen eigenartigen Urheberrechtsprozeß und beschloß, die Einvernahme von Sachverständigen aus der Film- und Artistenbranche. Charlie Chaplin hat bereits vor einem Jahre einen ähnlichen Prozeß um den urheberrechtlichen Schutz seiner Kleidung vor einem anlerikanischen Gerichte glänzend gewonnen. Der Sensationsmordprozeh Loeb-Leovoid. Die psychiatrischen Gutachten erklären die Mörder für normal. Aus New-Aork wird uns berichtet: Der Sensations- Prozeß gegen die beiden jugendlichen Mörder des 14jährigen Millionärssohnes Robert Franks, Richard Loeb und Nathan Leo Pol d, geht nach fast vierwöchiger Dauer seinem Ende zu. Am letzten Verhandlungstage kam neuerdings das Gutachten eines Gerichtspsychiaters zur Verlesung, worin erklärt wird, daß die beiden jungen Leute geistig völlig normal und mithin für ihr Verbrechen verantwortlich sind. Der Verteidiger der Mörder, Rechtsanwalt Darrow, legte den Sachverständigen eine Reihe von Kreuzfragen vor, und der Gerichtspsychiater mußte zugeben, daß der Geisteszustand der beiden Angeklagten eine Neigung zur „gespaltenen Persönlichkeit" und zum „Doppelleben" erkennen lasse. Diese Konzession des beeidigten psychiatrischen Sachverständigen wird als Triumph der Verteidigung angesthen und im Zuschaurrraum wurden sofort Wetten von 2:1 gegen ein Todesurteil für Loeb und Leopold gelegt. Im Verlaufe der Verhandlung kam es zu entern heftigen Zusammenstoß zwischen dem Staatsanwalt C r o w e und dem Verteidiger Darrow, weil ersterer sich über die Theorie der Verteidigung, von einer „paranoiden Veranlagung" der Mörder lustig machte. Der Prozeß kostet bisher die Familien Loeb und Leopold, bescheidener Schätzung zufolge, 250.000 Dollar, wozu noch das mit 100.000 Dollar vereinbarte Honorar für Rechtsanwalt Darrow kommen wird. gäste" heve inbekommt. Es darf sich nicht mehr das fe* schämende Schauspiel wiederholen, das es vor zwei Jahren im Salzkammergut gab, wo während der Saison die jüdischen Sommergäste fleißig ausgewurzt wurden, und dann von den ehrenwerten Bergländlern am Schluß der Saison eine Judenaustreibung veranstaltet wurde. Die Juden, die jetzt in Baden weilen, mögen der Aufforderung, die mit Duldung und Genehmigung der Stadt- und Kurverwaltung an sie gerichtet wird, sofort Folge leisten und den Weltkurort sich und seinen Hakkenkre uzlern überlassen. Wenn auch die Juden in Baden jetzt nicht soviel Ciharakter besitzen sollten, um diese natürliche Konsequenz aus dem Schimpf, der ihnen angetan wird, zu ziehen, so werden wir jedenfalls mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln dafür Sorge tragen, daß van nun ab kein Jude ans dem Auslande mehr dem Weltkuirvrt Baden hereinfällt. Es wird — das 'versichern wir den sogenannten zuständigen Stellen" — von nun ab keinen Juden mehr geben, den, nicht restlos darüber Aufklärung erteilt werden wird, daß Baden, welches den Anspruch darauf erhebt, ein Weltkurort zu sein in Wirklichkeit ein Hakenkreuzlernest ist und daher von jüdischen Kurgästen gemieden werven muß. Es muß und wird dazu gebracht werden, daß die Herren vom Hakenkreuz hübsch unter sich bleiben, in Baden und überall dort, wo sie ihre Propagan'datätigkeit für die Hebung des Fremdenverkehrs ausüben. 6itt vielbeschäftigter Teuselaustreiber. Aus Mailand wird uns gemeldet: Der „Cor.riera adella Sera" berichtet von einem Fall von Teufelaustreibung, der sich ftt der Gemeinde Raggiolo bei Arezzo zugetragen hat. Der Pfarrer dieser Gemeinde, Don Francesco B o r d o n i, wird von den Bauern der ganzen Umgebung als ein wundertätiger Mann verehrt, dem bereits 24 Fälle von Teuselaustreiibungen nachgesagt weren. Der Pfarrer hatte eine Verwandte, namens Clementina Magli, die seit 12 Jahren von Dämonen besessen war. Der Pfarrer wandte sich an den Bischof von Arezzo und bat ihn um die Erlaubnis, an der Fran die religiösen Zeremonien der Teuselaustreibung voMnchmen, welche ihm von dem Bischof gewährt wurde. Ter Pfarrer nahm sodann in der Kirche der Ortschaft an der Frau die Teufelaustreibung vor, wobei nicht weniger als 5 0 3 Dämonen aus dem Leib der Kranken gefahren sein sollen. Die Hauptdämonen, tvelche die Frau quälten, waren Luzifer, Skorpion und Satan. Nach der Zeremonie erklärte die Fran, daß sie sich vollkommen geheilt fühle, nachdem zahlreiche Aerzte sie von ihrem Leiden nicht befreien konnten. tzine Symnafiaäen-Diebsüaude. Aus Belgrad wird uns gemeldet: Aus G r o ß> K i I inda wird gemeldet, daß das physikalische Laboratori u m des dortigen Obergymnasiums erbrochen und vollständig ausgeraubt wurde. Der Schaden beträgt 4 0.0 0 0 Dinar. Die Polizei stellte fest, daß der Einbruch von a ch t S ch ü l e r n des G Y mn a s i u m s verübt wurde, die verhaftet wurden. Im Lause der Erhebungen kam die PvliFei auf die Spur einer g r o ß a n g e l e g t e n D i e b s b a n d e, die seit Monaten ihr Unwesen in der Stadt trieb und deren Mitglieder 21 Schüler der 5. und 6. G y m n a s i a lkla sse waren. Ein Teil der Diebstande konnte noch nicht verhaftet werden, da die meisten Schüler ihre Ferien in verschiedenen Sommerfrischen verbringen. Kn abenteuerlicher Touriftenunfall. Aus Zürich wird gemeldet: Drei junge Italiener waren von Turin nach Chamonix gekommen, um von dort ans den Berg Grand Di adle im Moni-Blanc-Massiv ohne Führer zu besteigen. Sie waren schon dem Gipfel nahe, als sie — angeseilt — 100 Meter tief abstürzten. Das Seil verwickelte sich zum Glück an einem überhängenden Felsstuck, so daß die drei Touristen hilflos über einem Gletscher schwebten, der 600 Meter unter ihnen lag. In dieser Lage mußten sie bleiben, bis eine Reitnngsexpedition von Chamonix, von wo ans nran durch das Fernglas den Unfall beobachtet hatte, auf dem Schauplatz eintraf. Die Rettuugsexpedition traf einen der Italiener mir gebrochenen Beinen und einen anderen, der vor Schmerzen ohnmächtig geworden war, während der dritte leicht verletzt war. Der Motpreir. Die Wirtschaftspolizei hat von jenen Brotfabriken, bife die Brotpreise am Mittwoch erhöht haben, ge n a u e Ka!- knlationen abgefordert, um unter Mitwirkung der Preisprüfungsstelle diese Kalkulationen genauestens auf ihre Stichhältigkeit zu überprüfen. Eine Komiuissicn hat mit der Revision bereits begonnen.