Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1981 (20.8.1924)
- Date
- 1924-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch mitten in der Arbeit über seine erste bedeutende Schrift, „Kants Theorie der Erfahrung“, schrieb der junge Hermann Cohen -— damals kaum 29 Jahre alt — mit besonderem Bezug auf Kant an einen Freund: „Es ist ein schön Ding, sich in einen solchen Mann einzuleben, und von ihm aus zu sehen, wie es weiter gehen kann.“ Als dann die Schrift erschienen war — es war im Jahre 1871 —, ungefähr um die Zeit, da der junge Nietzsche seine ersten Pfeile gegen sie mit seinen vier „Unzeitgemäßen“ abschoß, da blieb zunächst jede Resonanz aus, allerdings mit einer einzigen, gewichtigen Ausnahme: Friedrich Albert Lange, der Verfasser der mit Recht berühmt gewordenen „Geschichte, des Materialismus“, erfaßte sogleich den Wert dieser Schrift; er sah, „daß mit Cohens „Theorie der Erfahrung“ nicht nur eine Epoche im Verständnis der Kantschen Philosophie eröffnet war, sondern daß es auch die systematische Philosophie zur-Revision ihrer Grundlagen zwingen w ü r d e“. Und er schrieb, nachdem er die Schrift gelesen, an Hermann Cohen: „Sie haben ja mit uns von vorne angefangen.“ Seitdem ward die Beziehung zwischen beiden Denkern eine starke und innige. Ihm verdankte Cohen seine Berufung , an die Marburger Universität, und er würde hier auch der, Nachfolger Langes, als dieser im Jahre 1876 aus dem Leben schied. Marburg blieb denn auch die Stätte seiner vierzigjährigen akademischen Wirksamkeit, und sie ward - bald zu einem Mittelpunkt einer philosophischen Schule, deren Bedeutung nicht bloß innerhalb der neukantischen Richtungen sich zii äußern begann. Als mäh sich endlich in Fachkreisen entschloß, den „tiefsinnigen, Kant-Forscher“ gelten zu lassen, stand man doch erst recht verblüfft beim Erscheinen seines selbständigen „Systems“, womit der Sechzigjährige die philosophische Welt überraschte — vielleicht auch die, welche ihm gedanklich näher zu stehen glaubten. Die logische Strenge verbunden mit einer lapidaren Knappheit im Ausdruck verdecken und* verhüllen uns die fließende Linie seines geistigen Werdeganges. Fühlt man aber mit innerem Anteil seinen Schriften nach, so erschließen sich einem die leisesten Uebergänge, die es den^ freilich auch bewirken, daß manche sogar wesentliche Wandlung in der Gesamtauffassung übersehen oder nicht genügend beachtet wird. Man hat, so will mir scheinen, bei Cohen das Motiv und Willensmotiv einer immer energischeren Wendung vom philosophisch Ethischen zum besonders jüdisch Religiösen noch nicht genügend gewertet: es ist aber, so möchten wir es deuten, als hätte Cohen, der Philosoph, den natio nalen Tribut, den er seinem Volke, auch als Volk der Gegenwart zu entrichten gezögert, auf dem Altar niedergelegt, der über alle Zeiten und.Scheidungen hinweg uns allen gemeinsam und heilig sein müsse: in jenem Ethos, das in der reinen Gottesidee, wie sie die Religion des Judentums verkündet, seinen Grund hat. Die Einstellung Hermann Cohens zum Problem der Ethik, ihre Grundlegung wie ihr Zusammenhang mit de' Religion, wird selber zum’Problem: an welchem die Philo Sophie des Judentums und die Religion desselben nicht weniger befaßt sind als die Philosophie und Religion überhaupt — wenn anders diese Zeit den Beruf in sich hat, noch entscheidend in beidem zu wirken, gesetzgeberisch zu gestalten aus dem Grunde und auf dem Grunde des in Idee und Wirklichkeit ewig Fruchtbaren. Es gehört mit zu den Leitmotiven der philosophischen Lehre Hermann Cohens, daß der Mensch das Höchste, was er anstrebt, als eine immerwährende A u f g a b e erfassen, nur aber mit seinem Besten betätigen müsse: daher die Erkenntnis und ihre Transfigurierung ins Leben ein Unendliches im Ziel und-eine'restlose Kontinuität bedeute. Wir möchten sagen, die Philosophie ist nur eine Form dieser Kontinuität des Menschengeistes, des immer wieder kritisch prüfenden, zur Kritik wie zur Selbstkritik immer wieder aufrufenden: solch ein kontinuierender Aufruf und Mahnruf ist die Philosophie Hermann Cohens. „Mag äußerlich das System der Philosophie durch das Fehlen der Psychologie als Torso erscheinen, so bildet das Lebenswerk Cohens doch eine in sich geschlossene und wirkungsfähige Einheit. Wir sind überzeugt“ — so heißt es im „Rückblick und Ausblick“ der einführenden Schrift Walter Kinkels — „daß diese Philosophie alle1 Ingredienzien enthält, die zur Gesundung des Geisteslebens unserer Zelt erforderlich sind.“ _ . Bernar<i Tag. A. H. Kober: „Balkan.“ Jena 1924. Eugen Diederichs. Der Balkan wird leider wieder aktuell. Die dort zusammen wohnenden Völker sind noch nicht zur Ruhe gekommen, ungeklärte wirtschaftliche und territoriale Fragen rufen nach Schlichtung. Aber obzwar durch den Krieg viele tausende mitteleuropäischer Menschen nach diesem Teile Europas verschlagen wurden, ist die politische Psyche des Balkans ihnen und der Mehrheit Europas, vollkommen fremd geblieben. Das ist ein großer Uebelstand, weil man gewohnt ist, von dem im eigenen Land angewendeten Gesichtspunkten auszugehen und so von falschen Prämissen zu falschen Folgerungen zu gelangen. Darum sind auch die Entwiefotungsphasen und -Tendenzen unverstanden. A. H. Kober versucht, Aufklärung zu schaffen. Er geht von der orp- und hydrographischen Gestaltung aus und bringt kosnrisohe Elemente in die politische Geographie, Das erscheint auf den ersten Blick befremdlich. Je weiter man sich aber in das Buch hineinliest, um so lichter wind es. Der Balkan gilt als ein Teil Europas. Kober tritt dieser Meinung entgegen. Er unterscheidet scharf zwischen dem ziemlich einheitlichen Westen, dbm bolsohewikischen Rußland und dem' Balkangebiet, das er als eigenen Weltteil anzusprechen neigt. Auf der Landbrücke zwischen Bosporus und der Donau ist die Vermischung astatischer und europäischer Menschen und Meinungen - erfolgt. Die organische Entwicklung Europas hätte hier anknüpfen müssen. Statt dessen geriet sie in die Schieberperiode des 16. Jahrhunderts, wandte sich von der Donau dem Atlantischen Ozean zu und scheint jetzt dem Pazifik zuzustreben. Indessen vollzieht sich unter schweren Krisen die Verschmelzung der Balkanvölker, die au« ihrer heroischen Epoche jetzt in die der Staatskonsolidierung übergehen. Zusammen mit dem heutigen Rußland als dem Wieder* erwachen asiatischer Urtriebe entsteht den Balkanslawen eine Weltmission: Zerstörung oder Regeneration Europas. Es ist fraglich, ob diese Einheitlichkeit, die Kober supponiert, auch besteht. Die gegenwärtigen Vorgänge sprechen mit der lauten Stimme der Komitatschis dagegen. —ö.— Alfred Weber: „Deutschland und die europäische Kulturkrise.“ Berlin 1924. S. Fischer-Verlag. Alfred Weber ist wieder zu seinem schönen Kulturoptimismus zurückgekehrt. Er ist der Hoffnung, daß die alte geistige Dynamik des Vorkriegseuropa wieder im Aufleben steht. Es handelt sich ihm nur darum, die Bahnen zu finden, in welche die Geschichte lenkt. Die Anziehungskraft des Ostens hat sich vervielfacht und es muß die Art ihrer Wirkung - auf die geistig-politische Entwicklung Deutschlands abgegrenzt werden. Das Grundproblem liegt in der Erkenntnis, wie sich Romanen und Angelsachsen in das kommende System einfügen. Hauptsächlich scheint Weber seine Fragen nach dem geistigen Sonderdasein der angelsächsischen Nationen zu stellen, respektive nach der Richtung, wohin der Deutsche sein „universalistisches Wollen“ zu richten hätte. Wobei der Autor „europäische und deutsche nationale Aufgabe“ gleichsetzt. Was natürlich fruchtloses Beginnen ist, solange die in. Bildung, Politik und sozialer Entwicklung maßgebenden Kreise Deutschlands unter national die Abkehr von Europa und die Rückkehr zum Völkerwanderungsheroismus verstehen. Immerhin ist“ die Diktionder Beweisführung und der Problemerfassung so flüssig und klar, daß das Buch jedem, zum Studium empfohlen werden muß, der über den Tag hinaus zu denken gewöhnt ist. —sy. Leo Loewy: „Gott und Mensch.“ Gedichte. Verlag Kurt Vieweg, Leipzig. Dem Inhalt nach bewegt sich dieses Büchlein, „gewidmet meinem deutschen Volke“, in durchaus hohen Sphären. Es fragt sich nur, zu welchem Zwecke solche „Verse“ gedruckt werden, die einen selten erreichten Gipfel des Nichtkönnens erklimmen. —d. NEUERSCHEINUNGEN Chesterton: „Der Mann, der Donnerstag war.“ 1924. Musarion-Verlag, München. R. H. France: „Grundriß der vergleichenden Biologie.“ 1924. Verlag Theodor Thomas, Leipzig. Dr. Manfred Fraenkel: „Die Verjüngung der Frau.“ (Zugleich ein Beitrag zum Problem der Krebsheilung.) 1924. Verlag Ernst Bircher A.-G., Bern und Leipzig. Alfons Gold Schmidt: „Argentinien.“ 1924. Verlag Ernst Rowohlt, Berlin. G. F. W. Hegel: „Der Staat.“ 1924. Wölkenwanderer- Verlag, Leipzig, ’ .< E. T. A. Hoffmann: „Zwei Märchen“ („Nußknacker und Mausekönig“ und „Die Königsbraut“). 1924. Deutsche Verlagsanstalt, München. Franz Xaver Kappus: „Der Mann mit den zwei Seelen.“ : (Roman.) Ullstein-Verlag, Berlin. Dietrich Mahnke: „Leibniz und Goethe.“ („Weisheit und Tat“, 4. Heft.) 1924. "Verlag Kurt Stenger, Erfurt. F. R: Nord: „Der Kampf um die Kupfergrube.“ (Roman.) Verlag Gebrüder Enoch, Hamburg. Hans v. Saltzwedel: „Jüdisches Kaiserreich.“ 1924 Verlag Theodor Weicher, Leipzig. Friedrich Soukop: „Die Weltlüge“ (Roman.) Verlag Elite, Brünn. __> „Blau-Weiß-Blätter.“ 1. Jahrgang, Heft 4. Juli 1924. Herausgegeben von der Bundesleitung des Blau-Weiß, Berlin SW 19, Seydelstraße 3. 111. „Deutsche Litera-turzeitung für Kritik der internationalen Wissenschaft.“ Neue Folge, 1. Jahrgang, Heft 18. 1924. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin. „Nowe Zycie.“ (Monatsschrift für Literatur, Kunst und Wissenschaft.) 1. lahrgang. Heft 1 und 2. 1924. Redakteur: Dr. Majer Balaban. Verlag M. Freida, Warszawa, Rymarska 16. KATALOGE ii AUKTIONEN Orient-Buchhandlung Heinz Lafaire K.-G., Hannover, Ebhardstraße 8. Katalog 20, Juli 1924. Arabisch-Türkisch, 538 Nummern. Orient-Buchhandlung Heinz Lafaire K.-G., Hannover, Ebhardtstraße 8. Katalog 21, Juli 1924. Antiquarische und seltene Bücher aus allen Gebieten, 443 Nummern. Orient-Buchhandlung, Heinz Lafaire K.-G., Hannover, Rathenauplatz 5. Katalog Nr. 23, August 1924: Aegypten, Nubien und Abessinien. Geschichte, Geographie, l#unst, Religion, Aegyptisch, Koptisch, Papyruskunde. (363 Nummern). Paul Graupe, Berlin W 35, Lützowstrasse 38. Katalog Nr. 108: 400 interessante Neuerwerbungen. (400 Nummern). AUS DER WERKSTATT DES BUCHES Goethes „Faust“ auf einer Pariser Versteigerung. Die „Antiquitäten-Zeitung“ berichtet von einer in Paris stattgehaibten Versteigerung von Büchern des vor kurzem verstorbenen Schriftstellers und Herausgebers des „Gaulos“, Artur Meyer. Unter anderem kam auch eine sehr seltene französische Ausgabe des „Faust“ zur Versteigerung — nämlich die erste französische Uebersetz un g des unsterblichen Werkes, die 1828 erschien und mit den berühmten Illustrationen von Eugene Delacroix geschmückt ist. Bekanntlich hat sich Goethe Eckermann gegenüber sehr anerkennend über die Illustrationen ausgesprochen. Der Maler widmete sein Werk Viktor Hugo mit den Worten: „Dieses Buch eines Unsterblichen dem, der sich die Unsterblichkeit erringen wird.“ Das Buch wurde von einem Amerikaner namens Kehrmann für 24.000 Franken erworben. Die Großbuchbinderei F. Rolling er, Wien, XII., Niederhofstraße 37—39, , empfiehlt sich zur Anfertigung von modernen Verlagsbänden und Handbänden für Private und Vereinsblbliotheken. (Entgeltlich.) Zwei Bücher zur . ' H ANS K O H N ONAUSMUS Broschiert K 24.000 Ali neuer Beweis für die Ansicht, dass die jüdische Bewegung keineswegs vor dem Rüstzeug modernen soziologischen und historischen Denkens an Schlagkraft und Farbe kapitulieren muss, erweitert Hans Kohns Buch den Gesichtskreis des Zionisten auf das bedeutendste und trägt sehr zur Erkenntnis bei, dass die Bewegung, der wir unsere Kräfte widmen, .historisch notwendig irt und der Allgemeinheit in // schönster Welse dient II \ '-, " "" " ■■ HANS KOHN Sinn und Schicksal der rassischen Revolution Broschiert K 25.000 Hans Kohns Buch Ist keine politische Streitschrift, er betrachtet die russische Revolution überhaupt nicht unter politischem Aspekt; vielmehr dringt Kohn zu den Wurzeln des Phänomens vor, er sucht es psychologisch, völkerpsychologlsch zu erfassen und darüber hinaus soziologisch, bzw. geschichtsphilosophisch zu bewerten Jüdisch» Rundschau 1923 Zu beziehen durch: R. Löwit, I. Rotenturmstraße 22 Jedes Bändchen ist 60 bis 100 Seiten stark, in dauerhaftem Pappband gebunden, auf holzfreiem Papier in vornehmer Schrift gedruckt, mit zweifarbigem, künstlerisch ausgefürhtem Umschlag versehen, Preis nur Kö 12*000 per Band Band i. Walter Mehring: Französische Revolutionslieder. Eine Sammlung von Gedichten aus der Zeit der französischen Kommune Band 2. Friedrich Wendel: Der Bürgerspiegel. Eine Sammlung satirischer Anekdoten, Epigramme, Verse und Glossen Band 3. George Grosz: Die Kunst ist in Gefahr 1 Bekenntnisse, Polemiken und Skizzen Band 4. Alexander Guidony: Dizzy. Satirische Erzählung aus dem Jahre 1950, Henry Ford gewidmet Band 5. Wladimir MagaJcowsky: 150 Millionen. Das Epos des russischen Volkes Im Kampf um die Revolution Band 8. Andre Marty: In den Gefängnissen der französischen Republik. Ein Bericht des Führers der meuternden französischen Schwarze-Meer-Flotte Band 7. Eugen Levin6: Stimmen der Völker zum Krieg. Eine Sammlung von Vorträgen, die der in München erschossene Revolutionär im J. 191? gegen den Krieg hielt Band 8. Albert Ehrenetein: China klagt. Chinesische Revolutionslyrik seit dem Jahre 1000 vor Christi Band 9. Viktor Hugo: Die letzten Tage eines Verurteilten. Der grosse französische Schriftsteller Schilder« in Tagebuchform die Qualen eines zum Tode Verurteilten Band io. Wera Eigner: Das Attentat auf den Zaren. Die bekannte russische Revolutionärin erzählt von der Vorbereitung u. der Ausführung des Attentats auf Alexander II, an dem sie sich selbst beteiligt hat Die Sammlung wird fortgesetzt MALIK-VERU6 / BERLIN-WIEN Der sensationelle Kriminalroman JOSEF GOLLOMB den die „Wiener Morgenzeitung“ in täglichen Fortsetzungen bringt, ist soeben in Buchform erschienen Preis: K 30.000 Dieser Roman Ist in England u. Amerika bisher in 300.000 Exemplaren verbreitet! Zwei Urteile; Ein wirklich erstklassiger, spannender Kriminalroman. Wir raten unseren Lesern, wenn sie einige Stunden Zeit haben, dringendst zu der Lektüre, da sie, wenn sie das Buch einmal zur Hand haben, es nicht so leicht wieder weglegen werden. In diese nervenkitzelnde Geschichte hat Mister Gollomb eine entzückende Liebesgeschichte gewoben, die faszinierend wirkt. Bestellen Sie sofort, da nur wenige Exemplare bisher eingetroffen bei R.L0W1T, BUCHHANDLUNG, WIEN I. ROTENTURMSTRASSE 22 ELBEMUHL Papierfabriks- und Verlags-Gesellschaft Zentralbureaus Wien, I. QrUnangergasse Nr. 2 Erzeugen alle Papiersorten, holzfreie und mittelfeine Kanzlei-, einseitig glatte Plakatpapiere, Pellüre. Löschpapiere, einseitig glatte Supenorsorten usw. usw. 9236