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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-20 · Heft 1981 (20.8.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1981 (20.8.1924)
Date
1924-08-20
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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LITERATURBEILAGE DER »WIENER MORGENZEITUHG* N ummer 23 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 20, August 1924 'ADMINISTRATION:,/WIENER MORGENZEITUNG“, VIEN, II., TABORSTRASSE 1-S UNSER BUCH DER WOCHE Das Kriegstagebuch einer Frau Unmittelbar nach dem Krieg war in London das •Buch der Fürstin Evelyn Blücher unter dem Titel „An English Wife in Berlin“ erschienen und hatte ln der englischen Oeffentlichkeit ebenso starkes Aufsehen erregt, wie später das Büch der Frau des Ministers AsquIth „Eine Selbstbiographie“. Die Sensation ist für unsere von Haß und Rache beherrschte Atmosphäre auffallend. In Mitteleuropa ist eine Veröffentlichung dieser Art bisher nicht erfolgt, aus dem einfachen Grunde, weil es hier niemand wagen würde, trotz Frieden und Sanierung bei dem Gegner, das Menschliche und Versöhnende zu suchen. Die Fürstin Evelyn Blücher hat dies getan. Sie hat die harten Kriegsjahre in Deutschland verbracht, bald frei, bald unter Aufsicht. Aber sie hat sich nicht verbittern lassen, und ihr Tagebuch, das jetzt in deutscher Uebersetzung (im Verlag kür Kul t ur p o 1 i ti k, München). erschienen ist, zeigt in jeder Zeile das warmherzige Bestreben, die Zeit und ihre Not zu begreifen und auf den Augenblick zu Warten, der den Völkern wieder den freien Ausblick bringt. Selbstverständlich spielt die Politik, und zwar die böseste, die Kriegspolitik, immer wieder in die Zeilen dieses Tagebuches hinein. Immer wieder taucht die Frage auf, wie der Unterschied zwischen der Volksstimmung in England, die den Krieg ablehnte, und der in Deutschland, die ihn begeistert begrüßte, zu erklären sei, und immer wieder verweist das Tagebuch auf den Geist der Unwahrheit, der in diesem Deutschland mit allen Mitteln von oben gezüchtet und in die Massen des ahnungslosen, betrogenen Volkes getragen wurde, das ebenso friedlich gesonnen war. wie das englische. Die Fürstin mußte die großen deutschen Siegesfeiern miterleben, sie sah von-ihren Fenstern die Siegesfahnen und hörte die patriotischen Lieder. Sie verschmäht es,” eine Schilderung ihrer Empfindungen zu geben. Aber man kann doch erkennen, wie ihr ums Herz war und , man kann daraus auf die Empfindungen der deutschen Frauen schließen', die in England interniert waren und dort in der Gefangenschaft den furchtbaren Zusammenbruch ihrer Nation zu Gehör-bekamen. Die Fürstin erkennt genau, Was in Deutschland vorgeht. Sie notiert im November 1915, daß der Krieg dem Volk nur suggeriert ist, und sie sieht die kommende Revolution.. Das deutsche Volk und seine Führer waren noch voll Siegesjubel. Daß der Krieg gleich im Beginn verloren worden war, hatte man verschwiegen. Aber doch war die Stimmung schon um diese Zeit dumpf und stumpf geworden. Besonders die Frauen zeigten dies. Sie wußten, daß die Kriegsverwaltung die Männer nicht wie menschliche’Wesen behandelte, sondern nur wie Teile einer Maschine, und sie erkannten ihr eigenes Los, das Ihnen die Militärdiktatur bereitet hatte. Die ganze Entwicklung des Krieges zieht bei der Lektüre dieses Buches vorbei. Voll dramatischer Kraft ist die Schilderung der letzten Tage, der November- Revolution, die die Fürstin in Berlin selbst mitmacht. Inmitten . der Spartakusunruhen verläßt die: nunmehr freie Tagebuchschreibcrin Berlin und eilt in ihre englische Heimat, wo sie ihre Mutter, von der sie viereinhalb Jahre getrennt war, im Sterben wiederfindet. Das Buch schließt im Februar 1919 mit den Worten: „Es gibt keinen Platz für uns unter der Sonne und absolut .keine Gesetze,. um uns und unser Eigentum zu schützen. Die Lehre, welche alle Frauen in meiner Lage gelernt haben werden, ist die, daß'es unsere un? bedingte Pflicht ist, soweit wie möglich die Freund-; Schaft und das Vertrauen zwischen den feindlichen Nationen wiederherz'usteilen und daß wir .uns, alle zu dieser allgemeinen Aufgabe verbinden sollten.“ Vielleicht ist es möglich, daß diese’Worte in einen weiten Kreis gelangen werden. Wenn irgend jemand die Wiederholung der ethischen und ästhetischen Schmach des Krieges verhindern kann, so sind es nur* die. Frauen und die Mütter. Wenn nur mehr solcher Tagebücher geführt' undgelesen worden wären,. dann' stünde es heute besser um den Frieden* und die. freie Entwicklung. ■ 1. j. DAS MODEBUCH Weib und Weibchen Lassen wir eine Weile diese Unterscheidung gelten, auch auf die Gefahr hin, einer Voreingenommenheit gegen das weibliche Geschlecht bezichtigt zu werden. Denn diese scheinbare Voreingenommenheit bedeutet gleichzeitig Kritik, eine Edisteiung also, die das Widerspruchsvolle im Weib nicht gleichgültig hinwrnmt 'und damit zugleich ein tieferes Interesse dokumentiert. Aber dieses Interesse liegt nicht allein in der erotischen Sphäre: es ist begründet in der Sehnsucht des schöpferischen Menschen, des Mannes, nach dem empfangenden Weiblichem in der Ausgleichung, des Gebenden und Nehmenden, des Beglückenden und der Beglückten. Das Weib erscheint als das Symbol der Schönheit und Rühe in die Welt hineingesetzt mit allen seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten, aber auch mit all den Reizen, die das Leben erst vollenden. Von Eva bis £um Pagenkopf — dieser Entwicklungsweg ist auch gezeichnet in der - Literatur, und darum war es ein glücklicher Gedanke des Dichters Kl ab und, aus Epigrammen und Sprüchen deutscher Dichter ein amüsantes Mosaikbild zusa/mmenzustellen (Weib und Weibchen, Epigramme und Sprüche deutscher Dichter von Gottfried v. Straßburg bis Klabund, erschienen im Verlag Dr. Eysler & Co., Berlin), welches das weibliche Geschlecht als Beherrscherin und Beherrschte des Mannes, als Spenderin und Beschenkte charakterisiert und in solchem Sinne auch kulturgeschichtlich wertvoll ist. Von Gottfried v. Straßburg bis .Klabund! Ein Jahrtausend umfassend, eine Zeitspanne, innerhalb welcher die Frau sich emanzipiert und trotzdem nicht aufgehört, hat, Frau, allerdings aber Weib oder Weibchen zu sein. Diese Nuancierung ist wichtig. Das derbe Mittelalter, soweit Klabund Beispiele daraus bringt, zeigt eine Mischung von Minne und Erotik, von Sarkasmus und Pantoffelheldentum, und die Pointen —darauf gehen die kurzen Verssprüche aus — treffen bei aller Uebertriebenheit und Gewagtheit ins Schwarze. Das ewig Weibliche mit seinen Höhen und Lastern ist auch schon in der Zeit der Ritter und Minnesänger zu Hause, und darum sind einzelne Epigramme so frisch, so eindrucksstark und so voll Verständnis für die menschlichen Schwächen, als wären sie heute geprägt worden, und die Psychologie des Weibes erscheint mit einer Schärfe und Sicherheit und in knappster Formulierung erfaßt, daß unsere Psychopathen, Analytiker, Freudianer und sogar die Freunde des französischen Boudoirstückss auf ihre Rechnung kämen. Aber auch rein gedanklich bezeugen sie einen hohen Grad von Einfühlung und Erkenntnis. Feinheiten, die wir am den modernen Psychologen bewundern, blühen in reichster Fülle. Und selbst der tiefste Pessimismus läßt zu keiner Verachtung verleiten, sondern eher zu tändelndem Spoit und tiefem mitleiidiigen Lächeln eines scheinbar Ue-berlegenen, der zum Schluß dem Weiblichen selber unterliegt. Der lehrhafte Vridank, der kategorische Luther, der primitive Hans Sachs, der langweilige Opitz, der spöttische Logau, der sentimentale Fleming, der barocke Gryphiius, der Didaktiker Abraham a Santa Clara, ja sogar der Zyniker Friedrich der Große, liefern Material. Lessings pointenreiche Epigramme, den , wieder zu Ehren gekommenen L. F. G. v. Goeckingk finden wir mit Entzücken wieder. Goethes reiche Erfahrung mit Frauen, seine Lebens- und Liebesweisheit, ist mit einigen Gedichten und Epigrammen gezeichnet, die Gegenpole Heinse und Hölderlin stehen einträchtig nebeneinander. . Von den . Romantikerii;, marschieren Schlegel, Kleist und Chamisso auf. Von Oesterreichern sind Grillparzer und •-^Saphir,' Bauernfeld und Hämmerling vertreten. Heinrich Heine, der zärtlich liebende und der tiefleidende, darf nicht fehlen.; An neueren Dichtern; erscheinen Hebbel, Storni und Heyse, an Humoristen Stettenheim, Wilhelm Busch und Blumental, an Lyrikern Liliencrön, Dehtnel, Holz, Dauthendey und Christian Morgenstern, von den jüngsten Benin, Lichtenstein, Bruno Frank, Ringeln atz und Klabund. In der Reihe dieser lyrischen Seelen nehmen sich die dämonischen Geister Nietzsche und Wedektod wunderlich aus. Der Reichhaltigkeit der Dichter entspricht die Reichhaltigkeit der Formulierungen, Anschauungen und Erkenntnisse. Der * boshafte fr. Qh. Wrisser spöttelt: Ach, meine gute Frau! Krank ist sie sehr; doch leider Empfing die Nachbarin erst jüngst zwei Modekleider. Schick4 ich nun nach dem Arzt, sprecht, odier öftoh dem Schneider? Solchen Spott reguliert die philosophische Resignation des grüblerischen A. F. C. Langbein: Uns bleibt, was man auch spricht und' sinnt, Des Weibes Herz ein Labyrinth. . , Und Börnes v. Münchhausen singt das zärtllchjnnige, rührende Lied von der Frauenbewegung: Frauenbewegung: Der Frauen schönstes Bewegen-, Ist: die Arme um liebe Schultern zu legen, Ist: das Haupt im Kusse zur-ückzübiegen, Ist: ihr Kindlein sachte in Schlaf zu wiegen. Diese wundervolle, wahre, aus der'Hefe des Herzens hervorbrechende Melodie des modernen Balladen- und Minnesängers wird die Frau versöhnen mit den Attacken, die von den Spöttern, Zynikern und Ironikern gegen sie geführt werden, ’dia sie weiß, daß das ewig Weibliche in ihr über alles triumphiert- 0skar Rosenfeld. Jas] Mm 3 verlangen Sie von 1881*11 HEULER (BUKUM) Innl6 SB I- Bsu-ernmarRf UUuil kostenlos! LEBEN IM BÜCH Hermann Cohen Die intellektuelle Welt steht noch unter dem frischen Eindruck der Gedenkfeier für Immanuel Kant; es ist darum sicherlich nicht unzeitgemäß, dem Bewußtsein der Gegenwart jene andere Philosophengestalt immer näher zu bringen, die für die Erneuerung der Kantischen Philosophie im Sinne einer Vertiefung ihrer Methode seinerzeit entscheidend eingegriffen und für Jahrzehnte führend gewirkt hat: Hermann Cohen, dessen Tod wir vor sieben Jahren zu beklagen hatten — der Begründer der sogenannten Marburger Philosophenschule, das anerkannte Haupt dieser einen neukantischen Richtung. Es hatte nur freilich mit der allgemeinen Anerkennung unseres Philosophen innerhalb der zünftigen Professoren* Philosophie sein besonderes Bewenden. Wir »ersehen dies in anerkennenswerter Ausführlichkeit aus einem jüngst erschienenen Buch des Gießener Universitätsprofessors Walter Kinkel; der selber durch die Marburger Schule als Mitglied und Mitarbeiter gegangen: „Hermann Cohen. Eine Einführung in sein Werk.“ (Verlag von Strecker & Schröder, Stuttgart. 1924.) Ein Buch, das man unter den neuesten Publikationen über Cohen als eine; der wertvollsten wird bezeichnen dürfen. Es liegt darin einiger Trost, sich sagen zu können, daß in dieser Zeit, da der deutsche Geist der. Gefahr der Verirrung und Ver- > giftung zu erliegen droht, es auch wieder deutsche Männer sind, die Mut und Bekennermut haben, die Menschen und Dinge so zu sehen und zu werten, wie sie dem ungetrübten Blick erscheinen müssen und gewertet sein wollen. Denn leider steift es so, daß vom reinen Trieb zur Philosophie der nicht immer ganz „reine“ Betrieb derselben gar sehr zu unterscheiden ist. Unser Begriff vom Reich der . „freien Geister“, als welche wir die Philosophen ob ihrer „Voraussetzungslosigkeit“, „Vorurteilsfreiheit“ zu taxieren! pflegen, .wird empfindlich berührt bei einem näheren Einblick in ihre Beziehungen zu einander, die oft von be-; schämend kleinlicher Rivalität Zeugnis geben. Hermann Cohen hatte einen unaufhörlichen Kampf zu bestehen als Philosoph und Jude, um sich als akademischer Lehrer durchzusetzen und seine Philosophie als eine existenz- und gleichberechtigte. . , Man darf sagen — auch der Verfasser dieser trefflichen „Einführung" in das Werk Hermann Cohens betont es —, daß gerade die Qualitäten, die den Philosophen machen, Ursprünglichkeit, Eigentümlichkeit, bei den Fachkollegen zunächst beispiellosem Stumpfsinn begegneten, oder — heftigstem Widerstand: Stumpfsinn bei , Wilhelm Braumttiler & Sohn Abteilung: Antiquariat Wien, >. Bcz.y Bauernmarkt Nr. Sa es J Stäche? L BRAUCHST DU BÜCHER,- GEH ZU LÖWIT WIEN, I. ROTENTURMSTRASSE 22

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