Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1978 (17.8.1924)
- Date
- 1924-08-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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> > A I > >- > <' - > I -- -"> . >- " i rftf y-L V'.‘ Nr. 1S7S Wien, Sonntag Wiener Morgenzeilnns. 17. August 19S4 Seite 7 Eine , Das (von uns vor kurzem wiedergegebene) Schvaipen der Portugiesischen Marannen an das paiästiilensische Obervabbinat, in welchem sie den Wunsch ausfpvachen, wieder in die; irdische Gemeinschaft ausgenommen zu werden und sich in Gvez-Israel ansiedeln zu dürfen, hat «in der gesamten jüdischen Welt Auffchen hevvorgerusen« Es dürfte daher für unsere Leser die Beschreibung von Interesse sein, die im sAewish Chronicle" Ariel Pension in einer^Schilderimg seines Aufenthaltes in Portugabvon dem Leben in einer . ' fast ausschließlich von Marannen bewohnten portugiesischen Kleinstadt entwirft. Wir entnehmen ihr die folgenden Stellen: Eines Tages suchte mich in meinem Lissaboner Hotel ein älterer Herr auf und schlug mir vor, mit ihm . einen Ausflug in sine in der Umgebung von Lissabon gelegene kleine Stadt zu machen. Diese sei von einer Gemeinde bewohnt, die wohl nicht fakttsch und ausgesprochen jüdisch ist, deren Mitglieder jedoch nach jüdischer Art leben. Die Mitteilung des alten Herrn erweckte mein Interesse und ich nahm die Einladung an. In dem bezeichnet«« Städtchen fand ich eine etwa z e h ntausend Köpfe zählende Gemeinschaft vor, in welcher sich die Lebensweise der Marannen aus der Zeit der Inquisition erhalten hat. Bor meinen Augen tauchte das Ende des 15. Jahrhunderts mit Don Manuele auf, der die Königin Jsabella durch Bitten bewog, die Vertreibung der Juden aus Portugal anzuordnen. Damals wurden viele Juden unter der Bedingung in Portugal belassen, daß sie das Christentum annähmen. Tuusende von Juden blieben so in Portugal, wo sie unter dem Namen „Conversos" (Uebergetretene oder auch „Christas novos" (Neuchristen) lebten, und es steht außer Zweifel, daß diese Neuchristen, auch heute noch in Portugal vorhanden find. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war die Beobachtung, daß ldiese Gemeinschaft die j üdisch en Fe stt a g e in traditioneller Weise begeht und von tiefem religiösen Gefühl erfüllt ist. Mer als spürten sie noch immer die Folterwerkzeuge der Inquisition am Halse, umgibt ihr religiöses Leben in starkem Maße der Schleier des Mystizismus. Nichtsdestoweniger weiß jeder im Umkreis der Gemeinde, daß sie von Juden abstammen, und ihre Kinder werden in den Schulen von ihren Schulkameraden wegen ihres Judentums vechahnt wie anderwärts. Sie heiraten im allgemeinen nur untereinander und haben den klassischen sephardischen Typus bis auf den heutigen Tag bewährt.. Sie heiligen den Sabbat, entzünden am Freitagabend Oellämpchen und weihen den Sabbat der Ruhe.und der Andacht. Die Beschneidung ist ihnen unbekannt. Sie wissen, daß der Genuß des Schweinefleisches verboten ist und die Aelteren unter ihnen wurden es auch um nichts in der Welt genießen. Ebenso ent- - halten sie sich des Genusses grätenloser Fische und Heringe. An allen Festtagen essen sie ungesäuertes Brot, das sie das Brot des Festes nennen und mit einem Segenssprrrch anschneiden. Ihre religiösen Gebräuche sind von einem Mystizismus umgeben, dessen Einzelheiten vom Vater auf den Söhn überliefert werden. Dabei sind sie Fremden gegenüber sehr zurückhaltend. Es ist deshalb sehr schwer, in ihr Zeremoniell Jtnfo ihr religiöses Leben Einblick zu gewinnen. Am Freitagabend und am Sabbat versarmnelt sich die Gemeinde abwechselnd in dem Hause eines Gemeindemitgliedes zum Gottesdienste. Ihre Gebets spräche ist das Portugiesische mit hebräischen Worten und Zitaten vermischt. Das Jomk'ip urfest wird von ihnen das Fest der Königin Esther genannt und es ist wahrscheinlich, daß sie es mit dem Fasttag Esthers verwechseln; es ist allerdings zu vermuten, daß in ihren Traditionen sowohl Esther als auch Daniel die Rolle von NativnaHelden spielen. Sie haben den Dag Esther mit dem Feste der Versöhnung zusammengesponnen. Die Gebete, welche sie an diesem Tage verrichten, entsprechen streng den Traditionen dieses Festtages. Soweit ' ich es beurteilen konnte, besitzen sie für diese Gelegenheit kein geschriebenes Rituale. Das Pessachsest nennen sie „Festa Santa" (hMge's Fest). Ihr Sed er zeremoniell ist sehr interessant und abwechslungsreich, wobei jedem Mitglied der feiernden Familie oder der Festgesellschaft eine besondere Rolle zufällt. Interessant ist, daß sie an den ersten zwei Pessächtagen keine Magzot essen und erst am dritten Tage dannt beginnen. Es ist mir nicht gelungen, über den Ursprung dieser . Sitte Aufklärung zu erhalten. Im übrigen essen sie an diesen: Feste vornehmlich bittere Pflanzen. In ihren Gebeten beten sie'"für die Rückkehr nach Zion;, diese Sehnsucht kommt auch in syuagogalen Gebräuchen zum Ausdruck. GesvrSch mit Karmel Mm. Ein amerikanischer Filmstar, kommt nach seiner „Mutterstadt". — Die Vertreterin des Films im „American Jewish Zaarbook". - Im Hietzinger Parkhotel erholt sich die junge amerikanische Filmdarstellerm Carmel Myers von den Strapazen des „Gara g a «"-Films, in dem sie unter der Regie des Autors, des Schriftstellers Ludwig Wolf, die Hauptrolle spielte, und bereitet sich schon auf neuerliche schwere Arbeit vor, die Rolle der Aegypterin in „Ben H u r", den F. N y b l o w in Italien drehen will; Me die eine otttflentiMje Darstellung SffrndowM. Wir haben gestern ein Gespräch mit Ferdinand Ossendowski dem Autor von „Tiere, Menschen und Götter'' nach den „Nouvelles literaires" wiedergegeben, das die Mongolei betraf. Heute zitieren wir aus dem neuen Buch des 'Autors „Schatten des dunklen Ostens" (Wien, 1924, Gurasta-Berlag) seine Schilderung des Endes der Romanows. OssendowÄi ist ein gründlicher Kenner des asiatischen Ostens, ein scharfer und unbarmherziger, monarchistisch eingestellter Gegner des Bolschewismus. Seiner Erzählung kommt deshalb große Authentizität zu, was besonders wichtig ist angesichts der von den russischen Reaktionären und den Hakenkreuzlern * verbreiteten Dichtungen über die „Mischen Mörder" des Zaren. Es waren Finnen. Maaharen und ein Russe. '. Die Red. Die Errettung des Zaren und seiner Familie aus der bolschewikischen Gewalt war die emsige Hosftmn-g und das einzige Ziel der monarchistischen Kreise Rußlands. Mt der grauenhaften Hinmordung des ganzey Herrschergeschlechtes brach gleichsam der letzte Halt des Monarchismus zusammen.' , ' Die Gerüchte über den noch lebenden Zaren Nikolaus, die heute noch nicht verstummen wollen, gehören natürlich m das Reich der Legende. Das Untersuchungsmaterial, das durch Sir George Eliot und eine spezielle UntersuchungskomMission während der Regierung von Koltschak zusammengebracht wurde, meine persönlichen Gespräche in Omsk mit den verhafteten Soldaten, die bei der Exekution der Zarensamilie anwesend waren, wie auch Mein Zusammentreffen in Tientsin mit dem Bruder des nnnnttelbaren Mörders Jurowski lassen über die Vernichtung der ganzen Zarensamilie keine Zweifel auftommen. Ich will mein Gespräch mit Jurowski aN'führeu, 'das absolut ü6erciuftimmt mit dem Gestä n dnis der G/Lsängniswache des Zaren, die von Koltschak in Jekaterinburg in Haft genommen wurde. Jurowski erzählte, daß aus Moskau der Befehl kam, mit den Romanows ein Ende zu machen. Die Ermordung der Zarensamilie sollte aber laut Disposition nicht' als direkter Befehl der Sowjetregierung ailsgeführt werden, sondern als eigenmächtiges Handeln der Jekterinburger Sowjetbchörde hingestellt werden. „Die Organisation lvnrde.meinemKruder 'anverch traut, der sich Gm FreiwistiMbataillon dtzr Internationale begaib, mit der Kunde, daß die örMHe Dscheka da^ Todesurteil über den Zaren und seine Familie verhängt hatte. Heute könnten die Freiwilligen, die sich zum Vollzug des Art eiles melden wollten, ihre Nache für die! - Knechtschaft des Volkes kühlen. Die Freiwilligen aber hörten schweigend seine Worte an und keiner fand sich! unter ihnen, der die Ermordung der Romanows auf sich! nehmen wollte. Als der Moskauer SoiuHet den Zaren irv T ob o lsk zu ermorden befahl, fanden sich.auch keins Nachrichter. Mein Bruder 'begab sich mit einigen Letten 'und Magyaren während der Nacht in das Haus der Jpatjew, iw welchem die Zarenfamilie gefangen gehalten wurde, und benachrichtigte den Zaren, daß er sich augenblicklich miß seiner Gemahlin und seinen Kindern in das für ihn vorbereitete Kellerlokal des Hauses zu begeben habe. Der Zap nahm diesen Befehl gleichgültig entgegen/ feine Famrli« aber ivurde von einem ungeheuren Schreien erfaßt und begann zu bitten, zu schreieil und zu weinen. Mein Bruder hat sie 'beruhigt, idem er vorgab, daß - die Besatzung Jekateriusburg den Tod der Roinanows verlange, der Sowjet > aber, um den Zaren zu schützen, , genötigt wäre,! der leichteren technischen Verteidigung wegen die Zarenfamilie im Keller unterzribringen. Die Zarin und ihre! Töchter haben sich ibald beruhigt und dankten meinem Bruder, chm die Hand drückend. In den-Keller gebracht,! teilte ihnen aber mein Bruder mit, daß sie zum Tode ver^ urteilt feien und gab sofort den Soldaten.den Schutzbefehl. Keiner von der: Soldaten -aber gibt oinerv Schuß ab. Da streckt mein Bruder selbst mit einem Schuß den Zaren nieder und gibt den Anfang zu einer Iviisten Schießerei, die nur die Zarin überlebt. Zu Tode getroffen, erhebt sie sich vom Boden, reißt ein Kissen vom Bette des Wächters und, sich damit schützend, schreit sie fürchterlich aus. Da stößt ihr . - der einzige russische Soldat unter den Finnen uud ' Magyaren sein Bajonett durch das Kissen in die Brrfft und tötet sie.- Am frühen Morgen werden die Körper zerstückelt in derb Wald gebracht, mit Petroleum übergossen und verbräunt." Das hat mir der Bruder des Zaremnörders Jurawskr! Die junge, kaum einündzwänzigjahrige Schauspielerin hat eine Kindersehnsucht, die von ihrer Mutter, einer geborenen Wienerin, eifrig genährt würde, hiehetgeführt. Schön als kleines Mädchen hörteX sie von ihren Eltern viel von dieser Stadt sprechen unb immer nur Gutes. Ihr Großvater verließ als junger R a b b i n e r Wien, um einem Ruf als Seelsorger tlach A u st r a li e n zu folgen. Und sein Sohn, später eftler der bekanntesten Und berühmtesten Prediger und Talmudisten Amerikas, holte seine Frau aus der Heimatstadt seines Vaters; Kein Wunder also, daß die junge Künstlerin, die erste Gelegenheit, die sich ihr bot, benützte, um endlich Wien, das hier wirklich zur Stadt ihrer Träume" wurde, tzu scheu, kennen zu lernen. Sie ist aber keine befangene Kritikerin dieser Stadt. So sehr sie die architektonischen Schönheiten und die wundervolle Umgebung bewundert, ist sie nicht blind gegen die Schattenseiten. Ueber den oft in den hiesigen Zeitungen zu Tage tretenden Antisemitismus zeigte sie anfangs ehrliche Bestürzung und kann sich beim besten Willen nicht diese „Rückständigkeit in einer alten Kulturstadt" — wie sie diese Bewegung nicht unrichtig nennt — erklären. Versichert auch eifrig, daß man weder in Amerika, noch Paris, wo sie einen Großteil der Aufnahmen zu „Garagan" absolvierte, einen derartigen Unterschied zwischen Konfessionen und Nassen macht und ihn so gehäsiig wie in Wien oder in Berlin, zum Ausdruck bringt. Meirlt auch, daß man in Amerika den Menschen hauptsächlich nach seinen Leistungen und nicht nach seiner Religion beurteilt und einschätzt. Mit Worten des höchsten Lobes spricht sie von Ludwig Wolf, den sie als einen außerordentlich tüchtigen und an Einfällen und Ideen reichen Regisseur kennen und schätzen gelernt hat. Sie verspricht sich von diesem Film, der auch für sie in künstlerischer Beziehung eminent viel bedeutete, die allerbesten Erfolge. Durch einen Zufall kam sie schon als fünfzehnjähriges Mädchen zum Film. Griffith, der amerikanische Meisterregisseur war ihr Entdecker. Bei den Vorbereitungen zu den Aufnahmen seines. Films „IntoHeran ce" arbeitete er sehr viel mit ihrem Vater zusammen, der als Beirat für die a l t o r i e n t a l i s ch e n Szenen bei ihm smlgierte, und war auch oft sein Gast. Sah hier das junge Mädchen, das für den Film schwärmte, erkannte ihr Talent, machte einen Versuch mit ihr, der den besten Erfolg zeitigte rmd — Hollywood harte einen fünfzehnjährigen Stär, der in seiner freien Zeit noch mit den Filmkindern in dieser Hauptstadt der Schwarz- Weißkunst mit Ball und Puppen spielte. > , Weiters ist Carmel Myers eine begeisterte Pazifistin und 'bedauert, so wenig Zeit und Gelegenheit zw! haben» sich diesen Bestrebungen widmen zu können. Esist erstaunlich, welches Interesse diese so junge Dame, dis von-ihrem schweren Beruf so eingenommen wird, noch! für andere, ihr eigentlich ganz ferne liegende Gebiete zeigt»! Und es wird sicherlich nicht nilr ihrer Eigenschaft als pro-! minen ten Künstlerin zuzuischreibtzn sein, W sie mit Allen i N a.zü rn ov a, dieser unerschrockenen Verfechterin des Zionismus, als die einzigen Vertreter des Films im' amerikanischen „Iüdischen Jahrbüch" figuriert.! Diese junge Künstlerin hat noch eine große und glänzende Karriere vor sich, deren Anfang schon äußerst vielver-' sprechend ist. _ »ei tmume Sffitraer habe« mich getStet!" Sin geheimnisvolles Verbrechen im Pariser Expretzzug. X Ans Paris wird uns gemeldet: Ein -geheinnlisvolles! Verbrechen hält seit mehreren Tagen die Behörde und die> Oessentlichkeit in Aufregung. In einem Cmrpe 1. Klasse im' Zug Paris-^-Bersaille wurde in der Nacht von Dienstag auf! Mittwoch der Versicherullgsbeamte Armand Du i s o y tot! au.fgefnnden. IN seinem Herzen steckte;am 18 Zenti-j Meter langes Stilett. Als der Mann in der Station! Versailles vom Schaffner airsgesunden wurde, hatte er eben noch« die Kraft zu den Worten: „Zwei braune Männer haben mich! getötet." Darauf verftel er in.Agonie unid starb nach weni-' gen Minuten. Nach den bisherigen Ergebnissen der Untersuchung wurde^ festgeftellt, daß Dutfoy viele Jahre läng in Rußland gelebt'^ hatte und während der Bolschewikenhe^rschast ge-' flohen ivar. Bei der Leiche fand man weder Geld noch Wertgegenstände. Trotzdem ist es nicht sicher, daß sin Raubmord! vorliegt, sondern gewisie Anzeichen deuten daraus hin, daß <vx' Dutfoy ein persönlicher Racheakt vollzogen wurde.' Die Sicherheitsbchörden rechnen auch' mit' der Möglichkeit em-es politischen Verbrechens. Bisher sind, die Anhaltspunkte, zur Aufklärung des Mordes im Eisenbahncoupe äußerst spärliche. Die Polizei' fahndet nach allen Leuten von brauner Hautfarbe Und' mit braunen Haaren, namentlich nach den in .Paris ansässigen Russen, Levantinern, Südslawen nnd Aegypt e r n. Bisher waren die Recherchen ans Grund dieser sehr vagen Personsbeischveibug des erluorideten VersichevuingsbeamteiL vollständig ergebnislo.-. M Am. breit ,5T01T£ im W>tN.Ubt(««ÄSU^