Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1977 (16.8.1924)
- Date
- 1924-08-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SeKe '4 .. " ,v Men, Samstag tötet««. Daraus eilte Marinescu zum nächsten Gendarmerieposlen mck meldete, daß er den vrelgesuchten Banditen Terente getötet habe und Anspruch aus die von den Behörden ausgejeyte Prämie für den toten oder lebendigen Räuber erhebe. ■' Die Gendarmerie leitete sofort Erhebungen ein, welche ergaben, daß der von dem Fischer erschlagene Mann nicht mit Terente identisch war. Der Tote wurde vielmehr als der tm Bezirk Braila wohnhafte Fi'.cher Nicolai Pavel agnosziert. Man nimmt an, daß Pavel sich den Namen des großen Ränberhauptmannes nur zu den: Zwecke beigelegt hatte, um zu einem billigen Abendessen zu kommen und sich einen fürstlichen Empfang in der Fkschechütte zu sichern. Ser Palma-Berchlo. Aus Budapest wird gemeldet: Me Wag" meldet, hat der Untersuchungsrichter gestern auf diplomatischem Wege die holländischen Polizeibehörden ersucht, das bei einer Amsterdamer Bank deponierte Altarbild von Ouero dem ungarischen Staat auszufolgen. Der Eigentümer des Bildes, Dr. K o v a c s, erklärte einem Mitarbeiter des Blattes, daß er in diesem Schritte deS Untersuchungsrichters «ins neue Rechtsverletzung erblicke. -Von einer Auslieferung des Gemäldes durch eine Amsterdamer Bank könne keine Rede sein, ehe nicht eine gerichtliche Entscheidung in der Angelegenheit gefällt sei. Sie völkischen Heldentaten. * Bestrafung der Grabschänder. Aus München wird uns gemeldet: Berechtigte Entrüstung erregte seinerzeit ein Bubenstück, das am 22. Juni aus dem israelitischen Friedhof von Bi n s w a n g e n von Mitgliedern der Augsburger Gruppe des Schlag eter-Bundes begangen wurde. Es waren etwa 20 Grabsteine um gestürzt, weitere sechs dadurch beschädigt Worden, daß auf chnen große Haken kreuze emgekratzt wurden. Von den Tätern konnten jedoch nur vier Mann scstgestellt werden. Drei von ihnen kamen, weil sie 1-1 bis 16 Jahre alt waren, vor das Jugendgericht. Der Rädelsführer, ein Konditorei besitzer Ernst Herr lein, wurde vom Schöffengericht wegen Grabschändung und Sachbeschädigung zu drei Monaten und einer Woche Gefängnis verurteilt. Shaagogeaßmm in Lransstzlvanie». Proteste der nichtjiidischen Bevölkerung. Aus Klausenburg meldet I. T. A.: Angriffe aus Synagogen sind jetzt in Transsylvanien an der Tagesordnung. Zum ersten Male fanden sie in den Transshlvanischen Alpen statt. In vier Städten, R e s i tz a, B o?- s a n, D i c i u und Saint Martin sind in den Synagogen die Fensterscheiben eingeschlagen und die Häuser anZsschener jüdischer Einwohner beschädigt worden. Die nichtjüdischen Einwohner von Resitza haben an den Eladtmagistrat eine Abordnung entsendet, um gegen das Treiben gewisser antisemitischer Hetzer, die die Bergbewohner im einen schlechten Ruf bringen, Protest Zu erheben. Die Abordnung wies darauf hin, daß man ni« vorher von antijüd'schen Exzessen in der Alpengegend gehört habe. Hier hat die Bevölkerung stets in Frieden und Freundschaft mit ihren jüdischen Mitbürgern gelebt. Wenn die Behörden nicht sofort gegen die Hetzer einschreiten, würde die Bevölkerung selbst gegen die Ruhestörer vorgchen. , Auflösnng der amerlkaaisch-jSdischs« Hilfskomitees. Nach neunjähriger Tätigkeit. Ans New-Aork meldet I. T. A.: Nach mehr als neunjähriger Tätigkeit hat das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee feine Bureaus geschlossen. Das Bureau hat viele tausende Familien unterstützt, über 4600 Kinder ernährt und bekie-Let, ferner etwa 1,000.060 Tonnen Nahrungsmittel nach Mitteleuropa gesandt. Das Komitee wurde am 25. Oktober 1914 gegründet; Herr Henry H. Rosen seid hat das Hilsswcrk die ganze Zeit hindurch geleitet. 6 3,137.562 Dollar hat das Komitee m Amerika aufgebracht und durch das Joint Distribution Committee verteÄen lassen. Als in den ersten Kriegstagen die Leiden der Juden Europas bekannt wurden, berief Herr Louis M a r s h a! l die Vertreter von 38 jüdischen Organisationen, mit deren Hilfe das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee gegründet wurde. Der Präsident des Komitees war Louis Mars h a l l, Sekretär Dr. Cytus L. Sulzderger und Schatzmeister Felix M. Marburg. Gilt gustitllt für rellgionrMÄologrfche Forschung in Wien. Vor kurzem wurde in W i e n ein Institut für religionspsychologische Forschung eröffnet. Es steht unter der Leitung des Universitätsprofessors Dr. K. Beth und stellt sich zur Aufgabe, das Wesen der Religion exakt und experimentell zu erforschen. Dem Präsidenten.bc» Instituts stehen zur Seite dev-Psychiater Pros. Dr. E. Stransky sowie der Kriminalist Staatsanwalt Dr. O. N a h r h a f t. Das Institut gibt auch eine Vierteljahrsschrift heraus: „Archiv für religions-psychologische Forschung", dessen Beiträge in deutscher, englischer und französischer Sprache abgefaßt sein können. Das Institut ist der gleichzeitig gegründeten Internationalen religionspsychologischen Gesellschaft in Wien angegliedert. Wiener Mvr^enzeitung. Der neue Roman der „Wiener Horgenzeiftung**. —.I In dem Düster eines Londoner Nebeltages geschieht in einem Auto ein Mord, Die Suche nach den Tätern geht infolge der schlauen An' läge der Tat in die Irre und es ist schließlich die Tochter des Ermordeten, die di« Wahrheit an den Tag bringt. Der Roman „Das Mädchen im Nebel“, dessen Inhalt wir knapp skizzieren, ist mit einem blendenden Raffinement geschrieben. Bei kluger Vermeidung der Fehler der Feld", Wald* und Wiesen-'Kriminalromane führt der Autor in literarisch einwandfreier Darstellung, dabei aber in rasendem Tempo, die Handlung dem Schlüsse entgegen, wobei auch der moderne Aberglaube des Okkultismus die entsprechende Beleuchtung findet. Der Roman «Das Mädchen im Nebel" von Josef Gollomb wird unseren Lesern eine willkommene Bereicherung des Inhaltes unseres Blattes bringen. Der Roman beginnt Sonntag den 17. August zu erscheinen. ■.Will—IM «Wiens? Norg engeitung: bei Aufgabe eines A siehe Abonnementv tarif . Las große Stzwimmfeft. Gestern begann im Dianabad das große dreitägige Schwimm fest unter Teilnahme von Weiß müller, Krüger und den deutschen Schwimmern. Gleich der erste Tag verlief äußerst glanzvoll. Der Andrang des Publikums war so groß, daß der Eintritt wegen Uebersüllung polizeilich gesperrt werden mußte. Zweifellos wird'diese großzügige internationale Veranstaltung den österreichischen Schwimmsport mächtig beleben. Weißmüllers Wiener Debüt gestaltete sich erwartungsgemäß. Er ging spielend über die Bahn, trotz des guten Gegners, des Deutschen Berges. Das Wasserballänderspiel brachte überraschenderwoise einen erfreulichen Sieg Oesterreichs, dessen Mannschaft aufopfernd spielte. Nachstehend die Resultate: 1. Juniore ubru st sch Wim men über 100 Meter (BLderpreis). 1. Dworak 1:26.8, 2. Staudinger, 3. Reiser (Hakoah). 2. ■ 4 0 0 Meter F r e i st i l (EinladungSkampf), Ehrenpreis des Herrn Selmeczy). 1. Weißmüller I. 6:11, 2. Berges (Darmstadt). 3. I u a e n d s ch w i m m e n 100 Meter (Hirschler- Preisi. 1. Nassau (Hakoah) Ir 19, 2. Klein (Hakoah', 3. Münzl (Vienna). 4. H e r r e n h a u p t s ch w i m m e n 100 Meter (Ein-, ladungskampf). 1. Krüger Z. 1:05.6, 2. Dahlen (Breslau), 3. Schrepfer (W. A. (£.). 5. D a m e n s ch w i m m e n 100 Meter. 1. Fuchs St. (W. A. C.) 1:34.6, 2. Seltenhammer (W. A. C.). 6. Juniorenseitenschwimmen 1.00 Meter (Bäderpreis). 1. Schaich (Vienna) 1:23,2, 2. Pabejchttz (W. A. C.), 3. NLininger (I. W. A. S. C.). 7. Jugendrückenschwimmen (Hirschler-PreiS). 1. Nassau (Hakoah) 1:31,4, 2. Lambert (Hakoah). 8. Brustschwimmen 100 Meter (Einladungskampf). ' 1. Rademacher (Hellas) 1:22.4, 2. Reich (l. W. A. S. Cd, 3. Friedberger (I. W. A. S. C.). 9. D a m e n l a g e n st a f f e l 3X100 Meter. 1. W. A. C. (Karsten, Breüegger, Fuchs) 4:56, 2. W. A. S. (H. Bienenfeld, Frantzl, Schelner). L ä n d e r st a f f e l 6X33'/« Meter. 1. Deutschland 1:31,4, 2. Oesterreich 1:59,3. Masse rball-Länderkampf Oe st erreich —D e u t s ch l a n d b 14 (0:2). _16. August 1921__Nr. 1977 Meißener Porzellan. Von Artur Silvergleit. 1. Der Pfad ist ein wenig uneben, und hügelanuni -auf hüpft die goldene Karosse der anmutigen Prinzessir in so beweglichem, tänzerischem Rhythmus, als würde dal Gefährt gleich einer Wiege von unsichtbaren Erdgeistern geschaukelt, die aus tausend Blumenhttgeln hervortaumeln; im launischen Wechselspiel gleiten die gesenkten Täler und geschwungenen Höhen an der Karosse vorbei. Hinter ihren schön geschliffenen, mit Elfenbeinstäben vergitterten Fensterchen träumt das junge Fürstenkind; auf dem Bock des Gefährtes bläst ein blaubebänderter Page als zierlicher Postillion in das Horn, das so gewölbt und geschweift wie das Mondhorn ist und auch so seltsam, so wunderseltsam wie aus Traumland singt. Die Prinzessin lüpft bie duftig zarten Spitzenschleier und schaut durch die kristallklaren Glasfenster ihrer Karosse auf das heiter-schöne Gänse. Mädchen, das der Obhut seiner weißen, schnatternden Schützlinge vergessen zu haben scheint und sich in seiner ganzen Anmut den Augen der Prinzessin hingibt. Das kostbare Gefährt führen zwei schwanenweiße, gelenke Rosse an der staunenden Gänsemaid langsam, wie zur Schau lockend, vorbei; eine schmiegsame Blumeukette um Hals und Brust der Tiere bildet das schlanke Gängelband, an dem Prinzessin und Page dem Gespann den Takt zu Trab und Tanz erläutern. Und wenn die Prinzessin das Ende der reich verzweigten, in die Karosse hineingezogenen sanf. ten Fessel lässig aus den zarten Händen gleiten laßt und der Page am Bock die Mitte der bunten Blumenzügel straffer an sich zieht, hüpft das Gefährt nach den kurzen, fast traumhaft langsamen Trott wieder hurtig von dannen, und das Gänsemädchen am Wegrand blickt der Prinzessin sinnend nach. Der Gesang des Pagenhorns, das Geläut der schimmernden Schellen der Rosse und der Klang ihrer silbernen Hufe, der wohl immer neue Erdkobolde aus den Hügeln hervorlocken will, hängen ihr im Ohr. Abermals schleicht die Gestalt der Prinzessin in ihre Seele; auch das Fürstenkind findet in feinem feingeschnittenen, mondbepuderten Köpfchen Raum für das fast pflanzenhaft — unschuldige Bild des Hirtenmädchens. Beider Sehnsucht begegnet sich in dem Wunsch, die einmal angewiesene Lebensrolle zu tauschen. Prinzeßchen möchte aus seinem zu verzopften Zofenkreis zu den Gänsen ziehen, die zwar auch manches zusammenschnattern, aber bisher noch nie etwas Böses der Gänsegroßmama, noch dem Gänsekönig hinterbrachten. Freilich seien die Gänschen in ihrer Vorliebe, aus Tümpeln und Pfützen zu schlürfen, ein wenig verwildert und unrein, allein sie werde sie schon erziehen und sie durch eine Vorlesung aus einem Goldschnittbändchen belehren. Das Flurenkind aber träumt sich in das Prinzeßchen hinein. Wäre es -nicht schöner, anstatt in Seen in geschliffenen Kristallspiegeln sein Antlitz zu erblicken, statt hinter unruhigen, schalkhaften Gänsen herlaufen zu müssen, sich Herrin über sanft hinträümende Schwäne zu nennen, statt selbst ein Lied zu singen, die sehnsuchtsvolle Seele des Springquells zu ihrem Preise jubilieren zu lassen! Und wie reizvoll müßte es sein, statt immer unter dem Himmelsbaldachin mit der lang hinbaumelnden Sonnenquaste einmal unter gewölbtem Purpurdache zu schlafen, statt längs getüpfelter' Blumenfelder einmal auf bunten Teppichen zu wandeln und. Lautenspieler statt grüner Waldwipfel als Harfner deS einstigen Gänsehüterruhmes zu wählen! In solchen Gedanken lächelt ' das Flurenkind vor sich hin, ' daß sich ein neckisches Grübchen heimlich in die Kinderwange gräbt; auch die Prinzessin lächelt aus verdämmernder Ferne. Beide, Königssproh und Hirtenkind, ziehen in ein Wunschland hinein, das Fürstenkind in goldener Karosse, die Flurenfreundin folgt den ausgeprägten Kiespfaden des Gefährtes. Und nur zuweilen irrt sie vom Wegrand ab, weiße Blumen zu pflücken, Gänseblümchen, auf daß sie die Prinzessin schmücke, wenn sie ihr naht. , 2. Der Wagen der Prinzessin wandert leise in die düsteatmende Mondnacht hinein . . . Der Postillon berührt mit seinen Lippen nicht das geschwungene Horn; denn seine Sehnsucht singt süßer in ihm. Auch die vorlauten Schellen der Rosse klingen nicht mehr; es ist, als hätten sie unter der Hülle der feinen Schatten jeden Ton verloren; sie behorchen schweigend mit silbernen, offenen Ohren die rätselhaften Stimmen der Nacht, das Reden und Nieseln des Taus, das heimliche Glucksen und Lachen der Erdquellen und den zitternden Hauch der Wälder. Die Prinzessin öffnet den Verschlag ihrer goldenen Karosse, schaut um sich und erblickt in einiger Entfernung die Dorfmaid. Ihr weißes Gewand rückt wie eine Wolke näher. Jetzt begegnen sich Gänsemagd und Prinzessin. „Ich möchte hinter deinen Wagen hcrlanfen!" „Du kannst in Weiner Karosse sitzen, schönes Dorfprinzeßchen." „Ich bin nur ein Gänsemädchen, ich möchte einmal eine Prinzessin sein!" „Das bist du schon!" „Ich trage keine Krone!" „Du trägst Feldkränze statt Kronen." , „Aber die Blumen welken." . „Die Kronen werden schwer wie Kreuze." „Das verstehe ich nicht!" „So steige doch in meinen Wagen ein." „Ich habe Angst!" „Bist du noch nie in einem Wagen gestJ.' , „Aus dem Ernteivagen." „So fasse dir ein Herz, hüpfe hinein."