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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-16 · Heft 1977 (16.8.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1977 (16.8.1924)
Date
1924-08-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Cetk t_Me«. Samstag wetden, „den Kampf der urwMncrigen fozialistlschen Partei Deutschlands gegen die antisemitische Reaktion zu finanzieren". Lächerlich im politischen Sinn, aber nicht im finanziellen Sinn, Werl es sich ja hier wieder nur um den Versuch handeln kann, sich den Jndenschutz bezahlen zu lassen. Wenn jemand den Antisemitismus »Ä die antisemitische Reaktion als Schande erkennt, so hat er sie aus freien Stücken zu bekämpfen, und er kompromittiert nur sich, wenn er dafiir Bezahlung fordert. Ebenso lächerlich ist es aber, wenn der „Verband nativnaDeutfcher Juden", das Nest der dümmsten Assimilation, dem Rundschreiben mit der Erklärung entgegentritt, daß man Fragen der deutsc^n Politik nicht unter jüdischem Gesichtswinkel betrachten darf. Das ist die polttische Psychologie der Feigheit SScitit das Judentum als solches angefallen ist, so hat Es sich als solches zu wehren und nicht Unterschlupf zu suchen. Die Judenfrage kann nm vom jüdischen Volk gelöst werden; wer uns Helsen will, hat sicherlich Anspruch auf unseren Dank, aber er hat dies aus seinem eigenen Antrieb heraus zu tun, weil der Antisemitismus wie jeder organisierte Haß gegen irgend ein Volkstum oder irgend eine Gemeinschaft immer nur Gesinnung der Kanaille bleibt. Wir .nehmen Wohlwollen an, aber wir erbetteln es nicht. Wir sind keine Kammerknechte mehr und zahlen den güldenen Opferpfennig nur für unsere Befreiung üus der Verbannung, nicht über für Judenjchutz. ' Lar neue AeMtrn. ( Die nationalistischen Nilschleusen. Im „Prager DaMatt" schreibt Rudolf Keller: Aegypten, in dem der gestern noch verMgte Hochverräter Saad Pascha Zag?ul Premierminister und Führer der englandseindlichen Unabhängigkeitspartei ist, hat kurz nach dem Kriege seine Souveränität von Großbritannien geschenkt erhalten und -spielt mm mit seiner jungen Selbständigkeit wie ein Kind. Wie in so vielen anderen jungen Staaten, ist in Aegypten eine Hochk-onjunkturder Lackierer auZgebrochen. Alle englischen Aufschriften werden überpinselt und in den Farben des neuen Staates ägyptische Aufschriften an ihre Stelle gesetzt. Ein Heer von eingeborenen Beamten hat sich auf das Land gestuft, erhält sehr kleine Ge halte und frißt trotzdem das reiche Land kahl. Die eifersüchtige Natioüalrsienpresse wacht darüber, daß kein Engländer mehr it«t angestellt wird. Ein Hauptoroan der Eingeborenen chaißt >,M i s t" — dies ist der ägyptische Na m e für da s 'PÄästinensirsche Mzraim und vertritt dir Parole: Mift nur den Mffrim. Der ,,Misr" erlaubt nicht, daß N ich ta g y p 1 e't Boamtenstellen erhalten. Mer die Erfolge der -ägyptischen.^Nationalisten für die Allgemeinheit sind keine besseren als die -der» deutschen vder der tschechischen Naiiawaltsten. .Kairo wich unter ihrer Herrschaft rasch zu ei wer Versal lenden Stadt, eineKorruption hat den Staat ergriffen, von der man sich kaum eine Vorstellung machen kann. So sind in Aegypten die unentbehrlichen N i lüberschwemmungen ausgeblieben, seit die Nationalisten die Schleusenwächtevstellen unter ihre Parteigenossen aufteilen. Diese Schleusen beamten, die über Sein und Mchtsein der wertvollen Baumwollpftantzen entscheiden, haben Gehakte von wenigen hundert Pfund und können sehr schwer der Versuchung widerstehen, in zwei Jahren 20.000 Pfund zu machen. I»'einem Blatt erzählt ein eingeborener Baumwoll-- pflanzer, der unter der britischen Verwaltung niemals eine Schwierigkeit hatte, daß innerhalb eines Monates nach der Neibergabe an den eingeborenen Ingenieur das Wasser zu fließen aufhörte, noch dazu p. Beginn der Baumwollsaffon. REamationen erwiesen sich als gang erfolglos. Schließlich sandte er ein Trinkgeld und ein Paar Stiefel an den Nachtwächter des Schleusentores. Am nächsten Morgen war er überflutet. Zwei Dörfer, die an demselben Kanal lagen organisierten eine öffentliche Subskription, bei der der ägyptische Ingenieur 120 Pfund erhielt. Er erklärte gang offen, von seinem Gehalt könne er nicht leiben. Kämpfe in Lrangjordanken. . Jerusalem, 14. August. Starke Banden W aha bis, die in der Nähe von Amman erschienen, find von den dort stationierten Streitkräften zurückgeschlagen worden. Britische Kavallerieverstärkungen sind nach Transjordanien abgegangen. Eoolidges Wahlplattform. Eine neue Abrüstungskonferenz. Washington, 14. August. Coolidge hat seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten angenommen. Er faßte in einer aus diesen: Anlaß gehaltenen Ansprache seine auswärtige Politik in dem Worte Frieden" zusammen und fügte hinzu, daß er, wenn der D a w e s- Plau in Kraft getreten sei, eine neue internationale Konferenz zur Erörterung einer weiteren Beschränkung der Rüstungen Vorschlägen werde. Ferner billigt er lden Beitritt der Veroimgten Staaten zum ständigen Jnternattonälen Gerichtshof und die Mitwirkung amerikanischer Bürger am Wiederaufbau Europas. Sobald der Dawes-Plan -angenommen sei, würden amerikanische Bürger die deutsche Anleihe zeichnen. Die interessierten Regierungen müßten die not'wendiigen JngeM-hu-sse machen, um die Anlei^ zu verbürgen. _Wiener Morftenzeitung._ Dir amerikanischen Süden und die bevor'- Menden Wahlen. Aus New-Pork wird uns geschrieben: Die zum Wahlkampf um die Präsidentschaft rüstenden Parteien beginnen bereits ihre Fühler nach den. jüdischen! WAHlermassen auszustrecken. Wie bekannt, ist bis zu de« -letzten Wahlen die jüdische Presse zumeist für die Kandidaturen der demokratischen Partei eingctreten. Gegenwärtig sind die Sympathien der Juden den Demokraten nicht nveihr in dem Maße geltend, wenn auch die letzte Resolution des Demokratenkongresses gegen die Ku-Kkux-Klan-Bewegung vor allen: die Gewinnung der jüdischen Wählermassen bezweckt. Die sogenannter: Jahudim, die zu den jüdischen Wählermassen, die sich zumeist aus den Emigranten der letzten Jahre rekrutieren, ungerne in nähere Verbindung treten, gehören nach wie vor zu den Anhängern der r e p u b l i ka n is ch en Partei, weil sie einen viel reineren amerikanischen Charakter alb die Demokraten hat. Durch das Auftreten einer dritten Partei, der sogenannten Progressiven, wird auch dieser, Partei ein wesentlicher Teil der jüdische:: Stimmen zufallen. Abgesehen von der jüdischen Arbeiterschaft, die sich bereits für diese Partei ausgesprochen hat, werden auch jüdische Bülgerliche ihre Stimmen den Pregressivisten geben, da man von ihnen eine Linderung der Einwanderungsbeislchränkungen erwartet. Nach Ansicht guter Kenner amerikanischer Verhältnisse dürsten auch-die Progressiven die jüdischen Interessen nicht besonders stark vertreten. Die von mancher jüdischer Seite gehegte Hoffnung, daß sie für eine Vergrößerung der Einwanderung eintreten werden, scheint falsch zu sein,'weil auch diese Partei nicht den Mut haben wird, radikal für die Milderung der Emigrationsbeschränkungen einznirettn. Eine Wirtschastrkonferenz der TrüMonsst"aten. (Cigendienst der „Wiener Morgenzcitung".) Belgrad, 15. August. Der Außenminister Dr. M ar i n l o b t c konferierte gestern vormittags mit -dem tschechoslowakischen Geschäftsträger in Belgrad über die Einladung der italienischen Regierung, eine Konferenz der Nachfolgestaaten in Rom abzuhalten. Diese Konferenz soll die ungereinigten Wirtschastsfragen zwischen den Nachfolgestaaten regeln. Die jugoslawische Negierung vertritt den Standpunkt, daß Rom als Konferenzort ungeeignet sei, da sich alle ans die Verhandlungen bezüglichen Archive größtenteils in Wien befänden. Die italienische Reaienmg stellte darauf den-Antrag, in Wien eine Vorkouferenz abznhal-ten, die dann in Rom fortgesetzt werden könnte. Dtts* "bezüglich wurde noch ätt Einvernehmen erzielt. II. 8. B. Z. und nnttonaldeuttche Fuüen. Berlin, 15. August. (I. T. A.) Der Verband nationaldeutscher 'Juden (das ist die Organisation der antifeuMschen Juden) wendet sich in einer Erklärung gegen ein auf Briefbogen einer Berliner Aktiengesellschaft an jüdische Kauftente versendetes Rundschreiben, in dem dazu auf-gefordert wird, „den Kampf der'U. S. P. D. gegen die antisemitische Reaktion mit zu finanzieren". Ter Versender des Rundschreibens führt aus, daß er selbst „gewiß kein Sozialist fei" und „Kausleute an sich keinen Grund hätten, eine Arbeiterpartei zu unterstützen", daß er aber trotzdem die Unterstützung der IX. S. P. D. empfehle, weil „die jüdischen Verbände" bei der Bekämpfung des Antisemitismus versagt hätten und, wie es in einer Anlage des Rundschreibens heißt, ,)der Kampf gegen die judenfeindliche Bewegung wirksam nur von einer politischen Partei geführt werden könne, welche jüdische Interessen als solche nicht vertritt." Der Verband Mtionäldeuffchcr Inden verwahrt sich in seiner Erklärung auf das entschiedenste gegen -den Versuch „Parteipoliiik mit der Judenfrage zu verquicken". Die Erklärung schließt: . . . ,Mer also Fragen der deutschen Politik gegen seine Ueberzeugung au s s chli eß, lich unter jüdischem Gesichtswinkel betrachtet, handelt genau ebenso gewissenlos wie die Rechtsradikalen, die von den: entgegengesetzten Standpunkte aus. die Judenfrage als Partei politisches Kampfmittel benützen." ' , i Sie Bandenbewegnns an der polnifchruffifchen Grenze. (Eigenterrft der „Wiener Morgenzeitung".) Warschan, 16. August. Im Zusammenhang mit den ilietzten Ueberfällen an der polnisch-ruWschen Grenze hat der Ministerrat nach vckrhergegaugenen Verhandlungen Zwischen dem Kriegs- und Innenministerium.einen Plan über die Militarisierung der Polizei ausgear'beitet, für deren Durchführung ein spezielles Budget verlangt werden wird. Die endgültige Beschlußfassmig wird erst nach. Rückkehr des Ministerpräsidenten Grabski von seinem Erholungsurlaub erfolgen. 1 j Die MnorWermesetze in Polen. Paris, 15. Zlugust. Der hier seit einigen Tagen weilende polnische Abgeordnete T h u g n t t, der bis vor kurzem bei der polnischen Linken eine führende Rolle spielte, äußerte sich in einem Interview mit einem Vertreter des „Tenrps" über die Minderheitsfra-gen in Polen. Er eMärte, daß er der .Autor der letzthin im polni'chen Sejm beschlossenen Sprachengesitze sei. Die Sprachengesetze bilden Stritt jllx LHing des r-, »Maffiwtel _«. Baguft *884;; : ' Bt. 1OT? h«MnM«nS. Die pölxffche Demokmtie hat!m ihr Pr»Z gramm nicht nur die Forderung nach vollständiger Aitto-! uom've OstgalitzienS, sondern auch Woljhyniens und WilnaS aufgenommon. Im Gegensatz zu den Natio-naldemokraten, / die gegen jedwä^ territoriale Autonomie aus,- treten, sicht er vm in dieser Lüsnngsart die einzige Mög-j lichkeit, sämtliche nationalen Minderheiten in ein harmoni-! scheö ZnsammMeben Mit den Polen zu bringen. Die letzt- - hin hchchlvssenLN Spvachengchche wurden nur auf die si«a-> wischen Minderheiten beschränkt, weil es Noch schwer fei, dis deutsche und jüdische Sprachenfrage zu. lösen. Die Erledigung dieses Problems wurde daher vom Sejm vertagt. Man müsse auch bedenken, daß der Sejm dir Regelung der Spvachgesetze!M Verlaufe von einigen Wochen durchgeführt hat, wofür die alte ö st e r r e i ch lsche Monarchie mehr als 50 Jahre bvr nötigte. RationaldemokratisÄe KMeSunZen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 14, August. Vor einiger Zeit veröffentlichte.i der bÄannte russische R-outLmschrfftsteller A r e y b a s ch e w -in der hier erscheinenden russischen Zeitung „Za Swowodu" eine Artikslftrie, in der er die vusiiischön Inden für den Bolschewismus verantwortlich machte. Die unverhältnismäßig große Anzahl der Inder: in den Sowjeiämtern löst — nach Avcybafchöw — innerhalb der russischen Gesell-, schaff antisemitiische.Stimmungen aus., Areybaschew verlangt, daß die Juden, die nach dem Fall des Bolschewisnms unter diesen üntiiseMitischen Stimmungen unsägliches. Leid werden erdulden müssen, durch Schaffuing einer Kampforganffation gegen den BolschewiSnttrs «in Gegen-.! Mwicht schaffen, Diesen Artikel benützt nun die „Gazettcr! Wavsßaiwska", das führende Organ der NatioM-ldemokraten M einer Hetzkampagne gegen die Juden. Auf Grund falfchrv - und geradezu rendeuzios zusaminengestellter Zahlen versucht die „Gq-eta Wavsßawska^ nachtzuweisen, daß die! Juden in sämtlichen' Sowjetbehörden eine führende) Stellung tn-nehaben. Die Juden hätten' auch sonst div^ Bblschewikirevolution zu ihren Gunsten ausgenützt. Die- „Gatzeta Warlstzawska" verschweigt äber die Tatsache, daß die Zahl der jüdischen Dowjetbeamtenschast und in der kommunistischen Partei nicht mehr als 7,20 Prozent,} wogegen die der Polen allein 10,80 Prozent ausmacht. An 1 der Hand der von der „Gazeta Wanfzawska" mitgete'llten. entstellten stattsttschen Zahlen soll MN die polnische! OeffLnMchkeit auf dve Gefahr des jüdffchHN Glements hinge-! wiesen werden-. Die von den Nationaldemokraten seit Jahr; und Tag verbraiteken Mchöichten über jüdische Bo^schewiÄ \ beweisen Nr, welche Ziele dir "Mtt j dieser Juderchetz: vevfoW. / 6in Rozwoi-FnnkttonSk - Letter eines ' kommunistischen Pnreans, Wgendiens^ der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 15. August. In der Wohnung des Direktors^ der Bank der Zuckersabrikanten Anton Mucharskks wurde ein komnumrstisches Bureau ausgehoben. Als dia! Polizei in die Wohnung eindrang, wuichen eben auf.! Gchwibmaschinen Aufrufe geschrieben, die die polnischst Arbeiterschaft zum Generalftteik aufforderten. Eine größer«^ Anzahl von Personen wurde verhaftet. Das Sensationelle ] daran ist, daß der Direktor MucharM'seit Jahren in dev^ antisemttischen Rozwojvrgattisation das Amtj eines Kassiers ausübt und eine führende Rolle spielt. Binnenwanderung rnsfischer Fudcn. Mgendisnst der „Wiener Morgenzeittmg".) Riga, 15. August. Nach hier eingelaugten Jnfornwtionen ist in letzter Zeit innerhalb der russischen und' ukrainffchen JMnschaft eim eigenartige Binneuwande-4 rungsbewegung zu bemerken. Infolge der täglich wachsen-/ den antifemittschen Sttömung schicken einzelne jüdisch^.) Gemeinden Personen aus, um ruhigere Ortschaften aus>>! fiMg zu machen? In letzter Zeit haben über 100 Juden. - gemeinden solche Organe, die im Bolksurunde „Chodales^ genannt werden, zur Erforschung neuer SiedlungsgMeü in Rußland auslgeschickt. khrMchnaüonale Wichldorberettnngen in Budapest. (Eigendrenft der „Wiener Movgenzeit-nng".) Budapest, 15. August. Der Wahlausschuß der gegem wärdig im Rathcms herrschenden christlichen Ko in-' munalpartei hat -für die kommenden Repräftnwntcu-.! wählen die Wähil-erlisteN revidiert. Er hat nicht weniger als 65.000 WWer, zumeist natürlich jüdische, gestrichen. Die Zndier und die Lmar-Moschee. Eine auf der Durchveife durch Jerusalen: befindliche' De-legation indischer Moham-medaner, bestehend aus Rushalli Hafez, Jakob Sti und Mohan'med V a: a l, befnchten dieser Tage das H a u p t r a b b i u a t. Die Delegierten unterhielten sich zwei Stunden mit den Rabbinatsmi'Wedern. Aus dem GosPräch ergab sich, das; die Indier über die Gerüchte, daß die zianistischen Juden Palästinas sich der Omar-Moschee zn bemächtigen gedeilken, in große Besorgnis versetzt tvovden «sind. Die Rabbiner erwiderten, die palästinensischen Juden 'hegen keineswegs die Absicht, die Moschee von On^ar für sich in Anspruch zu nehmen. Die Mitglieder der Tell'g.tt'..'u ->:.m

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