Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1977 (16.8.1924)
- Date
- 1924-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 15. A-ugusi. DaS Rätf-ek ist noch« nicht gelöst, die Spannung Mt an, die Hoffnung dauert fort: Die Antwort aus Berlin ist zwar schon seit Stunde^ in London, doch ist Mer sie ein derartiger geheimnisvoller Schleier gebreitet, daß selbst die ülformiertesten Berichterstatter diesmal Vergehens in Downing Street warten und warten. Die deutsche Antwort ist um halb 12 Uhr vormittags in London eingetvyffen und hat drei Stunden zu ihrer Dechiffrierung benötigt. Außerdem hatte Dr. Marx eine dreiviertelstundige telephonische Unterredung mit dem Reichspräsidenten Ebert, die sich mit der allgemeinen ii-n ne r politischen ^Lage Dentfchsl a n d s 'befaßte. Man schließt aus diesen beiden Tatsachen, daß die Mtteilungen aus Berlin 'keine endgültige Antwort, sondern lediglich Anregungen und Gegenvorschläge zum -französischen StandpuM beinhalten und dom Reichskanzler und seinen Mitarbeitern die endgültige Entschließung überlassen bleibt. Um 3 Uhr nachmittags war die deutsche Delegation so weit, daß sie die einzelnen Delegationssührer von der Ankunft der Antwort aus Berlin verständigen konnte. Dann trat die gesamte deutsche Delegation zu einer Beratung Marx mit Stresemann zu Mae.Donald,- .... mit dem sie über e i n e S t u n"d e lang konferierten. Die deutschen Minister unterrichteten Mac Donald von dom Inhalte der aus Berlin emgetroffMen Telegramme und dem Ergebnis ihrer Beratungen. Die Amerikaner Keilog und Logan, die inzwischen herbeigerufen worden waren, nahmen an der Besprechung teil. Nach Schluß derselben traten die. Deutschen neuerlich zu einer Beratung in ihrem Absteigquartier zusammen. Dann begaben sie sich an den Sitz der französischen Delegation zur * - Besprechung mit herriot, die Zwei Stunden dauerte. Beim Verlassen des Hotels der französischen Delegation erklärten die deutschen Minister den sie bestürmenden Journalisten ganz kurz: „Es ist fertig." Der Presse wurde folgendes, Commnnique übergeben: „Die Unterredung, die von 20 bis 22 Uhr zwischen Herriot, General Rollet, Elemente! und Pehtral einerseits und Marx und Stresemann andererseits stattgefunden hat, laßt ein günstiges Resultat erhoffen. Die deutschen Bevollmächtigten werden nach dem Abendessen die belgischen Minister aussuchen." Nach den -weiteren Aeußerungen aus deutschen Kreisen sollen die deutschen Minlister unter gewissen Bedingungen die von Herriot ausgestellte Frist annehmen, jedoch folgenden Modus -Vorschlägen: Das Schluß- Protokoll der Konferenz würde von dem Versprechen der französischen und der 'belgischen Regierung, die Truppen aus dem Richvgebiet binnen einem Jahve zurückzuzie-hen, Akt nehmen, und die deutschen- Delegierten würden hiebei einen ' formellen Bordehalt hez.üglich der '<$€fe tzl-iWeit derMeste^-r^n,-g'- machen. Auf diesem Wege erwartet man ein ' ■'■■■'V: Positives Ergebnis^ das sich morgen vormittags einstellen könnte. 12 Uhr nachts: Der tote Punkt ist überwunden. Man rechnet bereits mit Bestimintheit aus ein günstiges Ergebnis der morgen vormittags stattfindenden deutschfrcmzösisch-belgischen Versammlung, der sofort eine allgemeine Delegiertenkonferenz folgen wird. Mac Donald fährt nachmittags nach Schottland. - «ge». Sir Alfred Mond gewählt. London, 16. August. Bei der heute in C a e r m a r t h e n oorgenommenen Ersatzwahl ins Unterhaus wurde der ftühere Minister Sir Alfred Mond gegen den sozialistischen und den konservativen Kandidaten gewählt. Mond echielt 12.7 0 0, der Sozialist 8350 und der Konservative 7900 Stimmen. Endgültige Verschiebung der Baltische« Konferenz. (Eigendienst der ,Miener Morgenzeitung") Riga, 15. August. Es steht nun endgültig fest, daß die Konferenz der vier baltischen Staaten in Helsingfors am 22. August nicht stattfinden kann, da derpolm'-sche Außenm-inlister Skrzynski als Delegierter Polens beim Völkerbund anwesend sein muß. Deshalb regte die Regierung Finnlands bei der. lettläMschen Regierung an, die Konferenz zu vertagen. Lettland hat hierzu seine Z ustimmung gcge'ben. Die Helsingfovser Konferenz wird nun erst etwa Mitte Oktober einberufen werden. Falles duldet keinen Terror, Das Berliner Kommunistenblatt verboten. § Berlin, 15. August. Wie die Blätter mitteilen, hat der Reichsminister des Innern Jarres die „Rote Fahne" wegen Anstrebung einer gesetzwidrig -ein A e n d erung der verfassungsmäßigen Staatsform und Äüffordevung zu Gewalttätigkeiten gegen politisch.Andersdenkende auf die Dauer von drei Wochen verboten. RMritt Pershings. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitung".) Washington, 13. August. Der Chef des ameril. ., hm Genevalstabes, General Pershing, erreicht am 15. Sepjtemlber die Altersgrenze und tritt in -den Ruhestand.!General Hin es, der Pevshins stellvertretender Generaladjutant yn Weltkriege war, ist zu seinem Nachfolger bestimmt. Aufstand in Afghanistan. Moskau, 15. August. Die Russische Telegraphenagentur meldet aus Taschkent, in A f g h a n i st a n sei plötzlich ein neuer großer Aufstand gegen den Emir und seine Reformpolitik aus-gebrochen. Die Aufständischen hätten einen neuen Thronprätendenten in der Person Abdul Kerims aufgestellt, der sein ganzes Leben in Indien verbracht hat. Die Verbindung zwischen Kabul und de« Regierungstruppen ist unterbrochen. Unter den Ausländern herrscht eine Panik. Demission Wiedseldts. ' Washington, 14. August. Der deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten, Dr. Wiedfeldt, hat demissioniert. Er wird am 15. Septem'ber nach Deutschland zurückkehren. ' Der Böikerbund. Annäherung Rußlands? > Genf, 15/ August. (Tel. der „Wr. Movgenzeitung".) In etwa z>we'i Wochen tritt, wie schon berichtet, die fünfte Völkerbundverfantmlnng zusammen, bie diesmal durch das versprochene Erscheinen Mac Donalds und H erriet ts einen besonders bedeutungsvollen Charakter erhalten soll Das allgemeine Interesse wendet sich jetzt in 'der Oeffeittlichkeit besonders denjenigen Staaten zu, die bisher besonders dem Völkerbunde fern geblieben sind. Vor allem ist es die Haltung Rußlands zum Völkerbunde, die in Genf und auch in der schweizerischen Presse nenerpings erörtert wird. Während Rußland auf der einen Seite den Völkerbund nach wie vor bekämpft, zeigt es auf der anderen Seite ein zunehmendes Interesse für ihn. Es sind deshalb in letzter Zeit auf englische Initiative hin verschiedene indirekte Fühler zwischen Moskau und dem Generalsekretariat des Völkerbundes ausgestreckt Wörden, nach der einen Version durch Frithjof Nansen, nach der anderen durch Vermittlung des früheren amerikanischen Botschafters in Konstantinopel M o.r g e nt h a u. Man hält es nicht für ausgeschlossen, >daß Moskau trotz häufiger gegenteiliger Erklärungen nach amerikanischem Muster d.ch einen Beobachter nach Genf entsenden wird.- Die Zudenstage als Geschäft. — 7- W i e n, 16. August. Von der Judenfrage lebt die antisemitische Reaktion. Die Tatsache, daß infolge der erzwungenen Judenwanderung inmitten der europäischen Völker mehr minder große Gemeinschaften Mischer Art zurückgeblieben sind, gibt ganzen Parteien ihr tägliches Brot, trägt ihnen geistigen Stoff für Propaganda und Stimmenfang zu. Das ist am stärksten in Mitteleuropa zu beobachten. Hier ist die Judenfeindschäft Teil eines politischen Systems, das pathologischeZüge trägt. Aber diese Reaktion setzt sich über den Scheitelpunkt hinaus nach der entgegengesetzten Seite fort. Es gibt auch Leute und Strömungen, die politisch davon leben wollen, daß sie sich die Vertretung jüdischer Interessen in ihrem Sinne arrängieren und dafür Dank und Lohn heischen. Sie rechnen auf die politische Naivität der jüdischen Massen, auf ihre Erkenntlichkeit und Treue, ohne ihnen aber mehr geben zu können als leere Versprechungen. Seit der Emanzipation ist es zur Genüge klar geworden, daß die Juden das Opfer einer politischen Doktrin wurden, die sich im Laufe der Zeit in ein Geschäft verwandelt hat, das unter verschiedenen Masken betrieben wird."- - Der sogenannte Philosernitismus ist nichts Positives; er läuft parallel mit der Assimilation und will so wie diese das Judentum höchstens nur als Religionsgenossenschaft gelten lassen, die innerhalb dieses engen Rahmens, aber nur hier das Recht der SMstbeftrm, muyg genießen soll. Dem Antisemitismus handelt es sich aber .gar nicht um diese Angelegenheit. Er will das Judentum. 'des^pojWEn..RbEes..^rmrbech^ die GleichwerkiMit mit'' den ’ änderen BevAkerusigs^/ teilen ab und. will. es.durch.HEM deziMieren 'M» durch Ausschließung aus dem Biloungswefän geisttg Äbschnüren. Es gibt auch antisemitische Strömungen, die die gewaltsame Lösung der Frage Perhorreszieren und. mit den anderen nur darin ühereinsttmmen, daß der Einfluß des Judentums auf politkschem, sozialem und, wirtschaftlichem Gebiet, den man aus tausend und aber tausend Fälschungen konstatieren zu können vorgibt, gebrochen werden müsse. Da dieser Kampf, wie gesagt/ durch Fälschungen fundiert ist, läßt sich eine Gegenaktion schwerlich fiihren.' Es ist müßiges Beginnen, allen Lügen entgegenzutreten. Äejenigen, die sie verbreiten, wissen ja, daß es Lügen sind und werden durch Widerlegung nicht bekehrt. Es ist nur der aktive politische Kampf gegen den organisierten AntisemittsmüS als einen integrierenden Bestandteil der großen Ber- . dummungskampagne möglich. Das Judentum mutz seine Lebensinteresien erkennen, sie formulieren und vertreten. Es muß dies . selbst tun und jeden Judenschutz, unter welchem Decknamen immer er auftritt, ohne jede Einschränkung und Vorbehalt ablchnen. Wir Haben nach dieser Seite hin ' sehr bittere Erfahrungen gesammelt, und die jüdische Geschichte der letzten Jahre bringt auf jeder -Seite Beweise dafür, daß die Fragen des Judentums, seine Politische und bürgerliche Stellung letzten Endes doch nur Kompromißobjekte zwischen den Parteien sind. ' Es ist auch nicht zu verkennen, daß politische Organisattonen, die sich dem Judentum irgendwie zu nähern scheinen, in ihren eigenen Reihen Anstoß erregen. In der Entwicklung der Sozialdemokratie, insbesondere der öster- .. reichischen, ist dies deutlich zu erkennen. Das antisemittsche Empfinden ist. in der nichtjüdischen Gefühlswelt tief eingebürgert. Es gehört zu ihr, wie der Floh zam Hund; es ist nur einzuschränken, aber nie zu beseitigen und es wird sich erst in erträgliche Bahnen dämmen lassen, wenn das Judentum. über ein politisches Zentrumwerft'lgen wird, wie dies das Ziel der zionistischen Bestrebungen ist. Die Realisierung dieser Forderung ist heute in die Hand der Juden gegeben, sie haben sich ihre Heimstätte aus ihrer eigenen Kraft ztr schaffen, aber sie haben ihre Rechte als freie Bürger innerhalb der Völker und Staa- - ten selbst i und mit aller Energie zu vertreten. Die Freiheit ist ein Zustand, den man nicht von einem in der - Zukunft-liegenden Termin abhängig machen darf. Sie gehört zum Leben, sie ist mit dem Menschen zusammen .geboren und muß, wenn sie negiert wird, erkämpft werden, wo immer man lebt. Dieser Kampf kann nur von den Inden selbst geführt weMn und es ist deshalb höchst lächerlich, wenn jetzt in Deutschland Zirkulare .herumgehen, in welchen die Mischen Leser aufgefordert